Synthese

Als Synthese (spätlateinisch synthesis, von griechisch σύνθεσις, sýnthesis - die Zusammensetzung, Zusammenfassung, Verknüpfung) bezeichnet man den Umsatz (die Vereinigung) von zwei oder mehr Elementen (Bestandteilen) zu einer neuen Einheit. Der Begriff wurde von Hermann Kolbe 1845[1] in die Naturwissenschaft eingeführt. Oftmals wird mit der „Synthese“ auch das Produkt selbst, d. h. das Resultat der synthetischen Tätigkeit bezeichnet. Die Synthese ist untrennbar verbunden mit dem ihr entgegengesetzten Verfahren der Analyse. In der Naturwissenschaft ist Synthese auf Materie (z. B. Chemische Synthese von Stoffen) bezogen und in der Geisteswissenschaft abstrakt (z. B. das Zusammenstellen einer neuen Metapher, Beispiel: „Zahn der Zeit“) zu verstehen, daher synthetisch im Sinne einer synthetisierenden Sprache: synthetischer Sprachbau. Die Philosophie versteht unter Synthese nach Abwägung von Pro- und Kontra (Dialektik) das Erstellen einer neuen Lehräußerung oder Theorie.

Inhaltsverzeichnis

Synthese als Methode zum Erkenntnisgewinn

Der Vorgang der Analyse endet in der Erkenntnis über das Wesen einer Erscheinung und dessen inneren Zusammenhängen. Die Synthese kehrt diesen Vorgang um und versucht, aus den Elementen, welche durch die Analyse gefunden wurden, ein neues Ganzes zusammenzusetzen. Dialektisch erhebt die Synthese das Einzelne auf die Stufe des Allgemeinen, das Konkrete auf die des Abstrakten, sie fasst das Mannigfaltige zu einer Einheit zusammen. Dadurch gelangt man mit elementareren zu komplexeren Begriffen.

Im europäisch historischen Sinne sind erste Ansätze zur Bildung von Synthesen bei Platon als Ergebnis von sokratischen Gesprächen vorhanden.

Pappos von Alexandria stellt eine Problemanalyse des Konstruktionsverfahrens für geometrische Problemlösungen dar. Die oben beschriebene Neuordnung der einzelnen Elemente führt zu logischen und wahren Sätzen der Geometrie (Euklidische Geometrie). In der neuzeitlichen Algebra wird darunter die Suche nach den hinreichenden Bedingungen für das Gleichungslösen verstanden.

Isaac Newton schloss sich dieser von Pappos v. Alexandria maßgeblich bestimmten Methodik an und versteht unter der Synthese die Ableitung von physikalischen Prinzipien aus den mechanischen Prinzipien. Auch hier wird in der analytischen Mechanik die Suche nach hinreichenden Lösungsbedingungen von Bewegungsgleichungen verstanden.

Immanuel Kant geht davon aus, dass es "synthetische" Sätze oder Urteile gibt, in die nicht analytisch erklärbare Teile einfließen und ihnen somit scheinbar Neues hinzufügen. Man spricht in diesem Zusammenhang von Erweiterungsurteilen. Die Welt könne nicht ohne unsere eigenen sogenannten synthetisierenden Leistungen gedacht werden.

In der modernen Wissenschaftstheorie wird zwischen formal-synthetischen Aussagen und materiell-synthetischen Aussagen unterschieden. Erstere werden durch das Handeln mit bestimmten Symbolen und der Regeln für den Umgang mit diesen gerechtfertigt. Bei den materiell-synthetischen Aussagen wird mittels Rückgang auf die Elemente eine bestimmte ideale Form geschlossen.

Gegenüber der empirischen Arbeitsweise oder der des Experimentes, wird bei der Synthese aus einem mathematischen Modell die Realisierung gewonnen. Aus Erfahrungen der Analyse ist bekannt, dass es oft mehrere Realisierungen gibt, die in mindestens einer ihrer Eigenschaften übereinstimmen. Daraus geht hervor, dass das Syntheseproblem und damit die speziellen Syntheseaufgaben nicht eindeutig lösbar sind. Die Teilaufgaben einer Synthese sind: 1. Mathematische Synthese, 2. Struktursynthese, 3. Äquivalenzetappe, 4. Realisierung

Spezielle Anwendungsgebiete

  • die Herstellung neuer Stoffe durch die Reaktion bestimmter Elemente oder Moleküle miteinander, spezielles Gebiet insb. der organischen Chemie → Synthese (Chemie), Katalysator
  • in der Elektrotechnik der Entwurf von linearen sowie nichtlinearen Systemen, Schaltkreisen und elektromagnetischen Feldern, auch der Entwurf von digitalen Schaltkreisen → Synthese (Elektrotechnik), Wilhelm Cauer
  • in der Mechanik der Entwurf von Systemen, die zur Realisierung einer vorgegebenen Bewegungsaufgabe dienen, z. B. eines Getriebes
  • in der Informatik wird die Synthese als Problemlösungsstrategie von wissensbasierten Systemen angewendet → künstliche Intelligenz
  • in der Musik, in der man mit der Kenntnis bestimmter einzelner instrumenteller Elemente und bestimmter harmonischer Regeln neue Stücke komponieren kann → Synthesizer, Herbert Brün, Musiktheorie
  • im künstlerischen Bereich im Allgemeinen, in der man mit Kenntnis bestimmter künstlerischer Elemente und deren Kombination neue Formen und Kompositionen schaffen kann → bildende Kunst, Architektur
  • programmatisch bereits im Titel, die französische geschichtsphilosophische Zeitschrift Revue de synthèse

Literatur

  • Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (in 4 Bd.), J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 1980-1996
  • Klaus, Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch (in 2 Bd.), Bibliographisches Institut, Leipzig (versch. Auflagen)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. "Beiträge zur Kenntnis der gepaarten Verbindungen", Ann. Chem. & Pharm. 115 (1860) S. 145

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