Sven Giegold
Sven-Giegold-Foto.jpg

Sven Giegold (* 17. November 1969 in Las Palmas de Gran Canaria, Spanien) ist ein deutscher Globalisierungskritiker und Politiker. Er ist Mitbegründer von Attac-Deutschland und war beim Aufbau wie auch bei der europäischen Koordination des Netzwerkes einer der prägenden Aktivisten. Von 2001 bis 2007 war er mit kurzer Unterbrechung Mitglied im bundesweiten Attac-Koordinierungskreis, bis 2008 zusätzlich auch im Attac-Rat. Er ist Mitbegründer des Tax Justice Network, in dessen Vorstand er ab 2005 einige Jahre tätig war.

Im September 2008 wurde er Mitglied der Grünen. Seit Juni 2009 ist er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Dort ist er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Währung und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Sven Giegold ist der Sohn einer Fotolaborantin; er nennt einen Schlosser seinen sozialen Vater.[1] Giegold wuchs in Hannover auf und studierte von 1991 bis 1996 Erwachsenenbildung, Politik und Ökonomie in Lüneburg, Bremen und Birmingham. 1996 schloss er ab mit dem Master in Wirtschaftsentwicklung und -politik in Birmingham. Es folgte ab 1999 ein Studium an der Universität in Bremen zu verschiedenen Aspekten der Globalisierung, insbesondere internationaler Makroökonomie.[2] Bei Professor Jörg Huffschmid verfolgte er ab 2001 ein Promotionsprojekt zur politischen Regulierung von Steueroasen, das auf Grund des politischen Engagements unterbrochen wurde. Von 2004 bis 2005 führte er mit einem Auslandsaufenthalt an der Universität Paris-Nord das Promotionsvorhaben bei Prof. Dominique Plihon fort,[3] das er später in Deutschland auf Grund des zunehmenden Attac-Engagements aufgab. Giegold lebt in Stedorf/Dörverden.

Politische Entwicklung

Anfänge

Sven Giegold engagierte sich als Schüler in der Ökologiebewegung. Er war Mitglied des Landesvorstandes der BUNDjugend in Niedersachsen und langjähriger Aktiver beim Jugendumweltnetzwerk sowie am Aufbau des ökologischen Zentrums in Verden mit 40 Arbeitsplätzen und der Ökologischen Wohnungsgenossenschaft „AllerWohnen eG“ beteiligt, wo er weiterhin wohnt.[4]

Attac(2000−2008)

Als 2000 Attac Deutschland gegründet wurde, gehörte er zu den etwa 200 Gründungsmitgliedern. Er war Mitgründer von Share e.V., dem Verein in Verden/Aller, der bis zur Gründung des Attac-Trägervereins Ende 2004 für die Attac-Finanzen zuständig war.[5] Von 2001 bis Ende 2002 betreute er das ehrenamtliche Verdener Attac-Büro. Von 2001 bis 2004 und nach einjähriger Unterbrechung wieder von Oktober 2005 bis November 2007 war Sven Giegold im Attac-Koordinierungskreis, zuerst als einer von mehreren Vertretern des ersten Attac-Büros in Verden, seit 2003 als Vertreter der BUND-Mitgliedsorganisation. Bis Oktober 2008 vertrat er weiterhin den BUND im Attac-Rat. Er war ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe Finanzmärkte und Steuerflucht von Attac Deutschland. 2002 war er Mitbegründer der europäischen Attac-Koordination der nationalen Attacs. Hierbei hielt er insbesondere den Kontakt zu Attac Frankreich.[6] Des Weiteren brachte er sich in die Initiierung und Koordination mehrerer großer Kongresse (McPlanet.com 2002, Gesteuerte Demokratie 2004, Solidarische Ökonomie 2006, Kapitalismuskongress 2009) ein. 2006 arbeitete er an den „10 Prinzipien für einen demokratischen EU-Vertrag“ mit. Im Jahr 2006 initiierte er das Projekt Europäische Attac-Sommeruniversität,[7] die im August 2008 in Saarbrücken stattfand. Häufig wurde er als (ein) Sprecher von Attac in deutsche Fernsehsendungen eingeladen.[8]

Giegold wurde von September 2002 bis zu seinem Parteieintritt im September 2008 durch die Bewegungsstiftung als Bewegungsarbeiter unterstützt,[9] danach ruhte der Status. Seit der Wahl ins Europaparlament ist sein Status als Bewegungsarbeiter automatisch erloschen.[10] Ab Januar 2005 war er jahrelang im internationalen Vorstand des Tax Justice Network (TJN), das er 2003 mitbegründete.[2]

Weiteres außerparlamentarisches Engagement (seit 2004)

Seit 2004 ist er im Beraterkreis von Campact. Außerdem wurde er 2007 für sechs Jahre in die Präsidialversammlung des Evangelischen Kirchentags gewählt. Dort wirkt er in der Projektleitung für den Ökumenischen Kirchentag 2010 mit und initiierte das Netzwerk „Ökumenischer Kirchentag“.

Giegold ist einer der Begründer des Institut Solidarische Moderne ISM[11] und einer der Sprecher des Vorstands.

Bündnis 90/Die Grünen (seit 2008)

Giegold bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen NRW in Hagen, März 2009

2008 wurde Giegold durch die NRW-Grünen als Kandidat für das Europäische Parlament ins Gespräch gebracht. Im September trat Giegold der Partei bei.[12] Das Parteiengagement wurde unterschiedlich beurteilt. Malte Spitz, Bundesvorstand der Grünen, sieht die Anwerbung als geeignete Maßnahme, um mehr Stimmen auf der linken Seite zu erringen. Bei Attac wird jedoch teils stark bezweifelt, dass Giegold bei den Grünen linken Einfluss einbringen kann und die Kandidatur mehr als eine geschickte Werbemaßnahme ist. Giegold hatte in der Vergangenheit die Politik der Grünen kritisiert, sieht nun aber nach eigener Aussage gute Chancen für veränderte Positionen in der Partei.[13][14] Gleichzeitig beendete er sein Engagement bei Attac, „um die parteipolitische Neutralität von Attac nicht zu gefährden.“[15]

2008 wurde er als Experte der Grünen und Wirtschaftswissenschaftler von vielen Medien zur Wirtschafts- und Finanzkrise befragt und in etliche TV-Sendungen eingeladen. Auf dem Bundesparteitag der Grünen im November 2008 war er maßgeblich an der Ausarbeitung des Antrags „Green New Deal“ zur Finanzkrise beteiligt, welcher auf dem Parteitag der Grünen Januar 2009 verabschiedet wurde.[16] Er besteht aus 3 Teilen: einem sozial-ökologischen Investitionsprogramm, einem Programm zur Regulierung der Finanzmärkte, u.a. mit Regionalgeld, und einem Programm zum Ausgleich zwischen armen und reichen Ländern. Auf dem Europa-Parteitag der Grünen im Januar 2009 in Dortmund wurde Giegold auf Platz 4 der grünen Europaliste gewählt.[17] Bei der Europawahl am 7. Juni 2009 erreichten die Grünen 14 Sitze im Parlament, sodass Giegold ins Parlament einzog, wo er der Fraktion Grüne/Efa angehört. Er will sich dort auf die Eindämmung von Steueroasen und Niedrigsteuergebieten konzentrieren.

Als Abgeordneter ist er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON), sowie dem Sonderauschuss zur Finanz-, Wirtschafts- und Sozialkrise sowie stellv. Mitglied im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten (EMPL). Zudem gehört er der Anden-Delegation sowie der Delegation der parl. Versammlung Europa-Lateinamerika des Europäischen Parlamentes an.

Giegold war auf Vorschlag der Grünen Nordrhein-Westfalen Mitglied der 14. Bundesversammlung, die am 30. Juni 2010 den Bundespräsidenten wählte.

Bibliografie

  • Steueroasen trockenlegen! Die verborgenen Billionen für Entwicklung und soziale Gerechtigkeit heranziehen. VSA-Verlag, Hamburg 2003, 96 S., ISBN 3-89965-003-4 (AttacBasisTexte 4).
  • Ulrich Müller, Sven Giegold, Malte Arhelger (Hrsg.): Gesteuerte Demokratie? Wie neoliberale Eliten Politik und Öffentlichkeit beeinflussen. VSA, Hamburg 2004, 184 S., ISBN 3899651006. Das Buch zum Kongress Gesteuerte Demokratie? 2004.
  • Sven Giegold: Brauchen wir eine Revolution?, in: Stefanie Hundsdorfer, Elias Perabo (Hg.): Klima der Gerechtigkeit. McPlanet.com – Das Buch zum dritten Kongress von Attac, BUND, EED, Greenpeace, Heinrich Böll Stiftung in Kooperation mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. VSA, Hamburg 2007. ISBN 978-3-89965-243-7, Leseprobe als PDF-Datei; 102kB, S. 165–170.
  • 10 Prinzipien für einen demokratischen EU Vertrag (Mitwirkung), 2007. 6 S. Grundlegende gemeinsame Veröffentlichung des europäischen Attac-Netzwerks (Online als PDF-Datei; 83kB).
  • Sven Giegold, Dagmar Embshoff (Hrsg.): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. VSA, Hamburg 2008, 240 S., ISBN 978-3-89965-227-7, in Kooperation mit der Bewegungsakademie und der tageszeitung, Leseprobe als PDF-Datei; 210kB.
  • Sven Giegold, Lars Niggemeyer: UmSteuern jetzt! Steueroasen trockenlegen – Steuerkonkurrenz beenden. VSA, Hamburg 2009, 96 S., ISBN 3899651790 (AttacBasisTexte 20).

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Sven Giegold – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

Einzelnachweise

  1. Alexander Marguier: Der Weltverbesserer In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24. Mai 2009, S. 51
  2. a b Taz: Biografie über Sven Giegold beim tazkongress
  3. Rosa-Luxemburg-Forum: Biografie über Sven Giegold
  4. Homepage von Sven Giegold - Kurze (politische) Biographie
  5. Attac Deutschland: Was ist der attac-Trägerverein e.V. ?
  6. Arbeitsgruppen des Attac-Rats - hier: AG Internationales
  7. Europäische Sommeruniversität - European Summer University: Aufruf mit europäischer Vorbereitungsgruppe
  8. „Konfrontation an der Ostsee - Vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm“, Phoenix, 24. Mai 2007, mit Video der Diskussion
  9. „Attac-Gründer wird Grüner“, taz-Interview vom 26. August 2008
  10. Bewegungsstiftung: Bewegungsarbeiter - Sven Giegold (Seite nicht mehr erreichbar): „Sven Giegold wird seit September 2002 als Bewegungsarbeiter unterstützt. Aufgrund einer einvernehmlichen Vereinbarung zwischen der Bewegungsstiftung und Sven Giegold ruht sein Status als Bewegungsarbeiter mit Wirkung vom 1. Oktober 2008. […] Sein Status als Bewegungsarbeiter erlischt automatisch, wenn er ins Europaparlament gewählt werden sollte.“, Stand der Seite: 30. Mai 2009
  11. Gründungsmitglieder des ISM
  12. „Sven Giegold seit heute bei den Grünen“, Grüne NRW
  13. Monika Dunkel bei der FTD: Köpfe von morgen (3). Sven Giegold, der Grünen-Rebell
  14. Tagesschau: Interview mit Sven Giegold: "Die anderen kommen zu gut weg" (nicht mehr online verfügbar) vom 25. Januar 2009
  15. Sven Giegold über seine derzeitigen Projekte, hier: zu Attac auf bewegungswerkstatt.org, abgerufen am 7. Juni 2009: „Mein Engagement in den Gremien habe ich mit dem Parteieintritt beendet, um die parteipolitische Neutralität von Attac nicht zu gefährden. Das ändert aber natürlich nichts an meiner Mitgliedschaft und Verwurzelung in der Globalisierungsbewegung und Attac.“
  16. Die Grünen setzen auf den „Green New Deal“, NRZ, 26. Januar 2009
  17. Handelsblatt: Sven Giegold: Grün hinter den Ohren vom 1. Juni 2009

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Sven Giegold — à Hagen, le 20 mars 2009. Mandats Député euro …   Wikipédia en Français

  • Giegold — ist der Familienname folgender Personen: Fritz Giegold, deutscher Schachkomponist und Schachspieler Heinrich Giegold, deutscher Journalist und Verleger Sven Giegold, deutscher Globalisierungskritiker und Grünen Politiker …   Deutsch Wikipedia

  • Sven — (seltener auch Swen) ist ein männlicher Vorname. Inhaltsverzeichnis 1 Herkunft und Bedeutung des Namens 2 Verbreitung 3 Namenstag 4 Bekannte Namensträger …   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Biografien/Gi — Biografien: A B C D E F G H I J K L M N O P Q …   Deutsch Wikipedia

  • Solidarökonomie — Solidarische Ökonomie ist ein Sammelbegriff für Formen des Wirtschaftens, die sich an sozialen, demokratischen oder ökologischen Zielsetzungen orientieren. Vor allem in Europa und Lateinamerika existieren Modelle und Konzepte der Beschäftigung,… …   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Mitglieder der 14. Bundesversammlung (Deutschland) — Die Vierzehnte Bundesversammlung trat am 30. Juni 2010 zusammen, um einen neuen deutschen Bundespräsidenten wählen. Im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff gewählt. Nach dem Rücktritt Horst Köhlers am 31. Mai 2010 hatte die 14.… …   Deutsch Wikipedia

  • ATTAC — association pour une taxation des transactions financières pour l aide aux citoyens (attac) Zweck: globalisierungskritische Organisation Vorsitz: Gründungsdatum: 3. Juni 1998 Mitgliederzahl …   Deutsch Wikipedia

  • Association pour une Taxation des Transactions financières pour l'Aide aux Citoyens — (attac) Zweck: globalisierungskritische Organisation Vorsitz: Gründungsdatum: 3. Juni 1998 Mitgliederzahl …   Deutsch Wikipedia

  • JANUN — ist die Abkürzung für JugendAktion Natur und Umweltschutz Niedersachsen e. V. Der Zusatz Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen wird seit Ende der 1990er Jahre verwendet. JANUN ist ein landesweites Netzwerk der Jugendverbände, Jugendumweltbüros,… …   Deutsch Wikipedia

  • Lobbyismus — ist eine aus dem Englischen übernommene Bezeichnung (Lobbying) für eine Form der Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft. Mittels Lobbyismus versuchen Interessengruppen (Lobbys), die Exekutive und die Legislative zu beeinflussen (vor… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”