Balluch
Baluch bei einem Vortrag in Heidelberg, 2008

Martin Balluch (* 12. Oktober 1964) ist ein österreichischer Tierethiker und Tierrechtsaktivist mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, der sich als Obmann des Vereins gegen Tierfabriken für Tierschutz und Tierrechte einsetzt.

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftliche Laufbahn

Balluch studierte Mathematik, Physik und Astronomie an der Universität Wien. Anschließend promovierte er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1989 zum Doktor der Physik. In den Jahren 1990 bis 1997 arbeitete er als Universitäsassistent neben Stephen Hawking im Department of Applied Mathematics and Theoretical Physics (DAMTP) an der Universität Cambridge. Die zweite Promotion im Fach Philosophie erfolgte im Jahr 2005 im Bereich Tierethik.

In den Jahren von 1986 bis 1997 veröffentlichte Balluch 14 Arbeiten in den Bereichen Physik und Astronomie.[1]

Tierschutzengagement

Sein Tierrechtsengagemnet startete Martin Balluch 1985 in Cambridge und seit 1989 lebt er vegan. 1997 kehrte er nach Wien zurück, um die Kampagnen des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) zu koordinieren. 1999 war er einer der Mitbegründer der Veganen Gesellschaft Österreichs. Seit 2002 ist der der Obmann des VGT. Balluch wurde als Sachverständiger in Tierschutzfragen vom österreichischen Nationalrat konsultiert und betätigt sich als Tierschutzlehrer an weiterführenden Schulen. Er hält international Vorträge zu den Themen Tierethik und Aktivismus, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und wurde von den Grünen im Rahmen der Nationalratswahlen 2008 als unabhängiger Kandidat aufgestellt. Er schreibt neben Gastbeiträgen in anderen Medien regelmäßig als Chefredakteur im Vereinsmagazin des VGT Tierschutz konsequent und moderiert wöchentlich das Tierrechtsradio bei Radio Orange.

Der Philosoph Peter Singer sieht in Balluch „einen der führenden Sprecher der weltweiten Tierrechtsbewegung für einen gewaltfreien, demokratischen Weg der Reformen.“ ([2]) Am 21. Mai 2008 wurde Martin Balluch im Zuge der Operation SoKo Pelztier wegen des Vorwurfs der Bildung einer kriminellen Vereinigung unter dem Pseudonym Animal Liberation Front als einer von zehn Aktivisten verschiedener Organisationen für über drei Monate in Untersuchungshaft genommen. Die Festnahme führte zu weltweiten Protesten.

Positionen

Balluch vertritt einen naturwissenschaftlich–deontologischen Ansatz für Tierrechte. Er argumentiert ausgehend von den ethischen Paradigmen der Universalität, Freiheit von Dogmen, Kontextuellen Relevanz der Begründung von Forderungen und Konsistenz. Wenn wegen bestimmten Eigenschaften Grundrechte für ein Individuum gefordert werden, dann müssen dieselben Rechte für alle Individuen mit denselben Voraussetzungen gefordert werden. Voraussetzung für Grundrechte (Leben Freiheit und Unversehrtheit) sieht er im Bewusstsein gegeben, da dies die Fähigkeit zu persönlichen Interessen voraussetze. Weil Grundrechte notwendig zum Realisieren von Interessen allgemein seien, sei es zumindest implizites Interesse aller bewussten Wesen, Grundrechte zu haben. Dass einige nichtmenschliche Tiere Interessen haben, sieht er durch moderne Verhaltensforschung bestätigt. Dass Bewusstsein künstlich nicht etwa durch leistungsfähige Rechner simmuliert werden könnte, führt er auf die gödelsche Unvollständigkeit zurück. Ein ähnliches Argument wurde in den 60ern von Lucas für Menschenrechte angeführt und kritisiert.[3]

Präferenz-Utilitaristische Ansätze kritisiert Balluch in Bezug auf ihre Anwendung zum Begründen von Grundrechten. Präferenzen seien immer subjektiv weil sie nur in Bezug auf ein System von Präferenzen festzustellen wären. Ein objektives Ermitteln einer Bewertung einer Handlung sei mangels eines objektiven Präferenzensystems nicht möglich. [4]

Methodik

In Hinsicht auf die in Tierrechtskreisen stark diskutierte Frage, inwiefern an vorgeblich speziezistische Grundhaltungen in der Gesellschaft pragmatische Zugeständnisse gemacht werden sollten, strebt Balluch pragmatische Ansätze für graduelle Verbesserungen an. Wissenschaftliche und philosophische Argumente seien zwar notwendig für die Bewegung, aber andererseits oft zu schwer nachvollziehbar für Personen außerhalb der Tierrechtsbewegung. Interne Fachdiskurse und Stellungnahmen nach außen sollten unterschieden werden. Öffentlichkeitstaugliche Kommunikation solle tierliches Leid als Problem darstellen und wirksame Handlungsalterativen aufzeigen, die realistisch erreichbar scheinen. Ethische Argumente, die noch abseits des gesellschaftlichen Konsens liegen, würden in der Kommunikation mit Personen jenseits der Tierrechtsbewegung lediglich Befremdung hervorrufen. Dies würde zu einer Voreingenommenheit gegenüber für Tierethik eintretende Personen führen und so jede Weiterentwicklung im Sinne der Tiere behindern.

Er argumentiert, dass Verbesserungen im „Nutz“-tierschutz nicht nur wesentlich leichter erreichbar wären als ein Verständnis für die Argumentation von Tierrechtlern, sondern dass das öffentliche Problembewusstsein gemeinsam mit Tierschutzbestimmungen wachse. Eine Gesellschaft, in der Tierprodukte nicht bequemste Norm, sondern kaum verfügbare Güter wären, sei Voraussetzung, um Diskurse über vegane Grundhaltungen sinnvoll zu führen. [5]

Von abolitionstischer Seite wird Balluch etwa von Lee Hall oder Gary L. Francione für diesen Ansatz kritisiert. Die Möglichkeit der Vermittlung eines als gerecht empfundenen Umgangs mit nichtmenschlichen Tieren werde marginalisiert. Leid werde eher von einer Ausprägung auf Andere verlagert als abgeschafft. Das Paradigma der Fremdbestimmung tierlichen Lebens durch menschliche Interessen bliebe unberührt beziehungsweise sogar bestärkt. Angebliche Erfolge in der Gesetzgebung in Österreich hätten zu teilweise besseren Bedingungen in der grundsätzlich fortbestehenden und für einige Veganer nicht hinnehmbaren nichtmenschlichen Ausbeutung beigetragen. Konzepte seien tagesaktuell und populistisch angelegt. Sie lähmten die Bereitschaft Verantwortlicher, angeblich konsequentere Schritte hin zu ernstzunehmenden Bemühen um Tierrechte und Veganismus zu unternehmen. [6]

Publikationen

Physik
  • Numerische Loesung einer Differentialgleichung 1. Ordnung mit der Methode der Charakteristiken am Beispiel der Strahlungstransportgleichung. Diplomarbeit in Mathematik, Universität Wien, Österreich, 1986.
  • Energietransport durch Strahlung in protostellaren Huellen. Diplomarbeit in Astronomie, Universität Wien, Österreich, 1987.
  • Protostellar Evolution. I. The Behaviour of the Eddington factor and the accretion shock. Astronomie und Astrophysik, 200, 58-74, 1988.
  • Stabilität protostellarer Akkretionsstroemungen. Doktorarbeit in Physik, Universität Heidelberg, 1989.
  • Solar heating rates: the importance of spherical geometry. Lary, D.J., and Balluch: M., J. Atmos. Sci., 50, 3983-3993, 1993.
  • Reply to the comments on `solar heating rates: the importance of spherical geometry. Balluch, M., and Lary, D.J.: J. Atmos. Sci., 52, 3-15, 1994.
  • Solar heating after a volcanic eruption: the importance of SO2 absorption. Lary, D.J., Balluch, M., and Bekki, S.: Q. J. Roy. Meteorol. Soc. , 120, 1683-1688, 1994.
  • Adaptive Numerical Advection. The co-ordinate transformation method. In Comp. Phys. Comm., Thematical Issue on Numerical Methods in Astrophysical Hydrodynamics, ed. W.J. Duschl and W.M. Tscharnuter, 89, No. 1-3, 91-117, 1995.
  • A new numerical model to compute photolysis rates and solar heating with anisotropic scattering in spherical geometry. Annales Geophysicae, 14, 80-97, 1996.
  • Refraction and Atmospheric Photochemistry. Balluch, M., and Lary, D.J.: Journal of Geophysical Research - Atmospheres, accepted, 1997.
  • Quantification of lower stratospheric mixing processes using aircraft data. Balluch, M., and Haynes, P.H.: Journal of Geophysical Research - Atmospheres, accepted, 1997.
Philosophie
  • Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte. Guthmann-Peterson, Wien 2005. ISBN 3-900782-48-2. (Eingereicht als Doktorarbeit in Philosophie.)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Balluch, Martin. Publizierte Arbeiten, Curriculum vitae, Cambridge 1997.
  2. Singer, Peter. Of great apes and men, The Guardian, 18. Juli 2008.
  3. Lucas: Minds, Machines and Gödel Philosophy, XXXVI, 1961
    Hier wird eine Literaturliste zur Kritik des Arguments geführt.
  4. Balluch, Martin: Recht auf Autonomie statt Pflicht zur Leidensminimierung - Kritik an Konsequentialismus und Pathozentrismus Essay, 15. März 2007
  5. Balluch, Martin. Abolitionism versus Reformism VGT März 2008
  6. Hall, Lee. More industry reform... or the vegan paradigm?, abolitionist-online, Mai 2008.
    Francione, Gary L. A “Very New Approach” or Just More New Welfarism?, The Abolutionist Approach (Blog), 9. April 2008.

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