Stubenälteste

Stubenälteste

Ein Funktionshäftling war ein Haftinsasse, der zur Zeit des Nationalsozialismus von der SS als Aufseher im Arbeitseinsatz oder zu anderen Kontroll-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben eingesetzt wurde. Funktionshäftlinge wurden von der Lager-SS vornehmlich in Konzentrations- und Arbeitslagern eingesetzt. Solange sie ihre Aufgaben zur Zufriedenheit der SS erledigten, blieben ihnen Übergriffe und körperliche Schwerstarbeit erspart, und sie erhielten überdies Vergünstigungen, die ein Überleben im KZ erleichterten. In Vernichtungslagern mussten Funktionshäftlinge das Gepäck sortieren oder Leichen beseitigen, bis sie einige Wochen später als unliebsame Tatzeugen selbst getötet wurden.

Inhaltsverzeichnis

System der Funktionshäftlinge

Neben der Organisationsstruktur der SS-Lagermannschaft entstand mit den Häftlingsfunktionären eine zweite Lagerhierarchie. Dadurch wurden SS-Personal und Kosten eingespart. Zur Gruppe der Funktionshäftlinge zählten bis zu zehn Prozent der Lagerinsassen.[1] Verglichen mit heutigen Haftanstalten konnte das NS-Regime die Anzahl des SS-Personals, das unmittelbar Kontakt mit den Häftlingen hatte, sehr niedrig halten. Ohne die Funktionshäftlinge hätte die SS-Lagerleitung nicht den reibungslosen Ablauf des Lageralltags und die hohe Arbeitsleistung der Jahre 1940 bis 1942 erreichen können.[2]

Zum anderen delegierte die SS einen Teil ihrer Macht an die Funktionshäftlinge, ließ sie oftmals als verhasste Handlanger erscheinen und entsolidarisierte damit die Häftlingsgruppen und spaltete sie weiter. [3] Unter den verschiedenen Nationalitäten wie auch zwischen den vielen Häftlingsgruppen (vgl. Kennzeichnung der Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern) entstanden Spannungen. Nachgerade ein Topos ist die Brutalität der „kriminellen Kapos“, der Funktionäre aus dem Kreis der „befristeten Vorbeugehäftlinge“, die in der Lagersprache auch „Berufsverbrecher“ oder (wegen ihrer Kennzeichnung) „Grüne“ genannt wurden. [4] Manche der Funktionshäftlinge standen den Schergen der SS in Brutalität nicht nach, andere versuchten Mitgefangene zu schützen.[5]

So entstand als „zentrales Herrschaftsinstrument“[6] in den Konzentrationslagern eine „Häftlings-Selbstverwaltung“, wie der zeitgenössische Begriff lautete.

Einzelne Funktionen

Im Lager selbst waren wichtige Funktionsträger Lagerälteste, Blockälteste und Stubenälteste. Die höchste Position, die ein Häftling erreichen konnte, war die des Lagerältesten.[7] Er war dem Schutzlagerführer unmittelbar unterstellt, musste die Befehle umsetzen, für den reibungslosen Ablauf des Lageralltags sorgen und übergeordnete Vorschriften einhalten. Bei der Besetzung von Funktionsstellen hatte der Lagerälteste ein Vorschlagsrecht. Mit Privilegien versehen wie Sonderverpflegung, eigenem Raum und Zivilkleidung war er gleichwohl vom Wohlwollen der SS abhängig.

Blockälteste hatten die Einhaltung der Vorschriften im Block sicherzustellen. Stubenälteste waren etwa für die Hygiene und Ordnung in der jeweiligen Stube eines Barackenblocks zuständig, zum Beispiel für die Lauskontrolle. Funktionshäftlinge arbeiteten in der Verwaltung des Lagers, in der Schreibstube und Arbeitsstatistik, als Kantinenmann, in den Versorgungseinrichtungen wie Küche, Wäscherei und Magazinen oder im Krankenrevier als Pfleger und Häftlingsärzte. In den letzten Kriegsjahren wurden Häftlinge im „Lagerschutz“ als Lagerpolizei eingesetzt.

Funktionshäftlinge konnten Mithäftlinge in günstigere Wohnblocks einweisen, sie von Transportlisten streichen, ihnen zu einer leichteren Arbeit verhelfen oder gar ihre Identität verschleiern, um sie vor Nachstellungen zu schützen. Oftmals beschränkten sich solche Hilfeleistungen allerdings auf die Zugehörigen der „eigenen“ Häftlingsgruppe: als Pole, als Franzose, als kommunistischer politischer Häftling, als „befristeter Vorbeugehäftling“ oder als „Zeuge Jehovas“.

Armbinde eines Oberkapo

Bei Arbeitseinsätzen außerhalb des Lagers wurden Funktionshäftlinge als Vorarbeiter, Kapos oder Oberkapos eingesetzt. Wenn diese die erschöpften Häftlinge brutal antrieben, wurden Opfer zu Tätern. Teilweise missbrauchten sie ihre Macht zu sadistischen Übergriffen und verübten Verbrechen, bei denen Mithäftlinge zu Tode kamen.

Die Funktionshäftlinge standen in mittlerer Hierarchie auf schwieriger Position zwischen der SS und den Haftinsassen. Dies war beabsichtigt, wie aus einer Rede Himmlers hervorgeht:

„In dem Moment, wo er Kapo ist, schläft er nicht mehr bei denen. Er ist verantwortlich, dass die Arbeitsleistung erreicht wird, dass sie sauber sind, dass die Betten gut gebaut sind. […] Er muss also seine Männer antreiben. In dem Moment, wo wir mit ihm unzufrieden sind, ist der nicht mehr Kapo, schläft er wieder bei seinen Männern. Dass er dann von denen in der ersten Nacht totgeschlagen wird, das weiß er.“[8]

Ein eifriger Funktionshäftling konnte als SS-Günstling Lagerkarriere machen und vom Kapo zum Oberkapo und schließlich zum Lagerältesten aufsteigen.

Deutungen

Die Historikerin Karin Orth urteilte: „Wohl kaum eine Maßnahme der SS war perfider als ihr Versuch, die Ausführung von Terror und Gewalt an die Opfer zu delegieren.“ [9]

Quellenkritische Betrachtungen berücksichtigen, dass die meisten Häftlingsberichte von politischen Häftlingen stammen und die Wahrnehmung und Erlebnisse der Mehrheit nur unzureichend widerspiegeln würden. Eine große Rolle nimmt in den Erinnerungen der deutschen politischen Gefangenen der erbitterte Kampf um einflussreiche Funktionsstellen ein, die von „Berufsverbrechern“ besetzt waren. Dabei wird als Hauptfeind vielfach nicht die SS, sondern der „grüne“ Kapo herausgestellt.[10]

Die verbreitete Annahme, dass die SS gezielt und vorrangig „Berufsverbrecher“ in Funktionsstellen eingesetzt habe, lässt sich durch die bisher abgeschlossenen lokalen Untersuchungen nicht verifizieren.[10] Den „BV-Funktionshäftlingen“ wird überwiegend eine negative Rolle zugeschrieben; doch lassen genauere Untersuchungen eine solche Verallgemeinerung als ungerechtfertigt erscheinen.[11]

Eine andere Untersuchung zeigt, dass der Häftlingseinsatz im KZ Buchenwald von den politischen Gefangenen in Funktionsstellen gesteuert wurde. Dabei bedeutete die Rückstellung eines Häftlings, der einem Transport in ein todbringendes Arbeitslager wie KZ Mittelbau-Dora zugeteilt war, dessen Rettung. Zugleich aber bleibt dieser „Opfertausch“ moralisch angreifbar, weil der Gerettete stets ein Mitglied der eigenen Gruppe war.[12]

Der KZ-Überlebende Eugen Kogon berichtete:

„Das Lagersystem verdankte seine Stabilität nicht zuletzt einer Hilftruppe von Kapos, die den Alltagsbetrieb aufrecht erhielten und das SS-Personal entlasteten. Dadurch wurde absolute Macht allgegenwärtig. Ohne die Delegation der Macht hätte sich das System der Disziplin und Überwachung umgehend aufgelöst. Dabei war die Rivalität um die Aufsichts-, Verwaltungs- und Versorgungsposten für die SS nur eine willkommene Gelegenheit, um die Fraktion der Häftlinge gegeneinander auszuspielen und sie in Abhängigkeit zu halten. Der normale Gefangene war jedoch einer doppelten Obrigkeit ausgeliefert, der SS, die häufig kaum mehr im Lager erschien, und den Funktionshäftlingen, die immerzu da waren.“[13]

Abgrenzung: Ausgesuchte reichsdeutsche „kriminelle“ KZ-Häftlinge wurden ab Oktober 1944 in die SS-Sonderformation Dirlewanger überstellt.[14] Als Teil der Truppe werden sie nicht mehr unter dem Begriff Funktionshäftling gefasst.

Literatur

  • Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? „Kriminelle“ und politische Häftlinge im Konzentrationslager. In: Norbert Frei: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. (Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik). München 2000, ISBN 3-598-24033-3, S. 109 - 133
  • Marc Schemmel: Funktionshäftlinge im KZ Neuengamme. Zwischen Kooperation und Widerstand. Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-8364-1718-1

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Marc Schemmel: Funktionshäftlinge im KZ Neuengamme. Zwischen Kooperation und Widerstand. Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-8364-1718-1, S. 4.
  2. Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Luxemburg, 2002. Vgl. Unterkapitel „Funktionshäftlinge, S. 151-159.
  3. Jens-Christian Wagner: Häftlingseinsatz im KZ Dora-Mittelbau... S. 27, in: Norbert Frei: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. München 2000, ISBN 3-598-24033-3.
  4. Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? „Kriminelle“ und politische Häftlinge im Konzentrationslager. S. 111, in: Norbert Frei: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. München 2000, ISBN 3-598-24033-3.
  5. Guido Knopp. Die SS. Eine Warnung der Geschichte. Bertelsmann Verlag, München, 2002. S. 209.
  6. Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft?... S. 110.
  7. Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Luxemburg, 2002. S. 154.
  8. Himmlers Rede vom 21. Juni 1944, zitiert nach Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? ... S. 110 Anm. 7.
  9. Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? ... S. 110.
  10. a b Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? ... S. 131.
  11. Marc Schemmel: Funktionshäftlinge im KZ Neuengamme. S. 54, 96ff.
  12. Jens-Christian Wagner: Häftlingseinsatz im KZ Dora-Mittelbau... S. 26.
  13. Aus: Guido Knopp. Die SS. Eine Warnung der Geschichte. Bertelsmann Verlag, München, 2002. S. 210.
  14. Karin Orth: Gab es eine Lagergesellschaft? „Kriminelle“ und politische Häftlinge im Konzentrationslager. In: Norbert Frei: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. München 2000, ISBN 3-598-24033-3, S. 127.

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