Baldachin
Frei hängender Baldachin zur Eröffnung der Weltausstellung 1851 im Londoner Kristallpalast

Ein Baldachin (italienisch baldacchino, mittelhochdeutsch baldekin, auch Himmel genannt, eigentlich ein in Baldach [mittellat. für Bagdad] gefertigter Goldbrokat) ist ein Zierdach für Throne, Betten, Kanzeln, Denkmäler und anderes, das ursprünglich aus Brokat gefertigt wurde.

Als Bezeichnung für den Thronhimmel sind Baldachine im Deutschen seit dem Jahr 1667 belegt. Orientalische Herrscher erschienen damals als Zeichen der Würde unter einem von Dienern getragenen Baldachin. Als Geschenke gelangten diese dann im frühen Mittelalter in das Abendland. Später wurden sie durch die Kreuzzüge und den Handel orientalischer Staaten mit Venedig in Europa weiter verbreitet.

Bett mit Baldachin im Schloss Versailles

Inhaltsverzeichnis

(Innen)architektur und Möbelbau

In der Architektur, Innenarchitektur und im Möbelbau wird der Begriff auch für die prunkvolle Überdachung von Thronen, Kanzeln, Bischofssitzen und ähnlichem verwendet und bezeichnet ganz allgemein Zierdächer und schmuckvolle Giebel. Auch die auf Säulen ruhende Überdachung von Altären – insbesondere in den frühchristlichen Kirchen (hier auch Ziborium) – und Denkmälern wird so genannt.

Im weltlichen und privaten Bereich hat bis heute vor allem das im Mittelalter aufgekommene Himmelbett Bedeutung, ein vierpfostiges Bett mit Himmel und ggf. Vorhängen. Häufig wurden auf Betthimmeln Geheimfächer angebracht, in denen das Ersparte auf die „Hohe Kante gelegt“ wurde.

Auch Kinderwiegen, Stubenwagen, Babybetten, Kinderwagen und Hollywoodschaukeln besitzen oft ein himmelartiges Dach aus Stoff.

Prozessionen

Tragbarer Baldachin bei einer römisch-katholischen Prozession

Baldachine bzw. Himmel werden bei der Fronleichnams-Prozession der katholischen Kirche über der Monstranz getragen. Die vier Träger des Himmels werden „Himmelträger“ genannt.

Die Fronleichnams-Prozession wird seit dem Jahre 1246 im Bistum Lüttich gefeiert und wurde 1264 von Papst Urban IV. zum Fest der Gesamtkirche erhoben.

Hochzeit

Die jüdische Hochzeit findet traditionell unter einem Stoffbaldachin, der sogenannten Chuppa, statt. Der Traubaldachin symbolisiert zum Einen das Haus des neuen Ehemannes, zum Anderen die Wirkstätte der Ehefrau. Der heute übliche Stoffbaldachin ist seit circa dem 16. Jahrhundert in Gebrauch.[1]

Kraftfahrzeugausstattung

Auto-Himmel (klassische Ausfertigung)

In der Kraftfahrzeugausstattung bezeichnet "Himmel" die Stoffbespannung der Decke von Autoinnenräumen. Derartige Himmel in ihrer klassischen Form bestehen aus speziellem Stoff, der mit Hilfe von Drahtbügeln und klar auftrocknendem Klebstoff unter dem Blechdach des Autos befestigt wird. Die Bügel werden in eingenähten Taschen oberhalb des Himmels eingeschoben; sie sorgen für die gewölbte Form des Himmels. Bei modernen Autos werden mit Textil beschichtete Kunststoffschalen eingeclipst.

Elektroinstallation

Im Bereich der Elektroinstallation werden Verteilerdosen an der Decke, typischerweise bei Leuchten, auch Baldachin genannt. Zumeist ist es ein Kunststoffhohlteil, das zur Kaschierung von elektrischen Anschlüssen dient. Der Baldachin verdeckt dabei den Deckenauslass für die Zuleitungskabel. Somit dient er neben dem sicherheitsrelevanten Schutz vor offenen Stromadern hauptsächlich der Ästhetik, indem er undekorative Kabelverbindungen und Lüsterklemmen versteckt.

Einzelnachweise

  1. Artikel über den Hochzeitsbaldachin von Lamm

Literatur

  • Marga Weber: Baldachine und Statuenschreine. Giorgio Bretschneider, Rom 1990, ISBN 88-7689-036-X.

Siehe auch

  • Sonnenschirm (Weiterentwicklung des von Dienern getragenen Baldachins)

Weblinks

 Commons: Baldachins – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Baldachin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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  • Baldachin — Bal da*chin, n. [LL. baldachinus, baldechinus, a canopy of rich silk carried over the host; fr. Bagdad, It. Baldacco, a city in Turkish Asia from whence these rich silks came: cf. It. baldacchino. Cf. {Baudekin}.] 1. A rich brocade; baudekin.… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Baldachin — Sm prunkvolle Überdachung per. Wortschatz fach. (14. Jh.) Entlehnung. Zunächst im 14. Jh. als mhd. baldekīn entlehnt aus it. baldacchino, einer Ableitung von it. Baldacco, der italienischen Form des Namens der Stadt Bagdad (arab. baġdādi aus… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Baldachin — Baldachin: Die Bezeichnung für »prunkvolle Überdachung aus Stoff, Thron , Traghimmel« wurde Anfang des 17. Jh.s aus gleichbed. it. baldacchino entlehnt. Das it. Wort gehört zu Baldacco, einer älteren Form des it. Namens für Bagdad, das früher… …   Das Herkunftswörterbuch

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  • Baldăchin — (franz. Baldaquin, ital. Baldacchino), eine verzierte, von Säulen getragene oder auch an der Wand befestigte Decke über einem Thron, einem Bett, einer Kanzel etc., auch ein auf vier Stangen getragener viereckiger Schirm von Seide, Brokat oder… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Baldachin — Baldachin, ursprünglich ein Prachthimmel für einen Altar, Thron, Bischofsstuhl, eine Kanzel, der aus einem kostbaren Stoff aus Baldak (Bagdad) gefertigt wurde (daher der Name). Später wurden auch feste Altarüberbauten, im gotischen Stile die… …   Lexikon der gesamten Technik

  • Baldachin — Baldăchin (eigentlich ein in Baldach, d.i. Bagdad gefertigter Goldbrokat), eine aus kostbaren Stoffen bestehende zelt oder schirmartige Decke über einem Thron [Abb. 154], Ruhebett, Altar u. dgl.; auf Stangen als »Traghimmel« bei Prozessionen… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Baldachin — Baldachin, Traghimmel, Thronhimmel …   Damen Conversations Lexikon

  • Baldachin — Baldachin, Thronhimmel, ursprünglich in den Kirchen über dem Altare, über den Thronsitzen der Bischöfe und Fürsten angebracht; so heißt auch der tragbare Thronhimmel über dem Sanctissimum bei feierlichen Prozessionen …   Herders Conversations-Lexikon

  • baldachin — BALDACHIN. s. m. On prononce Baldaquin. Dais qu on porte sur le saint Sacrement, ou sur la teste du Pape dans les processions …   Dictionnaire de l'Académie française

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