Becherspiel

Das Hütchenspiel (auch Nussschalenspiel) ist eine Form des Trickbetrugs, die wie ein einfaches Geschicklichkeitsspiel aussieht. Der Hütchenspieler verschiebt drei Hütchen (Nussschalen o. ä.) untereinander in einer Geschwindigkeit, die einem Mitspieler scheinbar die Möglichkeit lässt, den Ablauf zu beobachten.

Bekannt und berüchtigt ist das Spiel als weltweit betriebenes, äußerst einträgliches, betrügerisches und illegales Glücksspiel, das in größeren Städten und Tourismuszentren an stark frequentierten öffentlichen Plätzen gespielt wird, z. B. in Fußgängerzonen, in Bahnhofszonen oder auf Flohmärkten.

Inhaltsverzeichnis

Ablauf des Spiels

Hütchenspieler in Berlin, Unter den Linden

Der Hütchenspieler stellt direkt auf dem Asphalt oder auf einer mobilen Unterlage, die beim Erscheinen der Polizei in Sekunden abgebaut werden kann, beispielsweise einem Pappkarton, drei gleichartige „Hütchen“ auf, häufig halbierte Walnussschalen, Schubfächer von Streichholzschachteln oder Kronenkorken. Mit einem dieser Hütchen bedeckt er einen kleinen Gegenstand, etwa eine Stanniolkugel oder eine Erbse, und vertauscht dann mehrfach und mit einer gewissen Geschwindigkeit die Plätze der Hütchen untereinander. Anschließend wird ein Zuschauer animiert, einen zuvor festgelegten Betrag darauf zu setzen, dass er nach der letzten Verschiebung noch weiß, unter welchem der Hütchen sich der Gegenstand befindet. Hat der Mitspieler richtig getippt, erhält er seinen Einsatz vom Spielemacher verdoppelt zurück, ansonsten verliert er ihn.

Verwandt und in der Spielanlage gleichartig ist das ebenfalls betrügerische Kartenspiel Kümmelblättchen.

Betrugsstrategie

Hütchenspieler in New York
Hütchenspieler in Stockholm

Durch geschickte Inszenierung (s. u.) wird dem Opfer das irrige Gefühl suggeriert, man könne aus dem Spiel als Sieger hervor gehen: Scheinbar handele es sich hier nämlich um ein reines Geschicklichkeitsspiel, dessen Gewinnchance von der Aufmerksamkeit des Zuschauers abhänge. Selbst wenn ein Mitspieler den Bewegungen nicht folgen kann, könne er wie im Glücksspiel die Position der Kugel richtig erraten, wobei die Chancen 1:3 verteilt seien, da der Mitspieler zwischen drei Hütchen zu wählen hat, von denen nur eines das richtige sein könne. Durch gleichzeitige Manipulation (s. u.) hat das Opfer aber faktisch gar keine Chance.

Gleichzeitig ist das Bargeld oft bei einem Komplizen, der im Fall einer Polizeikontrolle unauffälliger als der Spieler untertauchen kann. Der Spieler selbst hat dann kein oder nur noch wenig Bargeld, das konfisziert werden könnte. Selbst bei einem erkennbar misstrauischen Zuschauer kann die Gruppe im Falle eines richtig getippten Hütchens die Flucht antreten – mit dem eingesetzten Geld.

Inszenierung

Die Psychologie des Hütchenspiels besteht darin, den Mitspieler glauben zu machen, er könne die Kugelbewegung mit den Augen und seinem Verstand verfolgen. Potenziellen Opfern wird diese vermeintliche Gewinnaussicht – neben der Manipulation als solcher – durch eine Inszenierung suggeriert: Bei den "Demo-Runden" werden die Hütchen ziemlich langsam verschoben und man kann genau erkennen, wo die Kugel ist. Komplizen des Spielemachers bilden um diesen eine Menschentraube, sodass Passanten dem Herdentrieb folgend stehen bleiben und neugierig werden. Je größer eine Gruppe ist, desto mehr Aufmerksamkeit erzielt sie von Passanten und erleichtert es dem Opfer, zunächst in der Anonymität der Masse dem Geschehen zunächst distanziert zu folgen. Entsprechende Banden sind bis zu 20 Personen stark.

Einzelne Komplizen spielen als Lockvogel scheinbar gegen den Spielemacher, „tippen“ die richtige Position des Objekts und kassieren dann zum Schein den Gewinn. Oder aber der Lockvogel „tippt“ bewusst falsch, obwohl die richtige Position des Objekts klar sichtbar war, sodass sich die Zuschauer im überlegenen Gefühl des Besserwissers wiegen können. In beiden Fällen wird dem unbeteiligten Zuschauer dadurch eine reale Gewinnmöglichkeit vorgegaukelt. Schließlich arrangieren die Hütchenspieler für ihre Opfer regelmäßig kleine Glückssträhnen, indem sie sie absichtlich gewinnen lassen, um sie hierdurch zu höheren Einsätzen zu verleiten. Ferner animiert die Gruppe zu Einsätzen, indem sie den Mitspieler bei seinen anfänglichen Gewinnen mit entsprechenden Reaktionen für seine vermeintliche Leistung psychologisch belohnt und eine entsprechende Spielstimmung aufbaut.

Manipulation

Beim eigentlichen Spiel spielt weder die Geschicklichkeit des Mitspielers, noch eine Glücksspielsituation eine Rolle, da der Hütchenspieler durch recht einfache Taschenspielertricks problemlos und ohne verdächtige Bewegungen die Kugel in jeder Phase des Spiels kontrollieren und ihre Position korrigieren kann. Eine Möglichkeit ist das Verschieben des Hütchens nach vorne, wodurch die Kugel nahezu automatisch das Hütchen verlässt und unter eines der anderen Hütchen platziert werden kann. Selbst wenn das richtige Hütchen gewählt werden sollte, kann es mit gleicher Methode als leer gezeigt werden. Die hohe tricktechnische Effizienz des Hütchenspiels besteht darin, dass für die Trickhandlung keine sichtbaren Bewegungen der Finger erforderlich sind, die nicht durch das Verschieben der Hütchen kaschiert werden. Da sich die Finger im Verhältnis zur Hand praktisch überhaupt nicht bewegen und keine Muskelanspannungen sichtbar sind, kann weder eine verdächtige Bewegung registriert werden, noch eine verräterische Abweichung im Timing. Eine weitere Korrekturmöglichkeit ist das dreiste Vertauschen, während der Mitspieler sich selbst etwa durch Hantieren mit seiner Geldbörse ablenkt. Der Mitspieler hat also gar keine Chance.

Organisation des Spiels

Die Hütchenspieler sind häufig in mafiosen Banden organisiert, die dafür sorgen, dass keine fremden „Anbieter“ im jeweils beanspruchten Gebiet agieren können, und an die ein Großteil des Gewinns abzuführen ist. Diese Banden bestehen oft aus bis zu 5 Personen:

1. Der Hütchenspieler: Er ist der Trickser, der die Hütchen bewegt. 2. Der "Aufpasser": Er passt auf, ob die Polizei kommt, und warnt seine Kollegen dann unauffällig (durch Husten, Pfeifen usw.) 3. Der Lockvogel: Er gewinnt beim Spiel immer, um dem Opfer zu zeigen, dass man gewinnen kann. 4. Der Verlierer: Er verliert immer, auch bei ganz einfachen Stellungen, die man selbst aber erraten hätte. 5. Der Boss: Wenn Geld gewonnen wird, wird es direkt (oder kurz nach dem Spiel) an den Boss weitergereicht, damit es als Beweis verschwindet.

Außerdem treten die Spielbetreiber selten einzeln auf: Einer oder mehrere Partner beteiligen sich zum Schein am Spiel, animieren die Zuschauer zur Teilnahme, halten ihn unter Umständen mit Gewalt von der Einforderung zustehender Gewinne ab oder stehen bereit, um den Spieler zu warnen, wenn die Polizei sich dem Spielort nähert. Hütchenspielerbanden gelten als gewaltbereite Tätergruppen, die auf Protest und selbst ernannte „Aufklärer“ entsprechend reagieren.

Rechtsprechung

In Deutschland kann das Hütchenspiel als Betrug gewertet werden. Lange Zeit musste die Polizei die Trickhandlung im Einzelfall nachweisen können und hatte deshalb nur beschränkte Möglichkeiten zum Eingreifen. Aus Gründen der Praktikabilität wird daher oft nur ein Platzverweis ausgesprochen. Mittlerweile (2006) wird in der Rechtsprechung in Berlin schon das Vortäuschen einer Gewinnchance beim Hütchenspiel als Betrug gewertet, der entsprechend kriminalistisch verfolgt werden kann.[1]

Seit 1. Oktober 2005 ist in Österreich das Hütchenspiel in der Bundeshauptstadt Wien als „verbotene Veranstaltung“ rechtswidrig.[2] In London dagegen wird es als "Ordnungswidrigkeit" eingestuft.

Historisches

1988 bis 1991 zeigte RTL Plus regelmäßig eine circa fünfminütige, live gesendete Anruf-Spielshow namens Pronto Salvatore, deren Gastgeber, ein netter, aber mafiös anmutender Spielleiter mit italienischem Akzent namens Salvatore (dargestellt von Franco Campana), zumeist pro Sendung drei Anrufern die Möglichkeit zu jeweils einem Hütchenspiel gab. Zu gewinnen gab es zwischen 50 und 100 Deutsche Mark.[3]

Das Hütchenspiel wurde vermutlich von einem erstmals von Seneca beschriebenen Taschenspielertrick inspiriert, bei dem mehrere Bälle oder Nüsse unter Bechern hin und herwandern. Dieses als Becherspiel bekannte klassische Kunststück diente damals wie heute nur zur Unterhaltung und gehört noch immer zum Repertoire der Zauberkünstler. Es wird stets mit mehreren Kugeln ausgeführt und weist weder vom Trickprinzip noch vom Ablauf her Gemeinsamkeiten mit dem Hütchenspiel auf.

Das Hütchenspiel wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in London beobachtet und beschrieben.[4]

Quellenangaben

  1. Berliner Polizei: Finger weg vom Hütchenspiel!
  2. Zentrum für Glücksspielforschung bei der Universität Wien: Hütchenspieler müssen den Hut nehmen
  3. Eintrag in der Internet Movie Database, abgerufen am 10. Januar 2009
  4. Whaley, Bart. Encyclopedic Dictionary of Magic Jeff Busby Magic, Inc., 1989

Weblinks


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