Bambule (Fernsehspiel)

Bambule ist ein deutsches Fernsehspiel des Südwestfunks aus dem Jahr 1970; Regie führte Eberhard Itzenplitz, das Drehbuch stammte von Ulrike Meinhof.

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Der Film kritisiert die autoritären Methoden der Heimerziehung (Fürsorgeerziehung) in einem Mädchenheim. Im Verlauf der Handlung kommt es zu einer Revolte der Heiminsassinnen gegen die unterdrückenden Strukturen. Die Handlung des Films wird oft auch als Parabel auf die gesellschaftlichen Zustände der Zeit verstanden, denen eine neue, verschärfte Form des Klassenkampfes entgegengesetzt werden müsse.

Sprache

In den Dialogen wird u. a. breiter Berliner Dialekt und Soziolekt (z. B. ‚Trebe‘ für Davonlaufen, ‚Peikern‘ für Tätowieren, ‚Bunker‘ für Arrestzelle) verwendet, was zwar authentisch wirkt, aber das Verständnis erschwert. Außerdem singen die Mädchen mehrere szenetypische Lieder.

Handlung

Die vielschichtige Handlung spielt über 24 Stunden in einem West-Berliner Mädchenheim für adoleszente Mädchen. Gleich zu Anfang hauen zwei von ihnen ab; während Monika (Christine Diersch) sofort wieder eingefangen wird, gelingt Irene (Dagmar Biener) die Flucht. Während Monika zur Strafe im ‚Bunker‘ (einer Arrestzelle im Heim) sitzt, erzählt sie einer verständnisvollen und liberal eingestellten Erzieherin, Frau Lack, wie sie schon als kleines Kind von ihrer Stiefmutter ins Heim gesteckt und dort von Nonnen schikaniert wurde, besonders nachdem diese ihre lesbischen Neigungen entdeckten. Die ebenfalls lesbische Irene wird zunächst von ihrer Mutter abgewiesen und kommt schließlich bei zwei ehemaligen Heiminsassinnen (u. a. Barbara Schöne als Heidi) unter, die sich mittlerweile mit Prostitution über Wasser halten. Ein Treffen mit ihrer Freundin, einer Heiminsassin, die mittlerweile außerhalb des Heimes als Verkäuferin arbeitet, scheitert an einem Missverständnis, ebenso der Versuch, anschaffen zu gehen. Deswegen kehrt auch Irene in das Heim zurück. Monika wurde unterdessen gegen ihren Willen zu den Klosterschwestern abgeschoben, schafft es aber durch Provokation, dass diese sie postwendend an das Heim zurückschicken. Die dritte Hauptfigur, Evelyn (genannt ‚Iv‘, gespielt von Petra Redinger) zettelt in der folgenden Nacht einen Zellenaufstand (‚Bambule‘) an. Am Morgen sind die kleinen Fluchten der drei Protagonistinnen gescheitert, sie sitzen wieder im Heim, die Umstände haben sich verschärft – was wird die nächste Nacht bringen?

Filmmusik

Veröffentlichung

Die Ausstrahlung des Films war für den 24. Mai 1970 in der ARD geplant, wurde wegen der Beteiligung der Drehbuchautorin Ulrike Meinhof an der Befreiung von Andreas Baader am 14. Mai aber abgesetzt. Das Drehbuch erschien als Bambule. Fürsorge - Sorge für wen? bereits 1971 in Buchform. Erst ab 1994 wurde der Film in den dritten Programmen der ARD gezeigt. Film und Drehbuch sind die authentische Wiedergabe der Zustände, die sie in ihren Reportagen über Heimerziehung beschrieben hat[1] und heute wichtige Dokumente für die Beurteilung der Erziehungspraxis in Einrichtungen der Jugendhilfe der 1940er bis 1970er Jahre sind.[2]

1979 wurde am Schauspielhaus Bochum zu Beginn der Intendanz von Claus Peymann das auf dem Fernsehspiel beruhende Stück Fürsorgezöglinge (Regie: Raymund Richter, Mitarbeit: Bruno Klimek) uraufgeführt.

Siehe auch

Quellen

  • Ulrike Marie Meinhof: Bambule. Fürsorge – Sorge für wen? In: Rotbuch Nr. 24, Klaus Wagenbach, Berlin, 1971 Erstausgabe (ohne ISBN, als Taschenbuch in der Reihe: Wagenbachs Taschenbücherei, Band 428, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-2428-9).

Belege

  1. Marita Schölzel-Klamp, Thomas Köhler-Saretzki: Das blinde Auge des Staates: Die Heimkampagne von 1969 und die Forderungen der ehemaligen Heimkinder, 2010. S. 89.
  2. Manfred Kappeler: Fürsorge- und Heimerziehung. Skandalisierung und Reformfolgen, In: Meike Sophia Baader/ Ulrich Herrmann (Hrsg.): 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Impulse und Folgen eines kulturellen Umbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik, Weinheim 2010, S. 65, 80.

Weblinks


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