1. Henoch

Das äthiopische Henochbuch (in der Bibelwissenschaft mit „1. Hen“ oder auch mit „äthHen“ bezeichnet) gehört zu den so genannten Pseudepigraphen des Alten Testaments. Es umfasst eine umfangreiche Sammlung apokalyptischer Henoch-Traditionen mit unterschiedlichen Entstehungszeiten. Die ältesten Teile des Henoch-Buches dürften aus dem 3. Jh. v. Chr. stammen. Im Henochbuch finden sich apokalyptische Schilderungen, wie in der Johannesoffenbarung und im Danielbuch, jedoch viel älter als diese (die Offenbarung ist auf ca. 120 n. Chr. zu datieren; Daniel auf 167 v. Chr.). Das Henochbuch ist somit die älteste bekannte apokalyptische Schrift.

Fragmente des Textes liegen in Aramäisch, Hebräisch, Griechisch, Syrisch und Koptisch vor. Vollständig ist das Werk nur in Äthiopisch überliefert. Dies ist der Tatsache zur verdanken, dass das Buch Teil des biblischen Kanons der äthiopischen Kirche ist. Die äthiopische Übersetzung beruht auf griechischen und aramäischen Henoch-Schriften. In den jüdischen oder den christlichen Kanon wurde das Werk nicht aufgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Entdeckung der originalsprachlichen Fassung in Qumran

Große Teile des in der aramäischen Originalsprache verfassten Henochbuches wurden 1948 zusammen mit anderen Werken in den Höhlen von Qumran gefunden. Teile des Henochbuchs sind enthalten in den Qumrantexten 4Q201 bis 4Q202, 4Q204 bis 4Q212 und 1Q19.

Nicht in den Qumran-Funden enthalten ist das (Teil-)Buch der Bildreden. Es wurde schon immer vermutet, dass dieser Teil des Henochbuches erst in nachchristlicher Zeit entstanden sei. Die Qumran-Funde nähren diese Vermutung zusätzlich. Man kann daher davon ausgehen, dass die Essener im 1. Jahrhundert v.Chr. das Werk zu einem großen Teil kannten.

In welchem Zusammenhang das sogenannte Gigantenbuch, eine vor den Qumran-Funden nur aus der Überlieferung der Manichäer bekannte Henoch-Apokalypse, zu dem äthiopischen Henochbuch steht, bleibt unklar. Eines der Fragmente des Gigantenbuchs (4Q203) und das Henochbuch waren offenbar Teil der gleichen Sammelschrift.[1]

Biblischer Hintergrund

Henoch, der siebte Nachkomme Adams, wurde gemäß der Bibel bei lebendigem Leib in den Himmel entrückt. Dort heisst es:

Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,
daß sein ganzes Alter ward 365 Jahre. Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen. (1 Mos 5,22-24 EU)

Entrückungen geschahen nur noch zwei weitere Male im biblischen Umfeld, nämlich beim Propheten Elija sowie Jesus Christus (bei Mose wurde das Grab nicht gefunden, weshalb auch dort über eine Entrückung spekuliert wird). Henoch soll auf dem Weg zum Himmel diverse Offenbarungen von Engeln und Gott selbst erhalten haben. Im neutestamentlichen Judasbrief wird das Henochbuch wie ein biblisches Buch zitiert.

Inhaltsangabe

Das Buch handelt einerseits von Henoch, der während seines irdischen Daseins in den Himmel entrückt wurde und dem so alle himmlischen und göttlichen Geheimnisse offenbart wurden, andererseits vom Fall der Engel.

Üblicherweise wird wie folgt gegliedert:

  • Einleitung (Kapitel 1-5)
  • Buch der Wächter (Kapitel 6-36)
  • Bildreden (Kapitel 37-71)
  • Astronomisches Buch (Kapitel 72-82)
  • Geschichtsbuch / Buch der Traumvisionen (Kapitel 83-90)
  • Erbauungsbuch / Mahnreden (Kapitel 91-108)

In der Einleitung wird Henoch als Prophet dargestellt, der eine Vision vom kommenden Gericht empfängt. Aus diesem Teil des Henochbuches (I,9) wird im Judasbrief zitiert.

Im Buch der Wächter wird zuerst erzählt, wie einige Engel um ihren Anführer Semjasa beschlossen hatten, auf der Erde Frauen zu nehmen (vgl. 1 Mos 6 EU). Wie auch sonst in der Mythologie kann eine solche Vermischung zwischen der himmlischen und der irdischen Sphäre nicht gut ausgehen. Nachdem die Engel auf Erden sich beliebig Frauen genommen hatten, gebären diese daraufhin Riesen, welche die Erde verheeren. Dies löst bei Gott Zorn aus, so dass er die Engel aus dem Himmel verbannt und am Jüngsten Tag in einen Feuersee werfen will. Über die Erde wird Gott eine Sintflut ergehen lassen um die Riesen zu bekämpfen. Die Engel bitten Henoch, für sie durch eine Bittschrift bei Gott um Gnade zu flehen. Dieser Wunsch wird von Gott jedoch abgelehnt. Henoch muss danach wiederum als Bote fungieren und dieses den gestürzten Engeln mitteilen. Bei der anschließenden Himmelsreise Henochs wird ausführlich der Himmel und seine Umgebung geschildert, wo Henoch hin entrückt wurde. Es werden auch Hinweise auf einen Feuersee gezeigt (ein Motiv das dann in der Johannes-Offenbarung aufgenommen wird).

In den vermutlich später hinzugekommenen Bildreden wird viel vom Menschensohn gesprochen, unklar bleibt, ob damit der künftige Messias, den er an der rechten Seite des Thrones Gottes sieht, oder Henoch selbst gemeint ist.

Im sogenannten Astronomischen Buch wird von einer flachen Erde gesprochen, die auf Säulen ruht, der Mond und die Sonne finden sich an Fäden aufgehängt und kreisen um die Erde. Zwei Riesentiere, der Behemoth und der Leviathan, werden als männliches und weibliches Ungeheuer beschrieben, welche in der Wüste und im Meer leben.

Henoch kehrt noch einmal zur Erde zurück und erfährt in einem Traum, was seinem Enkel Noah widerfahren wird und wie dieser von der Sintflut errettet wird. In der sogenannten Tierapokalypse zeigt Gott dem bestürzten Henoch, was mit der Welt und dem Volk Israel bis zur Verbannung Judas nach Babylon passieren wird, dies alles symbolisch mit Tierbildern, dabei symbolisieren Schafe das Volk Israel. Den Traum erzählt er seinem Sohn Methusalem als Warnung. Schließlich wird er endgültig im Himmel aufgenommen.

Wirkung des Werkes

In diesem Buch erscheint erstmals im jüdischen Kulturraum eine ausführliche Beschreibung des Himmels sowie vom Totenreich, das nicht mit der Hölle zu verwechseln ist. Vielmehr kommt Henoch bei seiner Himmelsreise an schrecklichen Orten vorbei, wo die gefallenen Engel gefangen gehalten werden (1Hen 21). Diese Beschreibungen haben sowohl im Christentum als auch im Islam die Lehre von Himmel und Hölle beeinflusst und wurden jeweils entsprechend weiter ausgeschmückt, besonders im Katholizismus. In der hebräischen Bibel ist diese Lehre noch nicht vorhanden.

Siehe auch

Literatur

Ausgaben

  • Siegbert Uhlig: Das äthiopische Hennochbuch. Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit Bd. 5, Lfg. 6. Mohn Verlag, Gütersloh 1984, ISBN 3-579-03956-3.
  • Paul Riessler: Altjüdische Schrifttum außerhalb der Bibel. 6. Aufl. Kerle, Freiburg u. Heidelberg 1988. S. 353-451
  • Francois Martin: Le livre d'Hénnoch. Traduit sur le texte éthiopien. Edition Letouzey, Paris 1906.
  • Andreas Gottlieb Hoffmann: Das Buch Henoch in vollständiger Übersetzung mit fortlaufendem Kommentar, ausführlicher Einleitung und erläuternden Exkursen. Jena 1833

Sekundärliteratur

  • Byung Hak Lee: Befreiungserfahrungen von der Schreckensherrschaft des Todes im äthiopischen Hennochbuch. Dissertation, Universität Bochum 1998.
  • Erik Sjöberg: Der Menschensohn im äthiopischen Hennochbuch. Gleerup, Lund 1946.

Weblinks

Primärtext
Informationen zum Henochbuch
  • Beate Ego: Art. Henoch / Henochliteratur, in: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hgg.): WiBiLex - das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2007ff.

Einzelnachweise

  1. Hartmut Stegemann Essener 9. Aufl. Freiburg 1999. S. 137

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