8. Sinfonie (Mahler)
Probe zur Uraufführung in der Neuen Musik-Festhalle München

Die 8. Sinfonie Es-Dur ist eine Sinfonie für Sopran-, Alt-, Tenor-, Bariton- und Basssolisten, zwei große gemischte Chöre, Knabenchor und großes Orchester von Gustav Mahler. Sie wurde im Sommer des Jahres 1906 komponiert und im ersten Halbjahr 1907 vollständig orchestriert und fertiggestellt. Mahler versah das Werk bei der Veröffentlichung 1910 mit einer Widmung an seine Frau Alma Mahler. Die Sinfonie ist auch unter dem nicht von Mahler stammenden Beinamen Sinfonie der Tausend bekannt. Mahler verwahrte sich gegen den Beinamen und die Vermarktung als – wie er schrieb – „mir fatale Münchner Barnum und Bailey-Aufführung“ [1] (in Anspielung auf das bekannte amerikanische Zirkusunternehmen).

Bei der Uraufführung am 12. September 1910 in der Neuen Musik-Festhalle in München (heute: Verkehrszentrum des Deutschen Museums) dirigierte Mahler selbst das Orchester des Konzertvereins München (heute: Münchner Philharmoniker), den Leipziger Großchor Riedel-Verein und den Wiener Singverein. Unter den 3000 Zuhörern befanden sich auch viele bekannte Schriftsteller, Komponisten und Dirigenten der Zeit wie Siegfried Wagner, Alfredo Casella, Stefan Zweig, Thomas Mann, Leopold Stokowski und Arnold Berliner, um nur einige zu nennen. Die Uraufführung sowie eine zweite Aufführung am folgenden Tag waren ein überwältigender Erfolg – der größte, der einem Werk Mahlers zu dessen Lebzeiten zuteil wurde. Die achte Sinfonie war auch die letzte, deren Uraufführung Mahler noch erlebte. Seine Spätwerke, die Sinfonie Nr. 9, das „Lied von der Erde" und die Fragmente der 10., wurden erst nach seinem Tod uraufgeführt.

Anlässlich der Feier des hundertjährigen Jubiläums der Uraufführung 1910 haben die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor München den Wiener Singverein und den Tölzer Knabenchor neuerlich zur Mitwirkung in einer Aufführung eingeladen, die im Oktober 2010 unter der Leitung von Christian Thielemann in der Philharmonie im Gasteig stattfand.

Die Neue Musik-Festhalle, Schauplatz der Uraufführung, heute Teil des Deutschen Museums. Zum Jubiläumskonzert 2010 konnte die Halle nicht verwendet werden.

Inhaltsverzeichnis

Werkbeschreibung

Die Sinfonie besteht aus zwei Teilen.

1. Teil

Erstes Hauptthema
Erstes Hauptmotiv
Zweites Hauptthema
Zweites Hauptmotiv
Seitenthema
Seitenmotiv
Durchführungsthema
Durchführungsmotiv

Der erste Teil vertont den mittelalterlichen, lateinischen Pfingsthymnus „Veni, Creator Spiritus“, der im Original Hrabanus Maurus zugeschrieben wird, und dauert etwa 20 Minuten. Beinahe durchgehend wird die musikalische Entwicklung von den Chören und Solisten getragen. Die Exposition beginnt mit dem Hauptsatz, in dem die beiden Hauptthemen und Hauptmotive vorgestellt werden. Nach einer kurzen Überleitung schließt sich der in einer Rondoform gehaltenen Seitensatz an; hier wird das Seitenthema und das Seitenmotiv vorgestellt, zudem werden die bereits vorgestellten Themen und Motive weiter verarbeitet. Ein kurzer Zwischensatz nimmt quasi den Hauptsatz nochmals kurz auf, bevor der Schlusssatz das erste Hauptthema und das Seitenthema in variierter Form verarbeiten.

Die Durchführung lässt sich in vier Teile gliedern. Im ersten Abschnitt werden zunächst das erste Hauptmotiv und das Seitenmotiv ausgiebig verarbeitet und variiert, zunächst im Orchester, gefolgt von den vokalen Stimmen. Im zweiten Teil werden ein Durchführungsthema und ein Durchführungsmotiv vorgestellt, welche umgehend mit dem zweiten Hauptthema und dem ersten Hauptmotiv verarbeitet werden; diese Verarbeitung mündet im dritten Abschnitt in eine Doppelfuge. Der vierte Teil stellt wiederum eine Art Reprise des ersten Teils dar, mit der zusätzlichen Verarbeitung des Durchführungsthemas und des Seitenthemas.

Die Reprise setzt ein mit der nahezu identischen Wiederaufnahme der ersten 20 Takte der Exposition und führt danach in eine Teilreprise des Seitensatzes. Ein überleitendes Fugato mit zahlreichen Variationen des ersten Hauptmotives mündet in die Coda, welche umgehend alle bisherigen Themen und Motive parallel verarbeitet. Einzelne kirchenmusikalische und liturgische Elemente kommen hier zutage, so z.B. der Cantus firmus des Knabenchors und der antiphonale Gesang zwischen beiden Chören. Die letzten Takte sind gekennzeichnet durch eine mit "Himmelfahrts"-Melismen versetzte Schlusssteigerung zum achttaktigen Schlussakkord.

2. Teil

Der zweite Teil setzt die Schlussszene von GoethesFaust II“ in Musik und bildet eine Mischform aus Musikdrama, Kantate und Oratorium, ist dabei aber zugleich als eine Folge von drei pausenlos ineinander übergehenden Sinfoniesätzen – nämlich langsamer Satz, Scherzo und Finale – deutbar. Den Anfang des zweiten Teils bildet eine Instrumentaleinleitung (die längste rein instrumentale Passage in der ganzen Sinfonie), die Adagio- und Scherzo-artige Abschnitte enthält und somit in gewisser Weise die Funktion der Mittelsätze im Schema der klassischen Sinfonie einnimmt. Der zweite Teil dauert insgesamt gut 55 Minuten.

Orchesterbesetzung

Die Bezeichnung „Sinfonie der Tausend“ erhielt die achte Sinfonie von dem Konzertveranstalter Emil Gutmann, weil eine sehr große Zahl von Musikern benötigt wird, um dieses Werk aufzuführen. Neben acht Gesangssolisten, zwei großen gemischten Chören und einem Knabenchor wird ein Sinfonieorchester mit mindestens 50 Streichern, 40 Bläsern (4 Flöten + 1 Piccoloflöte, 4 Oboen + 1 Englischhorn, 1 (besser 2) Es-, 3 B- und 1 Bass-Klarinetten, 4 Fagotte + 1 Kontrafagott, 8 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, 1 Basstuba, dazu isoliert platziert 4 Trompeten und 3 Posaunen), Orgel, Harmonium, Celesta, Klavier, mehreren Harfen und Mandolinen und diversen Schlaginstrumenten gefordert.

Quellen

  1. Brief an Bruno Walter, ca. März 1910. Zitiert nach: Herta Blaukopf (Hrsg.): Gustav Mahler. Briefe. Neuausgabe. 2., nochmals revidierte Auflage. Zsolnay, Wien 1996, S. 405, ISBN 3-552-04810-3

Literatur

  • Richard Specht: Gustav Mahlers VIII. Symphonie. Thematische Analyse. Mit einer Einleitung, biographischen Daten und dem Porträt Mahlers. Universal Edition, Leipzig/Wien , o.J. (1912).
  • Christian Wildhagen: Die Achte Symphonie von Gustav Mahler. Konzeption einer universalen Symphonik. Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien 2000, ISBN 3-631-35606-4.
  • Renate Ulm (Hrsg.): Gustav Mahlers Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1533-6.
  • Gerd Indorf: Mahlers Sinfonien. Rombach, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2010, ISBN 978-3-7930-9622-1.

Weblinks


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