Baldassare Boncompagni

Baldassare Boncompagni Ludovisi (* 10. Mai 1821 in Rom; † 13. April 1894 ebenda) war ein italienischer Mathematikhistoriker. Obwohl er keine akademische Position innehatte, gilt er als einer der führenden Mathematikhistoriker des 19. Jahrhunderts.

Leben und Wirken

Boncompagni war von Haus aus wohlhabend und stammte aus einer alten adligen Familie (er hatte den Fürstentitel), zu der auch Papst Gregor XIII., der Initiator der Gregorianischen Kalenderreform, gehörte. Er besuchte das Collegio Romano in Rom, wo er Vorlesungen in Mathematik und Physik bei Baraba Tortolini hörte. 1843 erschien seine erste mathematische Arbeit in Crelles Journal. Danach wandte er sich der Physik- und Mathematikgeschichte zu und wurde für seine Arbeiten in die neu gegründete Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen – nach der Gründung Italiens lehnte er die Einladung in die als Konkurrenz neu gegründete Accademia dei Lincei ab. Bekannt wurde er vor allem für seine Arbeiten zur Mathematik des Mittelalters. 1851 erschien sein Buch über Plato von Tivoli, einen Übersetzer des 12. Jahrhunderts, und über Gerhard von Cremona. Für den Druck der Bücher, die ungewöhnliche Buchstaben verlangten, gründete er eine eigene Druckerei in seinem römischen Palazzo, die auch zum Beispiel die Berichte der Päpstlichen Akademie herausgab. Insbesondere widmete er sich der Erforschung von Fibonacci (Leonardo von Pisa), über den er 1852 eine Biographie schrieb und von dem er 1854 einige Werke mit Faksimiles herausgab. In der Ambrosiana in Mailand entdeckte er verschollen geglaubte und unbekannte Manuskripte von Fibonacci (Liber Quadratorum, Flos) und gab sie, mit Ergänzungen des Turiner Anwalts Angelo Genocchi, heraus (Opuscoli di Leonardo Pisano, 2. Auflage 1856). 1857 gab er die erste gedruckte Version des Liber Abaci von Fibonacci mit Kommentaren von Pietro Cossali heraus. 1862 folgten dessen Practica Geometria. Er gab auch weitere mittelalterliche Texte heraus, so das erste gedruckte Arithmetik-Buch (Aritmetica di Treviso, 1862 in den Akten der Päpstlichen Akademie). 1868 gründete er die Zeitschrift „Bullettino di bibliografia e di storia delle scienze matematiche e fisiche“, die er auf eigene Kosten – er verschickte kostenlos Exemplare an viele Akademien, Büchereien und Wissenschaftler – bis 1887 druckte und herausgab (eine Reprint-Ausgabe erschien 1968), mit der er wesentlich zur Etablierung der Mathematikgeschichte als Wissenschaft beitrug. Sie wurde schließlich eingestellt, da Boncompagni keinen Nachfolger als Herausgeber fand – sein Favorit Antonio Favaro war mit der Herausgabe der Werke Galileis beschäftigt. Boncompagni trug auch eine umfangreiche private Bibliothek von 600 Manuskripten und 20.000 Büchern zusammen (deren Katalog von seinem Sekretär Narducci 1862 und 1892 publiziert wurde), die nach seinem Tod zerstreut und versteigert wurde.

Literatur

  • Dauben, Scriba (Herausgeber) Writing the history of mathematics, Birkhäuser 2002
  • Giovanni Codazza Il principe Boncompagni e la storia delle scienze matematiche in Italia, Il Politecnico Bd.20, 1864, S.5–27

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Baldassare Boncompagni — Baldassarre Boncompagni Ludovisi, parfois francisé en Balthazar Boncompagni, (Rome 10 mai 1821 Rome 13 avril 1894), prince de Piombino, est un historien italien qui s était spécialisé dans l …   Wikipédia en Français

  • Boncompagni — ist der Familienname folgender Personen: Baldassare Boncompagni (1821–1894), italienischer Mathematikhistoriker Elio Boncompagni (* 1933), italienischer Orchesterleiter und Dirigent sowie ehemaliger Generalmusikdirektor in Aachen Ignazio Gaetano… …   Deutsch Wikipedia

  • Boncompagni — Patronyme Armes des Boncompagni: un Dragon ailé, mais sans queue, d or en champ de gueules D autres porteurs de ce patronyme sont: Ugo Boncompagni (1502 1585), devenu pape Grégoire XIII en 1572. Ignazio Gaetano Boncompagni Ludovisi (1743 1790),… …   Wikipédia en Français

  • Boncompagni — (spr. pannji), 1) Carlo, Graf von Lamporo, ital. Staatsmann, geb. 25. Juli 1804 zu Saluggia in Piemont, gest. 14. Dez. 1880, studierte die Rechte und trat 1826 in die richterliche Laufbahn ein. Verfasser des königlichen Patents vom 1. Aug. 1845… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Balthasar Boncompagni — Baldassare Boncompagni Baldassare Boncompagni Baldassarre Boncompagni Ludovisi, parfois francisé en Balthazar Boncompagni, (Rome 10 mai 1821 Rome 13 avril 1894), prince de Piombino, es …   Wikipédia en Français

  • 11981 Boncompagni — Infobox Planet minorplanet = yes width = 25em bgcolour = #FFFFC0 apsis = name = Boncompagni symbol = caption = discovery = yes discovery ref = discoverer = discovery site = Osservatorio San Vittore discovered = 20 October, 1995 designations = yes …   Wikipedia

  • Fibonacci — Liber abbaci, MS Biblioteca Nazionale di Firenze, Codice Magliabechiano cs cI 2616, fol. 124r: Berechnung der „Kaninchenaufgabe“ mit Fibonacci Reihe Leonardo da Pisa, auch Fibonacci genannt (* um 1180? in Pisa; † nach 1241? in Pisa) war… …   Deutsch Wikipedia

  • Leonard von Pisa — Liber abbaci, MS Biblioteca Nazionale di Firenze, Codice Magliabechiano cs cI 2616, fol. 124r: Berechnung der „Kaninchenaufgabe“ mit Fibonacci Reihe Leonardo da Pisa, auch Fibonacci genannt (* um 1180? in Pisa; † nach 1241? in Pisa) war… …   Deutsch Wikipedia

  • Leonardo Pisano — Liber abbaci, MS Biblioteca Nazionale di Firenze, Codice Magliabechiano cs cI 2616, fol. 124r: Berechnung der „Kaninchenaufgabe“ mit Fibonacci Reihe Leonardo da Pisa, auch Fibonacci genannt (* um 1180? in Pisa; † nach 1241? in Pisa) war… …   Deutsch Wikipedia

  • Leonardo da Pisa — Liber abbaci, MS Biblioteca Nazionale di Firenze, Codice Magliabechiano cs cI 2616, fol. 124r: Berechnung der „Kaninchenaufgabe“ mit Fibonacci Reihe Leonardo da Pisa, auch Fibonacci genannt (* um 1180? in Pisa; † nach 1241? in Pisa) war… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”