Bauernleier
Drehleier (Alto-Drehleier, W. Weichselbaumer, Wien 2006)

Die Drehleier (auch: Radleier) ist ein Streichinstrument, bei dem die Saiten von einem eingebauten Rad angestrichen werden, das mittels einer Kurbel gedreht wird. Die schwingende Länge einer oder mehrerer Melodiesaiten wird mechanisch über Tasten verkürzt, um die Tonhöhe zu verändern.

Meist klingen eine oder mehrere Bordunsaiten auf konstanter Tonhöhe mit. Die Drehleier wird daher wie die Sackpfeife zu den Borduninstrumenten gezählt. Zum Erzeugen von rhythmischen Schnarrlauten dient oft ein Schnarrsteg.

Die in Museen erhaltenen böhmischen Instrumente haben keine Bordunsaiten, die traditionellen Instrumente aus Galizien (in Nordwestspanien) keinen Schnarrsteg.

Die Drehleier wird unter anderem in der traditionellen Musik, der Alten Musik, im Jazz, Industrial, in der Rockmusik und in der Neuen Musik verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Mechanismus der Verkürzung der Melodie-Saiten

Mechanismus der Verkürzung der Melodie-Saiten, Drehleier mit Spänekorpus, J. Grandchamps, 1980

Jede Taste sitzt auf einer Schiebe-Stange mit rechteckigem Querschnitt. Die Schiebe-Stangen werden durch entsprechende Löcher quer durch zwei parallele Brettchen (Tangenten-Kasten genannt) geführt. Diese Brettchen sind so am Instrument befestigt, dass die Melodie-Saiten parallel zwischen ihnen verlaufen und damit die Schiebe-Stangen quer zu den Melodie-Saiten.

Auf den Schiebe-Stangen ist für jede Melodie-Saite ein "Bund" befestigt. Beim Drücken einer Taste werden die entsprechenden "Bünde" gegen die Melodie-Saiten gedrückt und dadurch die schwingende Länge aller Saiten zugleich verkürzt. Die "Bünde" einer Drehleier werden auch als Tangenten bezeichnet, weil sie die Saiten "tangieren"(berühren), oder als "Fähnchen", wegen ihrer traditionellen Form.

Das Zurückfallen der Tasten in die Ausgangsstellung erfolgt durch die Schwerkraft. Die "Bünde" sind zum exakten Stimmen meist beweglich.

Gelegentlich finden sich von diesem Grundmodell abweichende Mechanismen, bei denen etwa das Zurückfallen der Tasten durch Federkraft erreicht wird, auch gibt es einen Mechanismus bei dem die "Bünde" auf rotierenden Scheiben befestigt sind.

Bauformen

Durch die Zeiten und Regionen findet sich eine große Vielfalt an Bauformen. Eine allgemeine Standardisierung ist nicht feststellbar, jedoch lassen sich einige Typen eingrenzen.

Alto-Drehleier

Dieses moderne Instrument wurde seit den Achtzigerjahren nach den Bedürfnissen von Drehleierspielern entwickelt, die die Drehleier in modernem musikalischem Kontext verwenden. Das besondere Augenmerk liegt dabei auf der Erweiterung der klanglichen Vielfalt. Bekannte Musiker, die besonders an der Entwicklung dieser Instrumente mitgewirkt haben, sind Valentin Clastrier, Gilles Chabenat und Matthias Loibner.

Die Bezeichnung leitet sich vom erweiterten Tonumfang dieser Instrumente her, von „Alto“ (französisch für Bratsche). Diese Instrumente haben meist einen tieferen Klang, insgesamt mehr Tonumfang der Tastatur, bis zu drei Oktaven, mehr Saiten – bis zu 27, unter Verwendung der verschiedenen Saiten dann bis zu viereinhalb Oktaven Tonumfang, eingebaute Vorverstärkersysteme.

Wichtige Instrumentenbauer für die Entwicklung dieses Typs sind Denis Siorat, Robert Mandel, Philippe Mousnier und Wolfgang Weichselbaumer.

Bauformen aus Frankreich

Drehleier mit Korpus in Gitarrenform von Pierre Louvet, Paris 18. Jahrhundert
Drehleier mit Spänekorpus, Pajot (Père), Jenzat 1859

Für die Drehleier, franz.Vielle à Roue (wörtlich Rad-Fidel), gibt es heute in Frankreich eine starke Tradition, insbesondere in der Region Centre. Seine Form mit einem Korpus aus Spänen, ähnlich der Laute, erhielt dieses Instrument von höfischen Instrumentenbauern zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts. Als namentlich bekannte Instrumentenbauer dieser Periode, welche diese feiner klingenden Instrumente bauten, sind Henri Bâton aus Versailles, die aus der Normandie stammenden Brüder Pierre Louvet (* 1709, † 1784) und Jean Louvet (* 1718, † 1793) sowie Jean-Nicolas Lambert (* 1708 in Épinal, † 1759 in Paris) und Nicolas Colson, (* 1785 in Mirecourt) zu nennen. Neben den Instrumenten mit Spänekorpus wurden auch Instrumente mit gitarren-förmigem Korpus gebaut.

Im neunzehnten Jahrhundert passte sich das Instrument mehr und mehr dem Gebrauch in der dörflichen Musik an und wurde robuster. Die Instrumente aus dieser Zeit, etwa von Pimpard oder Pajot aus Jenzat in der Auvergne gleichen den heute gebauten. Für die Bretagne bauten die Instrumentenbauer aus dem Centre Drehleiern mit einem größeren taillierten Zargen-Korpus.

Bauformen aus Ungarn

zwei Tekerõlant, Bela Szerenyi, Budapest, Ende des 20. Jahrhunderts

Die Drehleier, auf Ungarisch „Tekerőlant“[1] (oder Tekerő), hat einen großen taillierten Zargen-Korpus und die Besonderheit, dass Melodie-, Schnarr- und Bordunsaiten innerhalb des Tangentenkastens, der die Tastatur aufnimmt, verlaufen. Dieses Instrument hat ein Schnarrsystem, das anders als bei den französischen Instrumenten mit einem Keil justiert wird.

Ein Charakteristikum der ungarischen Drehleier ist das im Verhältnis zu den französischen Instrumenten kleinere Rad und die kleinere Kurbel. Dies begünstigt beim Einsatz der Schnarre (ungarisch recsegő) die Erzeugung kurzer akzentuierter Schnarrtöne, deren Klangcharakter an eine Marschtrommel oder ein Tamburin erinnern.

Regional ist die ungarische Drehleier in der ungarischen Volksmusik der Gebiete um Szentes und Csongrád sowie im Gebiet der Donau südlich von Budapest beheimatet. Die ersten schriftlichen Hinweise auf Drehleiern in Ungarn finden sich im XVI. Jahrhundert, die ältesten ungarischen Abbildungen des Instrumentes stammen aus der Zeit der Kuruzenkriege Ende des 17. Jahrhunderts. Im Zuge der „Renaissance der Drehleier“, die in Ungarn im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts einsetzte, haben ungarische Instrumentenerzeuger die Bauweise von noch lebenden Volksmusikern gelernt und übernommen, so dass Ungarn, ähnlich wie Frankreich, eine durchgehende Tradition des Drehleierbaus und -spiels aufweist. Häufig sind in der Volksmusik Drehleierspieler im Duett mit Klarinettisten überliefert, wobei die Klarinette den Melodiepart und die Leier die Funktion eines Begleitinstrumentes übernahm. Historische Abbildungen von Drehleiern aus Süd- und Ostösterreich weisen bauliche Ähnlichkeiten zu den ungarischen Instrumenten auf.

„Böhmischer“ Typus

In tschechischen Museen sind mehrfach Instrumente erhalten, die keine Bordunsaiten und somit auch keine Schnarrsaite haben. Weitere Merkmale sind: Resonanzsaiten die durch den Tangentenkasten geführt sind, zylindrische Stege für die einzelnen Melodiesaiten, damit einhergehend für je eine Melodiesaite plus Resonanzsaiten ein eigener Saitenhalter, eine besondere Anordnung der Tangenten/Bünde die es erlaubt, anders als bei anderen Drehleiern, mit einer Tastatur zwei Melodiesaiten in wechselnden Zweiklängen abzugreifen sowie meist ein Hebel zum Aushängen einer Melodiesaite.

Bauformen aus Polen und der Ukraine

Колёсная лира - Drehleiern aus der Ukraine

Diese Instrumente aus Osteuropa, Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland haben einen geigenförmigen Korpus, meist ein sehr kleines Rad und gelegentlich eine besondere Tastatur mit Knöpfen.

Gotische Drehleier

Unter diesem Begriff wird eine Vielfalt von Instrumentenformen von heutigen Instrumentenbauern angeboten. Man versteht darunter meist Instrumente, deren Korpusform nach historischen Abbildungen aus der Zeit vom Beginn der Neuzeit bis etwa 1650 geformt ist. Es gibt sehr genaue Nachbauten nach einzelnen historischen Abbildungen, etwa nach dem Instrument, das auf dem Bild Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch dargestellt ist, aber auch rein spekulative Neuschöpfungen für die Verwendung auf Mittelaltermärkten.

Lira Organizzata, Vielle Organisée oder Orgelleier

Die Orgelleier ist eigentlich ein selbständiges Instrument, das aus einer Drehleier kombiniert mit einer kleinen Orgel besteht. Durch die Drehleier-Tastatur wird auch die Mechanik der Orgelventile gesteuert und mit der Kurbel das Windsystem betrieben. Im achtzehnten Jahrhundert wurden dafür unter anderem von Joseph Haydn und Ignaz Pleyel Kompositionen geschrieben.

Organistrum, Steinskulptur, Kathedrale von Santiago de Compostela, 1188

Organistrum

Die älteste nachgewiesene Form ist das Organistrum. Die frühesten bekannten Darstellungen stammen aus dem 12. Jahrhundert (Bröcker, 1977, Seite 43)[2].Ein Instrument für zwei Spieler, wobei einer die Saiten verkürzt und der andere die Kurbel bedient. Das Organistrum ist nur aus Abbildungen und Plastiken bekannt, unser Wissen über den Mechanismus der Saitenverkürzung, die Stimmung und andere bauliche Details gründet auf Indizien. Das Organistrum wurde in der Kirchenmusik verwendet.

Kastenleier (lat. Sinfonia)

Auch diese Form ist bereits aus mittelalterlichen Darstellungen belegt. Das Instrument hat die Form einer länglichen Kiste, nur die Tastatur und die Kurbel stehen vor. Die Tastatur der Kastenleier dürfte im Original dorisch gewesen sein. Die frühesten Abbildungen stammen aus dem 13. Jahrhundert (Bröcker, 1977, Abbildung 35)[2]. Wie beim Organistrum beruhen alle heutigen Nachbauten auf Texten und Abbildungen und daraus abgeleiteten Folgerungen. Es ist kein historisches Instrument erhalten.

Geschichte

Als Organistrum ist die Drehleier in Texten ab dem zehnten Jahrhundert belegt. Die frühesten bekannten Darstellungen stammen aus dem zwölften Jahrhundert. Eine bedeutende Veränderung erfährt die Drehleier ausgehend von Frankreich im achtzehnten Jahrhundert. Es entstehen während einer nicht all zu langen Zeitspanne viele kammermusikalische Werke für „ländliche“ Instrumente, unter ihnen die Drehleier. Das Instrument wird für den Gebrauch in der höfischen (Kammer-)Musik adaptiert und Bauformen mit lautenähnlichem Spänekorpus sowie mit Orgelregistern entwickelt. Viele technische Grundlagen der heute verwendeten Instrumente gehen auf diese Zeit zurück.

Bis ins 19. Jahrhundert ist die Drehleier in vielen Ländern Europas dokumentiert. Heute ist sie in Zentralfrankreich, Nordwestspanien und Ungarn als traditionelles Musikinstrument verbreitet, in vielen Regionen Europas erlebt sie eine Renaissance. Das Instrument hat heute vermutlich eine größere Verbreitung als zu jeder anderen Zeit.

Die Namen der Drehleier

Die modernen Bezeichnungen Drehleier und seltener, meist in wissenschaftlichen Texten, Radleier leiten sich ab von griechisch λύρα, Lyra, althochdeutsch und ital. Lira. Der Präfix Dreh- (von drehen) beziehungsweise Rad- bezieht sich auf das vom Spieler gedrehte Streichrad.

In den historischen Quellen gibt es verschiedene weitere Bezeichnungen: Nur in mittelalterlichen Texten findet sich symphonie (Bröcker, 1977, Seite 229)[2], Als Lyra mendicorum verzeichnet sie Athanasius Kircher in seiner Musurgia Universalis (Iconismus VIII fol. 487)[3]. In historischen Quellen findet sich Drehleier meist auf Leyer oder Leier verkürzt (Bröcker, 1977, Seite 229 - 233)[2]. Auch die Form Lira kommt vor, etwa in Bezeichnungen von Stimmen für Drehleier in musikalischen Werken (Neue Mozart Ausgabe online, KV 602/3, Trio)[4]. Eine Unterscheidung zwischen dem antiken Zupfinstrument Leier, dem südosteuropäischen Streichinstrument Lyra und der eigentlichen Drehleier ist nur aus dem Kontext möglich (Grimm - online: Leier, 1a und 1b)[5]. Gleiches gilt für den Begriff Leierkasten. Der Grund ist, dass nach der Drehvorrichtung der Drehleier verschiedene Geräte mit einer gleichartigen Kurbel als Leier bezeichnet wurden (Grimm - online: Leier, 4)[5], darunter auch kleine tragbare mechanische Musikwerke die mit einer Leier betrieben werden: ein Kasten mit Leier, also Leierkasten. Auch Namen wie Bawren Lyren (Bauernleier) (Praetorius, 1620, Tafel XXII)[6] bzw. Bettelleier wurden benutzt, nicht zuletzt um eine Unterscheidung zwischen der antiken „Leier“ und der Dreh-„Leier“ zu treffen.

Fußnoten

  1. Nagy Balázs: Tekerőlantosok Könyve. A Hagyományok Háza kiadványsorozata, 2006
  2. a b c d Marianne Bröcker: Die Drehleier.. 2. Auflage. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn - Bad Godesberg 1977
  3. Athanasius Kircher: Musurgia Universalis, 1650, Iconismus VIII fol. 487 in Wikimedia commons
  4. Neue Mozart Ausgabe online: KV 602/3, Trio
  5. a b Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm online: Leier
  6. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Band 2, Theatrum Instrumentorum seu Sciagraphia. Wolfenbüttel 1620, Tafel XXII in Wikimedia commons

Literatur

  • Marianne Bröcker: Die Drehleier. 2. Auflage. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn - Bad Godesberg 1977 (Dissertation von 1973)
  • Riccardo Delfino, Matthias Loibner: Drehleier spielen. 2. Auflage. Verlag der Spielleute, Reichelsheim, 2006
  • Philippe Destrem, Volker Heidemann: Die Drehleier, Feinabstimmung und Wartung. 2. Auflage. Verlag der Spielleute, Reichelsheim, 1993
  • John Ralyea: Shepherd's Delight. Guide to the repertoire for hurdy-gurdy, musette, organized hurdy-gurdy, wheel-fiddle, nyckelharpa and tromba marina. Hurdy-gurdy Press, Chicago, 1980 (in Englisch)

Eine umfangreiche Literaturliste findet sich auf Drehleier-Wiki unter Repertoire und Bibliographie.

Weblinks


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