Bamoun-Schrift


Schriftbeispiel von A Ka U Ku (1910)

Die Bamoun-Schrift (auch: Bamum, Schümom oder Schumom) ist eine autochtone afrikanische Schrift für die Bamum-Sprache. Sie wurde 1896/97 von dem jungen König Njoya Ibrahima in mehreren Schritten entwickelt, eine Entwicklung, die bis in Jahr 1918 andauerte und sieben Schriftsysteme hervorbrachte.

Inhaltsverzeichnis

Von der Sprache zur Schrift

Das Wort "Schümom" oder "Schumom" ist abgeleitet aus "Schüpamom", welches eine der Eigenbezeichnung für die Bamoun ist, bezieht sich aber nicht genau auf den Namen für die Schrift, sondern auf eine Kunstsprache, die derselbe König zuvor erfunden hatte und diese dann zu verschriftlichen suchte. Daher verwendet man sowohl den Ausdruck 'Schümom-Schrift" als auch Bamoun-Schrift, obwohl letztere Bezeichnung korrekter ist.

Ausdehnung der Königreichs von Njoya Ibrahima in der heugiten Republik Kamerun

. Bamoun (oder Bamum, Bamun) ist ein Zweig der Semibantu-Sprachen und wird von einer kleineren Sprachgemeinschaft in Kamerun gesprochen.

Der Traum des Königs

Einer Legende zufolge wurde König Njoya Ibrahima durch einen Traum inspiriert und bat sein Volk verschiedene Gegenstände zu zeichnen und zu benennen. Hieraus entwickelte er eine Piktografie-Schrift, indem er für jedes Wort ein Piktogramm benutzte. Im Laufe seines Lebens entwickelte der König aus dieser ersten - ideographischen Konfiguration weitere Schriftsysteme bis sich das System in ein phonetisches verwandelte. Njoya verwendete quasi die Hieroglyphen-Methode, Typ Rebus, die darin besteht das Bild, das für ein bestimmtes Wort steht, für ein anderes gleich klingendes Wort ebenfalls zu verwenden. Dies führte letztendlich zum Gebrauch von Symbolen, die Laute repräsentieren und gleichzeitig die Bedeutung des Bildes.

Njoya kannte die arabische Schrift und war einigermaßen vertraut mit der lateinischen Schrift, arbeitete jedoch sieben gänzlich andere Schriftsysteme aus, von denen die ersten fünf Piktografien waren:

  1. Lewa (= Buch)
  2. Mbima (= gemischt)
  3. Nyi Nyi Nfa' (Namen der ersten drei Zeichen)
  4. Rii Nyi Nsha Mfw' (Namen der ersten vier Zeichen)
  5. Rii Nyi Mfw' Men
  6. A Ka U Ku (die ersten vier Laute des Alphabets)
  7. Mfemfe (= neu)

Inspiriert durch diese Schrift, entwickelten einige Nachbarvölker, die Mengaka sprachen, Anfang des 20. Jh.s die Bagam-Schrift[1], von welcher jedoch heute kein einziges Zeugnis mehr vorhanden ist mit Ausnahme eines Textes in Cambridge.

Die Bamoun Schriftsysteme im Einzelnen

Das System Lewa (=Buch)

Entwickelt 1896-7. Bestand aus 465 Piktogrammen bzw. laut anderen Quellen aus 511 Piktogrammen und 10 Schriftzeichen für Zahlen. Die Schreibrichtung war entweder von oben nach unten oder von links nach rechts oder von unten nach oben, Nur die Schreibrichtung von rechts nach links wurde vermieden, weil die benachbarten Haussa so schrieben und man auf jeden Fall den Eindruck vermeiden wollte, man habe das Schriftsystem von ihnen kopiert.

Das System Mbima (=gemischt)

Entwickelt bis 1899-1900. Es besaß 427 Zeichen und 10 Zahlzeichen. Es ware eine Vereinfachung des ersten Systems. Njoya ließ 72 Zeichen weg, fügte jedoch 45 neue hinzu. Auch dieses System war sehr piktographisch

Das System Nyi Nyi Nfa'

Entwickelt bis 1902. Dieses System ist eine Vereinfachung des vorherigen. Njoya ließ 56 Zeichen weg, so dass 371 sowie 10 Zahlzeichen übrig blieben. Mit diesem System schrieb er seine "Geschichte des Bamun-Volkes" und verwendete sie im Schriftwechsel mit seiner Mutter.

Das System Rii Nyi Nfa Mfw'

Entwickelt um 1907-8. Es hat 285 Schriftzeichen und 10 Zahlzeichen, wiederum eine Vereinfachung des vorherigen Systems.

Das System Rii Nyi Mfw' Men

Auch entwickelt um 1907-8; es hat 195 Zeichen und 10 Zahlzeichen. In diesem System wurde eine Bibel-Übersetzung verfasst.

Diese fünf Schriftsysteme sind eng miteinander verknüpft: bei allen handelt es sich um Piktogramme bzw. fortschreitende Vereinfachungen derselben.

Das System A Ka U Ku

Text in "A Ka U Ku", 6. Schümom-System, 1910

Entwickelt 1910. Mit diesem System erfolgte der Schritt hin zur Laut-Schrift: es ist eine Mischung aus phonetischem Silbenalphabet (einsilbig) und Alphabet mit 82 Silbenzeichen und 10 Zahlzeichen und damit gelang es Njoya 160 Phoneme auszudrücken. Mit dieser Schrift wurden der "Ehe-Codex", die Geburt- und Sterberegister geschrieben sowie Eheschließungen und Gerichtsverhandlungen/Gerichtsurteile.

Das System Mfemfe

1918 entwickelte er das siebte und letzte System "Mfemfe" (=neu) oder "A Ka U Ku Mfemfe" (Neu- oder Klein-A Ka U Ku). Es besitzt nur noch 72 „Buchstaben/Silben“ und die 10 Zahlzeichen.

Aufgabe des Schümom/Bamoun-Schriftsystems

Bis 1913 hatte Njoya den Bau einer Druckerei für sein Schriftsystem vollendet, welchen er um 1906 eingeleitet hatte, aber die französische Verwaltung zerstörte die Druckerei vollstängig. Ungeachtet dessen gab es 1916 bereits mehr als zwanzig Schulen, die sein Schriftsystem unterrichteten, verteilt über das gesamte Bamum-Territorium, mit insgesamt mehr als 600 Schülern. Njoya sah sich 1931 gezwungen nach Yaoundé ins Exil zu gehen, wo er 1933 mit 66 Jahren starb. Nach Njoyas Tod im Jahr 1933 hörte der Gebrauch der Bamoun-Schrift langsam auf[2].

Sicherung der schriftlichen Zeugnisse

Derzeit (2011) gibt es verschiedene Initiativen, um den bibliographischen Nachlass von mehr als 7.000 Texten in der Schümom-Schrift zu sichern, z.B. das Bamum Scripts and Archives Preservation Project (B.S.A.P.P.), geleitet von Konrad Tutscherer.

2006 initiierte das B.S.A.P.P. die Entwicklung von Textverarbeitungsschriftarten für diese Schriftsysteme[3] mit A-Ka-U-Ku als Referenzsystem, da es am meisten verwendet wurde und in ihm die meisten publizierten Texte vorliegen. Zu seiner Ausarbeitung werden insbesondere die Dokumente von König Njoya und seiner Mitarbeiter Nji Mama und Njoya Ibrahimou herangezogen.

UNICODE

Unicode-Block Bamum

Unicode kodiert die Bamoun-Schrift (System 6 und 7; A Ka U Ku und (A Ka U Ku) Mfemfe) ab Version 5.2 im Bereich U+A6A0 bis U+A6FF (Unicode-Block Bamum). 88 Schriftzeichen wurden in den Unicode Standard im Oktober 2009 mit Freigabe der Version 5.2 aufgenommen.

Unicode-Block Bamum, Ergänzung

Mit Unicode 6.0 (Oktober 2010) wurden historischen Stadien der Bamum-Schrift in den Unicode Standard aufgenommen. Diese sind im Unicode-Block Bamum, Ergänzung von U+16800-U+16A3F kodiert. Die verschiedenen Stadien der Schriftentwicklung werden mit "Phase-A" bis "Phase-E" gekennzeichnet. Die Bezeichnung der Zeichen halten die LETZTE Erscheinungphase fest. Zum Beispiel:

U+168EE BAMUM LETTER PHASE-C PIN ist in Phase C bestätigt, aber nicht in Phase D.

Bezeichnung der Schriftzeichen in Unicode

Die Rechtschreibung für die Bezeichnung der Schriftzeichen wurde in den Charts an ASCII angenähert:

  • ae für /ɛ/ (französisches è),
  • ee für /e/ (französisches é),
  • ae for /ə/ (französisches e),
  • o für /ɔ/,
  • eu für /ɯ/ (französisches eu),
  • ue für /y/ (französisches u) und
  • q für [Stimmloser glottaler Plosiv|Kehlkopfknacklaut] am (Silben)Ende /ʔ/ (französisches ’).

Das Silbenalphabet (Unicode) des 6. Schriftsystems "A Ka U Ku"

Bamum Silbenalphabet: weniger diakritische Zeichen, mit Digraphen und dem nʒɛmli-Zeichen (Großschreibung)

Die 80 Glyphen des modernen Bamum reichen nicht aus für alle C-V-Silben der Sprache. Dieser Mangel wird durch diakritische Zeichen und durch Kombinieren des Glyphen behoben.

Das Kombinieren von Glyphen

geschieht mittels CV1 und V2-Werte (anstelle von CV2), was die Schrift alphabetisch für Silben macht, die nicht direkt durch das Silbenalphabet abgedeckt sind (Englisch: "The deficiency is made up for with diacritics and by combining glyphs with CV1 and V2 values, for CV2, making the script alphabetic for syllables not directly covered by the syllabary."). Durch Hinzufügen des inhärenten Vokals einer Silbe wird der Konsonant stimmhaft gemacht:

Die Verwendung diakritischer Zeichen

Die beiden diakritischen Zeichen sind der Accent circumflex (^) (Bamoun: ko'ndon), der jedem der 80 Glyphen hinzugefügt werden kann und das Makron (¯)(Bamoun: tukwentis), der bei zirka einem Dutzend der Glyphen Verwendung findet.

Der Zirkumflex (^)

Der Zirkumflex fügt der Silbe generell einen Kehlkopfknacklaut an, z.B. wird

wie /kaʔ/ gelesen, obwohl der Vokal gekürzt wird und jeglicher Endkonsonant dabei entfällt, wie beispielsweise in:

pûə /puʔ/ and kɛ̂t /kɛʔ/.

Die Pränasalisierung geht ebenfalls verloren:

ɲʃâ /ʃaʔ/, ntê /teʔ/, ntûu /tuʔ/.

Manchmal nasalisiert jedoch der Zirkumflex:

/nɛn/, /pin/, /rɛn/, jûʔ /jun/, mɔ̂ /mɔn/, ɲʒûə /jun/ (Verlust des Nasalkonsonanten (NC) wie beim Kehlkopfknacklaut).

Weitere Idiosynkrasien: ɲʒə̂m /jəm/ (Verlust des Nasalkonsonanten), tə̂ /tɔʔ/ (Umlaut), ɲî /ɲe/, riê /z/, /n/, ʃɯ̂x /jɯx/, nûə /ŋuə/, kɯ̂x /ɣɯ/, rə̂ /rɔ/, ŋkwə̂n /ŋuət/, fɔ̂m /mvɔp/, mbɛ̂n /pɛn/, /tɯ/, kpâ /ŋma/, /fy/, ɣɔ̂m /ŋɡɔm/[4]

Das Makron ( ¯ )

ist ein 'Killer-Strich/Virama', der den Silbenvokal eliminiert und auf diese Weise Konsonanten- und Nasalkonsonanten-Cluster bildet (z.B. /nd, ŋɡ/), die für Silbenkodas genutzt werden können. Konsonanteisches /n/ wird sowohl als Koda benutzt als auch zur Pränasalisierung von Anfangskonsonanten.

Ausnahmen beim Makron sind

ɲʒūə gelesen als /j/, und ɔ̄ gelesen als /ə/.

Die Schrift hat eine differenzierte Zeichensetzung einschließlich eines Großschreibungs-Markers (nʒɛmli), das einem umgekehrten Fragezeichen ähnelt, für Eigennamen, und ein Dezimalsystem mit zehn Ziffern, wobei der frühere Glyph für „10“ jetzt „0“ bedeutet.

Fonts

Es gibt Fonts von verschiedener Seite, u.a. von Jason Gavy (JG Bamum Arial, JG Bamum Calligraphic, and JG Bamum Courier), dessen Fonts jedoch seit Februar 2011 nicht mehr im Internet abrufbar sind. Diese Fonts entsprechen wohl (noch) nicht dem Unicode Standard, da sie entwickelt wurden, bevor die Bamoum-Schrift in Unicode aufgenommen wurde.

Einzelnachweise

  1. Konrad Tutscherer, The Lost Script of the Bagam
  2. Das Ende Köng Njoyas und der Bamoun-Schrift
  3. Bamum Font Initiative
  4. Michael Everson and Charles Riley: "Preliminary proposal for encoding the Bamum script in the BMP of the UCS" (Deutsch: "Präliminarischer Vorschlag zur Codierung der Bamoun-Schrift in der BMP des UCS")

Literatur

  • Saki Mafundikwa: African alphabets. The story of writing in Africa. Batty Press, New York 2007, ISBN 0-9772827-6-7.

Weblinks


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