83. Sinfonie (Haydn)

Die Sinfonie Nr. 83 g-Moll komponierte Joseph Haydn im Jahr 1785 für eine Pariser Konzertreihe. Das Werk trägt den Beinamen „La Poule“ („Das Huhn“).

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Joseph Haydn

Die Sinfonie Nr. 83 gehört zusammen mit den Sinfonien Nr. 82 und 84 bis 87 zu den sogenannten „Pariser Sinfonien“. Es handelt sich um Auftragskompositionen für das Pariser „Le Concert de la Loge Olympique.“ Zu Details vgl. die Sinfonie Nr. 82.

Das Werk gehört zusammen mit der ebenfalls 1785 komponierten Nr. 87 zu den beiden ersten der Pariser Sinfonien. Der Titel „La Poule“ (französisch für „das Huhn“) bezieht sich auf das „gackernde“ zweite Thema im 1. Satz. Er stammt nicht von Haydn selbst, sondern wurde möglicherweise vom Pariser Verleger als verkaufsförderndes Mittel eingesetzt.

Walter (2007)[1] meint, dass „die Idee des kaum vermittelten, vor allem dynamischen Kontrasts“ ein zentrales Element der Sinfonie sei (z. B. Verhältnis von erstem und zweitem Thema im Allegro spiritoso, im Andante Takt 24 ff., siehe dort). Diese Kontraste werden teilweise auch im Sinne von Ironie gedeutet[2] [3], wobei sich Haydns Ironie möglicherweise auch auf seine eigenen, früheren Sinfonien bezieht[4] (diese waren teilweise dem Pariser Publikum bekannt). Obwohl nur etwa Drei Viertel des 1. Satzes in g-Moll stehen, wird die Tonart der Sinfonie üblicherweise mit „Moll“ und nicht mit „Dur“ angegeben (ähnlich bei einigen anderen Moll-Sinfonien Haydns).

Zur Musik

Besetzung: Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner in G, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass und ggf. Cembalo.[5] Eine Besonderheit ist, dass im 1. Satz drei verschiedene Cello-Stimmen vorhanden sind: Neben der die Kontrabassstimme verdoppelnden Cellostimme ist in der Partitur ein „Violoncello obligato“ als gesonderte Zeile notiert; wobei sich hier die Stimme von Takt 97 bis 105 teilt („divisi“).
Aufführungszeit: ca. 20–25 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

1. Satz: Allegro spiritoso

g-Moll / G-Dur, 4/4-Takt, 193 Takte

erstes Thema

Der Satz eröffnet mit einem heroisch-dramatischen Thema im Fortissimo, das auf einem aufsteigenden Viertonmotiv mit Aktzenten (Motiv 1) sowie einer fallenden Bewegung im punktierten Rhythmus (Motiv 2) basiert. Beide Motive werden einmal etwas verändert wiederholt, bei der zweiten Wiederholung mit Fortspinnung des punktierten Rhythmus (Tonrepetition). Nach drei einer Generalpause setzt das erste Thema in Takt 17 nochmals an, geht dann jedoch nahtlos in den Überleitungsabschnitt hinein. Hier dominieren zunächst die beiden Motive Thema (z. T. übereinandergelegt), ehe ab Takt 33 ein neues Motiv 3 (gebrochener Dreiklang aufwärts aus Achteln und Sechzehnteln + Achtelbewegung abwärts) auftritt und zur Tonikaparallele B-Dur wechselt. Die stimmführenden Violinen schrauben sich mit dem Motiv in die Höhe, um dann in einem Abstieg von über zwei Oktaven das zweite Thema anzukündigen.

zweites Thema

Dieses (Takt 45 ff., B-Dur) besteht aus einer Vorschlagsfigur der 1. Violine, begleitet lediglich von einer Staccato-Achtelbewegung der 2. Violine. Durch seinen einfach-fröhlichen Charakter und die spärliche Besetzung kontrastiert es stark zum ernst gehaltenen ersten Thema. Ab Takt 52 folgt eine Wiederholung, nun begleitet von der Oboe, die fünf Takte lang eine Tonwiederholung auf F mit punktiertem Rhythmus spielt. Diese „gackernde“ Figur, die der Sinfonie ihren Namen gab, kann man sich aus Motiv 2 (und somit aus dem ersten Thema) abgeleitet denken.

Recht abrupt beginnt dann ab Takt 59 die Schlussgruppe im Forte, in der sich neben Triolenläufen im Unisono der punktierte Rhythmus über einer schreitenden, abwärts gehenden Bassbewegung in Vierteln (Motiv 4, interpretierbar als Umkehrung von Motiv 1) wieder findet. Die Exposition endet in Takt 68 und wird einmal wiederholt.

Die Durchführung (Takt 69–129) verarbeitet Elemente vom ersten und zweiten Thema, die moduliert und sequenziert werden sowie in verschiedenen Stimmen auftreten. Ab Takt 83 tritt ein neues Motiv (Motiv 5) dazu, dass aus Motiv 3 herleitbar ist, als „Gegenstimme“ zum ersten Thema verwendet wird und ab Takt 109 in Motiv 3 übergeht. Von Motiv 3 wird ab Takt 113 als Gegenstimme zu Motiv 1 über einem orgelpunktartigen Bass nur noch der Anfang gespielt, ehe die Musik in einem Moment dramatischer Spannung in Takt 116 unerwartet mit fast zwei Takten Generalpause abbricht. Im Piano folgt ab Takt 118 ein „Gebrumme“ der Streicher mit dem ersten Thema und Chromatik, die (wieder) mit Orgelpunkten unterlegt die Spannung neu aufbaut, welche sich mit dem Beginn der Reprise in Takt 130 entlädt.

Die Reprise ist ähnlich der Exposition strukturiert, verkürzt aber den Überleitungsabschnitt: Die Verarbeitungspassage von Motiv 1 und 2 analog Takt 21 ff. fehlt, dafür wechselt die Tonart mit Einsatz von Motiv 3 (Takt 146) nach G-Dur. Beim zweiten Thema übernimmt nun die Flöte die „gackernde“ Bewegung, die dadurch etwas weicher klingt. Die Schlussgruppe (Takt 171 ff.) ist codaartig erweitert: Neben den Elementen aus der Exposition haben das nun gar nicht mehr bedrohliche erste Thema und die „Gackerbewegung“ weitere Auftritte. Bemerkenswert ist auch der Trugschluss mit Fermate auf einem Dominantseptakkord in Takt 181. Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.

Der im Satz auftretende punktierte Rhythmus ist möglicherweise als Andeutung auf die französische Opernouvertüre gedacht, die „gackernde“ Begleitung vom zweiten Thema erinnert an ein Cembalo-Stück in g-Moll vom französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau, das den Titel „La Poule“ trägt.[6]

2. Satz: Andante

Es-Dur, 3/4-Takt, 105 Takte
Das erste Thema, mit dem der Satz eröffnet, basiert auf einem zweitaktigen „Klopfmotiv“ mit grundierendem Bass auf der ersten Zählzeit, fünffacher Tonwiederholung (dem Klopfen) und einer abwärtsgehenden Viertelbewegung mit Triller. Die ersten vier Takte kann man als Vordersatz, die folgenden vier als Nachsatz auffassen. Das Thema wird einmal in einer verzierten Variante wiederholt.

Die Takte 17 ff. bringen zunächst Sechzehntel-Läufe mit Chromatik. Im weiteren Verlauf ist eine Passage bemerkenswert (Takt 24 ff.), bei der die Violinen 22mal den Ton F mit abnehmender Lautstärke wiederholen, um dann in einem Fortissimo-Tremolo der Streicher zu münden. Ab Takt 30 tritt ein fallendes Motiv mit Vorschlägen (die etwas an das zweite Thema vom ersten Satz erinnern) auf. Die Schlussgruppe (Takt 41 ff.) ist durch ein Oboenmotiv gekennzeichnet. Die Exposition endet in Takt 43 und wird einmal wiederholt.

Die Durchführung (Takt 44–72) greift zunächst das erste Thema mit einer Fortspinnung auf, ehe ab Takt 53 wieder der Wechsel von Forte (Läufe im Unisono, Tremolo) und Piano (Klopfmotiv) das Geschehen bestimmt. Imitatorisch ist der Abschnitt von Takt 61 bis 72 mit Material vom ersten Thema gehalten.

Die Reprise (Takt 73 ff.) ist ähnlich der Exposition strukturiert. Das erste Thema bekommt am Anfang allerdings klangliche „Verstärkung“ durch zwei aufstrebende Läufe der Flöte, zudem fehlt die Schlussgruppe der Exposition: Der Satz endet im Pianissimo mit einem versetzten Einsatz des Klopfmotivs, ähnlich wie Takt 61 ff. der Durchführung, über einem Orgelpunkt auf Es. Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.

Auffällig ist der (mit Ausnahme der imitatorisch gehaltenen Passagen) spärliche Einsatz der Bläser und ein „opernhafter Ausdrucksgestus“[6].

3. Satz: Menuett. Allegretto

G-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 66 Takte
Das Menuett basiert auf einem fallenden, liedhaften Motiv[7] mit dreifachem „Stampfen“ und einem aufsteigenden Unisono-Motiv, die im ersten Teil (Takt 1–8) vorgestellt und im zweiten, mit 34 Takten deutlich längeren Teil sonatenähnlich „verarbeitet“ werden mit reprisenartigem Einsatz ab Takt 25 und einem codaartigem Schluss mit dem Anfangsmotiv.

Das Trio steht ebenfalls in G-Dur und ist in drei achttaktige Abschnitte gegliedert. Flöte und Violine spielen im piano eine ländlerhafte Melodie.

4. Satz: Vivace

G-Dur, 12/8-Takt, 99 Takte
Das Hauptthema hat einen leicht tänzerischen Charakter „zwischen Gigue und Chasse“[8] (Jagdmelodik) oszillierend und wird zunächst von der 1. Violine im Piano vorgestellt, anschließend in einer Variante mit Flöte wiederholt. In Takt 8 setzt das ganze Orchester ein; bis zum Ende der Exposition in Takt 34 folgt nun Material, das auf dem Hauptthema basiert bzw. sich daraus herleiten lässt (z. B. hämmernde Tonwiederholungen[9] und Akkordmelodik). Farbtupfer in der Klangfarbe entstehen durch kurze Soli für Flöte und Oboe. „Im Vordergrund steht ein perpetuum-mobile-artiger Bewegungszug, in dem von dem ohnehin nicht sehr profilierten Thema fast nur sein Rhythmus übrig bleibt, und eine grandiose Klangmassierung (…).“[8] Eine Schlussgruppe kann von Takt 31–34 abgegrenzt werden. Die Exposition wird einmal wiederholt.

Die Durchführung (Takt 35–55) beginnt mit dem Anfangsmotiv vom Hauptthema im Unisono, dann dominieren ab Takt 39 hämmernde Tonwiederholungen (z. T. im Unisono) und Modulationen mit forzandi (diese erinnern etwas an den Anfang vom Allegro spiritoso).

Die Reprise (Takt 55 ff) ist ähnlich wie die Exposition aufgebaut, aber beim Hauptthema wird gleich zu Beginn die Flöte mit eingesetzt. Der Satz endet mit einer Coda (Takt 83 ff.): Die zügige Bewegung der Musik wird durch mehrere Fermaten unsicher und durch Generalpausen stockend (manche Dirigenten nehmen den gesamten Abschnitt im Tempo langsamer). Nach einem letzten Auftritt vom Hauptthema schließt der Satz mit stürmischer Akkordmelodik im Forte. Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt (meist wird diese Wiederholung aber nicht eingehalten).

Siehe auch

Weblinks, Noten

Einzelnachweise

  1. Michael Walter: Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-406-44813-3
  2. Bernhard Harrison zitiert bei Walter (2007)
  3. Textbesprechung der Sinfonie Nr. 83 beim Projekt „Haydn 107“ der Haydn-Festspiele Eisenstadt http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=83, aufgerufen am 23. Mai 2009
  4. ein Kandidat hierfür wäre v. a. die Sinfonie Nr. 39, die ebenfalls in g-Moll steht
  5. das Cembalo wahrscheinlich nicht im Orchester von Schloss Esterházy: Die Haydn-Festspiele Eisenstadt (http://www.haydn107.com/index.php?id=21&pages=besetzung, Stand Mai 2011, schreiben hierzu: „Haydn setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, wird heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt.“
  6. a b Thomas Kahlcke: Komplexes Innenleben. Joseph Haydns „Pariser“ Symphonien. Textbeitrag zur Einspielung der Pariser Sinfonien 82-87 mit der Academy of St Martin in the Fields mit Neville Marriner. Philips Classics Productions, 1993
  7. Die abwärts gehende Figur kann möglicherweise aus der ebenfalls abwärtsgehenden Viertelbewegung vom Hauptthema des 2. Satzes abgeleitet werden.
  8. a b Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6
  9. ggf. interpretierbar als Anklang an das Klopfmotiv vom 2. Satz

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