Benediktinerkloster St. Johann
Benediktinerkloster St. Johann mit Wohnturm (rechts)

Das Benediktinerinnenkloster St. Johann (rätoroman. Claustra Son Jon) im Val Müstair im Schweizer Kanton Graubünden ist eine sehr gut erhaltene mittelalterliche Kloster-Anlage aus der Karolingerzeit. Das Kloster wurde von der UNESCO in die Liste Weltkulturerbe aufgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Kreuzkapelle

Am Eingang des Friedhofs steht die Kreuzkapelle, welche durch ihre rundbogenförmigen Blendnischen auffällt. Die Kleeblattform ist im 8. Jahrhundert entstanden. Dies belegt die Jahresdatierung der noch tragenden Bodenbalken im Obergeschoss. Den im Westen gelegenen Wirtschaftshof schliessen zwei Tortürme ab. Diese stammen aus der Zeit um 1500 und sind aussen rundbogenfömig, innen spitzbogenförmig. Der Südturm zeigt ein Wandbild mit einem Esel auf rotem Grund, der den Dudelsack eines Junkers bläst. Die drei Figuren stellen die Immaculata, St. Benedikt und St. Scholastika dar. Das Rokokowerk stammt von Christian Greiner.

Die Doppelkapelle St. Ulrich und St. Nikolaus fällt durch ihre frühbarocke Ausstattung einer Sgraffitobordüren und schwarz gemalten Fensterzier auf. In der Unterkapelle kann man vom ursprünglichen Kuppelgewölbe des Chors eine Stucco-Verzierung ausmachen. Es handelt sich um vier Engelsfiguren in antikisierenden Gewändern. Westlich der Doppelkapelle schließt sich ein dreistöckiger Wohnturm an, umgeben von zweigeschossigen Saalbauten.

Geschichte

Skulptur Karls des Grossen in der Klosterkirche

Das Kloster gilt von jeher als Stiftung Karls des Grossen. Seine Gründung passt gut in die karolingische Ostexpansion gegen die Langobarden 774 und Bajuwaren 778, konnte doch das älteste Bauholz aus der Kirche um 775, ein Jahr nach der Eroberung der Lombardei dendrochronologisch datiert werden. Die Einrichtung des Klosters mag jedoch vom Bischof von Chur als Vertrauter des Kaisers umgesetzt worden sein. Damit sicherte er sich den Zugang zum Vinschgau, das bis 1816 zum Bistum Chur gehörte. Das Kloster diente dem Kaiser als Stützpunkt, auch für die Kontrolle der sich kreuzenden Verkehrswege, den Reisenden als Hospiz, dem Bischof als Verwaltungszentrum und nicht zuletzt als Ort des Gottesdienstes. Die Schutzherrschaft über die Stiftung übernahm der heilige Johannes der Täufer. Die Stiftung wurde schlicht Monasterium, also Kloster genannt, wovon sich heute der romanische Name Müstair ableitet. Ursprünglich ein Männerkloster, ist es seit dem 12. Jahrhundert ein Benediktinerinnenkonvent.

Gastmahl des Herodes mit tanzender Salome

Durch die wiederentdeckten karolingischen Fresken an den Wänden und über dem Deckengewölbe des Kirchenschiffs der Dreiapsidenkirche legt das Kloster Zeugnis von anderweitig nahezu nicht mehr vorhandener frühmittelalterlicher sakraler Bilddarstellung ab und besitzt deshalb einen herausragenden kulturgeschichtlichen Wert. Die karolingischen Fresken waren im späten 15. Jahrhundert übertüncht und Ende des 19. Jahrhunderts neu entdeckt worden. Daraufhin liess man vorsichtshalber in den Jahren 1908/ 1909 die Szenenfolge aus dem Leben Davids, die als Bildstreifen die gesamte Kirche umzog, ablösen und in das Schweizerische Landesmuseum in Zürich bringen. Die anderen Fresken wurden 1947 bis 1951 wieder freigelegt. Erst durch die karolingischen Malereien erlangte die Kirche ihre heutige Berühmtheit. Der Bilderzyklus entstand um das Jahr 800. Auf fünf waagerechten Streifen ziehen sich über die Nord- und Südwand des Innenraums insgesamt 135 mehr oder weniger gut erhaltene karolingische Motive. Eines der bekanntesten Motive befindet sich an der Nordwand und stellt die Flucht nach Ägypten dar. Die karolingischen Malereien an der Ostwand und in den drei Apsiden wurden um 1200 vollständig übermalt. Diese romanische Freskoschicht ist nur noch teilweise erhalten. Die wohl bekannteste Szene befindet sich in der Mittelapsis und stellt das Gastmahl des Herodes dar, in der die tanzende Salome die Enthauptung des Täufers erreicht. Zwischen Mittel- und Südapsis befindet sich eine lebensgrosse Stuck-Skulptur von Karl dem Grossen aus dem Hochmittelalter.

Literatur

  • Iso Müller: Geschichte des Klosters Müstair. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Desertina-Verlag, Disentis 1978
  • Jürg Goll; Matthias Exner; Susanne Hirsch: Müstair. Die mittelalterlichen Wandbilder. Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007, ISBN 978-3-03823-324-4
  • Hans Rutishauser; Hans Rudolf Sennhauser; Marèse Sennhauser-Girard: Das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair (Schweizerischer Kunstführer, Band 733/734), GSK, Bern 2003, ISBN 3-85782-733-5

Bildergalerie

Weblinks


46.62916666666710.4477777777787Koordinaten: 46° 37′ 45″ N, 10° 26′ 52″ O; CH1903: (830390 / 168632)


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