Belastungsdyspnoe
Klassifikation nach ICD-10
R06.0 Dyspnoe
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Als Dyspnoe (von griech- dys "schwierig" und pnoe "Luft"; engl.: dyspnea) wird eine als unangenehm empfundene, erschwerte Atemtätigkeit bezeichnet, wobei Ursachen, Wahrnehmung und Folgen dieses Symptoms sehr unterschiedlich sein können. Treten solche Beschwerden nur unter Belastung auf, handelt es sich um eine Belastungsdyspnoe, wird schon das Sprechen zur Belastung, um eine Sprechdyspnoe. Kommt es schon in Ruhe zu einer erschwerten Atmung, wird von einer Ruhedyspnoe gesprochen. Bei einer Orthopnoe kann die bestehende Ruhedyspnoe nur durch aufrechtes Sitzen und den Einsatz der Atemhilfsmuskulatur gebessert werden. Atemnot (Lufthunger) wird im Gegensatz dazu als Luftmangel mit akuter Lebensbedrohung erlebt, wobei der Begriff selbst schon auf die subjektive Erlebnisqualität verweist.[1]

Inhaltsverzeichnis

Definition

Seit den 1980er Jahren sind Untersuchungen durchgeführt worden, um die Wahrnehmung von Ärzten mit den Patientenangaben abzustimmen. Nach einer Vielzahl von Definitionen, die teils Patientenangaben und Beobachtungen der Ärzte vermengten, definierte die American Thoracic Society 1998 den Begriff als: subjektive Erfahrung von Atembeschwerden, die qualitativ unterschiedliche Empfindungen wechselnder Intensität beinhaltet. Dieses Erleben leitet sich aus dem Zusammenwirken von mehreren physiologischen, psychologischen, sozialen und Umwelt-Faktoren ab und kann weitere physiologische Reaktionen und Verhaltens-Reaktionen hervor rufen.[2]

Ursachen

Alle psychosozialen Faktoren, Lungen- und Herzerkrankungen, eine Hyperkapnie oder metabolische Azidose sowie alle Ursachen, die zu einer Verlegung der Atemwege und insgesamt zu einer Ateminsuffizienz führen, werden bei entsprechender Ausprägung und erhaltenem Atemantrieb auch zu einer angestrengten Atmung führen.

Die Mechanismen, die zur Wahrnehmung von Dyspnoe als unangenehmer Empfindung führen, sind allerdings noch nicht genau bekannt, nachdem die Atmung als einzige Vitalfunktion des Organismus neben automatischen Zentren im Hirnstamm (Formatio reticularis in der Medulla oblongata) auch von kortikalen Impulsen und Signalen gesteuert wird. Die Inselrinde könnte dabei eine wichtige Rolle spielen, zumal eine Verletzung derselben die unangenehme Wahrnehmung einer Dyspnoe (wie auch von Schmerzen) reduziert.[3]

Eine Abnahme der arteriellen Sauerstoffsättigung ist bei chronischen Erkrankungen erst spät (bei sehr niedrigen Werten) der Anlass für eine Dyspnoe. Atemnot wird über einen Anstieg des arterielle Kohlendioxid-Partialdruckes ausgelöst.

Abklärung

Der erste und wesentlichste Faktor für die Bewertung einer Dyspnoe ist die jeweilige Situation, in der sich ein Betroffener befindet: So macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ein Hobby- oder ein Leistungssportler schwer atmend im Ziel zusammenbricht, ein Zimmerbrand der Anlass für die Erstversorgung ist, ein Patient mit einer langjährigen COPD zu einer Kontrolle der Lungenfunktion erscheint oder ob es sich um ein Frühgeborenes auf der Intensivabteilung oder den Bewohner eines Hospizes handelt, der seine persönlichen Angelegenheiten umfangreich geregelt und mit dem Leben abgeschlossen hat. Dementsprechend unterscheiden sich Art und Ausmaß der Anamneseerhebung, erforderlichen Untersuchungen und Sofortmaßnahmen.

Das Standardinstrument zur Einschätzung des funktionellen Status von Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen ist die modifizierte NYHA-Klassifikation. Mit der Borg Dyspnoe Skala kann versucht werden, das subjektive Dyspnoe-Empfinden von Patienten während oder sofort nach einem Leistungstest einzustufen.[4] In der Palliativmedizin wird zunehmend die Edmonton Symptom Assessment System (ESAS) auch für die Beurteilung der Dyspnoe eingesetzt, wobei hier Patientenaussagen wohl noch zu wenig berücksichtigt werden.[5]

Objektive Anzeichen für eine Dyspnoe sind: tiefere Atemzüge, eine erhöhte Atemfrequenz, Einziehungen und der Einsatz der Atemhilfsmuskulatur im Sitzen, evtl. Stehen. Eine Zyanose muss nicht, aber kann als Zeichen eines Sauerstoffmangels vorhanden sein.

Immer lohnt es, ein Augenmerk auf mögliche Beziehungskonflikte („dicke Luft“) zu richten, siehe auch: Psychoonkologie, Psychotherapie

Angst vor Ersticken (und unter Schmerzen leiden zu müssen) ist auch bei fehlender Dyspnoe die häufigste Angst von Palliativpatienten, deren Angehörigen und behandelnden Ärzten. Ungefähr die Hälfte aller Tumorpatienten leiden im Verlauf ihrer Erkrankung unter Atemnot. In der Palliativversorgung stehen allerdings nicht mehr diagnostische Abklärungen und die Behandlung der Grunderkrankung, sondern eine symptomorientierte Therapie im Vordergrund der Bemühungen. Jede neu auftretende Atemnot muss deshalb mit möglichst einfachen und den Patienten nicht belastenden Untersuchungen abgeklärt werden.[6]

Therapie

Die Therapie richtet sich nach der Grunderkrankung.

Bei Atemnot und Zyanose wird in aller Regel Sauerstoff verabreicht. Neben dem Freihalten der Atemwege, Ablegen beengender Kleidungsstücke und Schaffen einer ruhigen Atmosphäre handelt es sich um eine adjuvante Maßnahme, die zur Linderung der Beschwerden eingesetzt wird, wiewohl über den therapeutischen Nutzen wenig Klarheit besteht.[6]

Zur palliativmedizinischen Behandlung der Atemnot bei fortgeschrittenen Karzinomerkrankungen sind in erster Linie oral oder parenteral verabreichte Opioide (so Morphin und Hydromorphon; keine inhalativen Opioide) zu empfehlen. Opioide erhöhen u.a. die Toleranz des Atemzentrums auf einen Anstieg des arteriellen Kohlendioxid-Partialdruckes und wirken angstmindernd, sodass es über eine Senkung der Atemfrequenz zu einer Ökonomisierung der Atemtätigkeit kommt.[7] Oral verabreichtes Promethazin ist die zweite Wahl, sei es als Ergänzung einer Opioid-Therapie oder falls eine solche nicht möglich ist.[8]

Einzelbelege

  1. Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 261. Auflage, , Walter de Gruyter, 2007 ISBN 978-3-11-018534-8
  2. ATS Board of directors: AMERICAN THORACIC SOCIETY - Dyspnea: Mechanisms, Assessment, and Management: A Consensus Statement. In: Am. J. Respir. Crit. Care Med.. 159, Nr. 1, 1999, S. 321–340. PMID 9872857 Volltext (engl.)
  3. Daniela Schön, Michael Rosenkranz, Jan Regelsberger, Bernhard Dahme, Christian Büchel, Andreas von Leupoldt: Reduced Perception of Dyspnea and Pain after Right Insular Cortex Lesions. In: American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine. 178, 2008, S. 1173–1179. doi:10.1164/rccm.200805-731OC. PMID 18776150
  4. Interessengemeinschaft Physiotherapie Rehabilitation: Borg-Skala
  5. Cheryl Nekolaichuk: The Edmonton Symptom Assessment System: a 15-year retrospective review of validation studies (1991–2006). In: Palliative Medicine. 22, Nr. 2, 2008, S. 111–122. doi:10.1177/0269216307087659
  6. a b Husebø S, Klaschik E: Palliativmedizin. 4 Auflage. Springer, 2006, ISBN 978-3-540-29888-5 (S. 276ff). 
  7. Aulert. E, Nauck F, Radbruch L (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. Schattauer, 2007, ISBN 379452361X (S. 386ff). 
  8. Viola R, Kiteley C, Lloyd N, Mackay JA, Wilson J, Wong R, Supportive Care Guidelines Group. The management of dyspnea in cancer patients: a clinical practice guideline. Toronto (ON): Cancer Care Ontario (CCO); 2006 Nov 6. 46 p. (Evidence-based series; no. 13-5)

Siehe auch

Weblinks

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