Bauforscher

Mit Bauforschung bezeichnet man die wissenschaftliche und analytische Beschäftigung mit Bauwerken. Dabei gibt es zwei Bereiche, die mit diesem Begriff bezeichnet werden und die sich mit ihren Methoden und Zielen voneinander unterscheiden: Die klassische Bauforschung und die historische Bauforschung. Die klassische Bauforschung meint die wissenschaftlich-technische, funktional-analytische oder rational-bauwirtschaftliche Auseinandersetzung mit Wohnungen oder Gebäuden und deren Planung, Nutzungsbedingungen im einzelnen oder im baulichen, räumlichen oder städtebaulichen Kontext. Die historische Bauforschung beschäftigt sich mit der Geschichte eines Gebäudes als einer vorwiegend technischen und konstruktiven Baugeschichte.

Inhaltsverzeichnis

Klassische Bauforschung

Begriff

Die klassische Bauforschung dient dem Zweck der baulichen Verbesserung der Wohn- und Lebensverhältnisse durch Rationalisierung der Bauabläufe, Einführung und Erprobung neuer Bauarten und -methoden, Einführung und Erprobung neuer und innovativer Baustoffe und deren Anwendungsmöglichkeiten.

Inhalt und Geschichte

Die "klassische Bauforschung" hat im wesentlichen die Senkung der Baukosten und die Rationalisierung im Wohnungsbau, seit einiger Zeit auch unter Berücksichtigung des ökologisch orientierten und energiesparenden Bauens und des gesunden Wohnens als Schwerpunktausrichtung. [1]

1949 gilt als das Jahr des Beginns und der Neuausrichtung der Bauforschung nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. In der Bundesrepublik Deutschland wurden im Jahr 1949 von der Bauministerkonferenz der deutschen Länder drei Institute als Bauforschungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland anerkannt. Dies waren die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. in Kiel, das Institut für Bauforschung in Hannover und die Forschungsgemeinschaft Bauen und Wohnen in Stuttgart. [2]. Diese Institute übernahmen damit die Aufgaben der auf Initiative der Reichstagsabgeordneten Dr. Marie Elisabeth Lüders 1927 errichteten "Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen e.V." und der daraus gegründeten "Deutschen Akademie für Bauforschung", die nach dem Krieg nur kurz, bis zur Neuorientierung der Bauforschung durch den Länderbeschluss noch einmal aktiv wurde.[3]

Die beiden erstgenannten Institute arbeiten noch immer auf dem Gebiet der wissenschaftlichen und angewandten Bauforschung. [4]Seit den 1980er Jahren sind zahlreiche weitere Einrichtungen der Bauforschung hinzugekommen. Eine der wichtigsten Einrichtungen für die Bauforschung ist das Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau. Für spezielle Aspekte der Bauforschung, zum Beispiel energieeffizientes Bauen, haben sich Einrichtungen wie das Passivhaus Institut in Darmstadt oder das Institut Wohnen und Umwelt IWU, ebenfalls in Darmstadt gegründet.

Bauforschung wird in Deutschland gefördert. Die Bauforschungsförderung erfolgt auf der Grundlage des Gesetzes zur Reform des Wohnungsbaurechts (§ 43 WoFG). Hierfür wurde die Arbeitsgemeinschaft für Bauforschung (AGB) gegründet. Die Arbeitsgemeinschaft für Bauforschung ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Förderinstitutionen der Bauforschung. Sie will einen Überblick über die Forschungsvorhaben im Bauwesen In Deutschland verschaffen und eine gegenseitige Unterrichtung und Abstimmung der Mitglieder ermöglichen. Die Arbeitsgemeinschaft nutzt die Fachinformationsdienste des Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau (IRB) ebenso wie die eigene Darstellung von Bauforschungsergebnissen im Internet wie auch in eigenen Mitteilungsblättern. Eine Geschäftsstelle wurde beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) eingerichtet.

In der Schweiz werden die Forschungspartner der Bauforschung unter dem Dach der schweizerischen Bauwirtschaft versammelt: "bauenschweiz". Dabei handelt es sich um die Förderstellen für Bauforschung und um die Forschungsinstitute an Hoch- und Fachhochschulen die für die Bauforschung relevant sind, unter anderem die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA, die ETH Zürich, Plattform Zukunft Bau oder EPF Lausanne.

In Österreich ist die Bauforschung, ähnlich wie in Deutschland mit der Wohnbauförderung verknüpft. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Forschungsgesellschaft für Wohnen, Bauen und Planen in Wien. Die Forschungsgesellschaft für den Wohnungsbau wurde im Jahr 1956 als eine Fachgruppe des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins gegründet und ist seit 1969 als Forschungsgesellschaft ein selbständiger Verein. Die Forschungsschwerpunkte waren und sind die Qualitätsverbesserung des Wohnens, bautechnische Forschungen, die Vereinheitlichung des Baurechts, die Stadt- und Dorferneuerung und die Wohnbauförderung. Bauforschung spielte vor allem in den 1970er und 80er Jahren in Österreich eine wichtige Rolle. Im Zeitraum von 1968 bis zum März 1987 hat das Österreichische Bundesministerium für Bauten und Technik aus Mitteln der Wohnbauforschung insgesamt 685 Forschungsarbeiten der Bauforschung mit knapp 1,1 Milliarden Schilling gefördert. Durch die Dezentralisierung und Verteilung der Aufgaben des Wohnungsbaus auf die Bundesländer hat sich die Bauforschungs-Landschaft ebenfalls in die Region verteilt.

Bereiche

Die Bauforschung beschäftigt sich dabei mit den Fragen der

  • Bauwirtschaft
  • Rationalisierung im Bauwesen, der Bauabläufe und Baukonstruktionen
  • Bautechnik
  • Bauphysik
  • Tragwerksplanung
  • Baukonstruktion
  • Entwurfsplanung und allen Fragen der
  • Funktionalität und
  • Nutzungs- und Randbedingungen
  • Soziologische und Städtebauliche Fragen gehören ebenfalls zum Kanon der klassischen Bauforschung
  • Realisierung, Begleitung und Auswertung von Versuchs- und Vergleichsbauten

In der Ausübung der Bauforschung wird meist zwischen theoretischer und praktischer Bauforschung unterschieden. Komplexe Forschungsthemen sind dabei in der Regel beiden Feldern zuzuordnen.

Zweck, Aufgabe und Nutzen

Ziel der klassischen Bauforschung ist die

  • Optimierung von technischen Möglichkeiten
  • Verbesserung und Fortentwicklung von Konstruktionen
  • Entwicklung und Begleitung von Innovationen im Bauwesen
  • Verbesserung und Rationalisierung von Bauabläufen
  • Vermeidung von Bauschäden und Baumängeln
  • Verbesserung der Nutzungsbedingungen (insbesondere im Wohnungsbau) von Gebäuden
  • Erarbeitung von Hilfsmitteln-, -methoden oder Systemen für die Planung oder Beurteilung von Gebäuden oder Siedlungszusammenhängen
  • Erforschung, Begleitung und Beratung der baulichen, sozialen und organisatorischen Aspekte zukunftsfähiger Wohnformen: Wohnberatung

Die Anforderungen an energiesparendes und energieffizientes, nachhaltiges und ökologisches Bauen sollen dabei definiert und fortentwickelt werden. Gleichzeitig sind die Aspekte der Barrierefreiheit, des nutzerspezifischen, zum Beispiel altengerechten oder generationenverbindenden Bauens und Wohnens im Rahmen der wissenschaftlichen und angewandten Bauforschung zu berücksichtigen.

Die Bauforschung ist obligatorischer Begleiter von Förderprogrammen, zum Beispiel im Sozialen Wohnungsbau oder im Experimentellen Wohnungs- und Städtebau zur Optimierung von Förderprozessen, Evaluation von Ergebnissen und Vorbereitung, Begleitung und Auswertung von Pilot- und Demonstrativbauvorhaben (seit 1949 bis heute).[5]

Die Bauforschung ist zwingend bei der Vorbereitung und Durchführung von Gesetzes-, Verordnungs- oder Normenverfahren und bei der Auswertung von deren Ergebnissen einzuschalten.

Historische Bauforschung

Diese befasst sich vorwiegend mit der konstruktiven Baugeschichte von einzelnen Bauwerken, in größerem Maßstab auch mit städtebaulichen Ensembles. Technische Mittel stehen dabei im Vordergrund, die eingesetzt werden zum Zweck der Dokumentation und im weiteren Verlauf mit dem Ziel ihrer auf nachprüfbaren Fakten gegründeten Interpretation. Je nach geplantem Genauigkeitsgrad strebt sie die möglichst lückenlose Erkenntnis der Baugeschichte an. Diese umfasst die ursprüngliche Her- und Fertigstellung, Um- und Anbauten, Verfall, Wiederaufbauten, Reparaturen, Sanierungen und die Nutzungsgeschichte.

Die Historische Bauforschung wird in der Klassischen Archäologie, Architekturgeschichte und Denkmalpflege betrieben; die Methoden der Dokumentation und Auswertung entstammen der Archäologie: Da in der Archäologie die Befunde mit dem Grabungsfortschritt vernichtet werden, entwickelte man hier penible Methoden, soviele Informationen wie möglich gleichzeitig zu dokumentieren und zu interpretieren. Gert Mader hat wesentlich dazu beigetragen, diese Techniken in der Denkmalpflege fachspezifisch angewendet einzuführen.

Begriff

In den drei historischen Wissenschaften Denkmalpflege, Archäologie und Architekturgeschichte spricht man in der Regel schlicht nur von Bauforschung, gemeint ist aber nur die "historische Bauforschung".

Prozess

Die historische Bauforschung geht bei der genauen und wissenschaftlichen Erfassung insbesondere technischer Aspekte eines historischen Gegenstandes oder Bauwerks schrittweise vor.

Jede Erforschung eines Bauwerks beginnt mit einer Baubegehung, die die allgemeine Situation erfasst und das Ziel der Untersuchung festlegt. Am Anfang der Arbeiten steht dann meist eine Bauaufnahme, also ein Aufmaß und die Erstellung einer maßstabsgerechten, meist sogar verformungsgenauen Zeichnung. Auch mithilfe der Photogrammetrie können Grund- und Aufrisse erstellt werden.

In einem Raumbuch werden die Bauteile des Bauwerks erfasst, nach Räumen sortiert. Durch Zeichnungen, Fotos und Notizen wird das Bauwerk möglichst detailliert dokumentiert. Innerhalb der Räume werden Materialien und Zustand von Wänden, Decken und Böden festgehalten, schließlich einzelne Bauelemente und Befundstellen. Wichtig ist die systematische Gliederung, die die Dokumentation in der geforderten Genauigkeit ermöglicht.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist das Quellenstudium in Archiven. Die originalen Architektur- und Bauzeichnungen können - soweit vorhanden - Aufschluss über den Urzustand nach Fertigstellung geben. Alte Dokumente aller Art helfen dem Bauforscher, die Geschichte des Bauwerks zusammenzusetzen.

Zudem stehen dem Bauforscher noch weitere Methoden zur genaueren Erforschung zur Verfügung:

Nach dem Sammeln aller relevanten Fakten werden sie dokumentiert. Aufgrund der erforschten Fakten soll die Geschichte des Bauwerks rekonstruiert werden. Dazu ist oft eine Interpretation der Funde erforderlich.

Nutzen

Nachdem ein Bauwerk erforscht wurde, können die Erkenntnisse vielfältig genutzt werden.

  • Einschätzung, welche Teile von historischer Bedeutung sind, und schließlich:
  • Einschätzung des historischen Wertes eines Bauwerks
  • Erkennen der konservatorischen Probleme und der Morphologie des Bauwerks als Grundlage die für anstehende Sanierungsmaßnahmen, so:
  • Präzise statische Kenntnis der historischen Konstruktion, um die substanzschädigende Neuberechnung nach heutigen Standards zu vermeiden, sowie:
  • Möglichkeit, gravierender bautechnischer Fehler bei der Modernisierung durch detaillierte Kenntnis des Gebäudes zu vermeiden
  • Erhaltung des Wissens für die Nachwelt durch Dokumentation
  • Vielfältige Erkenntnisse für die Architekturgeschichte

Bauforscher

Der Begriff "Bauforscher" bezeichnet eine Person, die sich professionell und unter Kenntnis anerkannter Methoden mit klassischer oder historischer Bauforschung beschäftigt. Bauforscher sind in der Regel Architekten, Stadtplaner, Soziologen, Bauphysiker und beratende Ingenieure.

Bauforscher erlernen ihren Beruf über vertiefende Studiengänge oder in der Praxis. Einige Hochschulen bieten Vertiefungsrichtungen oder Aufbaustudiengänge für die historische Bauforschung an.

Literatur

zur klassischen Bauforschung

zur historischen Bauforschung

  • Einführende Handbücher:
    • Michael Petzet, Gert Mader: Praktische Denkmalpflege. Stuttgart, Berlin und Köln 1993 (Dort insbesondere der zweite Teil von Gerd Mader)
    • Großmann, G. Ulrich: Einführung in die historische Bauforschung. (zugl. Habilitationsschrift Hannover 1992/94.) Darmstadt 1993
  • Antike:
    • Wolfram Hoepfner: Das Pompeion und seine Nachfolgerbauten, de Gruyter, Berlin 1976 (Kerameikos, Bd. 10) ISBN 3-11-005906-1
  • Mittelalter:
    • Stadt Regensburg (Hrsg.), Das Deggingerhaus in Regensburg, München 1994
  • Moderne:
    • Norbert Huse (Hrsg.), Mendelsohn. Der Einsteinturm. Die Geschichte einer Instandsetzung, Stuttgart 2000

Einzelnachweise

  1. siehe auch: Gesetz zur Reform des Wohnungsbaurechts vom 13. September 2001 - § 43 Maßnahmen zur Baukostensenkung - Definition der Aufgaben der Bauforschung
  2. Arbeitsgemeinschaft der für das Bau-, Wohnungs- und Siedlungswesen zuständigen Ministerien der Länder des vereinigten Wirtschaftsgebietes (Hrsg.): „Maßnahmen zu Rationalisierung und Preissenkung im Wohnungsbau“, Frankfurt am Main 1949
  3. "Beiträge zur Theorie und Praxis des Wohnungsbaus", Arnold Knoblauch als Festschrift zum 80. Geburtstag gewidmet; 1959; in: Stefan Jokl, Dem Wohneigentum verpflichtet - 30 Jahre Bonner Städtebau-Institut, Schriftenreihe des ifs-Institut für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen e.V.; Band 51, 1994 S. 1
  4. Brintzinger, Dr. Ottobert: „Bauforschung und Baupraxis“, in: „50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel“:, Kiel 1996, S. 45
  5. Brintzinger, Dr. Ottobert: „Aus den Anfängen der Wohnungspolitik“, in: „50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel“:, Kiel 1996

Weblinks

Siehe auch


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