Strategie (Militär)

Als Strategie (von griech. στρατηγός strategós: Feldherr / στρατηγεία: Feldherrentum, Feldherrenkunst) wird in der Sicherheitspolitik und in den Strategischen Studien der zielgerichtete Einsatz von Gewalt oder die zielgerichtete Gewaltandrohung zu politischen Zwecken bezeichnet.[1] Die Strategie steht damit zwischen den Ebenen der Politik und der Operationsführung. Strategie sowie die strategische Planung legt einen grundsätzlichen und zielorientierten Handlungsrahmen zu Erreichung eines militärischen Zieles fest, der sich an einem langfristigen Zeitrahmen orientiert. Insofern unterscheidet sich Strategie deutlich von Operationsführung und Taktik (Militär), die kurzfristig wirken. Strategie setzt sich mit der Koordination militärischer Kräfte und Kräfteansätzen auf unterschiedlichen Kriegsschauplätzen zur Erreichung eines gemeinsamen und mehr übergeordneten Zieles auseinander.

Das bekannteste und umstrittenste strategische Instrument ist Krieg.

Inhaltsverzeichnis

Strategietheorie

Als Unterdisziplin der Internationalen Beziehungen befassen sich die Strategischen Studien mit der Frage, ob und in welchem Ausmaß strategisches Handeln historischen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Regelmäßigkeiten unterliegt. Die Strategischen Studien haben aber auch Wurzeln in den Kriegswissenschaften (Polemologie, französisch Polémologie, englisch War Studies), der Militärgeschichte und der Diplomatiegeschichte, und sind vorwiegend aus Bestrebungen nach den beiden Weltkriegen entstanden, die Wiederkehr solcher Kriege zu verhindern. Sie stehen weitgehend unter dem Motto des britischen Strategen Basil Liddell Hart und seines französischen Kollegen Gaston Bouthoul, "wenn du den Frieden willst, verstehe den Krieg".[2]

Sūnzǐ

Sunzi (* um 500 v. Chr. in Wu) war ein chinesischer General, Militärstratege und Philosoph. Sein Buch „Die Kunst des Krieges“ gilt als frühestes Buch über Strategie und ist bis heute eines der bedeutendsten Werke zu diesem Thema.

Geschichte im Westen

Im Westen stammt das Wort "Strategie" zwar aus dem Altgriechischen, aber erst seit dem 6. Jahrhundert ist in der byzantinischen Literatur sein Gebrauch belegt als "das Mittel, mit dem der Feldherr sein eigenes Land verteidigen und das seines Feindes besiegen kann", damit hierarchisch über die Taktik gestellt.[2] Das Wort wurde in der byzantinischen Literatur weiter in diesem Sinne verwendet, insbesondere in einem Werk von ca. 900, dass dem Kaiser Leo VI. dem Weisen zugeschrieben wird, und in dem das Wort "die Kunst der Feldzüge" beschreibt, die aber für Leo die Kenntnis vieler anderer niedrigerer Künste oder Hilfswissenschaften - wie der Taktik, der Belagerungskunst, der Landeskunde, der Logistik usw. - voraussetzte. Es gab nie ein einzelnes lateinisches Äquivalent. Erst 1777 wurde der Begriff als "Strategie" ins Deutsche eingeführt in der Übersetzung des Werkes Leos VI. durch Johannes von Bourscheidt.[2] Etwa zur gleichen Zeit wurde er als "stratégie" ins Französische übernommen, was wiederum auf eine Übersetzung des Werkes Leos zurückzuführen ist. Literatur zu diesem Themenbereich gab es aber durchaus schon vor der Einführung des Wortes; meist benutzte man hierbei die Wörter Kriegskunst oder Kriegswissenschaft.[2]

Carl von Clausewitz

Als Grundstein und Standardwerk der Strategietheorie und der Strategischen Studien gilt das Buch „Vom Kriege“, verfasst vom preußischen Offizier Carl von Clausewitz. Obwohl Clausewitz' Definition sehr eng ist ("Strategie ist der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges" - Vom Kriege Buch III.1) begründete sein Werk in der Art und Weise, in der Clausewitz „das Verhältnis zwischen Krieg, Frieden und Politik auffasst, … der umfassendste Beitrag zu […] militärischem und strategischem Denken“[3]. Eine mögliche Allgemeingültigkeit verhinderte jedoch der unfertige Zustand, in dem Clausewitz „Vom Kriege“ durch seinen Tod hinterließ.[4]

Clausewitz sah es als geboten an, dass das Militär sich den Weisungen der Politik (sogenannter Primat der Politik) zu unterwerfen und als Instrument der Politik zu verstehen habe. Nur Letztere sei imstande, politische Ziele zu definieren, an denen der Erfolg der militärischen Gewaltanwendung zu messen sei.

20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert brachte große Fortschritte in den Betrachtungen zur Strategie; diese führten zu wichtigen Neudefinitionen des Begriffs:

  • Basil Liddell Hart definierte Strategie als "die Kunst, militärische Mittel zum Zweck der Politik einzusetzen."[2]
  • der französische General André Beaufre definierte 1963 Strategie als "die Kunst der Dialektik der Kräfte, oder genauer, die Kunst der Dialektik der Willen, die sich der Macht zur Lösung ihrer Konfliktes bedienen".[2],
  • der Amerikaner Michael Handel (gest. 2001): "Die Strategie ist die Kunst und die Wissenschaft, in Frieden und Krieg politische, wirtschaftliche, psychische und militärische Kräfte zu entwickeln und zu benutzen, der Politik ein Maximum an Unterstützung zu gewährleisten, um die Wahrscheinlichkeit des Sieges und seiner guten Folgeerscheinungen zu erhöhen und die Möglichkeit der Niederlage zu verringern".[2]
  • Eine Brücke zur Wirtschaftsstrategie bildet die Definition von Sir Lawrence Freedman: "Die Strategie befasst sich mit dem Verhältnis zwischen (politischen) Zwecken und (militärischen, wirtschaftlichen, politischen usw.) Mitteln. Sie ist die Kunst, Macht zu schaffen."[2]

Funktionen

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert J. Art identifizierte 1980 in seinem Artikel To What Ends Military Power? vier grundlegende Funktionen, denen politische Gewaltandrohung oder Gewaltausübung dient. Die Verteidigung (defense) diene

  • erstens dazu, einen Angriff abzuwehren, und
  • zweitens dazu, den dadurch entstandenen Schaden so gut wie möglich zu begrenzen. Diesen defensiven Charakter teile sie mit der Abschreckung (deterrence), die ebenfalls dazu diene, einen politischen Akteur von etwas abzuhalten oder abzubringen. Dabei betont er, dass beide Strategien voneinander unabhängig anwendbar sind.
  • Im Gegensatz dazu steht die Strategie der Erzwingung (compellence), die ein politisches Gegenüber zu einer bestimmten Handlung bewegen soll.
  • Als vierte Kategorie identifizierte er die „Wichtigtuerei“ (swaggering). Er nannte sie 'diffus'.[5] Sie diene vor allem dem Zweck des Prestiges, sei also vor allem indirekter Natur.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Colin Gray: War, Peace and International Relations - An Introduction to Strategic History. Routledge, Oxon 2007, S. 284.
  2. a b c d e f g h B.H.Liddell Hart, Strategy (1967). Dieses Motto basiert wohl auf dem lateinischen Sprichtwort si vis pacem para bellum' - wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor'
  3. In the way that Clausewitz understands the relationship between war, peace, and politics, his work remains the most comprehensive and, in some instances, modern contribution to political, military, and strategic thought as it stands“. In: Jordan Lindell: Clausewitz: War, Peace and Politics. 26. November 2009. Zuletzt aufgerufen am 9. Dezember 2009.
  4. Jordan Lindell: Clausewitz: War, Peace and Politics. 26. November 2009. Zuletzt aufgerufen am 9. Dezember 2009.
  5. Robert J. Art (1980), S. 5.

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