Wanderer, kommst du nach Sparta

Wanderer, kommst du nach Sparta

Inhaltsverzeichnis

Ὦ ἄνδρες Ἀθηναῖοι.

Ὦ ἄνδρες Ἀθηναῖοι.
Ō andres Athenaioi.
„Ihr Männer von Athen!“

Wendung, die von Sokrates in seiner Verteidigungsrede häufig verwandte und vom Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag gebraucht wurde:

Werdet bitte nicht unruhig, ihr Männer von Athen, und bleibt bei dem, worum ich euch bat: euch durch meine Worte nicht in Unruhe versetzen zu lassen, sondern zuzuhören; denn ihr habt etwas davon, meine ich, wenn ihr zuhört.“ (Platon in seiner Verteidigungsrede) [1]
Ihr Männer von Athen! Ich sehe, daß es euch mit der Religion sehr ernst ist. Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angesehen. Dabei habe ich auch einen Altar entdeckt mit der Inschrift: 'Für einen unbekannten Gott'.“ (Paulus in seiner Rede auf dem Areopag) [2]

Ὦ γάμοι, γάμοι.

der geblendete Ödipus
Ὦ γάμοι, γάμοι.
Ō gamoi, gamoi.
„Eh'n, ihr Ehen, ach!“

Fluch des Königs Ödipus im Drama des Dichters Sophokles über die Institution der Ehe als er gerade herausgefunden hat, dass er seinen eigenen Vater erschlagen und seine eigene Mutter geheiratet hat.

Weiter klagt Ödipus in dieser Tragödie:

Ihr zeugtet mich, empfinget, als ihr mich gezeugt,
Denselben Samen wieder, zogt ans Licht hervor,
Geschwister, Väter, Kinder, stammverwandtes Blut,
Ehfrauen, Bräute, Mütter, und was alles sonst
Von Gräueln unter Menschen nur sich finden mag.“ [3]

Ödipus ist ein Sohn des Laios, des Königs von Theben, welchen er in einem Handgemenge tötet. Später erhält er als Belohnung dafür, dass er Theben von der Sphinx befreit, Iokaste, die Witwe des Königs und damit seine eigene Mutter, zur Ehefrau. Erst später erfährt er, dass Iokaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Wie es von einem Orakel vorausgesagt wurde, beging Ödipus also sowohl Vatermord als auch Inzest. Im Drama König Ödipus sticht sich Ödipus am Ende die Augen aus und flieht ins Exil.

Ὦ δέσποτα, μέμνησο Ἀθηναίων.

Ὦ δέσποτα, μέμνησο Ἀθηναίων.
Ō despota, memnēso Athēnaiōn.
„Herr, gedenke der Athener!“

Worte, die ein griechischer Sklave dem persischen König Dareios I. jedes Mal wenn er sich zu Tische setze, dreimal zurufen musste, denn Dareios wollte sich an den Athener wegen des ionischen Aufstandes rächen, einer Rebellion der kleinasiatischen und zyprischen Griechen gegen die persische Oberherrschaft. [4]

Außerdem soll Dareios einen Pfeil Richtung Himmel geschossen und dabei ausgerufen haben:

Ὦ Ζεῦ, ἐκγενέσθαι μοι Ἀθηναίους τίσασθαι! - „O Zeus, lass mich Rache nehmen an den Athenern!

Ὦ Κρίτων […] τῷ Ἀσκληπιῷ ὀφείλομεν ἀλεκτρύονα.

Jacques-Louis David: „Der Tod des Sokrates“
Ὦ Κρίτων […] τῷ Ἀσκληπιῷ ὀφείλομεν ἀλεκτρύονα. ἀλλὰ ἀπόδοτε καὶ μὴ ἀμελήσητε.
Ō Kritōn […] tō Asklēpiō opheilomen alektryona, alla apodote kai mē amelēsēte.
„O Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den, und versäumt es ja nicht.“

Letzte Worte des Sokrates zu seinem Freund Kriton, als er zum Trinken des Schierlingsbechers verurteilt worden war. Asklepios war der Gott der Heilkunst und Sokrates wollte damit wohl ausdrücken, dass der Tod für ihn eine Erlösung sei, während ihm Kriton zur Flucht überreden wollte.

Ὦ παῖ γένοιο πατρὸς εὐτυχέστερος

Ajax stürzt sich ins Schwert
Ὦ παῖ γένοιο πατρὸς εὐτυχέστερος τὰ δ᾿ ἄλλ᾿ ὁμοῖος.
Ō pai, genoio patros eutychesteros, ta d' all' homoios.
„Kind, werde glücklicher als dein Vater, im übrigen ihm gleich!“

Letzter Wunsch des sterbenden Aias an seinen Sohn in dem Drama von Sophokles. In der Vorszene sucht Odysseus Spuren zur Bestätigung des Gerüchts, Aiax (Ajas) habe das Herdenvieh hingemetzelt. Die Göttin Athena befiehlt Aias sich in seinem bejammernswerten Zustand zu zeigen.

In der ersten Hauptszene erkennt Aias, wieder zur Besinnung gekommen, dass er den Göttern verhasst ist und vom Heer verabscheut wird. Noch immer wünscht er, die Heerführer zu töten, um anschließend selbst zu sterben: „Der Edle lebt in Ehren oder geht in Ehren ab.“

Tekmessa fleht um Mitleid für sie und ihren gemeinsamen Sohn Eurysakes, denn ihr und dem Kind wäre nach seinem Tod das Sklavenlos bestimmt. Entschlossen zu sterben, nimmt Aias Abschied von Eurysakes und bestimmt seinen Halbbruder Teukros zum Erzieher des Kindes. Er verschließt sich aber dem Flehen seiner Frau, sich nichts anzutun.

Ὦ παῖδες Ἑλλήνων ἴτε, ἐλευθεροῦτε πατρίδ'.

Ὦ παῖδες Ἑλλήνων ἴτε, ἐλευθεροῦτε πατρίδ'.
Ō paides Hellēnōn ite, eleutheroute patrid'.
„Ihr Söhne der Hellenen, auf! Befreit unser Vaterland!“

Der Dichter Aischylos erklärt in seiner Tragödie Die Perser (401-405), die den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofes behandelt, worum es für die Griechen geht. Als die Perser in den Sund einfuhren, hörten sie lautes Rufen:

Ὦ παῖδες Ἑλλήνων ἴτε, ἐλευθεροῦτε πατρίδ', ἐλευθεροῦτε δὲ παῖδας, γυναῖκας, θεῶν τέ πατρῴων ἕδη, θήκας τε προγόνων· νῦν ὑπὲρ πάντων ἀγών.
„Ihr Söhne der Griechen, auf, befreit das Vaterland, befreit die Kinder und Frauen, die Sitze der angestammten Götter, die Gräber der Ahnen; um all dies geht der Kampf.“

Die Griechen waren zahlenmäßig weit unterlegen. Um Abhilfe zu schaffen, fragte Themistokles das Orakel von Delphi um Rat. Die Antwort des Orakels war: „Sucht Schutz hinter hölzernen Mauern!“ Diesen Ausspruch interpretierten die Athener so, dass nur ihre Trieren Schutz gegen die Perser bieten konnten. Die Männer waren auf den Schiffen und die Frauen und Kinder brachte man in der Nähe von Salamis in Sicherheit.

Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.

Gedenktafel bei den Thermopylen
Denkmal bei den Thermopylen
Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.
Ō xein', angellein Lakedaimoniois hoti tēde keimetha tois keinōn rhēmasi peithomenoi.
„Oh Fremder, verkünde den Spartanern, dass wir hier liegen, von deren Worten überzeugt.“

Epigramm des Simonides von Keos bei den Thermopylen. Dies soll auf dem Gedenkstein für die Spartaner, die sich gegen die Perser bis auf den letzten Mann aufopferten, gestanden haben.

Der römische Politiker und Redner Marcus Tullius Cicero schlägt einen pathetischen Ton an, indem er von heiligen Gesetzen spricht:

Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur.

Der Dichter Friedrich Schiller macht aus dem knappen militärischen Befehl einen Bedingungssatz:

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Der Pass an den Thermopylen soll so eng gewesen sein, dass kaum ein mit Büffeln bespannter Wagen durchfahren konnte. An dieser Verengung erwarteten etwa 300 Griechen unter Befehl des Spartanerkönigs Leonidas das 20.000-Mann-Heer des Großkönigs Xerxes. Der schickte einen Späher aus, um die Stärke der Verteidiger zu erkunden. Der Späher war erstaunt über die geringe Anzahl der griechischen Soldaten und die gute Stimmung, die dort hertschte. Auch Xerxes war sehr verwundert und ließ Demaretos rufen, einen ehemaligen König von Sparta, der nun in Verbannung an seinem Hof lebte und fragte ihn, was er davon halte. Demaretos antwortete:

Sie werden dir eine Schlacht liefern.

Der Großkönig Xerxes fragte spöttisch:

Diese wenigen Männer?

Demaretos aber entgegnete:

Frage nicht nach ihrer Anzahl, o Beherrscher des Erdkreises! Wenn sie 1000 sind, werden sie dich besiegen. Wenn sie nur 300 sind, werden sie dich trotzdem angreifen und dich daran hindern, sie zu besiegen.

Xerxes brach in Gelächter aus:

Was treibt denn diese paar Männer in einen so aussichtslosen Kampf gegen die Millionen meines Heeres?

Demaretos antwortete:

Das Gesetz.

Xerxes fragte erstaunt:

Das Gesetz?

Demaretos wiederholte:

Das Gesetz, das ihnen verbietet zu fliehen. Nenne mich einen Betrüger, wenn nicht das geschieht, was ich voraussage![5]

Vier Tage wartete Xerxes, dass die Griechen vor der Masse seiner Krieger fliehen würden, doch sie flohen nicht. Abertausende persischer Krieger stürmten gegen den Pass, doch der Weg war so schmal, dass immer nur wenige Krieger gegeneinander kämpfen konnten. Erst durch den griechischen Verräter Ephialtes gelangten die Perser durch ein Paralleltal in den Rücken der Verteidiger.

Der Schriftsteller Heinrich Böll verwendete 1950 diesen Gedichtanfang Wanderer, kommst du nach Spa... als Titel einer Erzählung über einen Schwerverletzten im Zweiten Weltkrieg. Der Ich-Erzähler wird zu Beginn der Kurzgeschichte in einem Krankenwagen durch eine brennende Stadt transportiert, die er zunächst nicht identifizieren kann. Er kommt in ein provisorisches Lazarett, das in einer Schule eingerichtet worden ist. An der Tafel befindet sich noch, von seiner eigenen Hand vor drei Monaten geschrieben, das verstümmelte Zitat „Wanderer, kommst du nach Spa...“ Kaum hat er dies gesehen, wird er sich auch über seine eigene Situation klar: Er hat keine Arme mehr und nur noch ein Bein.

ὦ ξένε

ὦ ξένε
ō xene
„Fremder!“

Allgemeine Anrede an Personen, deren Namen man nicht kennt oder deren Namen man nicht sagt. Übersetzt mit „mein Freund“, „mein Bester“.

Der deutsche Philosoph Bernhard Waldenfels schreibt in seinem Essay über Atopie:

Im Symposion ist es Diotima, die als Botin aus einer anderen Welt auftritt; nachdem die Tischgenossen lang und breit die über den Eros geredet haben, gibt sie durch den Mund des Sokrates Kunde von der Verwandlungskraft des Eros – und Sokrates, der Fremdartige, redet sie ihrerseits an mit „O Fremde!“ (o xene). Man könnte geneigt sein, auf ungewohnte Weise von einer Fremdlingin zu sprechen, so wie Hölderlin die Nacht als „Fremdlingin unter den Menschen“ willkommen heißt.[6]

Ὦ οἷα κεφαλὴ, καὶ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει.

Ὦ οἷα κεφαλὴ, καὶ ἐγκέφαλον οὐκ ἔχει.
Ō hoia kephalē, kai engkephalon ouk echei.
„Oh, was für ein schöner Kopf, doch fehlt das Hirn!“

Der Humanist Erasmus von Rotterdam schreibt in seiner Sprichwörtersammlung Adagia:

Das gilt von Leuten, die durch körperliche Schönheit auffallen, aber keinen Verstand besitzen. Es geht zurück auf eine Fabel, die bei Äsop überliefert ist. In der Umgangssprache sagt man von Verrückten und Beschränkten, daß sie kein Hirn im Kopf haben.[7]
  • Lateinisch: „caput vacuum cerebro

῎Ωδινεν ὄρος καὶ έτεκε μῦν.

Grandvilles Illustration für La Fontaines Version dieser Fabel
῎Ωδινεν ὄρος καὶ έτεκε μῦν.
Ōdinen oros kai eteke myn.
„Es kreißt der Berg, und dann gebiert er eine Maus.“

Dieses vermeintliche Sprichwort geht auf eine Fabel des Äsop zurückgeht und hat zum Inhalt, dass ein Ergebnis trotz großem Aufwands unbefriedigend ist. Diese Fabel wurde von Phaedrus ins Lateinische übertragen und von Gotthold Ephraim Lessing in seiner Abhandlungen über die Fabel besprochen:

Ihr Götter rettet! Menschen flieht!
Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen,
Und wird itzt, eh man sich's versieht,
Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc. [8]

Die lateinische Version stammt aus der Dichtkunst des Dichters Horaz, wo es heißt:

Parturiunt (typo) montes, nascetur ridiculus mus.[9]
Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen

Mit diesen Worten wollte Horaz Dichter kritisieren, die nur wenig halten, aber viel versprechen.

ὧραι τῆς ἡμέρας

Dionysos führt die Horen.
ὧραι τῆς ἡμέρας
hōrai tēs hēmeras
„Stunden des Tages“

Jesus sagte zu seinen Jüngern als diese ihn davor warnten, dass er in Judäa gesteinigt werde:

„ἀπεκρίθη ᾿Ιησοῦς· οὐχὶ δώδεκά εἰσιν ὧραι τῆς ἡμέρας; ἐάν τις περιπατῇ ἐν τῇ ἡμέρᾳ, οὐ προσκόπτει, ὅτι τὸ φῶς τοῦ κόσμου τούτου βλέπει·“ [10]
Jesus antwortete: Sind nicht des Tages zwölf Stunden? Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt.[11]

Die Tageseinteilung in der Antike kannte schon zwölf Stunden, doch wurden diese vom Sonnenaufgang an gerechnet, waren entweder gleich lang (babylonische Stunden) oder je nach Jahreszeit von variabler Länge (römische Stunden).

Die Horen, wörtlich „die Stunden“, waren die ursprünglich griechischen Göttinnen, die das geregelte Leben überwachten. Sie waren die Schutzgöttinnen der verschiedenen Tageszeiten. In griechischer Tradition wurden die zwölf Stunden von kurz vor Sonnenaufgang bis kurz nach Sonnenuntergang gezählt. Diese antike Einteilung hat sich als Liturgische Tageseinteilung erhalten.

Die 12 Stunden des Tages
Griechisch Sommer- / Wintersonnwende[12] Anmerkungen
Άυγή
Augē
3:40 Uhr / 6:21 Uhr das erste Licht des Tages
Augē, eine Tochter des Königs zu Tegea in Arkadien, war ursprünglich eine Priesterin der Göttin Athene, die von Herakles geschwängert wurde.
Άνατολή
Anatolē
5:11 Uhr / 7:15 Uhr Aufgang der Sonne
Anatolē war auch die Bezeichnung für Kleinasien, davon abgeleitet ist auch das türkische Anatolien.
Μουσική
Mousikē
6:42 Uhr / 8:09 Uhr erste geistige Übung
Die Mousikē ist auch eine Zeit gemeinsamen Singens am Morgen.
Γυμναστική
Gymnastikē
8:13 Uhr / 9:03 Uhr erste körperliche Übung
Die Gymnastikē geriet im leibfeindlichen Christentum in Vergessenheit.
Νύμφη
Nymphē
9:44 Uhr / 9:57 Uhr morgendliche Reinigung
Die Nymphē ist die Zeit der Reinigung nach den gymnastischen Übungen am Morgen.
Μεσημβρία
Mesēmbria
11:15 Uhr / 10:51 Uhr Mittag
Das Mittagessen, variiert nach Feiertagen und Gottheiten, die zu ehren sind.
Σπονδή
Spondē
12:46 Uhr / 11:45 Uhr Trankopfer nach dem Mittagessen
Die Spondē braucht nicht die ganze Stunde, sondern nur einen Teil davon.
Έλήτη
Elētē
14:17 Uhr / 12:39 Uhr Gebet
Elētē ist die erste nachmittägliche Stunden und im Kloster die erste Arbeitsstunde.
Άκτή
Aktē
15:48 Uhr / 13:33 Uhr Essen, Vergnügen
Aktē ist die zweite nachmittägliche Stunde und im Kloster die zweite Arbeitsstunde.
Έσπέρις
Hesperis
15:40 Uhr / 14:27 Uhr Abend
Hesperis ist die Tochter des Hesperus, Frau des Atlas und Mutter der Hesperiden. Die Stunde Hesperis ist die Zeit des abendlichen Trankopfers. Hesperis ist auch eine Gattung in der Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae) nach den abends und nachts stark duftenen Blüten.
Δύσις
Dysis
18:50 Uhr / 15:21 Uhr Sonnenuntergang
Dysis ist eine Tochter des Zeus und der Themis. Der Name bedeutet das Untergehen. Die Stunde Dysis ist die Zeit des gemeinsamen Abendessens.
Άρκτος
Arktos
8:29 Uhr / 16:18 Uhr letztes Licht
Arktos heißt wörtlich Bär und ist benannt nach den Sternbildern Ursa Major, Großer Bär und Ursa Minor, Kleiner Bär.

Der Kirchenlehrer Augustinus setzt aus den Anfangsbuchstaben von vier Horen den Namen des ersten Menschen Adam zusammen:

Ut enim ait Augustinus.
Adam in quatuor litteris Grecis ex quibus constat.
Quatuor habet principia verborum Grecorum.

Anatole. quod est oriens.
Disis. quod est occidens.
Arctos quod est septemtrio.
Mesembria quod est meridies

quasi subiciantur ei quatuor orbis climata.

 
Wie nämlich Augustinus sagt,
hat Adam in den vier griechischen Buchstaben, aus denen er besteht,
die Initialen von vier griechischen Wörtern:

Anatole, (Aufgangsland) – das ist der Orient,
Dysis, (Untergangsland) – das ist der Okzident,
Arktos, (Bärenland) – das ist der Norden (unter dem Siebengestirn, dem großen Bären),
Mesembria, (Mittagsland) – das ist der Mittag (Süden)

Und so seien ihm gleichsam die vier Wendemarken des Weltenrunds unterworfen. [13]

῎Ωρας δ' ἔθηκε τρεῖς.

῎Ωρας δ' ἔθηκε τρεῖς.
Ōras d' ethēke treis.
„Drei Jahreszeiten gab der Himmel.“

Anfang eines Gedichts des spartanischen Dichters Alkman An Artemis Orthia, in dem die antike Einteilung der Jahreszeiten wiedergegeben wird:

῎Ωρας δ' ἔθηκε τρεῖς, θέρος
καὶ χεῖμα κὠπώραν τρίταν
καὶ τέτρατον τὸ Ϝῆρ, ὅκα
θάλλει μέν, ἐσθίην δ' ἄδαν
οὐκ ἔστι.

 
Drei Jahreszeiten gab der Himmel:
den Sommer, Winter und die Ernte.
Als vierte käme noch der Frühling:
der bringt wohl Blüt und Blumen, aber
zum Essen nicht genug. [14]

In alten Zeiten kannten die Griechen lediglich zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter, die sich allmählich aufspalteten und den klimatischen Verhältnissen Griechenlands entsprachen. Bei Homer finden sich vier Bezeichnungen:

  1. χεῖμών (cheimōn, Winter; vom Frühuntergang der Plejaden bis zur Frühlings-Tagundnachtgleiche)
  2. ἔαρ (ear, Frühling; bis zum Frühaufgang der Plejaden am 20. Mai)
  3. θέρος (theros, Sommer; bis zum Frühaufgang des Arktur am 20. September)
  4. ἀπρώα (apōra, Zeit des Reifens, eigentlich nur der letzte Teil des Sommers)

Der hier nicht aufgeführte Herbst geht vom 20. September bis zum Frühuntergang der Plejaden am 4. November.

ὡς ἐν ἄλλῳ κόσμῳ

ὡς ἐν ἄλλῳ κόσμῳ
hōs en allō kosmō
„wie in einer anderen Welt“

Diese Redewendung gehört zu den ersten Adagia des Humanisten Erasmus von Rotterdam, der schreibt:

Wie in einer anderen Welt. Das ist eine sprichwörtliche Redewendung, die jetzt ganz allgemein gebräuchlich ist, und zwar sagt man es von Leuten, die sich in ihrer Art himmelweit von den anderen unterscheiden, oder von solchen, die alles ungewöhnlich finden oder weit von ihrer Heimat entfernt sind.[15]

Weiter schreibt Erasmus, dass Plutarch in seinen Tischgesprächen feststellt:

Die Griechen sind uns im Wesen so unähnlich und fremd, als ob sie durch Geburt und Leben einer anderen Welt angehörten.[16]

Hierzu merkt die Herausgeberin Theresia Payr an, dass Erasmus einen verderbten Text hatte. Im Original sind es nämlich nicht Griechen, sondern die Meerestiere, die einer anderen Welt angehören.

Ὡς ἔρις ἔκ τε θεῶν καὶ ἀνθρώπων ἀπόλοιτο.

Ὡς ἔρις ἔκ τε θεῶν καὶ ἀνθρώπων ἀπόλοιτο.
Hōs eris ek te theōn kai anthrōpōn apoloito.
„Schwände doch jeglicher Zwist unter Göttern und Menschen!“

Heraklit distanziert sich scharf von Homer, dessen Aussage seiner Konzeption des Kampfes zuwiderläuft. Während nämlich Homer ein Streben nach Befriedung streitender Parteien artikuliert, ist für die heraklitische Philosophie der Kampf ein notwendigerweise immerwährender, das Dasein konstituierender Prozess.

ὡς κλέπτης ἐν νυκτὶ

ὡς κλέπτης ἐν νυκτὶ
hōs kleptēs in nykti
„wie der Dieb in der Nacht“

Nach dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher soll der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht:

„Περὶ δὲ τῶν χρόνων καὶ τῶν καιρῶν, ἀδελφοί, οὐ χρείαν ἔχετε ὑμῖν γράφεσθαι· 2 αὐτοὶ γὰρ ἀκριβῶς οἴδατε ὅτι ἡ ἡμέρα Κυρίου ὡς κλέπτης ἐν νυκτὶ οὕτως ἔρχεται.“ [17]
1Von den Zeiten aber und Stunden, liebe Brüder, ist nicht not euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisset gewiß, daß der Tag des HERRN wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.

Tag des Herrn (hebräisch jom adonai) bezeichnet im Alten Testament den Moment des göttlichen Gerichtes, das endzeitliche Gerechtigkeit für den Gottesfürchtigen bringt. Später wurde es auch zu einer bedrohlichen Chiffre der Apokalyptik.

Ὠτίων πιστότεροι ὀφθαλμοί.

Ὠτίων πιστότεροι ὀφθαλμοί.
Ōtiōn pistoteroi ophthalmoi.
„Augen sind zuverlässiger als Ohren.“

Diese Feststellung, dass die Augen zuverlässigere Zeugen als die Ohren sind, deckt sich mit der folgenden Erkenntnis des Philosophen Heraklit:

Κακοὶ μάρτυρες ἀνθρώποισι ὀφθαλμοὶ καὶ ὦτα, βαρβάρους ψυχὰς ἐχόντων.
Schlechte Zeugen sind den Menschen mit barbarischen Seelen Augen und Ohren.[18]

An anderer Stelle heißt es bei Heraklit:

Ὀφθαλμοὶ γὰρ τῶν ὤτων ἀκριβέστεροι μάρτυρες.
Denn die Augen sind bessere Zeugen als die Ohren.

Quellennachweise

  1. http://www2.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Auditorium/BeGriRoe/SO9/PlatSokr.htm
  2. http://www.taunusportal.de/predigt/prewo/frame_unterwegs_athen.htm
  3. http://www.gottwein.de/Grie/soph/ot0001de.php
  4. Historien des Herodot (5,102)
  5. Zitiert nach http://www.ams-wien.at/gym/aktiv/hellas03/THERMOPYLEN.HTML
  6. http://www.atopia.tk/index.php/terra8/Atopie.html
  7. Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften. Band 7. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1972
  8. http://www.nio.uos.de/lit/gb_text.php?autor=Lessing&werk=Abhandlungen+%26uuml%3Bber+die+Fabel
  9. Horaz: Ars poetica, Vers 139
  10. Evangelium nach Johannes, 11.9
  11. http://www.bibel-online.net/buch/43.johannes/11.html#11,9
  12. Angaben für den 43. Breitengrad N, nach http://www.cauldronfarm.com/bookofhours/hours.html
  13. http://12koerbe.de/arche/otiai-11.htm
  14. Übersetzung: K. Preisendanz; zitiert nach http://www.gottwein.de/Grie/gr_textestart.php
  15. Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften. Band 7. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1972
  16. Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften. Band 7. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1972
  17. 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher, 5,2
  18. Sextus Emp. adv. Math. VII.

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