Basler Judenpogrom

Beim Basler Judenpogrom kamen am 16. Januar 1349 in Basel schätzungsweise fünfzig bis siebzig Juden gewaltsam ums Leben. Der Pogrom gehörte zu einer Reihe von Verfolgungs- und Vernichtungsmassnahmen (Pestpogrome), die im Umfeld der ersten mittelalterlichen Pestpandemie vermutlich von den Obrigkeiten im Gebiet des südlichen Oberrheins organisiert wurden. Der Pogrom bedeutete das Ende der ersten jüdischen Gemeinde von Basel.

Inhaltsverzeichnis

Erste jüdische Gemeinde

Im 12. Jahrhundert setzte aus dem mittelrheinischen Raum eine jüdische Wanderungsbewegung ins Elsass ein, zu dem Basel im Mittelalter kulturell und wirtschaftlich gehörte. Seit dem frühen 13. Jahrhundert sind in Basel Juden urkundlich fassbar, wahrscheinlich bestand schon um 1200 eine eigene jüdische Gemeinde. Diese verfügte über eine Synagoge und einen Friedhof vor der Stadtmauer; ein Ghetto entstand aber nicht, vielmehr standen die Häuser von Juden und Christen unmittelbar nebeneinander. Wie in anderen Städten waren die Basler Juden Münzwechsler und Geldverleiher, da ihnen aufgrund des kanonischen Zinsnahmeverbots für Christen und des religiös-bruderschaftlichen Charakters der Zünfte allein dieses Gewerbe als freies Betätigungsfeld offenstand. Ihre Hauptkunden waren die städtische Oberschicht von Bischof und Adel, während die Bürgerschaft wiederum die jüdische Gemeinde mit den Gewerbeprodukten ihrer Zünfte belieferte.

Über Ausschreitungen, wie sie im 13. Jahrhundert in Europa stattfanden, ist zwar nichts bekannt; aber die Juden waren gefährdet, da sie sich auch in Basel der judenfeindlichen Propaganda ausgesetzt sahen, nicht zuletzt von Seiten der Bettelorden, die in der Stadt fest verankert waren. Zudem war die Rechtslage der Juden prekär, standen sie doch als Kammerknechte nicht unter dem unmittelbaren Schutz der städtischen Obrigkeit (Bischof und Adel), sondern mittelbaren des Reichs.

Pogrom

Vorbereitung

1348/49 setzte in Europa eine weiträumige Judenverfolgung ein. Diese stand in engem Zusammenhang mit der ersten Pestwelle, die, von Südeuropa sich ausbreitend, die Bevölkerung in einen Zustand der Erregung und Panik versetzte, da sie begleitet wurde von Gerüchten über Brunnenvergiftung und Ähnliches, mittels dessen die Juden die Christen auszurotten versuchen würden. Ab Dezember 1348, die Pest war in Basel noch nicht aufgetreten, sahen sich die Basler Juden manifest bedroht, einige flohen wegen der Gefährdung von Leib und Leben aus der Stadt. Um Weihnachten wurde der jüdische Friedhof verwüstet.

Ausschreitungen gegen die jüdischen Gemeinden waren Angriffe auf Schützlinge des Kaisers und stellten vis-à-vis den Reichsvögten die Glaubwürdigkeit der örtlichen Obrigkeit in Frage. Noch 1345 hatten sich die Magistrate im südlichen Oberrhein in einem Landfriedensbündnis insbesondere gegen Bauernbanden zusammengeschlossen, die Juden verfolgten, und 1347/48 mussten einige Basler Adlige in die Verbannung gehen, da sie Juden überfallen hatten. Bei den Übergriffen spielten materielle Aspekte eine wesentliche Rolle. Zum einen hatte sich ein Grossteil des Basler Adels bei jüdischen Kreditgebern schwer verschuldet, zum anderen hatten die privilegierten Achtburger das Bankgeschäft aufgenommen und waren Konkurrenten der jüdischen Geldverleiher geworden. Dass sich die Pestpogrome wie ein scheinbar unwiderstehlicher Flächenbrand ausbreiteten, eröffnete neue Möglichkeiten der Schuldzuweisung bei judenfeindlichen Ausschreitungen. So kamen im Januar 1349 der Straßburger Bischof, Vertreter der drei Städte Straßburg, Freiburg im Breisgau und Basel, und elsässische Herrschaftsträger in Benfeld zusammen, um ihr Verhalten gegenüber den Juden abzusprechen. Es dürfte bei diesem Treffen darum gegangen sein, auf welche Weise die Obrigkeit sich der Juden entledigte und wie sie unter Ausnutzung der latenten Unruhe im Hintergrund blieb. Eine alltäglich gewaltbereite Unterschicht konnte in den mittelalterlichen Städten zu Tumulten angestachelt werden – was umso leichter geschah, da gerade Fasnacht war, eine Zeit, die sich durch gesteigerte Angriffslust auszeichnete.[1]

Durchführung

Der Pogrom begann, als aufgehetzte Banden alle Juden, deren sie habhaft werden konnten, in einer eigens angefertigten Holzhütte auf einer Insel im Rhein[2] einsperrten; der Bau wurde angezündet, so dass alle darin verbrannten oder erstickten. Die in den Quellen überlieferte Zahl von dreihundert bis sechshundert Mordopfern wird als zu hoch erachtet; die jüdische Gemeinde in Basel dürfte rund hundert Personen gezählt haben, eine Opferzahl zwischen fünfzig und siebzig erscheint glaubhafter. Viele jüdische Kinder wurden verschont, aber zwangsgetauft und in Klöster verschleppt. Auch einige Erwachsene entkamen dem Tod durch Konversion in extremis. Als aber die Pest im Mai 1349 schliesslich ausbrach, galt ihre neuerworbene Religionszugehörigkeit nichts. Sie wurden eingesperrt und hingerichtet, nachdem sie unter der Folter ausgesagt hatten, in ein Giftkomplott gegen Basel verwickelt gewesen zu sein. Mutmasslich wurden die jüdischen Häuser und die Synagoge geplündert. Ende 1349 waren alle Überlebenden des Pogroms aus der Stadt geflohen, und die jüdische Gemeinde hatte sich aufgelöst. Der Pogrom blieb, wie in Benfeld wahrscheinlich vereinbart, kein Einzelfall; ein nächster folgte in Freiburg am 30. Januar, ein weiterer in Strassburg am 14. Februar.

Basel hatte das kaiserliche Gebot missachtet und sich an den eigentlich unantastbaren Kammerknechten vergriffen. Zeitgenössische und nachträgliche Darstellungen des Pogroms gingen davon aus, dass die Zünfte und das Volk den Rat zum Pogrom genötigt hätten. Die Hintermänner aus der gesellschaftlichen Führungsschicht hatten es verstanden, ihre Rolle bei dem Geschehen zu vertuschen und die Schuld zu anonymisieren. In Strassburg kam es noch zu einem Prozess vor den Reichsautoritäten, in Basel ist davon nichts bekannt. Mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde wurden die angestrebten Ziele erreicht: Die jüdischen Guthaben und Pfandrechte galten als erloschen, auch waren einige Rechtstitel wie Hauszinsen in christliche Hände übergegangen. Der Rat beschlagnahmte die Synagoge und den Friedhof; jene diente nach dem Erdbeben von 1356 provisorisch als Stapelhaus für Kaufmannswaren, dieser später als städtischer Werkhof, was wohl in direktem Zusammenhang mit der Verwertung der Grabsteine als Türschwellen, vor allem aber zur Ausbesserung der Stadtmauer stand.[3] Ein Grabstein wurde mit der Inschrift nach unten schauend als Bodenplatte im Basler Münster verlegt.

Vorübergehende Rückkehr in der zweiten Gemeinde

Ab 1360 siedelten sich Juden wieder in den Städten an, die sich 1348/49 an den Pogromen beteiligt hatten. In Basel sind jüdische Rückkehrer ab 1361/62 urkundlich erwähnt. Nicht selten übernahmen sie die Häuser, die schon Juden der ersten Gemeinde gehört hatten. Offenbar machten die Überlebenden oder deren Nachkommen alte Rechtsansprüche geltend. Möglicherweise war es auch gelungen, angesichts des drohenden Pogroms Abmachungen mit den christlichen Nachbarn zu treffen über die Verwaltung und Rückgabe ihrer Liegenschaften. Die These, dass die jüdischen Geldgeber wegen des Kapitalbedarfs für den Aufbau der durch das Erdbeben von 1356 zerstörten Stadt zurückgeholt worden seien, ist überholt. Vielmehr waren sie durch die wachsende Geldwirtschaft allgemein unentbehrlich geworden; auch durfte bei den Behörden die Erwägung mitgespielt haben, dass Rechtshändel über Geldgeschäfte besser vor einem Basler Gericht ausgetragen würden als vor einem auswärtigen. 1365 erhielt die Stadt vom Reich die Schirmherrschaft über die Juden, wahrscheinlich hatte sich in diesem Jahr auch eine neue jüdische Gemeinde konstituiert. Diese bestand bis 1397, als sie sich binnen weniger Monate auflöste. Die Gründe dafür sind unbekannt. Eine Verfolgung hat nicht stattgefunden; über die Drohung eines neuen Pogroms als Anlass für den Wegzug kann nur spekuliert werden. Danach blieb den Juden für über vierhundert Jahre die Niederlassung in Basel verwehrt. Die dritte, seither nicht mehr aufgelöste jüdische Gemeinde entstand 1805 im Zuge der durch die Helvetische Republik eingeführten Religionsfreiheit.

Literatur

  • Heiko Haumann (Hrsg.): Acht Jahrhunderte Juden in Basel. Zweihundert Jahre Israelitische Gemeinde in Basel. Schwabe Verlag, Basel 2005. ISBN 3-7965-2131-2

Einzelnachweise

  1. In der Bösen Fasnacht kamen 1376 mehrere Menschen ums Leben, als während eines Turniers eine erregte Volksmenge die Waffen gegen den Habsburger Adel in der Stadt erhob.
  2. Die Lage dieser Insel ist unbekannt. Vermutet wird sie in der Nähe der Birsig- oder der Wiesemündung.
  3. Von den 570 jüdischen Grabsteinen, die Mitte des 17. Jahrhunderts über die ganze Stadt verstreut sichtbar waren, befanden sich zwei Drittel im Befestigungsbereich nahe dem Werkhof.

Weblinks


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