Barbara Castle

Barbara Anne Castle (geborene Betts; * 6. Oktober 1910 in Chesterfield; † 3. Mai 2002 in Ibstone) war eine der renommiertesten Politikerinnen Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg. Die „feurige Rote“, wie man sie wegen ihrer Haarfarbe nannte, war in der Ära vor Margaret Thatcher die herausragendste britische Politikerin. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel. Seitdem hieß sie Baroness Castle of Blackburn.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Barbara Betts wurde am 6. Oktober 1910 in Chesterfield als eine von zwei Töchtern des Zollinspektors Frank Betts und dessen Frau Annie Rebecca geboren. Sie wuchs in der Industriestadt Bradford auf, die als eine Geburtsstätte der britischen Arbeiterbewegung gilt. Dort gründete man 1893 die „Independent Labour Party“. In Bradford war Barbaras Vater als Schriftsteller und Herausgeber des linksorientierten Bradford Pioneer sowie in der Kultur- und Bildungsarbeit der Labour Party aktiv. Barbara trat bereits in jungen Jahren der Jugendorganisation der Arbeiterbewegung bei.

Nach dem Besuch der Girl’s Grammar School in Bradford erhielt Barbara Betts ein Stipendium am „St. Hugh’s College“ der Universität Oxford. Dort studierte sie Philosophie, Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, tat sich im Studentenclub der Labour Party hervor und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts“.

Danach arbeitete Barbara Betts als Journalistin für eine Zeitung, die schon nach einer Woche ihr Erscheinen einstellte. Während der Zeit der Depression verdiente sie als Werbevorführerin für einen Nahrungsmittelkonzern in Manchester ihren Unterhalt. 1936 kehrte sie wieder nach London zurück, wo sie sich bis 1940 als Redakteurin beim Town and County Councillor betätigte und sich der Lokal- und Regionalpolitik zuwandte.

1937 wurde Barbara Betts als Mitglied der Fabian Society in den Stadtrat des Londoner Bezirks St Pancras gewählt, dem sie bis 1945 angehörte. Damals befasste sie sich vor allem mit sozialen Fragen und wirkte an einer Dokumentation mit, die später als Denkschrift über Sozialversicherung diente.

Von 1940 bis 1945 arbeitete Barbara Betts in der Metropolitan Water Board (Städtische Behörden für Wasserversorgung in London) sowie von 1941 bis 1944 in leitender Stellung als Verwaltungsbeamtin des Ernährungsministeriums. 1944/1945 wirkte sie ein Jahr lang als Korrespondentin der linksgerichteten Londoner Zeitung Daily Mirror, wo sie den Journalisten Edward (Ted) Castle (1907–1979) kennen lernte, den sie noch im selben Jahr heiratete, der später Herausgeber der Abendausgabe dieses Blattes wurde.

Politische Karriere

Die eigentliche politische Karriere von Barbara Castle begann beim Labour-Parteitag 1943, wo sie als Delegierte eine vielbeachtete Rede hielt. Im Juli 1945 wurde sie für den Wahlkreis Blackburn ins Unterhaus (House of Commons) gewählt. In der Regierung unter Führung von Clement Attlee (1883–1967) fungierte sie von 1945 bis 1947 als Parlamentssekretärin von Handelsminister Stafford Cripps (1889–1952). Dieses Amt behielt sie auch 1947 bei dessen Nachfolger Harold Wilson (1916–1995), dem späteren Premierminister. 1949 und 1950 war sie Delegierte bei den Vollversammlungen der UNO in New York.

Im Jahre 1950 wurde Barbara Castle Mitglied des National Executive Committee (NEC) der Labour Party. Diesem obersten Führungsgremium der Partei gehörte sie 29 Jahre lang an. Zeitweise fungierte sie als Delegierte Großbritanniens in der Vollversammlung der UNO in New York. 1957 wählte man sie zur Vizevorsitzenden und 1958 zur Geschäftsführenden Vorsitzenden der Labour Party. Bei den Unterhauswahlen von 1959 verteidigte sie erfolgreich ihr Mandat für den Wahlkreis Blackburn.

Nach dem knappen Wahlsieg der Labour Party unter Harold Wilson im Oktober 1964 wurde Barbara Castle zunächst zur Ministerin für die Entwicklung in Übersee berufen.

Ende 1965 betraute man Barbara Castle mit dem Verkehrsministerium. 1966 setzte sie die absolute Geschwindigkeitsgrenze für Kraftfahrzeuge auf 70 Meilen (115 km/h) herab und führte eine verschärfte technische Überwachung alter Fahrzeuge, bessere Reifenkontrolle, Sicherheitsgurte und strengere Alkoholtests ein. Daraufhin sank innerhalb von sieben Monaten in Großbritannien die Unfallquote um 25 Prozent. Außerdem empfahl sie in den Vorschlägen für die Rationalisierung des britischen Eisenbahnwesens die Einrichtung von „Liner Trains“ (fahrplanmäßige Containerzüge mit hoher Reisegeschwindigkeit).

Im April 1968 übernahm Barbara Castle das neu gebildete Ministerium für Arbeit und Produktivität. Damit rückte sie von Platz 17 auf Platz sechs im Kabinett. Außerdem erhielt sie den Titel „First Secretary“. Im Januar 1969 unterbreitete sie Vorschläge zur Reform der britischen Gewerkschaften. Die Regierung sollte bei wilden Streiks eine „Abkühlungsfrist“ verhängen und für Streikbeschlüsse von Gewerkschaften eine Urabstimmung verlangen können. Der Versuch scheiterte an der Abwehrfront der Gewerkschaften.

Der Wahlsieg der „Tories“ im Juni 1970 zwang die Regierung von Harold Wilson und somit auch Barbara Castle zum Rücktritt. Als die Labour Party aus den Wahlen im Februar 1974 als relativ stärkste Partei hervorging, holte man Barbara Castle als Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit in Wilsons Minderheitskabinett. Dieses Amt bekleidete sie bis zum Rücktritt Wilsons im April 1976. Bei der Neubildung der Labour-Regierung durch Premierminister James Callaghan wurde sie nicht mehr in das Kabinett aufgenommen.

1979 starb Barbara Castles langjähriger Mann Edward (Ted) Castle, der Mitte der 1970er Jahre zum Lord Castle of Islington geadelt worden war. Aus der 35 Jahre währenden Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. 1979 gab Barbara Castle ihren Wahlkreis in Blackburn auf und legte ihr Amt als NEC-Mitglied nieder. Danach zog die 68-Jährige bei den ersten direkten Europawahlen im Juni 1979 als Abgeordnete von Greater Manchester in das Straßburger Parlament ein.[1]

In Straßburg führte Barbara Castle bis 1985 die Gruppe der britischen Labour-Abgeordneten an und wirkte zugleich bis 1986 als stellvertretende Vorsitzende der gesamten Sozialistischen Union. Sie prangerte mutig die Milliarden verschlingende Subventionspolitik der Gemeinschaft und die damit verbundenen Skandale an. Einen guten Eindruck hinterließ sie auch bei gesellschaftlichen Ereignissen in Straßburg, wo sie exzellent Boogie-Woogie tanzte.

1989 schied Barbara Castle als 79-Jährige aus dem Europaparlament aus. und widmete sich fortan publizistischer und schriftstellerischer Arbeit. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel, mit dem automatisch die Mitgliedschaft im House of Lords verbunden ist. Als „Baroness Castle of Blackburn“ schrieb sie ihre Autobiographie, die unter dem Titel „Fighting All the Way“ (1993) erschien. Sie starb 91-jährig am 3. Mai 2002 in Ibstone.

Literatur

Barbara Castle's Autobiographie, Fighting All The Way (ISBN 0-330-32886-7)

Einzelnachweise

  1. Informationen zur Mitgliedschaft im Europaparlament

Weblinks


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