Barockklassizismus
Der Invalidendom in Paris, eines der Hauptwerke des klassizistisch geprägten Barocks in Frankreich

Mit dem Begriff des Klassizistischen Barocks (auch Barock-Klassizismus, Barocker Klassizismus oder frz. Classicisme) wird eine Ausrichtung in der barocken Architektur beschrieben, die sich in ihrer eher schweren und strengen Gestaltungsform von der üblichen, eher heiter-bewegten Variante des Barock unterscheidet.

Inhaltsverzeichnis

Zeitliche, räumliche und stilkundliche Einordnung

Der klassizistische Barock geht in seiner Konzeption auf die Theorien Leon Battista Albertis und Andrea Palladios zurück[1]. Er bediente sich Ausdrucksmitteln, die in der Antikenrezeption der Renaissance wurzeln, und zur Grundlage des späteren Klassizismus wurden, ist zeitlich aber von beiden klar zu trennen und setzt rund ein Jahrhundert früher als der Klassizismus im eigentlichen Sinne an.[2] Diese Kunstform war vor allem für die Baukunst Englands[3] und Frankreichs[4][5] prägend und dauerte von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an, die Übergänge vom Barock in den Klassizismus geschahen fließend.

Schloss Versailles: Die Gartenfassade ist durch horizontale und vertikale Linien geprägt, geschwungene Linien fehlen. Die seitlichen Risalite werden im Hauptgeschoss durch doppelte Säulenstellungen betont, der mittlere durch eine Kolonnade. Die Balustrade des Dachs ist mit Vasen und Trophäendarstellungen geschmückt

Stilmittel

Typische Gestaltungsmittel für Gebäudefassaden waren Bauformen, die direkt aus der Renaissance übernommen wurden: der Tempelarchitektur entlehnte Dreiecksgiebel, Kolonnaden, sowie Säulen und Pilaster in Kolossalordnung - diese auch oft in doppelter Verwendung. Ebenfalls üblich waren die häufige Verwendung von Naturstein und der Verzicht auf farbigen Verputz.

Auffällig ist zwar die additive Verwendung von geometrischen Grundformen, wie dem Quadrat, dem Rechteck, dem Kreis oder seltener dem Oval, zugleich aber der häufige Verzicht auf konkave oder konvexe Schwünge in Fassaden und Grundrissen, den sonst charakteristischen Kennzeichen der Barockarchitektur. Als typisch barocke Kennzeichen - und damit im Gegensatz zum späteren Klassizismus - sind dagegen oft üppiger Figurengeschmuck aus Skulpturen, Ziervasen oder Trophäen zu finden, auch ist im Profanbau das Pavillonsystem noch verbreitet.

Verbreitung

Klassizistischer Barock Frankreichs

Die Ostfassade des Louvre, ein Beispiel des klassizistisch geprägten, französischen Barocks

Der Begriff des Baroque wird in Frankreich gewöhnlich für die barocke Kunst im übrigen Europa verwendet, während die französische Variante dort zumeist als Classicisme bezeichnet wird. Daher leitet sich auch die deutsche Bezeichnung der Französischen Klassik ab. Die Architektur des Barock in Frankreich lehnte sich zunächst an italienischen Vorbildern an, entwickelte sich dann jedoch in einer strengeren Variante weiter.[5] Der klassizistische Barock wurde unter der Regierungszeit Ludwig XIV. durch François Mansart eingeführt und blieb bis zu Beginn des 19. Jahrhundert die Grundlage der französischen Architektur.[6]

Die strenge Variante des Baustils erschien als passendes Ausdrucksmittel, um die Regierungsform des Absolutismus verkörpern. Zu den bekanntesten Architekten dieser Zeit zählen Louis Le Vau, Claude Perrault und Jules Hardouin-Mansart. Zu den bedeutendsten und stilbildenden Werken dieser Epoche zählen der Ostflügel des Louvre, das Schloss von Versailles, das Grand Trianon und der Invalidendom.

Klassizistischer Barock Englands

Aufriss von Blenheim Palace, ein Beispiel des klassizistisch geprägten, englischen Barocks

Der Barock in England entwickelte sich aus dem an der italienischen Renaissance orientierten Palladianismus. Dieser aus Werken Andrea Palladios abgeleitete Stil wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts in England durch Inigo Jones weitgehend vorbildgetreu eingeführt und prägte die englische Baukunst für zwei Jahrhunderte.[1] Die Übergänge vom Palladianismus zu den Sonderformen des englischen Barock geschahen fast unmerklich. Der schwungvolle Barock nach römischen Vorbildern wurde in England als zu katholisch abgelehnt und hatte daher nur wenig Einfluss auf die Architektur[1], stattdessen wurden niederländische Einflüsse aufgenommen.

Zu den bedeutendsten Baumeister des englischen Barocks gehörten Christopher Wren, John Vanbrugh, Nicholas Hawksmoor und William Talman. Das sakrale Hauptwerk des englischen Barocks ist die Saint Paul’s Cathedral in London, zu den bedeutendsten profanen Bauwerken zählen Blenheim Palace, Chatsworth House und Castle Howard.

Übriges Europa

Das Mauritshuis in Den Haag, ein Beispiel für den klassizistisch geprägten Barock in den Niederlanden

Der Architekturhistoriker Henri Stierlin beschrieb ein barockes Horn, das von Mittel- nach Norditalien, durch das südliche und mittlere Deutschland, das einstige Habsburger-Reich und bis nach Böhmen, Mähren und Polen führte.[7] Dieser Großraum beinhaltet eine relativ homogene, klassische (nicht klassizistische) Barockarchitektur.

Der klassizistisch geprägte Barock dagegen ist vor allem im westlichen und nördlichen Europa verbreitet, aber nicht ausschließlich auf Frankreich und England beschränkt. Seine Impulse reichten unter anderem auch in die Niederlande[8] und bis nach Skandinavien.[9] Als Beispiele für weitere Bauten des klassizistischen Barocks können das nach englischen Vorbildern errichtete Neues Palais in Potsdam oder das Mauritshuis in Den Haag genannt werden.

Siehe auch

Quellen und Literatur

  • Rolf Toman (Hrsg.): Die Kunst des Barock. Könemann, 1997. ISBN 3-89508-991-5
  • Wilfried Koch: Baustilkunde. Bertelsmann Lexikon Verlag, 2005. ISBN 3-577-10457-0
  • Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming:Lexikon der Weltarchitektur. Prestel, 1992. ISBN 3-7913-2095-5

Einzelnachweise

  1. a b c Wilfried Koch: Baustilkunde, Seite 239
  2. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, Seite 351
  3. Hans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden, Seite 217. Kohlhammer, 1990. ISBN 3-17011072-1
  4. Wilfried Koch: Baustilkunde, Seite 318
  5. a b Hans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden, Seite 186. Kohlhammer, 1990. ISBN 3-17011072-1
  6. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, Seite 209
  7. Henri Stierlin: Barock. Benedikt Taschen Verlag, ISBN 3-8228-9526-1, Seite 47
  8. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, Seite 453
  9. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, Seite 583

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