Benediktinerabtei Tournus
Benediktinerabtei Tournus
Lage: Frankreich
Region Bourgogne (Burgund)
Département Saône-et-Loire
Patrozinium: St. Philibert
Gründungsjahr: 875
Westfassade mit dem aufgesetztem Nordturm
Das quertonnengewölbte Hauptschiff
Die zweigeschossige Vorkirche
Notre Dame La Brune

Die Benediktinerabtei Tournus ist ein ehemaliges Kloster in der burgundischen Stadt Tournus.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Kloster wurde an der Stelle errichtet, an der der Heilige Valerian bestattet war, der 178 das Martyrium für den Christusglauben erlitt. An sein Grab entwickelte sich früh ein Wallfahrtswesen.

875 siedelte hier Karl der Kahle Benediktinermönche an, die von ihrem früheren, von den Normannen bedrohten Kloster auf der Atlantikinsel Noirmoutier vor der Loire-Mündung die Reliquien des Heiligen Philibert mitbrachten. Die bestehende Kirche von Tournus wurde damals für das neue Kloster vergrößert. 937 wurden das Kloster und die Kirche jedoch zerstört und nach 949 wiedererbaut. Im Jahr 1007 brannten große Teile des Klosters nieder, die Klosterkirche wurde etwa ab 1020 erneut errichtet.[1]

Klosterbauten

Die Abteikirche ist als Monument historique (‚historisches Denkmal‘) denkmalgeschützt. Weitere geschützte Teile des ehemaligen Klosters sind die Ziegelei (tuilerie du Moutier) aus dem 16. Jahrhundert, der Turm der Trésorier ( auch Aumonerie) aus dem 17. Jahrhundert, Reste der alten Schutzmauer, der Turm von Quincampoix und die Kurtine, die sich im Osten daran anschließt, die beiden Türme am Eingang zur Klosteranlage, der Turm namens Le Portier an der Ecke der Rue Fénelon, die Reste des frühromanischen Kreuzgangs (Foto [2]) mitsamt dem Brunnen und der Arkade, die „Flucht nach Ägypten“ (la fuite en Egypte) genannt wird, außerdem das das zweigeschossige Abtshaus aus dem 15. Jahrhundert, der dreischiffige Kapitelsaal aus dem 13. Jahrhunderts (Foto [3]), das Refektorium und zwei alte Weinkeller aus dem 12. Jahrhundert, die Les Grandes Caves (‚die großen Keller‘) genannt werden.[4]

Klosterkirche

Baubeschreibung

Diese Kirche gehört zu den bedeutendsten frühromanischen Sakralbauten Frankreichs. Sie wurde ab 1000 gebaut und 1019 geweiht. Die mit Blenden und Bogenwerk nur spärlich gegliederte Westfassade ist 28 m hoch; der nördliche Fassadenbereich geht in einen um 1150 aufgesetzten Turm über, während der Südturm den ursprünglichen Zustand zeigt und mit einem Satteldach knapp über der Fassade abgeschlossen wird. Die Basilika besteht aus drei Schiffen von je fünf Jochen, hat ein Querschiff, einen Umgangschor mit Kapellenkranz und im Westbau eine ebenfalls dreischiffige Vorhalle und darüber eine Oberkirche. Über der Vierung befindet sich der im 12. Jahrhundert errichtete Glockenturm. Beide Türme tragen vierseite Spitzhelme. Das lichte Kircheninnere ist quertonnengewölbt, getragen von hohen, massiv gemauerten Rundpfeilern. Für das Mauerwerk der Gurtbögen wurden weiße und rote große Quadersteine im Wechsel verwendet.

Vorkirche

Die Fassade ist ein einheitlicher Block aus Bruchsteinmauerwerk, der nur durch flache Lisenen und Rundbogenfriese bereichert wird. Die Hausteinteile (Portal und Zinnenbalkon) sind bei der Restaurierung des 19. Jahrhunderts nachträglich angefügt. Die architekturgeschichtliche Bedeutung der Kirche liegt in der Vielfalt ihrer Wölbungsformen. Die Vorhalle ist im Mittelschiff kreuzgratgewölbt, die Seitenschiffe sind mit Quertonnen zur Mitte geöffnet. Über der Vorhalle befindet sich die dem hl. Michael geweihte, in ihrem Mittelschiff 12 m hohe und zur Hauptkirche hin offene Kapelle; ihre Rundpfeiler tragen rechteckige Wandvorlagen, die zum Tonnengewölbe des Mittelschiffs hinaufreichen, das von den viertelkreisförmigen Seitenschiffsgewölben gestützt wird. An der Arkade zur Hauptkirche befindet sich eine Relieffigur eines bärtigen Mannes mit einem Hammer, daneben eine Inschriftplatte mit dem Namen des Gerlannus (Foto [5]), der als Abt oder Baumeister der Kirche gedeutet wird. Der Text der Inschrift Gerlannus Abate Isto Moneteium e ile ist offenbar verdorben. Mit einer weiteren Reliefplatte des Bogens mit einem Gesicht gehört die Figur zu den ältesten erhaltenen Werken romanischer Bauplastik.

Hauptkirche

Das Langhaus mit den hohen Rundpfeilern ist von hallenartiger Weite. Die Einwölbung des Mittelschiffs ist in der romanischen Baukunst fast einzigartig: Auf Schwibbögen ruhen fünf quer zur Mittelschiffsachse stehende kleine Tonnengewölbe. Offenbar war man nicht in der Lage, den Bau mit einer einheitlichen Längstonne zu decken. Die Seitenschiffsjoche sind mit Kreuzgratgewölben geschlossen. Das Querhaus wird von der Kuppel des Vierungsturmes aus dem 12. Jahrhundert beherrscht. Der Chor ist ein Kapellenumgangschor mit drei flach geschlossenen Radialkapellen. Seine Architektur entstammt dem frühen 12. Jahrhundert. Die Krypta ist wohl der älteste Teil des Baus und geht bis in das 10. Jahrhundert zurück. Sie bildet den Unterbau des romanischen Chores und ist eine der ältesten erhaltenen Umgangschoranlagen mit Kapellen der europäischen Baukunst. Der Mittelbereich ist durch zehn schlanke Säulen mit antikisierenden Kapitellen unterteilt. An der Krypta-Westwand befindet sich ein alter Brunnen.

Ausstattung

In der Krypta (Foto [6]) unter dem Chor sind ebenfalls sehenswerte Kapitelle und Freskenreste zu finden. Zu der ansonsten eher spärlichen Ausstattung gehören im Chor der moderne Reliquienschrein des hl. Philibert. Eine Seltenheit sind die im 20. Jahrhundert entdeckten Mosaiken des 12. Jahrhunderts im Chorumgang. Sie zeigen Monatsarbeiten und Tierkreiszeichen (Foto [7]) Im südlichen Seitenschiff die Zedernholz-Madonna „Notre Dame la Brune“ (‚die Braune‘) aus dem frühen 12. Jahrhundert in einem gotischen Baldachin. Sie war im Mittelalter Ziel einer Wallfahrt.

Literatur

  • Baukunst der Romanik in Europa. Frankfurt a. M.: Umschau Verlag 6. Auflage 1959, u. a. S. XV
  • Tournus. In: Marianne Bernhard: Klöster. Hundert Wunderwerke des Abendlandes. Erlangen: Karl Müller Verlag 1994, S. 84f.
  • Tournus. In: Frankreich. Ostfildern: Verlag Karl Baedeker, 12. Auflage 2007, S. 297
  • Bernhard Laule, Ulrike Laule, Heinfried Wischermann: Kunstdenkmäler in Burgund. Darmstadt 1991, S. 465ff.

Weblinks

 Commons: Benediktinerabtei Tournus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. former Benedictine Abbey of Saint-Philibert. In: archINFORM.
  2. Kreuzgang an der Südseite der Kirche auf structurae.de
  3. Kapitelsaal aus dem 13. Jahrhundert auf structurae.de
  4. Eintrag Nr. PA00113488 in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch)
  5. Relieffigur des Gerlannus an der Arkade zum Mittelschiff auf structurae.de
  6. Krypta auf structurae.de
  7. Mosaik hinter dem Hochaltar auf structurae.de
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