1. Kammersinfonie (Schönberg)

Die 1. Kammersinfonie für 15 Soloinstrumente ist ein richtungsweisendes Werk des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg. Sie trägt die Werknummer Opus 9 und wurde im Juli 1906 fertiggestellt. Ihre Uraufführung erfolgte am 8. Februar 1907 im Großen Saal des Wiener Musikvereins. (Eine weitere Aufführung im Jahr 1913, gemeinsam mit anderen Werken der „Zweiten Wiener Schule“, geriet zum Skandal.) Sie steht am Ende von Schönbergs früher, spätromantischer, tonaler Schaffensphase und markiert einen Wendepunkt hin zu Werken in freier Atonalität.

Das Stück weicht in mehreren Eigenschaften von der herkömmlichen, klassisch-romantischen Symphonie ab:

  • Besetzung: Die Originalfassung fordert 15 solistische Instrumente, die Streicherstimmen sowie Flöte und Oboe sind also einfach besetzt. Erst später in mehreren Überarbeitungen versuchte Schönberg, sein Werk dem gängigen Orchesterbetrieb anzupassen, um mehr Aufführungen zu ermöglichen. Schönberg leutet mit op. 9 eine dann ab den 20er Jahren bei vielen Komponisten zu beobachtende Tendenz ein (zum Beispiel in Paul Hindemiths Kammermusiken op. 36 oder Strawinskis Histoire du Soldat), Werke statt für großes Orchester für kleinere, situationsbedingt-individuell zusammengesetzte Besetzungen zu schreiben. [1] Die individuelle Zusammenstellung zeigt sich hier darin, dass im Kontrast zu der nur einfach besetzten Flöte und Oboe die Klarinetten und Hörner dreifach relativ stark besetzt sind. Dies bewirkt zusammen mit dem im Bass durch das Kontrafagott verstärkten Fagott einen harten, metallischen und näselnden Klang der Bläsergruppe. Der teilweise tiefe, dunkle Klang der Bläsergruppe wird durch die solistisch im Vergleich zu einer üblichen Kammerbestzung (ungefähr fünf ersten und vier zweiten Violinen, vier Bratschen, vier Celli und einem Kontrabass) anteilsmäßig relativ stärker mit tiefer spielenden Instrumenten besetzte Streichergruppe noch verstärkt.
  • Räumliche Positionierung: Schönberg schreibt hier in zeitgenössisch unüblicher Weise die genaue räumliche Aufstellung der Instrumentengruppen vor. Vorne haben links und rechts vom Dirigenten die Streicher zu stehen, dahinter die in einer Reihe postierten Holzbläser (inkl. dem der Holzbläsergruppe zugehörigen Englisch Horn), und ganz hinten befinden sich mittig angeordnet die beiden übrigen Hörner.
  • Form: Während die traditionelle Symphonie in üblicherweise vier Sätzen angelegt ist und seit Beethoven sich immer größere Formen (bis hin zu Gustav Mahlers mehrstündigen Werken) entwickelten, beschränkt sich die Kammersinfonie auf einen einzigen 22-minütigen Satz. Schönberg hat sämtliche thematischen Funktionen, die in einer Symphonie vorkommen (Exposition, Durchführung, Reprise, verschiedene Tempi und Rhythmen, kontrapunktische Verschränkung verschiedener Themen…) in einem Satz konzentriert.
  • Melodik/Harmonik: Das Stück verfügt über zwei Hauptmotive.
    • Erstens eine (zu Beginn vom Horn eingeführte) „Fanfare“ aus aufsteigenden Quarten (der später sogenannten „Fanfare der Neuen Musik“). Hierbei wird ein fünfstufiger Quartenakkord durch sukzessives Auftreten der Töne C - F - B - Es - As in den verschiedenen Instrumenten aufgebaut. Diese vertikale Quartenharmonik löst der Komponist dann durch die horizontale Quartenfolge C - F - B - Es - As - Des in den Hörnern in eine Dreiklangsharmonie auf.
    • Zweitens eine (erstmals in der Cellostimme vorkommende) Ganztonleiter-Melodie.
    • Die Bedeutung dieser zwei Abschnitte/Prinzipien und ihrer wechselseitige Beziehung für das Gesamtwerk bestätigt Schönberg selber mit folgenden Worten:
"... die harmonische Idee des Stückes wird sogleich ausgebreitet: Die Quartenreihe in melodischer und harmonischer Beziehung zu einer Ganztonskala." [2]

Beides sind Strukturen, die dem dur-moll-tonalen Hören weitgehend fremd sind. Zwar ist als Grundtonart des Werkes E-Dur vorgezeichnet, doch ist die überkommene Funktionsharmonik streckenweise bereits aufgelöst – was erahnen lässt, wohin Schönbergs weitere Entwicklung ihn führen würde: Zur Aufgabe der Dur-Moll-Tonalität und zu frei-atonalen, expressionistischen Werken.

Quartenakkorde und -melodik sowie Ganztonleitern und -akkorde, bereits aus dem Impressionismus, etwa den Werken Claude Debussys, bekannt, wurden später zu einem gängigen Stilmittel im musikalischen Expressionismus und in weiterer Folge in der Jazzharmonik.

Das musikalische Geschehen in der Kammersinfonie ist äußerst verdichtet, mehrere Themen entwickeln sich parallel, Auflösungen von Dissonanzen geschehen unmerklich oder werden bereits durch neu eingetretene Dissonanzen maskiert. Die tonalen Bezüge (also die Tatsache, dass Melodien und Zusammenklänge auf eine zugrunde liegende Zentralharmonie bezogen werden können) scheinen zum Zerreißen gespannt zu sein. Formal steht das Stück in E-Dur, jedoch verliert man über gewisse Strecken jedes Tonartbewusstsein. Der Gesamteindruck ist nervös, sehr „expressiv“ und äußerst bunt im Klangfarbenreichtum.

Die Kammersinfonie zählt heute zu den Klassikern der Moderne und hat verschiedene Komponisten im 20. Jahrhundert inspiriert.

Die Arbeit an der 2. Kammersinfonie, einem Schwesterwerk, begann Schönberg kurz nach dem Abschluss der ersten. Fertiggestellt wurde sie allerdings erst viel später, im Oktober 1939, im amerikanischen Exil.

Einzelnachweise

  1. Hermann Erpf: Lehrbuch der Instrumentation und Instrumentenkunde, Schott, Mainz, 1959, S. 276
  2. Eigene Übersetzung nach "... the harmonic idea of this piece is exhibited at once: the fourth-ton row in melodic and harmonic relation to a wholetone scale."; Arnold Schönberg zu op. 9 im Beiheft zu The music of Arnold Schönberg, Vol. III, Columbia Records, 1965, M 2 S 709, S. 32; zitiert nach Reinhold Brinkmann: Arnold Schönberg, drei Klavierstücke Op. 11 - Studien zur frühen Atonalität bei Schönberg, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2000, S. 6

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