Bardo (Yoga)
Tibetische Bezeichnung
Tibetische Schrift:
བར་དོ་
Wylie-Transliteration:
bar do
Aussprache in IPA:
[pʰàrtò]
Offizielle Transkription der VRCh:
Pardo
Andere Schreibweisen:
Pardo
Chinesische Bezeichnung
Traditionell:
中有
Vereinfacht:
中有
Das Wort „Bardo“ in tibetischer Schrift

Bardo (tibetisch für „Zwischenzustand, Einbeziehung, Versetzung, innewohnende Gegebenheit des Geistes“[1]; sanskrit अन्तर्भाव, IAST-Transliteration antarābhava [2]) ist die Bezeichnung für das u.a. im Tibetischen Totenbuch beschriebene esoterische Lehrverständnis der für das Bewusstsein möglichen Seinszustände im Diesseits wie im Jenseits. Als theoretischer Bestandteil der Sechs Yogas von Naropa bildet es die wesentliche Grundlage der assoziierten Meditationstechniken. Es ist für den innerhalb des Vajrayana-Buddhismus auf höchster Stufe, also tantrisch Praktizierenden sowohl „Logbuch“, als auch individuelles Instrument der Positions- bzw. Richtungsbestimmung.

Äußeres Ziel dieses Yogas ist die kognitive Erfassung der dialogischen Beschreibungen vorübergehender Zustände bzw. Stufen des Bewusstseins. Die Erlangung von Siddhis genannten magischen Kräften ist dabei ein möglicher, aber nicht zum Ziel führender Nebeneffekt. Inneres Ziel dieser mystischen Geistesübung ist der unbedingte Erhalt des uns als Tagesbewusstsein bekannten Status Quos des Geistes über alle möglichen Dimensionen hinaus, um so durch Gewahrwerdung der höchsten Wahrheit durch Erleuchtung sich ggf. dem Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt dauerhaft entziehen zu können.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Die inhaltlichen Wurzeln des Begriffes „Bardo“ finden sich in zahlreichen spirituellen Traditionen des mittleren und fernen Ostens. Die Unterscheidung verschiedener Stufen des Seins im Leben und im Tode finden sich u.a. im sog. Ägyptischen Totenbuch, welches in seinen frühesten Teilen ca. 2.500 v.Chr. entstand, in den Upanischaden, die als Teil der hinduistischen Veden auf ca. 800–500 v.Chr. datiert werden und im sog. Kanjur, einem wesentlichen Teil des buddhistischen Schriften-Kanons.

Im buddhistischen Kontext geht die Bardo-Idee – abseits von kulturellen, tibetischen Wurzeln – zurück auf interschulische Diskussionen, die bis in die Zeit wenige hundert Jahre nach dem Tod des Buddha zurückverfolgt werden können. Im Wesentlichen drehte sich die Diskussion um den in Majjhima Nikaya (mn38) zu findenden Gantabba (sic), den „zu kommenden“, welcher zusammen mit zeugungsfähigen Eltern die drei notwendigen Ursachen für die Entstehung eines menschlichen Wesens bildet. Von den Unterstützern der antarabhava-Theorie (Theorie der Zwischenexistenz), wurde diese Textstelle als Hinweis auf die Notwendigkeit eben dieses antarabhava gedeutet.

Begrifflich nachweisbar sind die „Bardos“ zuerst bei dem buddhistischen Philosophen Nagarjuna (ca. 2. Jahrhundert). Der Volksheilige der Tibeter, Padmasambhava (8. bis 9. Jahrhundert), brachte der Legende nach das Wissen erstmals nach Tibet. In einen systematischen, erfahrungsreligiösen Zusammenhang wurden sie jedoch von dem tibetischen Meister Nāropa (11. Jahrhundert) gebracht. In seinen Sechs Yogas von Naropa dokumentierte er das Lehrkonstrukt von den Stufen des Bewusstseins im Zusammenhang mit begleitenden Meditationstechniken.

Auch die Dzogchen-Tradition hat die Kenntnisse um mögliche Aufenthaltsorte bzw. Verfassungen des menschlichen Geistes in eigenen Übertragungslinien erhalten und weitergegeben.

Systematik

Die Bardos werden üblicherweise in sechs übergeordnete Kategorien unterteilt. Daneben gibt es auch weniger differenzierende Systematisierungen mit nur drei bis vier unterschiedlichen Zuständen.

  1. Shinay-Bardo, der natürliche Zustand des Geburtsortes (tibetisch རང་བཞིན་སྐྱེ་གནས་ཀྱི་བར་དོ་, Wylie-Transliteration rang bzhin skye gnas kyi bar do, sanskrit चण्ड अन्तर्भाव, IAST-Transliteration jāti-antarābhava)
    Hier ist der Zustand des „normalen“ Wachbewusstseins gemeint, welcher dem Menschen gemeinhin als der bekannteste gilt. Die diesem Bardo zugeordnete, erwünschte Haltung erwirbt der Praktizierende durch Achtsamkeits-Übungen, die ein geschärftes Seinsgefühl hervorrufen sollen. In dieser Stufe ist das Unbedingt-Sein von allem äußeren Materiellen notwendig.
  2. Milam-Bardo, der Zustand des Träumens (tibetisch རྨི་ལམ་གྱི་བར་དོ་, Wylie-Transliteration rmi lam gyi bar do, sanskrit स्वप्नअन्तर्भाव, IAST-Transliteration svapnāntarābhava)
    Der den meisten Menschen zweit-geläufigste Bewusstseinszustand ist der des Träumens. Er tritt üblicherweise während der sog. REM-Schlafphasen auf. Durch spezielles Training soll erreicht werden, dass Denken und „Handeln“ auch im Traum bewusst gesteuert werden können. Das Loslassen des Konzepts eines eigenen Körpers mit den durch Rezeption und Motorik einhergehenden Beschränkungen zu Gunsten einer Fokussierung auf Kognition und Assoziation lassen im Geist die Dreiheit von Subjekt, Objekt und Aktivität verschmelzen.
  3. Samten-Bardo, der Zustand des ekstatischen Gleichgewichtes während tiefer Meditation (tibetisch ཏིང་ངེ་འཛིན་བསམ་གཏན་གྱི་བར་དོ་, Wylie-Transliteration ting nge ’dzin bsam gtan gyi bar do, sanskrit समाधि अन्तर्भाव, IAST-Transliteration samādhi-antarābhava)
    Dieser Zustand ist am ehesten vergleichbar mit einer formlosen Seins-Erfahrung klaren Gewahrseins. Gegenüber dem zweiten Bardo soll nur ein reines Bezeugen übrig bleiben.
  4. Tschikhai-Bardo, der (schmerzvolle) Zustand im Augenblick des Todes (tibetisch འཆི་ཁའི་བར་དོ་ (འཆི་ཁ་སྡུག་བསྔལ་གྱི་བར་དོ་), Wylie-Transliteration ’chi kha’i bar do, sanskrit IAST-Transliteration mumūrṣāntarābhava)
    Bei diesem Zustand geht es um die Zeit kurz vor, während und kurz nach dem medizinischen Tod. Die unterschiedliche Erfahrbarkeit dieser Periode ist wesentlich determiniert durch die Festigkeit des vorab verinnerlichten Wissens darüber. Sehr weitgehende, simulative und dadurch für das leibliche Wohlbefinden nicht ungefährliche Meditationstechniken erlauben es, sich schon während der Lebensspanne mit den Umständen dieses Bardos vertraut zu machen. Schwerpunkte dabei sind zum einen die Fähigkeit zur angemessenen, eigenen Vorbereitung auf den unmittelbar bevorstehenden Tod, zum zweifelsfreien Erkennen (Todesanzeichen) des Eintretens desselben, sowie die „richtige“ Verhaltensweise danach.
  5. Tschönyi-Bardo, der Zustand des Erlebens der Wirklichkeit (tibetisch ཆོས་ཉིད་བར་དོ་, Wylie-Transliteration chos nyid bar do, sanskrit धर्मअन्तर्भाव, IAST-Transliteration dharmatāntarābhava)
    Endgültig vom lebenden, menschlichen Körper getrennt, sieht sich die verbleibende Entität innerhalb von 14 Tagen zahlreichen Herausforderungen der Konfrontation mit vom eigenen Geist geschaffenen positiven sowie negativen Aspekten bzw. Archetypen (im Tibetischen Totenbuch: 42 friedvolle und 58 zornige Gottheiten) seiner selbst gegenübergestellt. Diese als selbstgeschaffene Illusion zu erkennen, ist ein wesentliches Ziel dieses Bardos.
  6. Sipai-Bardo, der Moment der Wiederverkörperung im saṃsāra (tibetisch སྲིད་པའི་བར་དོ་, Wylie-Transliteration ’srid pa’i bar do, sanskrit भावअन्तर्भाव bhavāntarābhava)
    Vergleichbar mit dem Moment des Todes, als eine von zwei Schnittstellen zwischen Diesseits und Jenseits, verkörpert (im doppeldeutigen Sinne) diese Stufe die erneute Fleischwerdung der „göttlichen Seele“. Nach einem initialen Totengericht durchläuft die Seele in hierarchischer Abstufung innerhalb der folgenden fünf Wochen immer minderwertigere Qualitäten dieser Dimension als einen Spiegel ihres Karmas. In der letzten Woche dieses Abschnittes stellt sich der „technische Ablauf“ dabei als eine exakt spiegelverkehrte Wiederholung des Sterbens dar. Das Ergebnis hierbei ist jedoch das unmittelbare Einbezogenwerden in eine neue, existenzielle Empfängnis. Der Verlockung zu widerstehen, seinen Geist erneut in einen vergänglichen Körper pflanzen zu wollen, ist hierbei die größte Herausforderung.

Allen Bardos gemeinsam ist der Lehre nach, dass sie mehr oder weniger offensichtliche und unterschiedliche Möglichkeiten der Befreiung bieten, die jedoch aktiv vom Individuum ergriffen werden müssen.

Forschung

Die verschiedenen Stufen von Bardos erfahren in den Natur- und Geisteswissenschaften unterschiedliche Beachtung. Während die materiellen Vorgänge des Lebens – Traum- und meditative Zustände eingeschlossen – durch Medizin, Psychologie, Physik und Chemie heute schon z.T. sehr weit erfasst sind, werfen Fragen bezüglich eines wie auch immer gearteten außerexistenziellen Daseins zumindest aus heutiger Sicht unüberwindliche, erkenntnistheoretische Hürden auf, die u.a. auch in fehlenden, geeigneten, methodologischen Ansätzen begründet sind. Das systematische Sammeln und Auswerten von authentischen Berichten und historischen Niederschriften über Nahtod-Erfahrungen und außerkörperliche Erfahrungen ist eine erste Auseinandersetzung mit der Thematik, die grundsätzlich an der Nähe zur umstrittenen Parapsychologie krankt.

Bekannte Wissenschaftler, wie der Schweizer Mediziner und Psychologe Carl Gustav Jung (* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht), der amerikanische Philosoph Ken Wilber (* 31. Januar 1949 in Oklahoma City, Oklahoma) und der tschechische Medizinphilosoph, Psychotherapeut und Psychiater Stanislav Grof (* 1931 in Prag) haben sich mit einzelnen oder auch allen Bardos auseinandergesetzt und durch ihre z.T. umfangreiche Arbeit daran wertvolle Dienste zum Verständnis derselben geleistet.

Siehe auch

Quellen

Deutsche Bücher

  • Dalai Lama Der Weg zum sinnvollen Leben: Das Buch vom Leben und Sterben. Herder, Freiburg, 1. Auflage, September 2006. ISBN 3-451-05642-9
  • David-Néel, Alexandra Heilige und Hexer. Glaube und Aberglaube im Lande des Lamaismus. W.A. Brockhaus, Leipzig, 1931. Keine ISBN
  • David-Néel, Alexandra Mein Weg durch Himmel und Höllen. Fischer, Frankfurt/Main, 2007. ISBN 978-3-596-16458-5
  • Evans-Wentz, Walter Y. Milarepa, Tibets großer Yogi. O.W. Barth, Frankfurt/Main 1998. ISBN 3-502-65191-4
  • Evans-Wentz, Walter Y. Das tibetanische Totenbuch oder Die Nach-Tod-Erfahrung auf der Bardo-Stufe. Artemis & Winkler, Düsseldorf, 2003. ISBN 3-53807173-X
  • Fischer-Schreiber, Ingrid; Ehrhard, Franz-Karl; Diener, Michael S. Lexikon der östlichen Weisheitslehren. O.W. Barth, Frankfurt/Main, 4. Auflage 1997. ISBN 3-502-67403-5
  • Fremantle, Francesca Das Totenbuch der Tibeter – Diederichs Gelbe Reihe, Band 6. Diederichs, München 2002. ISBN 3-42400506-1
  • Grof, Stanislaw Das Abenteuer der Selbstentdeckung: Heilung durch veränderte Bewußtseinszustände. Ein Leitfaden. Rowohlt, Hamburg, 2001. ISBN 3-499-19640-9
  • Grof, Stanislaw Topographie des Unbewussten. Klett-Cotta, Stuttgart, 7. Auflage, 1998. ISBN 3-608-95232-2
  • Hauf, Monika Das Tibetanische Totenbuch. Piper, München, 4. Auflage, 2005. ISBN 3-492-23694-4
  • Jacobi, Jolande Die Psychologie von C. G. Jung: Eine Einführung in das Gesamtwerk. Fischer, Frankfurt/Main, 21. Auflage, 2006. ISBN 3-596-26365-4
  • Kapleau, Philip Das Zen-Buch vom Leben und vom Sterben. O. W. Barth bei Scherz, Frankfurt/Main 2001. ISBN 3-502-61057-6
  • Kolpaktchy, Gregoire Das Ägyptische Totenbuch. O. W. Barth bei Scherz, Frankfurt/Main, 6. Auflage, 1979. Keine ISBN
  • Rinpoche, Chökyi Nyima Das Bardo-Buch: Ein Führer durch Leben, Tod und Wiedergeburt. Schirner, Darmstadt, 2008. ISBN 3-89767-618-4
  • Rinpoche, Sogyal Das tibetische Buch vom Leben und Sterben. Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod. O. W. Barth bei Scherz, Frankfurt/Main 1999. ISBN 3-502-67008-0
  • Wilber, Ken Das Spektrum des Bewußtseins. Rowohlt, Hamburg, 6. Auflage: 6, 2003. ISBN 3-499-18593-8
  • Wilber, Ken Integrale Psychologie: Geist, Bewußtsein, Psychologie, Therapie. Arbor, Freiburg, 2001. ISBN 3-92419569-2

Anderssprachige Bücher

  • Brennan, J.H. Tibetan magic and mysticism. Llewellyn Worldwide, Woodbury, MN/USA 2006. ISBN 0-7387-0713-9
  • Mullin, Glenn H. The Practice of the Six Yogas of Naropa. Snow Lion Publications, Ithaca, NY/USA 2006. ISBN 1-55939-256-8
  • Mullin, Glenn H. The Six Yogas of Naropa: Tsongkhapa’s Commentary. Snow Lion Publications, Ithaca, NY/USA 2005. ISBN 1-55939-234-7

Internet

Fußnoten

  1. http://www.nitartha.org
  2. http://www.spokensanskrit.de

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