Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium

Die Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium ist eine aus dem Pietismus erwachsene deutsche Bekenntnisbewegung, die sich Positionen der Evangelischen Kirche entgegenstellt, die sie als Entstellung der Heiligen Schrift wertet. Insbesondere lehnt sie die historisch-kritische Bibelauslegung und die Entmythologisierung der Bibel durch Rudolf Karl Bultmann ab. Sie ist Mitglied der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den Evangelischen Kirchen Deutschlands (KBG)[1] und gehörte zu ihren Gründungsmitgliedern[2]. In der KBG profilierte sie sich als Wortführerin und aktivste der bekennenden Gemeinschaften.[3]

Inhaltsverzeichnis

Name

In ihrem Namen lehnt sich die Bekenntnisbewegung an die Bekennende Kirche im NS-Staat an, in deren direkter Fortsetzung sich Vertreter der Bewegung als Teil eines Kirchenkampfes sehen, geführt gegen eine ihrer Ansicht nach entstellende Anpassung der Evangelischen Kirche an die moderne Gesellschaft und ihren Zeitgeist.[4] Der zweite Teil des Namens Kein anderes Evangelium ist dem neutestamentlichen Galaterbrief entnommen. Im 7. Vers des 1. Kapitels heißt es dort:

„Doch es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen.“

Geschichte

Die von Rudolf Bultmann 1941 in einem Vortrag aufgestellte Forderung, die Botschaft des Neuen Testaments von ihrem „antiken mythologischen Kleid“ zu befreien und im Rahmen der Wirklichkeitserfahrung des modernen Menschen neu zu interpretieren, beherrschte in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als Theologie der Entmythologisierung oder als Existentiale Interpretation des Evangeliums die Diskussion der theologischen Fakultäten. Dagegen erhob sich besonders in pietistischen Kreisen der evangelischen Kirchen massive Kritik, die im Laufe der Zeit zur Bildung verschiedener sogenannter „bekenntnistreuer“ Kreise und Bewegungen führte. Dazu gehörte zum Beispiel der von Rudolf Bäumer, Hellmuth Frey u. a. 1961 gegründete Bethelkreis. Dieser wandte sich an die Kirchenleitungen der in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vereinigten protestantischen Kirchengemeinschaften und adressierte Eingaben an den Rat der EKD. 1963 erfolgte die Veröffentlichung eines Hirtenbriefes an die Gemeinde Jesu zur Lage, in dem das Bethelkreis-Mitglied Pfarrer Paul Tegtmeyer seine Besorgnis über die theologischen Entwicklungen mitteilte. Ein weiterer Schritt zur Gründung der Bekenntnisbewegung war eine öffentlichen Lehrauseinandersetzung, die 1964 zwischen dem „Bultmannianer“ Ernst Fuchs und dem Pietisten Walter Künneth in Sittensen stattfand. Zu einer Zuspitzung des Konflikts zwischen liberalen und konservativen Protestanten kam es schließlich auf dem Evangelischen Kirchentag 1965, der in Köln stattfand und auf dem unter anderen Dorothee Sölle ihre Gott-ist-tot-Theologie referierte. Ein halbes Jahr später schlossen sich die westfälischen Mitglieder des Bethelkreises unter dem Namen Bekeknntnisbewegung Kein anderes Evangelium zusammen und traten am 6. März 1966 mit einer Großkundgebung, dem Bekenntnistag in Dortmund, an die Öffentlichkeit. Etwa 20.000 Besucher aus allen Teilen der Bundesrepublik nahmen daran teil.[5] Dieser Bekenntnistag gilt als Gründungsdatum der Bekenntnisbewegung.

Selbstverständnis

Nach ihrem eigenen Verständnis ist die Bekenntnisbewegung „von Jesus Christus gerufen, um für die schrift- und bekenntnisgebundene Verkündigung des Evangeliums zu beten und zu ringen“[6]. Ihre Arbeit sei danach „allein auf das Evangelium von Jesus Christus, dem alleinigen Herrn seiner Gemeinde“ zu gründen, damit die Bibel „vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens“ werde.

Gegenwart

Heute wendet sich die Bekenntnisbewegung vor allem gegen zwei theologische Richtungen: Zum einen wirft sie nach wie vor emanzipatorischen, friedensbewegten oder sozialkritischen Bewegungen innerhalb der Kirche theologischen Liberalismus vor, zum anderen verurteilt sie charismatische Aufbrüche in der Kirche als „neuzeitliches Schwärmertum“. In beiden Fällen wirft sie den jeweils anderen Seiten vor, sie hätten die „Offenbarung des dreieinigen Gottes in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments nicht als ausreichend betrachtet“[6].

Die Stellungnahmen gegen die charismatische Bewegung sowie auch gegen die evangelikalen Organisationen ProChrist und Willow Creek führten 1998 zu schweren Auseinandersetzungen in der Gemeinschaft, da einige Mitglieder des Bundesarbeitskreises und Teile der Arbeitskreise auf landeskirchlicher Ebene darin den Kampf gegen „Glaubensgeschwister“ sahen.

Als Gegenpol zum als zu pluralistisch wahrgenommenen Deutschen Evangelischen Kirchentag veranstaltet die Bekenntnisbewegung gemeinsam mit anderen Gruppen aus dem evangelisch-konservativen Spektrum seit 1973 den Gemeindetag unter dem Wort. Zu der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung kommen in der Regel zwischen 15.000 und 20.000 Besucher. Darüber hinaus bieten einzelne Gruppen der Bekenntnisbewegung Bibelfreizeiten, Seminare und andere Veranstaltungen an. Mitgliedszahlen der Bekenntnisbewegung sind nicht bekannt. Der von ihr zweimonatlich herausgegebene Informationsbrief hatte 1998 eine Auflage von etwa 35.000 Exemplaren.

Aktiv in diesem führenden Verband der KBG, wie auch in dem innerhalb der KBG wichtigen Theologischer Konvent war auch der heute emeritierte STH- und EFT-Professor Georg Huntemann,[7] der seit den 1960er Jahren seine gesellschaftspolitischen Ansichten in einer Vielzahl von Büchern veröffentlichte und langjähriger Pfarrer der bekennenden St.-Martini-Gemeinde in Bremen war.

Literatur

  • Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966-1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5.
  • Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie. (Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1991) 3., erweiterte Auflage, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2001, ISBN 3-932829-21-2.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966-1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5, S. 23ff.
  2. Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie. (Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1991) 3., erweiterte Auflage, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2001, ISBN 3-932829-21-2, S. 106f.
  3. Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie. (Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1991) 3., erweiterte Auflage, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2001, ISBN 3-932829-21-2, S. 108.
  4. Georg Huntemann: Diese Kirche muss anders werden! Ende der Volkskirche - Zukunft der Bekenntniskirche. Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell 1979, ISBN 3-88002-080-9, S. 63
  5. Ulrich Affeld / Helmut Burkhardt: Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, in: Gemeindelexikon (Hgg. Helmut Burkhardt, Erich Geldbach, Kurt Heimbucher), Wuppertal 1986 (Sonderausgabe), S. 53, Sp I
  6. a b Geschichte und Ziele der Bekenntnisbewegung. Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium, abgerufen am 9. September 2010.
  7. Georg Huntemann: Diese Kirche muss anders werden! Ende der Volkskirche - Zukunft der Bekenntniskirche. Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell 1979, ISBN 3-88002-080-9, Information auf dem Buchrücken.

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