Bankenkrise

Als Bankenkrise wird ein Zustand bezeichnet, in dem das Vertrauen in das Bankensystem durch finanzielle Probleme einer oder mehrerer Kreditinstitute so schwer beschädigt wird, dass ein Ansteckungseffekt droht. Durch diesen Ansteckungseffekt können auch weitere Kreditinstitute und deren Gläubiger, möglicherweise die Finanzmärkte und in der Folge die gesamte Volkswirtschaft geschädigt werden.

Inhaltsverzeichnis

Kettenreaktion

Während die Unternehmenskrise einer Nichtbank in der Regel sehr begrenzte Folgen (etwa bei deren Lieferanten, Abnehmern und Beschäftigten) nach sich zieht, kann sich die Krise einer einzelnen Bank auf alle Kreditinstitute und schließlich auf die gesamte Volkswirtschaft auswirken. Grund ist die enge Verzahnung der Kreditinstitute untereinander durch Interbankkredite (also Geldgeschäfte innerhalb der Kreditwirtschaft), die bis zu 30 % der Bilanzsumme einer Universalbank erreichen[1]. Zudem tendieren weltweit die Kreditinstitute zu ähnlichen Portfoliostrukturen bei ihren Risikoaktiva (also vor allem Kredite), sodass bei dem Eintritt eines bestimmten Ereignisses (etwa Immobilienkrise, Börsencrash) wegen der hohen Korrelation eine Vielzahl von Banken gleichzeitig betroffen sein kann.

Ein bekanntes Beispiel solcher Vorgänge ist die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die wiederum in Deutschland den Zusammenbruch der DANAT-Bank und damit die Deutsche Bankenkrise auslöste. Auch die seit 2007 – von den USA ausgehend und durch zu liberale Kreditvergabe im Rahmen der Subprime-Krise verursacht – eskalierenden, Krisensituationen der Weltwirtschaft sind auf diese Kettenreaktionen zurückzuführen.

Ursachen und Folgen

Bankenkrisen werden vor allem durch die drastische Abnahme der Qualität der Vermögenspositionen (Aktiva) einer Bank oder des gesamten Bankensystems, die eine niedrigere Bewertung dieser Aktiva zur Folge hat, verursacht. Auslöser des Qualitäts- und Bewertungsverfalls können zum Beispiel sein:

  1. Kreditausfälle
  2. Börsenverluste
  3. Liquiditätsprobleme

Die von den Kreditinstituten vergebenen Kredite sind mit einem gewissen, vertretbaren Kreditrisiko verbunden. Die Ermittlung dieses Kreditrisikos wird im Rahmen der Bonitätsprüfung vorab vorgenommen. Kommt es dann etwa durch Wirtschaftskrisen zum gleichzeitigen Ausfall unerwartet vieler Schuldner (siehe auch Klumpenrisiko), und etwaige Kreditsicherheiten stellen sich als unzureichend heraus (etwa durch Überbewertung oder Wertverfall einer Immobilie), sind die uneinbringlichen Kredite zu Lasten der Ertragslage abzuschreiben. Entstehen hierdurch Verluste, führen diese zu einer existenzbedrohenden Verminderung des haftenden Eigenkapitals. Dieses Szenario ist das Ablaufschema einer Bankenkrise, wie sie ab 2007 in den USA begann.

Banken übernehmen zudem umfangreiche Marktrisiken, vor allem Kursrisiken, Zinsänderungsrisiken und Währungsrisiken. Es genügt dann der unerwartete Eintritt eines bestimmten Ereignisses (etwa der Kursverfall einer Fremdwährung), um bei einer Vielzahl von Geldinstituten existenzbedrohende Kursverluste auszulösen. Dieses Szenario war Ursache der Insolvenz der Herstatt-Bank im Jahre 1974. Auch andere Kreditinstitute hatten mit der gleichen Ursache zu kämpfen, konnten jedoch die Krise bewältigen; zu einer Bankenkrise eskalierte dies nicht, und das Vertrauen in das Bankensystem wurde nicht geschädigt.

Zuletzt besteht eine Existenzgefahr für Banken aus unzureichender Liquidität. Hintergrund ist die Fristentransformation, das heißt die erlaubte Praxis der Banken, auch langfristige Kredite (z. B. Baudarlehen) teilweise mit kurzfristigen Einlagen (z. B. Sichteinlagen) zu refinanzieren. Ziehen nun die Anleger die kurzfristigen Gelder ab, so kann die Bank ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Im Extremfall kommt es zum Bank Run, dem massenhaften Ansturm der Anleger am Bankschalter.

Banken, Unternehmen und Anleger sind eng miteinander verflochten. Aus diesem Grund ist der Zusammenbruch einer Bank oder eine schwere Krise einer Bank oftmals Auslöser einer Kettenreaktion. Verlieren aufgrund dieser Probleme die Anleger das Vertrauen in die Banken allgemein, so kann es zu einer allgemeinen Liquiditätskrise kommen. Verlieren die Banken wiederum das Vertrauen in ihre Schuldner, so kann eine Kreditklemme (engl. "credit crunch") die Folge sein. Beides kann in einer Kettenreaktion dazu führen, dass eine Bankenkrise entsteht.

Nicht alle Bankenkrisen lösten eine große Wirtschaftskrise aus. So gelang es den USA, die Folgen der Savings-and-Loan-Krise im Jahre 1985 zu meistern, ohne dass es zu einer Rezession kam.

Historische Bankenkrisen

Die Ethik von Bankspekulationen 1914 - ein historisches Fallbeispiel

Die Diskussion über die drastische Auswirkung von Bankspekulationen ist alt. In der Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Zeitschrift Die Woche setzt sich im Sommer 1914 der Wirtschaftsjournalist Leo Jolles mit Staatsbankrottdrohungen zwischen Deutschland und Frankreich im Vorfeld des Ersten Weltkriegs auseinander und kommt mit Blick auf Frankreich aus deutsch-nationaler Sicht zu dem Schluss:

„Der [...] Geldmarkt versagte sich allen besonderen Kraftanstrengungen und brachte die Börse in Gefahr. […] Das Volk ist das Opfer der Börse und der Gewissenlosigkeit der Bankiers geworden, die den Mangel an öffentlicher Kontrolle zu bedeutenden Raubzügen ausnutzten.“[2]

Verhinderung von Bankenkrisen

  • Regulierung der Finanzmärkte:

Nationale Regierungen, aber auch internationale Organisationen (z.B. der "Basler Ausschuss für Bankenregulierung") können im Rahmen der Bankenregulierung spezifische Gesetze und Verordnungen erlassen, die die unternehmerischen Handlungsspielräume der Kreditinstitute durch Begrenzung der Kredit, Zins-, Währungs- oder Marktpreisrisiken einschränken. Gleichzeitig richtet der Staat spezifische Behörden ein, die mit der Überwachung der Banken mit Hilfe der erlassenen Gesetze betraut werden. Die internationalen und nationalen Finanzmärkte sind die weitestgehend regulierten Märkte überhaupt. In Deutschland regeln das Kreditwesengesetz (KWG) und die Solvabilitätsverordnung (SolvV) die Höhe des Mindesteigenkapitals, Kreditwesengesetz und GroMiKV kontingentieren Groß- und Organkredite sowie Klumpenrisiken, und die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) zwingen die Banken, ihr Risikomanagement zu stärken.

  • Überwachung der Kreditinstitute:

Aufgrund dieser rechtlichen Rahmenbedingungen werden Kreditinstitute und sonstige Finanzinstitutionen vom jeweiligen Staat mehr oder weniger eng überwacht (siehe Bankenaufsicht und Bankenpleite). Die Bankenaufsicht wird meist durch staatliche Behörden wahrgenommen, die die Einhaltung der bankspezifischen Gesetze durch das Kreditwesen regelmäßig überwacht. Den deutschen Kreditinstituten sind zudem umfangreiche turnusmäßige Anzeige- und Meldepflichten auferlegt. Die Überwachung geschieht in Deutschland durch koordinierte Zusammenarbeit von Bundesbank und BaFin.

  • Einlagensicherungssysteme:

Für den Fall eines Bankenzusammenbruchs sind die Anleger über verschiedene Formen der Einlagensicherung individuell abgesichert. Damit entfällt der Anreiz für Anleger, wegen sinkendem Vertrauen in die Bank die Geldanlagen abzuziehen.

Wenn dennoch eine Bankenkrise ausbricht oder auszubrechen droht, bestehen Möglichkeiten, diese Krise einzugrenzen. So kann die Zentralbank entscheiden, den Banken zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen und/oder die Leitzinsen zu senken. Die Bankenaufsicht ist in vielen Staaten gesetzlich befugt, einzelne Banken zu schließen oder in deren Geschäftspolitik eingreifen.

Bankenkrise seit 2007

Die Mathematikerin Claudia Klüppelberg (TU München) über mangelndes Verständnis von Finanzmathematik im höheren Bankenmanagement in der Finanzkrise (Interview Juni 2010)

Für die durch die subprime-Krise in den USA ausgelöste weltweite Finanzkrise ab 2007 reicht der beschriebene Maßnahmenkatalog nicht aus. Viele Staaten haben für die Finanzwirtschaft spezifische Rettungspakete (mit der Folge der teilweisen Sozialisierung der Bankenrisiken und -verluste) beschlossen. In Deutschland wurde deshalb im Oktober 2008 der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) gegründet[3], der staatliche Garantien (bei Liquiditätsengpässen), Eigenkapitalstärkungen oder Risikoübernahmen[4] bis zur Höhe von Euro 470 Mrd. anbietet. Dazu gehört auch die Gründung von "Bad Banks", also Zweckgesellschaften, in die hochriskante (sog. "toxische") Kredite/Wertpapiere eingebracht werden. Durch Dekonsolidierung (also eine Bilanzpolitik, die eine Isolierung der "Bad Bank" aus dem Konzernabschluss der bilanzverkürzenden Bank anstrebt) kann die Trennung vom hohen Risiko auch bilanztechnisch vollzogen werden, sodass eine "gesunde" Bank übrigbleibt.

Situation in den USA

In den USA ist der Bankensektor anders organisiert und reguliert als in Europa, was in den letzten Jahren die Anfälligkeit für Finanzkrisen erhöht hat. Während in Europa Universalbanken dominieren, sind es in den USA die Spezial- und Investmentbanken. Ihr naturgemäß - mangels angemessener Risikostreuung - höheres Unternehmensrisiko kann nur schwer mit anderen Geschäftssektoren „ausgeglichen“ werden, sodass die Gefahr einer Insolvenz tendenziell höher ist. Dies und die liberalere Risikobereitschaft in Nordamerika sind insbesondere die Ursachen für die von hier ausgegangene, in weltweite Insolvenzen mündende Finanzkrise ab 2007 und die vom Investment-Sektor ausgehende, im September kulminierende US-Bankenkrise 2008. Diese Bankenkrise muss auch vor dem Hintergrund des Regelwerks von Basel II gesehen werden, das in Europa eingeführt wurde (in Deutschland u.a. durch die erwähnte SolvV). Die USA haben mit Hinweis auf „komplizierte Regelungen“ die Einführung von Basel II bis heute verzögert. Wie sich inzwischen jedoch herausgestellt hat, konnte das hochkomplexe Regelwerk ein Übergreifen der US-Bankenkrise auf Europa nicht verhindern.

Nachdem die US-Bankenaufsicht sieben weitere US-Finanzinstitute wegen Überschuldung geschlossen hat, beläuft sich die Anzahl der Bankenpleiten für 2009 bislang auf 140.[5]

Einzelnachweise

  1. Deutsche Bundesbank, Bankenstatistik Dezember 2008, S. 9
  2. Leo Jolles „Der Sieg über die Milliarde“ in Die Woche, Ausgabe 39/1914, S. 1606.
  3. Homepage des SoFFin
  4. Unter Risikoübernahmen wird die Übertragung von Risikopositionen (z.B. Kredite und Wertpapiere) von den Kreditinstituten auf den Fonds verstanden, für die die Banken Schuldtitel des Bundes erhalten. Diese Risikopositionen darf der Fonds bis zu ihrer Fälligkeit halten.
  5. Sieben weitere US-Banken geschlossen. (nicht mehr online verfügbar) tagesschau.de Stand: 19. Dezember 2009. 07:36 Uhr.

Literatur

  • Stephen G. Cecchetti: Money, banking, and financial markets. 2nd edition. McGraw-Hill Irwin, Boston 2008, ISBN 978-0-07-128772-2. Chapter 14.
  • Frederic S. Mishkin: The economics of money, banking, and financial markets. 7th edition. Pearson Addison Wesley, Boston 2004, ISBN 0-321-20463-8. Chapter 11.
  • Susanne Schmidt: Markt ohne Moral. Das Versagen der internationalen Finanzelite, Droemer Knaur, München 2010, ISBN 978-3-426-27541-2

Weblinks


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