Bande von Nijvel
Nijvel in der Provinz Wallonisch-Brabant

Die Bande von Nijvel (niederländisch Bende van Nijvel, französisch Les Tueurs du Brabant), in Ostbelgien auch als Killerbande von Brabant bekannt, ist eine Gruppe, die gemeinhin für das Massaker von Brabant verantwortlich gemacht wird. Hierbei handelt es sich um eine Serie gewalttätiger Angriffe, die zwischen 1982 und 1985 in der belgischen Provinz Brabant stattfanden und 28 Todesopfer und über 20 Verletzte forderten. Nivelles ist eine Stadt der Provinz Wallonisch-Brabant und galt als geographisches Zentrum dieser Verbrechen. Die Verbrechen der Gruppe gelten, neben dem Fall Dutroux, als die aufsehenerregendsten der belgischen Nachkriegszeit.

Die Gruppe führte die bewaffneten Überfälle auf Restaurants, Einzelhändler, Supermärkte und ein Waffendepot mit beinahe militärischer Präzision aus. Die Täter erschossen dabei jeweils wahllos und kaltblütig mehrere unbeteiligte Menschen. Dies führte in der Öffentlichkeit zu dem Verdacht, dass die Vorfälle ein Versuch sein könnten, das Land gezielt zu destabilisieren. In diesem Zusammenhang wurde die Belgische Gendarmerie (Rijkswacht), eine Polizeiformation, die teilweise dem belgischen Verteidigungsminister unterstand, verdächtigt. Die bei den Morden verwendeten Tatwaffen waren teilweise aus einem Waffendepot der Polizei gestohlen worden.

Den Aussagen überlebender Augenzeugen zufolge bestand die Bande von Nijvel aus drei Haupttätern, die in verschiedenen Konstellationen bei jeder Tat als Anführer auftraten und einer größeren Anzahl wechselnder weiterer Täter. Die drei Anführer waren der Riese (so genannt aufgrund seiner Körpergröße), der Killer (dieser tötete 23 von insgesamt 28 Opfern) und der aufgrund seines Alters so genannte alte Mann.

Im Jahr 2008 ist die Identität und der Aufenthaltsort der Mörder noch immer unbekannt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Mögliche Motive

Die ungewöhnliche Professionalität und Brutalität bei der Ausführung der Verbrechen führte dazu, dass sich in der belgischen Öffentlichkeit mehrere Theorien über die Hintergründe der Taten verbreiteten. Diese sind zwar mittlerweile größtenteils widerlegt, tauchen jedoch regelmäßig in der öffentlichen Diskussion wieder auf.

Militante Gruppen

Die Bande wurde in der öffentlichen Diskussion mit der Neo-Nazi-Organisation Westland New Post in Verbindung gebracht. Diese hatte das Ziel, die belgische Gesellschaft zu destabilisieren und öffentliche Unruhen zu provozieren, um „eine Regierungsbildung durch die ultra-konservative Partei Parti Social-Chrétien zu fördern.“

Diese Theorie basierte auf Gerüchten über Neo-Nazi-Verbindungen der Gendarmerie in Brüssel und der „militärischen Präzision“ der Taten. Sämtliche Rijkswacht-Angehörigen hatten eine militärpolizeiliche Ausbildung und waren für Spezialeinsätze ausgebildet. Der umstrittene belgische Adlige Benoit de Bonvoisin, der sogenannte „Schwarze Baron“, wurde als einer der möglichen Finanziers der Nivellesbande genannt. Der ehemalige Leiter des Belgischen Staatssicherheitsdienstes (ndl. Veiligheid van de Staat) Albert Raes hatte diesen Begriff geprägt, nachdem de Bonvoisin wiederholt mit Kontakten zu den Cellules Communistes Combattantes und Gladio in Verbindung gebracht worden war. Der mutmaßliche Selbstmord des Anführers der Westland New Post Paul Latinus im April 1984 wurde mit der Gruppe ebenfalls in Verbindung gebracht.

Gladio

Das Massaker von Brabant wurde wiederholt mit einer Verschwörung innerhalb der belgischen „stay-behind“ Organisation SDRA8 in Verbindung gebracht. Diese agierte getarnt innerhalb des militärischen Nachrichtendienstes Algemene Dienst Inlichting en Veiligheid (ADIV), der belgischen Gendamerie SDRA6 und in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Nachrichtendienst Defense Intelligence Agency (DIA).

Einige Ermittler behaupten, dass die Verbrechen im Sinne einer Strategie der Spannung eine Art Präventivschlag gegen die kommunistische Bedrohung in Westeuropa gewesen seien. Die Taten wären in diesem Fall mit der Operation Gladio verbunden gewesen, einem paramilitärischen Geheimnetzwerk. Eine Untersuchung des belgischen Parlaments fand keine stichhaltigen Beweise, dass Gladio involviert war oder dass kriminelle Gruppierungen das Stay-Behind-Netzwerk infiltriert hatten.[2] Die diesbezüglichen Ermittlungen der Untersuchungskommission wurden von den Leitern mehrerer belgischer Geheimdienste massiv behindert, die sich weigerten, Namenslisten des belgischen Gladio-Zweigs SDRA8 an die Untersuchungskommission zu übergeben, womit sie rechtswidrig ausdrückliche Anweisungen des belgischen Verteidigungsministers und des Justizministers missachteten.[3] Die Vorgänge führten zur Einrichtung eines ständigen parlamentarischen Kontrollausschusses zur Überwachung der Nachrichtendienste.[4]

Rosa Ballette

Die belgische Boulevardpresse verbreitete wiederholt, zuletzt im Februar 2008, eine weitere Theorie, die auf einer der bekanntesten belgischen urbanen Legenden, den sogenannten Rosa Balletten (niederl. Roze Balletten;französisch:les ballets roses;auch mit DOSSIER PINON) beruht.[1][5][6][7] Der Begriff umschreibt angebliche Sexpartys, bei denen es wiederholt zu Verkehr zwischen minderjährigen Jungen und Mädchen sowie mehreren bekannten Mitgliedern der belgischen High Society gekommen sein soll. Hieran sollen der Legende zufolge Adlige, hohe Beamte, Politiker, Minister, Industrielle und Polizeibeamte teilgenommen haben.

Der Grundstücksmagnat Jacques Fourez und seine Sekretärin Elise Dewit, beide wurden 1983 durch die Nivellesbande ermordet, sollen dieser Ansicht nach geheime Videoaufnahmen dieser Partys besessen haben. Die Morde an Jacques van Camp, Léon Finné und Constantin Angelou wurden ebenfalls wiederholt mit derartigen Veranstaltungen in Verbindung gebracht.

Organisierte Kriminalität

Diese Theorie stand in Verbindung zum illegalen Waffenhandel, der in den achtziger Jahren ein Betätigungsfeld der Mafia war. Hierbei war der von der Bande in Overijse ermordete Bankier Léon Finné aufgrund seiner Verwicklungen in derartige Geschäfte eine Schlüsselfigur für solche Spekulationen.

Mit der Gruppe in Verbindung gebrachte Straftaten

Chronologie der Straftaten [8]
Datum Ort Ziel Opfer
14.8.1982 Maubeuge Angriff auf Lebensmittelgeschäft 1 Verwundeter
30.9.1982 Wavre Angriff auf Waffengeschäft 1 Toter, 3 Verwundete
30.9.1982 Hoeilaart Schüsse auf Mitglieder der BSR 2 Verwundete
23.12.1982 Brüssel Angriff auf das Hotel Chevaliers 1 Toter
9.1.1983 Mons Angriff auf einen Taxifahrer 1 Toter
25.2.1983 Uccle Angriff auf einen Supermarkt (Delhaize) 1 Verwundeter
3.3.1983 Hal Angriff auf Lebensmittelgeschäft (Colruyt) 1 Toter, 1 Verwundeter
10.9.1983 Temse Angriff auf Textilgeschäft 1 Toter, 1 Verwundeter
17.9.1983 Nivelles Angriff auf Lebensmittelgeschäft (Colruyt) 3 Tote, 1 Verwundeter
17.9.1983 Braine-l'Alleud Feuergefecht mit der Polizei 1 Verwundeter
2.10.1983 Ohain Angriff auf ein Restaurant 1 Toter
7.10.1983 Beersel Angriff auf einen Supermarkt (Delhaize) 1 Toter, 3 Verwundete
1.12.1983 Anderlues Angriff auf ein Juweliergeschäft 2 Tote
27.9.1985 Braine-l'Alleud Angriff auf einen Supermarkt (Delhaize) 3 Tote, 2 Verwundete
27.9.1985 Overijse Angriff auf einen Supermarkt (Delhaize) 5 Tote, 1 Verwundeter
9.11.1985 Aalst Angriff auf einen Supermarkt (Delhaize) 8 Tote, 9 Verwundete

Die Ermittler vermuten, dass die Überfälle deshalb plötzlich aufhörten, da möglicherweise einer der Täter, nach einem Überfall in Aalst am 9. November 1985, von der Polizei getroffen worden sein könnte und dies nicht überlebte. Wegen dieser These machte die Polizei noch zwanzig Jahre nach den Geschehnissen Ausgrabungen im Wald von Braine-le-Comte.

Jüngere Entwicklungen

Die Polizei nahm die Ermittlungen 2004 erneut auf, nachdem in dem Wald Bois de la Houssière einige verlassene Waffen, Edelsteine und Kleidungsstücke gefunden worden waren. Es handelte sich um den gleichen Wald, in dem 1985 die drei Hauptverdächtigen zum letzten Mal erkannt worden waren.

Nach einem anonymen Hinweis durchsuchten im Jahr 2005 die Ermittler erfolglos dasselbe Waldstück in der Annahme, dort den verscharrten Leichnam eines der drei Anführer zu finden.

Im Jahr 2006 fanden auf der Suche nach neuen Erkenntnissen in Südfrankreich Hausdurchsuchungen in den Unterkünften mehrerer bekannter Krimineller statt. Unter den Verdächtigen war der Schwerverbrecher und ehemalige Rijkswacht/Gendarmerie-Angehörige Madani Bouhouche. Bouhouche starb einen Tag nach der Durchsuchung in seinem Garten, während er mit einer Motorsäge Bäume fällte, durch einen Unfall.[9]

Sollten die Täter bis ins Jahr 2015 nicht gefasst sein, werden nach belgischen Recht alle Verbrechen verjähren, eine weitere Strafverfolgung wäre dann nicht mehr möglich.

Quellen

  1. a b http://www.nos.nl/nosjournaal/artikelen/2008/2/17/170208_nijvel.html
  2. Belgischer Senat (franz./holl.)
  3. Daniele Ganser: Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO’s Secret Stay-Behind Armies. In: The Whitehead Journal of Diplomacy and International Relations, South Orange NJ, 2005, Vol. 6, 1, S. 85
  4. Internetauftritt der Kommission (franz./holl./deu.)
  5. http://www.telegraaf.nl/buitenland/3329231/_Sekstape_van_Bende_van_Nijvel___.html?p=39,2
  6. http://www.ad.nl/buitenland/article2060239.ece
  7. http://www.rtl.nl/(/actueel/rtlnieuws/buitenland/articleview/)/components/actueel/rtlnieuws/2008/02_februari/17/buitenland/0217_1530_seksfilmpje_bende_van_nijvel.xml
  8. Belgische Abgeordnetenkammer: Enquête parlementaire sur les adaptations nécessaires en matière d'organisation et de fonctionnement de l'appareil policier et judiciaire, en fonction des difficultés surgies lors de l'enquête sur « les tueurs du Brabant ». Rapport fait au nom de la commission d'enquête par MM. Renaat Landuyt et Jean-Jacques Viseur. Brüssel, 14. Oktober 1997, S. 21–22. [1] (pdf)
  9. Expatica, 6. Januar 2006, Secrets untold

Literatur

  • Dirk Barrez: Het onderzoek, een bende. Over het onderzoek naar de Bende van Nijvel. Standaard, Antwerpen 1996.
  • Raf Sauvillier en Jan Willems: De bende van Nijvel. Tien jaar blunders van het gerecht. Icarus, Antwerpen 1995.
  • Daniele Ganser: NATO Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. 2. Auflage. Orell Füssli, Zürich 2008, S. 221–235, ISBN 978-3-280-06106-0.

Weblinks

Siehe auch


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