Behindertendiskriminierung

Behindertenfeindlichkeit bezeichnet die Ablehnung, Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen mit Behinderungen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen einer feindselig-aggressiven Haltung von einzelnen Menschen bzw. von Menschengruppen behinderten Menschen gegenüber und gesellschaftlichen Verhältnissen, die Menschen mit Behinderungen benachteiligen. Diese Wirkung ist nicht in jedem Fall beabsichtigt. Zu unterscheiden ist ferner zwischen einer Behindertenfeindlichkeit, die sich auf bereits lebende Menschen bezieht, und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft „präventiv“ abzubrechen, wenn das entstehende Kind mit großer Wahrscheinlichkeit behindert sein wird.[1]

Inhaltsverzeichnis

Ursachen behindertenfeindlicher Haltungen und behindernder Strukturen

Als Ursache für Behindertenfeindlichkeit im Sinne einer feindseligen Einstellung von einzelnen Menschen oder Menschengruppen wird eine mögliche gesellschaftliche Reaktion auf einen abweichenden Körperbau und/oder abweichende körperliche oder geistige Möglichkeiten genannt. Diese erfolge vor dem Hintergrund der Vision eines „perfekten“ Körpers als Schlüssel für Wohlstand und Glück. Der Begriff wird von seinen Verwendern auch in Kombination mit Rassismus, Sexismus und Klassismus benutzt und in Zusammenhang gestellt.

Eine wichtige Rolle spielt auch die Sprache, die zwischen „Behinderten“ und „Nicht-Behinderten“ unterscheidet. Damit verbunden ist laut Ralf Stoecker[2] die falsche Vorstellung, „dass behinderte Menschen Mängel aufweisen, unbehinderte [aber] nicht“. Tatsächlich seien Menschen „grundsätzlich Mängelwesen“.

Die Existenz behindernd wirkender Barrieren beruht hingegen nur selten auf offener Feindseligkeit behinderten Menschen gegenüber, sondern ist eher Ausdruck von Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit; oft verhindert auch das Denken in ökonomischen Kategorien (behindertengerechte Lösungen sind oft relativ teuer) die Beseitigung von Barrieren. Dieser Sichtweise widerspricht die österreichische Organisation „Bizeps“: „Wir sollten uns keiner Täuschung hingeben, auch nicht benutzbare Busse sind Gewalt genauso wie ein Telefonsystem, welches von Gehörlosen nicht verwendet werden kann. Aber auch die Mißachtung der Bürgerrechte Behinderter oder das nicht-ernst-Nehmen von uns, dem wir in unserem Alltag auf Schritt und Tritt begegnen.“[3]

Formen der Diskriminierung behinderter Menschen

Es gibt verschiedene Erscheinungsformen der Diskriminierung behinderter Menschen:

  • kulturelle (z. B. Körpernormen in den Medien),
  • institutionelle (z. B. Architektur[4] oder Verkehrsmittel),
  • zwischenmenschliche (z. B. Paternalismus, mitleidige Blicke, abfällige Bemerkungen, körperliche Gewalt)
  • verinnerlichte (z. B. Bilder von „Höher- und Minderwertigkeit“)
  • wirtschaftliche (z. B. bei Versicherungen gegen Lebensrisiken)

Einige Theoretiker bewerten diese Erscheinungsformen als typisch für Unterdrückungs-Verhältnisse.

Geschichte der Verfolgung von Menschen auf Grund ihrer Behinderung

Im Nationalsozialismus wurden im Rahmen der Aktion T4 Behinderte getötet oder zwangssterilisiert.

Im Zusammenhang mit der modernen Biotechnologie wird in der Heilpädagogik von einer neuen Behindertenfeindlichkeit gesprochen (Georg Theunissen, 1989).

Gesellschaftliche Reaktionen

Menschen, deren Denken von Behindertenfeindlichkeit geprägt ist, bewerten sich selbst und „normal aussehende bzw. leistungsfähige“ Menschen als gesund und diejenigen, auf die das nicht zutrifft, als defizitär. Dabei wird verkannt, dass viele behinderte Menschen in der Lage sind, das Fehlen bestimmter Fähigkeiten (zumindest teilweise) zu kompensieren. Untersuchungen ergaben beispielsweise, dass blinde Menschen Geräuschquellen wie etwa ein herannahendes Auto genauer lokalisieren können als Sehende, denen die Augen verbunden wurden.[5]

Die soziale Umgebung (öffentliche Verkehrsmittel, öffentliche Gebäude, usw.) sind so eingerichtet, als ob jeder dieselben Abmessungen und denselben Körperbau habe und auf dieselben geistigen und sensomotorischen Fähigkeiten zurückgreifen könne. Tatsächlich ist Verschiedenheit normal, und bei hinreichend strengen Maßstäben erscheint so gut wie niemand als „normal“ oder „unbehindert“ (fast niemand schafft es z.B., 100m zu Fuß in weniger als 10 Sekunden zu bewältigen).

In Frankreich stellte ein Gericht die These auf, es gebe ein „Recht auf Nichtexistenz“: Ein schwerstbehinderter Mensch verklagte dort seine Eltern auf Schadensersatz, weil diese ihn nicht hatten abtreiben lassen. Dem Kläger wurde Recht gegeben.[6]

Die Alternative zu einem „behindertenfeindlichen“, d.h. nicht behindertengerechten Zusammenleben bildet ein inklusives Zusammenleben, bei dem Menschen mit Funktionseinschränkungen nicht als mit Mängeln behaftet, also als „defizitär“ bewertet werden. Inklusion erfordert nicht nur eine Änderung des Denkens, sondern auch die Schaffung von Rahmenbedingungen, die die „Defizite“ als irrelevant erscheinen lassen. Ein Musterbeispiel für diesen Paradigmenwechsel lieferte bereits im 18. Jahrhundert Christian Fürchtegott Gellert: In seinem Gedicht Der Blinde und der Lahme [7] trägt der Blinde den Gelähmten auf seinem Rücken. Der Gelähmte weist dem Blinden den Weg und warnt ihn vor Hindernissen, und der Gelähmte wird mobil. „Vereint wirkt also dieses Paar, was einzeln keinem möglich war“, lautet Gellerts Kommentar (als quasi „symbiotisches“ Paar verlieren beide „Behinderte“ ihre Hilfsbedürftigkeit).

Auswirkungen der Diskriminierung behinderter Menschen

Auswirkungen auf die Diskriminierten

Nach Birgit Rommelspacher[8] muss die Diskriminierung nicht unbedingt zu einem geringeren Selbstbewusstsein bei den Diskriminierten führen. Wichtig sei, dass die Menschen mit Behinderungen das, was sie objektiv behindert, erkennen, benennen und dagegen vorgehen („nicht der Rollstuhl ist zu breit, sondern die Tür ist zu schmal“). Ein weiteres Problem sei die sogenannte Attribuierungs-Ambivalenz. Hiermit ist gemeint, dass es für Diskriminierte nicht leicht sei, einen Satz oder eine Geste als wohlwollend oder als feindlich zu interpretieren (zuzuschreiben, „attributieren“), wenn der Satz oder die Geste beides ausdrücken kann (Ambivalenz), was häufig vorkomme (Beispiel: Wenn jemand einem blinden Menschen zum Abschied sagt: „Wir sehen uns morgen.“, könnte der Weggehende sich über den anderen lustig machen; es könnte aber auch sein, dass er nicht an das Nicht-Sehen-Können denkt, den blinden Menschen also bloß wie jeden anderen behandelt). Voraussetzungen dafür, Diskriminierung zurückzuweisen, ist:

  • dass die Diskriminierung identifiziert und erkannt wird
  • dass ihr die richtigen Ursachen zugeordnet werden und
  • dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt, um sich dagegen zu wehren.

Auswirkungen auf die Diskriminierenden

Die Privilegierung ist das Gegenüber der Diskriminierung: die Auswirkung der Diskriminierung sei für die Nichtdiskriminierten die Privilegierung. Nichtdiskriminierte würden diese Privilegien jedoch in der Regel nicht erkennen, während Diskriminierte diese Privilegien sehr deutlich sähen[8].

Im Falle offener Feindseligkeit gegenüber behinderten Menschen werden diese Privilegien bewusst verteidigt. Dies geschehe durch:

  • Bestätigung von Hierarchien: wenn Menschen mit Behinderungen selbstbewusst und fordernd auftreten, höre oftmals bei vielen der Spaß auf und es werde versucht, sie in ihre Schranken zu verweisen. Das kann unter anderem dann vorkommen, wenn behinderte Menschen auf einer Regelschule beschult werden und gleich gute Leistungen wie die nichtbehinderten Schüler oder sogar bessere Leistungen erbringen.
  • Funktionalisierungen: eigene Unsicherheiten und Ängste werden auf behinderte Menschen übertragen – weisen sie diese zurück, müssten sie oftmals mit Aggressionen rechnen.
  • Machtumkehr: vor allem rechtsextreme Kreise wähnen Menschen mit Behinderungen aufgrund ihres so genannten Opferstatus in einer Machtposition, welche eingeschränkt werden müsse.

Selbsthilfe gegen Behindertenfeindlichkeit

Anfang der 1970er formierte sich eine Bewegung von Menschen mit Behinderungen, die inspiriert durch die afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung der USA zur Selbsthilfe griffen und mit Aktionen und Aufklebern („Prädikat Behindertenfeindlich“) auf ihre Diskriminierung aufmerksam machten. Zitat des 2004 verstorbenen Dortmunder Aktivisten Gusti Steiner:

„Vor diesem Hintergrund kam es im Mai 1974 in Frankfurt mit unserer Selbsthilfegruppe der Frankfurter Volkshochschule zur ersten spektakulären Straßenbahnblockade durch Behinderte. Wir hatten bauliche Barrieren, bauliche Behinderungen in direkter Konfrontation mit dem „Prädikat Behindertenfeindlich“ ausgezeichnet, hatten uns zwei Kriegsopferverbände, das Sozialamt, die Allgemeine Ortskrankenkasse und das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt aufs Korn genommen. Am Tage darauf veranstalteten wir im Zentrum der Stadt Frankfurt ein Rollstuhl-Training, in dessen Verlauf wir eine Straßenbahn blockierten. Ein Rollstuhlfahrer versuchte, in die Straßenbahn einzusteigen. Stufen und eine Mittelstange versperrten ihm den Zutritt. Währenddessen rollte ich auf die Schienen, stellte mich vor die Straßenbahn und erklärte über ein Megafon, dass Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen nicht für Behinderte konstruiert wurden.“

Seit dieser Zeit gründeten sich viele Behindertenorganisationen mit einem politischen Selbstverständnis.

Literatur

Buchausgaben

  • Günther Cloerkes: Wie man behindert wird. (2003) ISBN 3-8253-8305-9
  • Daniels, S. v., Degener, T., Jürgens, A., Krick, F., Mand, P., Mayer, A., Rothenberg, B., Steiner, G. & Tolmein, O. (Hrsg.): Krüppel-Tribunal, Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat. Köln: Pahl-Rugenstein (1983).
  • Rudolf Forster: Von der Ausgrenzung zur Gewalt: Rechtsextremismus und Behindertenfeindlichkeit. (2002) ISBN 3-7815-1228-2
  • Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt/ M.: Suhrkamp (1973)
  • Gisela Hermes, Eckhard Rohrmann: Nichts über uns – ohne uns! Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. (2006), ISBN 3-930830-71-X
  • Ernst Klee: Behindertsein ist schön. Unterlagen zur Arbeit mit Behinderten. Düsseldorf: Patmos-Verlag (1974).
  • Ernst Klee: Behindert. Ueber die Enteignung von Körper und Bewusstsein; Ein kritisches Handbuch. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag (1987)
  • Winfried Palmowski / U. Heimwinkel: Normal bin ich nicht behindert! Wirklichkeitskonstruktionen bei Menschen, die behindert werden. Unterschiede, die Welten machen. Dortmund (2000) ISBN 3-86145-198-0
  • Ratzka, A.: Aufstand der Betreuten. In A. Mayer & J. Rütter, Abschied vom Heim (S. 183–201). München: AG-SPAK (1988)
  • Birgit Rommelspacher (Hg.): Behindertenfeindlichkeit. Goettingen: Lamuv Verlag (1999) ISBN 3-88977-548-9
  • Gusti Steiner: Selbsthilfe als politische Interessenvertretung. In E. Rohrmann & P. Günther, Soziale Selbsthilfe. Alternative, Ergänzung oder Methode sozialer Arbeit (S. 127–143), Heidelberg: Universitätsverlag (1999)
  • Gusti Steiner: Schwarzbuch Deutsche Bahn AG. München: AG SPAK Verlag (2003), 155 Seiten, ISBN 3-930830-36-1

Zeitschriftenartikel

  • Rudolf Forster: „Neue Behindertenfeindlichkeit“ und rechtsradikale Gewalt gegen Behinderte. In: Zs. „Behindertenpädagogik in Bayern“ 43, 2/2000
  • Rudolf Forster: Von der Ausgrenzung zur Gewalt: Rechtsextremistische behindertenfeindliche Gewalt im freiheitlichen Rechtsstaat. In: Zs. „Behindertenpädagogik in Bayern“ 44, 1/2001
  • Rudolf Forster: Behindertenfeindlichkeit und rechtsradikale Gewalt – eine erste Skizzierung aktueller gesellschaftlicher Phänomene. In: Bulletin der Arbeitsgemeinschaft LehrerInnen für Geistigbehinderte, 3/2002 (Bern/Schweiz)
  • Ernst Klee: Der Behinderte - ein Monster? DIE ZEIT, Ausgabe 13, 1980 [2]
  • Georg Theunissen: Zur neuen Behindertenfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland, in: Geistige Behinderung 4/1989 und Zeitschrift für Heilpädagogik 10/1989
  • Peter Widmann: Vorurteile gegen sozial Schwache und Behinderte, in: Informationen zur politischen Bildung 271 (Thema: Vorurteile). 2005. [3]

Siehe auch

Weblinks

Quellen

  1. Sibylle Volz. Diskriminierung von Menschen mit Behinderung im Kontext von Präimplantations- und Pränataldiagnostik. 2003. http://bidok.uibk.ac.at/library/beh2-03-volz-diskriminierung.html#id3052820
  2. Ralf Stoecker. Ethik und Behinderung - Überlegungen zu Toleranz, Akzeptanz und Differenz. Sonntagsvorlesung, gehalten am 14. Mai 2006 im Rahmen der Reihe Potsdamer Köpfe. http://www.uni-potsdam.de/angewandte-ethik/dokumente/Ethik%20und%20Behinderung.pdf. S.6
  3. http://www.bizeps.or.at/broschueren/leben/
  4. Bewertungskriterien Behindertenfreundlichkeit in Anlehnung an DIN 18024/18025. http://www.ruegen.de/fileadmin/user_upload/content/Ruegen_Info_Spezial/Handicap_Bewertungskriterien_2006.pdf
  5. Apotheken-Rundschau vom 12. Januar 2004. http://www.gesundheitpro.de/Nachgefragt-Hoeren-Blinde-besser-gesundheit-A050805ANOND013870.html
  6. http://science.orf.at/science/koertner/97217
  7. Wortlaut: http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/gel_cf02.html
  8. a b Birgit Rommelspacher: Wie wirkt Diskriminierung – am Beispiel Behindertenfeindlichkeit [1]

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