Bell-Boeing V-22
Bell-Boeing V-22 Osprey
Eine CV-22A „Osprey“ des US-SOCOM
Eine CV-22A „Osprey“ des US-SOCOM
Typ: VTOL-Transporter
Entwurfsland: Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Hersteller:
Erstflug: 19. März 1989
Indienststellung: 8. Dezember 2005
Stückzahl: 147 (Stand: März 2011)

Die V-22 Osprey (deutsch: Fischadler) ist ein Kipprotorflugzeug mit vertikaler Start- und Landefähigkeit (VTOL) und Kurzstart- und -landefähigkeit (STOL). Der Erstflug des Prototyps fand 1989 statt, die Einführung bei der US-Luftwaffe und dem US-Marine Corps erfolgt seit 2005.

Das Hauptkonstruktionsmerkmal sind die beiden Rotoren, die ähnlich einem Hubschrauber mit transversalen Rotoren nebeneinander angeordnet und mitsamt ihren Triebwerken an den Enden der Tragflächen um die Querachse des Flugzeugs schwenkbar aufgehängt sind. In senkrechter Position der Triebwerke drehen die Propeller horizontal und können so bei Start und Landung Auftrieb wie bei einem Hubschrauber erzeugen. Für den Reiseflug schwenkt das Flugzeug beide Propellergondeln mit den Rotoren um 90 Grad nach vorne und wird zu einem herkömmlichen Turbopropflugzeug mit entsprechender Reisegeschwindigkeit. Zur Sicherheit sind beide Rotoren für den Fall eines Triebwerksausfalls mit einer Transmissionswelle verbunden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

MV-22 Osprey
MV-22 Osprey auf der USS Wasp
Englischsprachiges Video, das die V-22 Osprey zeigt und beschreibt

Die Entwicklung der Osprey geht auf die von Bell Helicopters 1951 entwickelte Bell XV-3 zurück. Der nächste Schritt war 1973 die Bell XV-15 von Bell Helicopters. 1981 begann die Definition der Anforderungen für das Joint Services Advanced Vertical Lift Aircraft-(JVX)-Programm durch das US-Verteidigungsministerium. Im April 1983 wurde das Bell/Boeing-Team von der US Navy beauftragt, das JVX-Flugzeug zu entwickeln und zu bauen. Seitdem ist dieses Flugzeug als V-22 Osprey bekannt.

Die Forderung nach einem solchen Flugzeug geht auf den Fehlschlag der Operation Eagle Claw des US-amerikanischen Militärs am 24. und 25. April 1980 zurück, als es nicht gelang, die Geiseln aus der von Revolutionsgarden besetzten US-amerikanischen Botschaft in Teheran zu befreien. In der Aufarbeitung des Einsatzes kam man zu dem Schluss, dass die Operation mit einem Fluggerät wie der V-22 gelungen wäre. Ähnlicher Bedarf zeigte sich beim Combat Search and Rescue, der Bergung von über feindlichem Territorium abgeschossenen Piloten oder eingeschlossenen Truppen. Die Anforderungen an die V-22 wurden jedoch hauptsächlich auf das Marine Corps zugeschnitten, das ein schnelles und bewegliches Gerät für Truppenverlegungen und Nachschub benötigte. Weitere vorgesehene Einsatzfälle waren Verbindungsflüge zu und von Schiffen sowie im zivilen Bereich der Flugverkehr von und zu Ölbohrplattformen.

In Deutschland wurde in den 1960ern ein ähnliches, jedoch düsengestütztes System, die Do 31, für die Luftbeweglichkeit des Heeres angeboten. Das System wurde trotz erfolgreicher Flugerprobung jedoch nicht bis zur Serienreife entwickelt.

Am 19. März 1989 fand der Erstflug in Arlington, Texas statt. Die erste „Transition“ (der Übergang zwischen Schwebe- und Horizontalflug oder umgekehrt) wurde am 14. September 1989 durchgeführt. Das erste Serienflugzeug entstand am 5. Februar 1997.

Im Juni 2005 hat die Osprey die letzten Truppentests unter Einsatzbedingungen (OPEVAL – Operational Evaluation) nach Herstellerangaben „zur vollen Zufriedenheit“ abgeschlossen. Am 28. September 2005 ordnete das Pentagon offiziell die reguläre Serienproduktion an.

Das Programm litt unter mehreren Rückschlägen und Unfällen von Prototypen und Truppenerprobungsmustern. Die Verzögerung wird durch folgendes Zitat veranschaulicht: „Die V-22 Osprey absolvierte ihren Erstflug am 19. März 1989 und soll 1991 in Dienst gestellt werden.“ (Rogers – Senkrechtstarter) Das Programm ist in den USA stark in der Finanzierung zurückgestuft worden. Am 19. September 2005 wurde die erste CV-22A an die US Air Force geliefert. Ab 3. Juni 2005 stoppte das U.S. Marine Corps die Einführung der Osprey und setzte sie erst ab dem 3. März 2006 wieder fort. VMM-263 ist die erste mit diesem Fluggerät ausgerüstete Marineseinheit und löst schrittweise die Hubschrauber vom Typ CH-46E „Sea Knight“ und CH-53 „Sea Stallion“ ab. Am 22. März 2006 hob zum ersten Mal eine Osprey im Dienst der Marines ab; geflogen wurde sie von Captain Elizabeth A. Okoreeh-Baah.

Im September 2007 wurde die mit zehn Ospreys ausgerüstete Staffel VMM-263 des Marine Corps in den Irak verlegt. Die Staffel ist damit die erste Einheit, die das Flugzeug unter Kampfbedingungen einsetzt. Im November 2008 verlegte die US Air Force vier Ospreys nonstop (mit Luftbetankung) zu einer Übung nach Mali. Ab November 2009 wurde die MV-22B auch von der VMM-263 in Afghanistan eingesetzt.[1] Ospreys der USS Kearsarge retteten im März 2011 ein Besatzungsmitglied einer über Libyen abgestürzten F-15. Am 10. Februar 2011 erreichte die Osprey die Marke von 100.000 Flugstunden während des Einsatzes bei der VMM-264 (Marine Medium Tilt-rotor Squadron 264) in Afghanistan.[2]

Derzeit (März 2011) befinden sich 131 von geplanten 360 MV-22 im Bestand des Marine Corps. Die US Air Force besitzt 16 von 50 geplanten CV-22, die in zwei Squadrons des Air Force Special Operations Command eingesetzt werden.[2]

Im April 2011 wurde bekannt, dass CV-22 für Spezialkommandos zukünftig auch in Europa stationiert werden.

Technik

Beschreibung einer Osprey

Gemäß Hersteller handelt es sich bei dem Fluggerät nicht um einen Hubschrauber, sondern um ein senkrecht startendes und landendes Propellerflugzeug. Die V-22 nutzt jedoch beide Steuerprinzipien, wobei die Umsetzung der Steuerbefehle in die eine oder andere Mimik durch den Bordcomputer erfolgt.

Cockpit

Dabei sind vertikaler Start oder Landung mit ganz hochgeschwenkten Rotoren (90°) oder Short Take Off and Landing (STOL) mit teilweise geschwenkten Rotoren (75°) möglich, jedoch nicht mit geradegestellten, da sie dann den Boden berühren würden. Die Kontrolle des Schwebeflugs erfolgt durch je eine Taumelscheibe per zyklischer Blattverstellung (Nick- und Gierachse) sowie durch gegensinnige kollektive Blattverstellung (Roll-Achse).[3]

Einschränkungen

Während der Entwicklungs- und Erprobungsphasen kam es zu mehreren Abstürzen mit Verlusten von Menschenleben, was das Projekt erheblich verzögerte. Bei einem Unfall geriet die Flugmaschine in das sogenannte Wirbelringstadium (vortex ring state), der für Hubschrauber und ähnliche Flugobjekte gefährlich ist: Hierbei kommt es zu einem Strömungskurzschluss an den Blattenden, dadurch sinkt der Auftrieb stark ab und es kommt zu starken Vibrationen sowie schwer kontrollierbaren Flugzuständen.[4]

Aus diesem Grund ist es Piloten der V-22 verboten worden, bei weniger als 74 km/h (40 Knoten) Horizontalgeschwindigkeit mehr als 240 Meter pro Minute zu sinken. Bell-Boeing erweiterte die Instrumente um eine Warnleuchte und eine akustische Warneinrichtung, die bei einer Annäherung an einen kritischen Flugzustand aktiv werden. Obwohl der Hersteller das Gegenteil behauptet, sehen manche Experten darin eine Einschränkung der Flugtüchtigkeit – insbesondere in Hinsicht auf Kampfsituationen.

Unfälle

11. Juni 1991: Boeing-Helicopter-Flugtestzentrum in Wilmington, Delaware. Durch Stabilitätsprobleme drei Minuten nach dem Start abgestürzt. Totalschaden, ohne ernstlich Verletzte.[5]

20. Juli 1992: Bei der Marine Corps Base Quantico, Quantico, Virginia, stürzte Prototyp Nr. 4 ins Wasser, sieben Besatzungsmitglieder starben dabei. Ursache war ein Feuer in der Antriebsanlage, das bei einem von der Eglin Air Force Base ausgehenden 700-Meilen-Non-Stop-Flug auftrat. Auslöser des Brandes war ein mechanischer Fehler, der nicht durch die grundsätzliche Konstruktion des Flugzeuges bedingt war.

8. April 2000: Eine MV-22 stürzte beim Marana Airport in der Nähe von Tucson während einer Evakuierungsübung (z. B. Geiselbefreiung) ab. Dabei starben 19 Menschen. Es handelte sich um eine der vier in der Marine Corps Air Station Yuma (Arizona) stationierten Osprey. Es wurden bis dahin erst fünf Maschinen nach Serienstandard zur Einsatzerprobung an das Marinecorps übergeben. Im offiziellen Bericht wird gemeldet, dass die Datenauswertung keine mechanischen oder Softwarefehler ergeben hat. Es soll ein Pilotenfehler vorgelegen haben; die Maschine sank zu schnell bei zu niedriger Vorwärtsgeschwindigkeit (250 % der vorgegebenen Rate).

11. Dezember 2000: Während eines Nachttrainings stürzte eine Osprey über einem zehn Meilen von Jacksonville entfernten abgelegenen Waldstück ab, dabei starben vier Marines. Der Absturz wurde durch einen Fehler in der Flugsteuerungssoftware verursacht. Die Software versuchte, durch ein Leck in einer Hydraulikleitung entstandene Probleme zu kompensieren.

In den Jahren 2006 und 2007 gab es insgesamt sechs Unfälle, jedoch ohne Verletzte.

9. April 2010: Bei einem Einsatz im Süden Afghanistans stürzte eine Osprey 11 km westlich von Qalat-i-Ghilzai aus unbekannten Gründen ab. Vier Insassen, davon ein Zivilist, wurden getötet.[6]

Versionen

MV-22 Osprey in der Dämmerung
Die gesamte Tragfläche ist zur Platzersparnis auf den Trägerdecks beidrehbar, die Rotoren können eingefaltet werden
MV-22A

Die USMC-Version MV-22A ist für den Transport von Truppen, Ausrüstung und Versorgungsmaterialien ausgelegt und kann von Schiffen oder von unbefestigten Flugplätzen an Land aus eingesetzt werden. Um an Bord eines Schiffes platzsparend verstaut zu werden, kann diese Version die Tragfläche um 90 Grad drehen sowie die Rotorblätter einklappen. Sie benötigt damit eine Hangarfläche von nur 19 m × 5,6 m.

MV-22B

Derzeit befinden sich 125 MV-22B in Einsatz beim Marine Corps. Maschinen, die in der Block-A-Variante gebaut wurden, besitzen eine feste Sonde zur Luftbetankung, während in der Block-B-Reihe diese Sonde bisher ab Werk nicht angebaut wird. Die ab 2014 vorgesehene Block-C-Reihe erhält eine neue Softwareausstattung, größere und höher auflösende Bildschirme sowie ein Wetterradar. Für die in Afghanistan eingesetzten Maschinen wurde ein im Boden eingebauter ausfahrbarer Waffenstand als Zwischenlösung entwickelt. Bei der Landung muss dieser Stand eingefahren sein. Daneben existieren auch Einbauten eines 7,62-mm-M240-Maschinengewehrs im Heck der MV-22B.[2]

HV-22A

Die HV-22A werden von der US-Marine für Such- und Rettungseinsätze sowie zur Unterstützung der Schiffsversorgung eingesetzt.

CV-22A

CV-22A sind für Spezialeinsätze des teilstreitkräfteübergreifenden United States Special Operations Command (USSOCOM) vorgesehen (z. B. Such- und Rettungeinsätze).

Insgesamt ist der Erwerb von 458 Flugzeugen geplant. Dieses Kontingent verteilt sich wie folgt auf US-amerikanische Teilstreitkräfte: 360 für das US Marine Corps, 48 für die US Navy und 50 für die US Air Force. Die Kosten belaufen sich auf etwa 68 Millionen US-Dollar („Flyaway“), bzw. 86 Millionen US-Dollar (Systempreis).[7]

V-22 sollten beim Marine Corps den CH-46 Sea Knight und den CH-53 Sea Stallion ersetzen, beim Special Operations Command einige Versionen der H-53, H-47, H-60 und der Lockheed C-130.

Technische Daten

  • Besatzung: 2 Piloten
  • Abmessungen:
    • Länge: 17,48 m
    • Höhe: 6,63 m
    • Höhe Seitenstabilisator: 5,28 m
    • Höhe Rotornabe: 6,63 m
    • Flügelspannweite: 13,97 m
    • Rotordurchmesser: 11,58 m
  • Massen und Zuladung:
    • Leergewicht: 15.032 kg
    • VTOL Startmasse max: 21.546 kg
    • STOVL Startmasse max: 24.948 kg
    • Überführungsstartmasse max: 27.443 kg
    • 24 voll ausgerüstete Soldaten oder 12 Tragen
    • Innenlast max.: 9.072 kg
    • Außenlast max.: 6.804 kg
    • Effektives Innenvolumen: 24,3 m³
  • Treibstoffkapazitäten[8][9]:
    • V-22 Basiskapazität: 4.284 l
    • V-22 2 interne Zusatztank im Laderaum mit je 3.028 l
    • V-22 4 externe Tanks mit je 280 l
    • CV-22 Außentank (CFT): 4.784 l
    • MV-22 Außentank (CFT): 5.481 l
  • Triebwerke:
    • 2 an schwenkbaren Gondeln befestigte Rolls-Royce AE 1107C-Liberty; je 4.600 kW (6.150 shp)
  • Flugleistungen
    • Geschwindigkeitsbereich: 83 km/h bis 584 km/h (45 kt bis 315 kt) – level forward flight TAS
    • Einsatzgeschwindigkeit (in 1.000 m): 509 km/h (275 kt)
    • Höchstgeschwindigkeit (in 5.000 m): 565 km/h (305 kt)
    • Dienstgipfelhöhe: 7.925 m (26.000 ft)
    • Standardflughöhe: 3.441 m (11.300 ft)
    • Schwebeflughöhe max.: 4.331 m (14.200 ft)
    • Steigrate (vertikal/schräg): 5,5 m/s/11,8 m/s
    • g-Limit: +4/−1
  • Reichweiten[8]:
    • Amphibische Angriffsoperation: 935 km
    • 4.500 kg Nutzlast, VTOL: >650 km
    • 2.700 kg Nutzlast, VTOL: >1.300 km
    • 4.500 kg Nutzlast, STOVL: >1.760 km
    • Überführung: 3.890 km

Siehe auch

Literatur

  • William Norton: Bell/Boeing V-22 Osprey – Multi Service Tilt-rotor. Midland Publishing , 2004, ISBN 1-85780-165-2
  • Richard Whittle: The Dream Machine – The Untold History of the Notorious V-22 Osprey. Simon & Schuster, 2010, ISBN 1-4165-6295-8

Weblinks

 Commons: Bell-Boeing V-22 Osprey – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Voller Einsatz – V22 Osprey in Afghanistan, in: FlugRevue November 2010, S. 38–41
  2. a b c AIR International April 2011, S. 19
  3. Squadron Service - United States Marine Corps. targetlock.org.uk. Abgerufen am 19. November 2011.
  4. Walter Bittner: Flugmechanik der Hubschrauber: Technologie, das flugdynamische System Hubschrauber, Flugstabilitäten, Steuerbarkeit. 3. Auflage. Springer, 2009, ISBN 354088971X, S. 53. Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche
  5. Unfall 1991
  6. Absturz 2010
  7. USAF – FY 2009 Budget Estimates, Februar 2008
  8. a b Paul Jackson, Kenneth Munson, Lindsay Peacock: Jane's All the World's Aircraft 2004–2005. Jane's Information Group, 2004, ISBN 0710626142.
  9. Aerospace Emergency Rescue and Mishap Response Information, Segment 13, Chapters 9 – USAF Helicopter, der Air Force Civil Engineer Support Agency

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