Bell UH-1
Bell UH-1 Iroquois
UH-1D Luftwaffe A29 Ahlhorn 1984.JPEG
UH-1D der deutschen Luftwaffe
Typ: Leichter Mehrzweckhubschrauber
Entwurfsland: Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Hersteller: Bell Helicopter
Erstflug: 22. Oktober 1956
Indienststellung: 1959
Produktionszeit: seit 1958 in Serienproduktion
Stückzahl: ca. 16.000

Der Bell UH-1 Iroquois (Werksbezeichnung Model 204 und Model 205) ist ein leichter Mehrzweckhubschrauber der von Bell Helicopters für das Heer der Vereinigten Staaten (kurz U.S. Army) entwickelt wurde. Er wird inoffiziell auch oft „Huey“ genannt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Im Februar 1954 schrieb die Army einen Konstruktionswettbewerb für einen turbinenangetriebenen Mehrzweckhubschrauber aus, der im Medical Corps eingesetzt werden sollte. Verlangt wurde ein Hubschrauber, der eine Nutzlast von 363 kg (800 lb) über eine Distanz von 185 km (100 nm) transportieren sollte. Er sollte weiterhin leicht zu warten und mit den damaligen Frachtflugzeugen (z. B. der C-124 Globemaster II) verlastbar sein. Als Antrieb sollte die Lycoming T53 Freilaufturbine eingesetzt werden.

Aufbauend auf den Erfahrungen mit der Entwicklung der H12-Zelle, konstruierte Bell das Modell 204, das den Wettbewerb gewinnen konnte und von der US Army die Bezeichnung XH-40 erhielt. Im Mai 1955 erhielt Bell den Auftrag zum Bau von drei Prototypen (Seriennummern 55-4459 bis 4461). Die entsprechenden Ingenieurarbeiten begannen im Juni 1955 und am 28. Oktober konnte die Attrappe besichtigt werden und kurze Zeit später begann der Bau der Prototypen. Weniger als ein Jahr nach Baubeginn fand am 22. Oktober 1956 der Erstflug des ersten XH-40 Exemplars statt, dem die beiden anderen Prototypen im Februar und Juni 1957 folgten.

Mit einem Vertrag vom 19. Oktober 1956 wurde Bell mit der Produktion von sechs Prototypen YH-40 beauftragt, die der Einsatzerprobung dienen sollten. Darauf folgten neun Vorserienmaschinen, die die Bezeichnung HU-1 in dem von 1956 bis 1962 gültigen Army-System erhielten. Die Zeichenfolge HU-1 führte zu dem Spitznamen Huey, den GIs für den offiziell Iroquois, entsprechend der Praxis Army-Luftfahrzeuge nach Indianerstämmen zu benennen, genannten Hubschrauber verwendeten.

Am 30. Juni 1959 wurde die erste Serienmaschine HU-1A an das 101st Aviation Battalion ausgeliefert. Zur Erprobung des ursprünglich vorgesehenen Einsatzzwecks, der medizinischen Evakuierung (Medical Evacuation), erhielten das 56th und 57th Medical Detachment (Helicopter Ambulance) ebenfalls zu dieser Zeit ihre Maschinen. 1962 wurde die Bezeichnung im Zuge der Vereinheitlichung der einzelnen Systeme von Air Force, Navy und Army dann in UH-1 geändert.

Einsatz im Vietnamkrieg

Bekannt wurde der Huey durch seine Einsätze im Vietnamkrieg, wo er für so gut wie jeden Zweck benutzt wurde, inklusive Bodenunterstützung, obwohl er dafür eigentlich nicht konstruiert war. Entsprechend hoch war auch die Verlustquote: Von den über 7.000 in Vietnam eingesetzten Hueys kehrten nach Ende des Krieges nur 2.000 Stück zurück – mehrere hundert wurden beim Abzug der US-Truppen aufgegeben, zerstört oder der südvietnamesischen Armee übergeben.

Bei der US-Army wurde der UH-1 inzwischen fast vollständig durch den UH-60 Black Hawk ersetzt. Die meisten der verbliebenen UH-1 der Army wurden bis September 2004 eingemottet, als die technische Unterstützung bei der Army endete. Im April 2008 waren noch ca. 60 Hueys bei der Army und 70 bei der US-Nationalgarde vorhanden, die nur noch für Sonderaufgaben vorgehalten wurden.[1] Das United States Marine Corps (USMC) verwendet die UH-1Y weiterhin und hat im Juni 2010 18 Einheiten bestellt, darunter auch einige AH-1Z.

Die US-Nationalgarde hat den Bell UH-1 Helikopter nach 50 Dienstjahren endgültig am 2. Oktober 2009 feierlich außer Dienst gestellt.[2] Auch bei der U.S. Army werden die verbliebenen Maschinen, ebenso wie in der Nationalgarde, durch die UH-72A Lakota ersetzt.[3] Die letzten vier in Europa stationierten UH-1 der US Army in Europa wurden Ende April 2011 beim Joint Multinational Readiness Center (JMRC) in Hohenfels, nach fast vierzig Dienstjahren in Europa, außer Dienst gestellt.

Baureihen und Versionen

Der dritte Prototyp des Huey (XH-40 Number 3)
UH-1E und UH-1B im Vietnamkrieg

Einmotorige

Bell 204

UH-1A
Erste Serienversion mit 860 WPS mit Lycoming T53-L-1-Turbine. Ursprünglich wurde der Hubschrauber als HU-1A bezeichnet, daher der (inoffizielle) Spitzname Huey.
TH-1A
14 zu Trainern umgebaute UH-1A.
XH-1A
eine zu Versuchszwecken mit Granatwerfer ausgerüstete UH-1A.
UH-1B
Version mit 960 WPS T53-L-5-Turbine. Der Rotor wurde auf 13 m Durchmesser vergrößert und die Rotorblätter auf 53 cm Breite. Die Kabine wurde für bis zu 7 Mann oder 3 Tragen vergrößert. 1.010 Exemplare wurden an die U.S. Army geliefert.
UH-1C
Version mit 1.100 WPS (820 kW) T53-L-9 oder L-11, 69 cm breiten Bell 540 Rotorblättern, ebenso wurde das Heck zur verbesserten Manövrierfähigkeit verlängert. Die Treibstoffzuladung wurde erhöht und eine zusätzliche hydraulische Doppelsteuerung (zur größeren Schussunempfindlichkeit) eingeführt. 756 Exemplare wurden and die U.S. Army geliefert, fünf an Australien und fünf an Norwegen.
UH-1M
mit 1.400 PS (1.000 kW) Lycoming T53-L-13-Turbine nachgerüstete UH-1C.
UH-1E
Für den Einsatz auf Schiffen navalisierte Version der UH-1B/C aus Aluminium (zum Schutz vor Korrosion) für das U.S. Marine Corps. Die ersten 34 waren analog der UH-1B, die restlichen 158 waren navalisierte UH-1C. Viele wurden später mit der 1.400 PS (1.000 kW) Lycoming T53-L-13-Turbine nachgerüstet.
TH-1E
20 als Trainer für das USMC gelieferte UH-1E.

Bell 205

YUH-1D
Prototyp einer um 1,05 m verlängerten Version mit Raum für 13 Passagiere oder 6 Tragen. Der Prototyp war mit einer T53-L-9-Turbine ausgerüstet und flog erstmals im August 1960.
Modell UH-1D, ein SAR-Hubschrauber der Bundeswehr
UH-1D
Serienversion der YUH-1D mit 1.100 WPS (820 kW) Lycoming T53-L-11. 2.561 UH-1D wurden gebaut, 2.008 davon gingen an die U.S. Armee. Die Hubschrauber der Bundeswehr für das deutsche Heer und die deutsche Luftwaffe tragen ebenfalls die Bezeichnung UH-1D, wurden jedoch nach UH-1H Standard (Lyoming T53-L13B Triebwerk, Pitotrohr auf Kabinendach) gebaut.
HH-1D
umgebaute UH-1D mit 190 l-Löschtank für SAR-Einsätze und zur Brandbekämpfung.
UH-1F
Eine anfangs als XH-48A bezeichnete Version der UH-1B für die U.S. Air Force mit 1.250 WPS (932 kW) General Electric T58-Turbine des Sikorsky CH-3 der USAF. 120 wurden gebaut. Agusta baute diese Version als AB204B in Lizenz.
UH-1H
UH-1D mit 1.400 PS (1.000 kW) Lycoming T53-L-13B-Turbine und Staurohr über der Kabine. Ab 1967 wurde die Produktion auf die UH-1H umgestellt, von dem fast 8000 Stück für die U.S. Army (4.850) und andere Abnehmer (oft auch in Lizenz) gebaut wurden. Von diesem Modell wurden bei Dornier 358 Stück[4] in Lizenz für die Bundeswehr gebaut, von denen der Bundesgrenzschutz 6 Stück für „Führung und Einsatz“ erhielt. Sie werden im Heer und der Luftwaffe verwendet und dien(t)en dort auch in der Luftrettung als Such- und Rettungshubschrauber und im Katastrophenschutz.[5]
EH-1H
22 für den Einsatz elektronischer Gegenmaßnahmen umgebaute UH-1H („Projekt Quick Fix“).
HH-1H
30 SAR-Hubschrauber für die USAF.
TH-1H
für die USAF zu Trainern umgebaute UH-1H.
HH-1K
SAR-Version der UH-1E für die U.S. Navy mit anderer Avionik und Lycoming T53-L-13-Turbine. 27 wurden gebaut.
UH-1L
Version der UH-1C mit Lycoming T53-L-13-Turbine der U.S. Navy für den Einsatz in Vietnam, 8 wurden gebaut.
JUH-1 SOTAS
eine UH-1H, die mit einem AN/APS-94-Radar ausgerüstet wurde.
TH-1L
Trainerversion der UH-1L für die U.S. Navy, 90 wurden gebaut.
HH-1N
SAR-Version der UH-1N
VH-1N
VIP-Transporter.
UH-1P
mit Bewaffnung versehene UH-1F der USAF (auch für psychologische Kriegführung in Vietnam).
UH-1V
zu SAR-Hubschraubern umgebaute UH-1H der U.S. Army.
EH-1X
eine zum Einsatz von elektronischen Gegenmaßnahmen umgebaute UH-1H.

Zweimotorige

UH-1N der U.S. Air Force
UH-1Y Venom des U.S. Marine Corps

Bell 212

Hauptartikel: Bell 212
UH-1N „Twin Huey“

Die UH-1N Twin Huey basiert auf dem zweimotorigem Typ Bell 212. Sie besitzt zwei Pratt & Whitney Canada PT6T-3/T400 Turbo Twin Pac-Turbinen mit 1.800 WPS (1.342 kW) für die U.S. Navy, das U.S. Marine Corps und die US-Luftwaffe (USAF).

Vierblattrotor

Bell 412

Hauptartikel: Bell 412
UH-1Y „Venom“

Wird auch „Super Huey“ genannt. Eine verbesserte Version der UH-1N auf Basis der Bell 412 mit moderner Avionik, Glascockpit, zwei 1.150 kW (1.546 WPS) General Electric T700-GE-401C-Turbinen und Vier-Blatt-Rotoren. Geplant sind 113 Neubauten und 18 umgebaute ältere Maschinen.

Technik

Neben „Huey“ ist auch „Teppichklopfer“ als Spitzname bekannt, bedingt durch den Effekt des induzierten Luftwiderstandes. An den Rotorblättern treten an den Blattspitzen Luftwirbel auf, was beim Durchlauf des folgenden Blattes zu Knallgeräuschen führt. Der Hubschrauber ist so schon aus ca. 10 km Entfernung zu hören – erst als leises Grummeln, das immer lauter wird, und dann immer stärker werdende Knallgeräusche, wenn der Hubschrauber nur noch ca 1,5 km entfernt ist. Seit der Einführung von Blättern neuer Geometrie in den 90er Jahren ist dieser Effekt wegen der Verschlankung der Blätter schon deutlich vermindert. Bedingt durch den Anstellwinkel und den Vortrieb führen die Rotorblätter eines jeden Hubschraubers so genannte Schlagbewegungen aus, das vorlaufende Rotorblatt hat dabei die Tendenz hochzuschlagen, was zur Auftriebsverminderung führt. Das rücklaufende Blatt verliert im Richtungsflug bedingt durch die Rückanströmung an Auftrieb und schlägt nach unten. Die halbkardanische Rotorblattaufhängung der UH-1 (typisch für Zweiblattrotore) verhindert dabei ein Rollen um die Längsachse. Der Bell-typische Stabilisator dämpft entsprechend dem Kreiselprinzip allzu heftige Schlagbewegungen der starr miteinander verbundenen Hauptrotorblätter und vom Piloten kommende Steuereingaben.

Technische Daten

Risszeichnung (Modell 205)
Turbine Lycoming T 53 (Abtrieb links über Reduktionsgetriebe)
Kenngröße HU-1A Iroquois (Modell 204) UH-1H (205A-1)
Triebwerk 1 Lycoming T53-L1 (522 kW/700 WPS) 1 Avco Lycoming T53-L-13 (1.044 kW/1.420 WPS)
Höchstgeschwindigkeit k. A. 220 km/h (rund 120 kn)
Reisegeschwindigkeit 177 km/h (110 mph) 90 Kts (165 km/h)
Reichweite etwa 338 km etwa 507 km
Tankkapazität k. A. 833 Liter (666 kg)
Flughöhe k. A. 4145 m
Schwebeflughöhe mehr als 4267 m (mit Bodenauftriebseffekt) k. A.
Leergewicht k. A. 2.140 kg
Abfluggewicht 2.631 kg 4.310 kg
Piloten 1–2 1–2
Passagiere 6 k. A.
Rumpflänge 12,07 m 12,77 m
Gesamtlänge k. A. 17,41 m
Rotordurchmesser 13,41 m 14,63 m

Technische Daten des HU-1A Iroquois (Model 204) basieren auf Flight Magazin, 1960.[6]

Bewaffnung

Abschuss ungelenkter Raketen

in der Kabine montiert:

an 2 externen Aufhängungen:

  • 4 × 7,62 mm M60 Maschinengewehr im M21-System
  • 2 × 7,62 mm GAU-17 Gatling-Maschinengewehr
  • 2 × Raketenwerfer mit 7, 19 oder 24 ungelenkten Raketen
  • 2 × M75 Granatwerfer
  • 6 × BGM-71 „TOW“ im M26 System

Bundeswehr nur:

  • 2 × 7,62 mm MG3 in der Kabine montiert.

Siehe auch: Liste der Hubschrauber

Film

Aus vielen Filmen mit Bezug zum Vietnamkrieg ist die Huey mit ihrem typischen klopfenden Geräusch bekannt. Eine prominente Rolle spielt sie in dem Film Apocalypse Now von Francis Ford Coppola, wo sie in Massenauftritten mit Musik unterlegt als allgegenwärtige Bedrohung dargestellt wird. Im deutschsprachigen Fernsehen war sie in der ZDF-Serie Die Rettungsflieger zu sehen. In dieser Serie dreht es sich um den bis 2006 am BWK in Hamburg-Wandsbek stationierten „SAR Hamburg 71“.

Literatur

  • Lou Drendel: Modern Military Aircraft – Huey (englisch). Squadron/Signal Publications, Carrollton, Texas 1983. ISBN 0-89747-145-8
  • Wayne Mutza: UH-1 Huey in Action (englisch). Squadron/Signal Publications, Carrollton, Texas 1986. ISBN 0-89747-179-2
  • Siegfried Wache: Bell UH-1D Luftwaffe. F-40 Nr. 28. ISSN 1430-0117
  • Siegfried Wache: Bell UH-1D Heeresflieger. F-40 Nr. 33. ISSN 1430-0117

Einzelnachweise

  1. Hohenfels trains last Huey pilots bei army.mil, abgerufen am 2. Mai 2009
  2. Guard retires UH-1 Huey after 50 years of service bei army.mil, abgerufen am 11. Oktober 2009
  3. Huey Finally Bows Out in: Strategy Page, abgerufen am 20. November 2011.
  4. Daten und Fakten. Bundeswehr, 22. April 2010, abgerufen am 9. Mai 2010 (PDF, deutsch, 3,26 MB).
  5. Hans-Jürgen Schmidt: Wir tragen den Adler des Bundes am Rock – Chronik des Bundesgrenzschutzes 1951–1971 Fiedler-Verlag, Coburg 1995, ISBN 3-923434-17-0, S. 61
  6. Helicopters of the world. Flightglobal, Mai 1960, abgerufen am 3. April 2010 (PDF).

Weblinks

 Commons: Bell UH-1 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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