Zwerg (Mythologie)
Zwerg als Glücksbringer, Postkarte (um 1900)

Als Zwerge werden mythologische, zumeist unterirdisch lebende Wesen bezeichnet. Häufig wird ihnen übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt. Sie gelten als schlau und zauberkundig, bisweilen listig, geizig und werden vor allem in späterer Zeit oft als kleinwüchsig beschrieben. Ihren Ursprung haben sie in der nordischen Mythologie.

Erwähnt werden sie vor allem in den beiden Texten, die unter dem Begriff Edda bekannt sind, sowie in einigen ebenfalls altnordischen Isländersagas. Zwerge spielen auch in überlieferten Märchen und Volksmythologien des ausgehenden Mittelalters sowie in den Novellen und Belletristiken der deutschen Romantik eine Rolle. Bis heute sind die Sammlung von Volksmärchen durch die Brüder Grimm und die darin dargestellten Zwergenmotive weltweit prägend. Nicht minder prägend sind sich daraus ergebende neuzeitliche Rezeptionen aus dem 20. Jahrhundert, wie beispielsweise die Zeichentrickfilm-Adaption des Grimmschen Märchens Schneewittchen durch Walt Disney.

Barocke Skulpturen von Zwergen waren in Mitteleuropa vielfach auch als Teil von Barockgärten beliebt, so etwa in der Stadt Salzburg im Mirabellgarten. Auch in modernen Fantasy-Werken spielen Zwerge oft eine Rolle, hier unverkennbar beeinflusst von der Konzeption der Zwerge in J. R. R. Tolkiens Werken, vor allem im Herrn der Ringe.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Die germanischen Wörter für „Zwerg“ (ahd. twerg, mhd. twerc / querh m. n., zwerc, as. gidwerg n., an. dvergr, ae. dweorg, afr. dwerch, schw. dvärg, norw. dverg, dän. dværg, nl. dwerg, engl. dwarf) weisen auf eine urgermanische Vorform *dwergaz hin. Eine etymologische Anknüpfung ist aber unsicher. Vielleicht steht es im Zusammenhang mit dem Verb trügen („Trugwesen“), vgl. ahd. gidrog („Gespenst“), auch altind. dhvaras („dämonisches Wesen“).

Manche Zwerge haben Namen, die darauf hinweisen, dass sie ursprünglich Totendämonen waren, zum Beispiel Nár („Leiche“), Bláinn („blau“ symbolisiert die Farbe des Todes), Dáinn („Tod“).

Nordische Mythologie

Zwerge sind in der nordischen Mythologie kleinwüchsige, menschenähnliche Wesen, die ein altes Handwerk ausüben. Sie wohnen unter den Bergen und Felsen sowie in Erdhöhlen, wie die skaldischen Kenningar aus dem 11. und 12. Jahrhundert und die Sagen des 13. und 14. Jahrhunderts berichten. Die Menschen dachten, dass Zwerge die geheimnisvollen Naturkräfte im Inneren der Erde repräsentieren. Eine (kategorische) Vermischung von Alben und Zwergen muss angenommen werden. Heutzutage werden sie auch oft mit Heinzelmännchen (tomtegubbar), Bergtrollen und anderen Wesen vermischt.

Über den Ursprung der Zwerge gibt es in den eddischen Texten unterschiedliche abweichende Aussagen. In der Völuspá wird die Erschaffung der Zwerge aus dem Blut des Riesen Brimir und den Knochen des Riesen Bláinn im Rahmen der allgemeinen Kosmogonie dargestellt. In den Strophen 9 und 10 lautet dies:

Þá gengu regin öll
á rökstóla,
ginnheilög goð,
ok um þat gættusk,
hverir skyldi dverga
dróttir skepja
ór Brimis blóði
ok ór Bláins leggjum.
Þar var Móðsognir
mæztr of orðinn
dverga allra,
en Durinn annarr;
þeir mannlíkun
mörg of gerðu
dvergar í jörðu,
sem Durinn sagði.
Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
heilige Götter,
und hielten Rat,
wer der Zwerge Schar
schaffen sollte
aus Brimirs Blut
und Blains Knochen.
Modsognir ward
der mächtigste da
aller Zwerge,
der zweite Durin;
die machten manche
menschenähnlich,
wie Durin es hieß,
die Höhlenzwerge.[1]

Snorri berichtet, dass die Zwerge Maden im Fleisch des Urriesen Ymir waren, die dann von den Göttern mit Verstand ausgestattet wurden. Er setzt sie mit einer Untergruppe der Alben, nämlich den Schwarzalben (svartálfar), gleich, also den Elfen zugehörig.

Dass man sich Zwerge ursprünglich als besonders klein vorstellte, ist nicht belegt. Erst in den nordischen Sagas werden Zwerge allgemein als kleine, hässliche Wesen mit langen Nasen und Bart sowie schmutzig brauner Hautfarbe beschrieben. Charakteristischer ist ihre Weisheit, die sich auch in den Namen belegen lässt: Alvíss, Fjölsviðr, Rásviðr, (vgl. die in der Edda aufgeführte Alvíssmál).

Manche Zwerge haben auch kosmologische Bedeutung wie Nýi oder Niði, die die Mondphasen steuern oder Norðri, Suðri, Austri und Vestri, die den aus Ymirs Schädel gebildeten Himmel tragen.

Mit Hilfe eines magischen Huts (Zwergenhut oder huliðshjálmr), manchmal auch durch einen Mantel, konnten sie sich unsichtbar machen. In der Alvíssmál bringt Thor den Zwerg Allvis (Alvíss) dazu, sein großes kosmologisches Wissen preiszugeben; als die Sonne aufgeht, erstarrt dieser zu Stein. Anderen Erzählungen nach scheinen die Zwerge allerdings unempfindlich gegen Sonnenstrahlen zu sein.

Die Zwerge mögen es am liebsten, wenn sie ihre Höhlen schmücken können. Sie schaffen unglaubliche unterirdische Säle (z. B. Nidawellir), beleuchten Goldadern in den Bergen und lassen diese sich in den Höhlenseen widerspiegeln. Das Interesse für Schmuck und die ständige Jagd nach Edelmetallen hat sie zu tüchtigen Schmieden werden lassen. Ihre Macht über die verborgenen Kräfte der Natur äußert sich besonders in ihrer überlegenen Kunstfertigkeit: dem Schmiedewesen. Sie versehen nicht nur die Menschen und die Elfen mit allerhand kostbaren Waffen und Werkzeug, sondern schmieden sogar für die Götter selbst die kostbarsten Kleinode. So fertigten die Zwerge für Odin den Speer Gungnir und für Heimdall den Goldring Draupnir. Thor erhielt den Hammer Mjöllnir, für Freyr schufen sie das Schiff Skíðblaðnir, für Sif das goldene Haar, für Freya das Halsband Brísingamen. Weiterhin schufen sie die Fessel Gleipnir für den Fenriswolf sowie den Eber Hildisvíni. Sie treten in ihrer Eigenschaft als Meisterschmiede in vielen Sagen des Altertums auf. In der Völsungasage schmiedet Andvari den Ring Andvaranaut, und sein Sohn Regin schmiedet für Sigurt Fafnesbani zusammen mit dem Schwert Gram. In der Hervorssage schmieden die Zwerge Dulin (Durin?) und Dvalin das Schwert Tyrfing.

Die Zwerge arbeiteten auch mit Holz oder Metall und ihre handwerkliche Kunst wird von keinem anderen Wesen übertroffen. Sie sind außerdem poetisch und romantisch, gleichfalls etwas barsch und kurzangebunden.

In das Bild des tüchtigen Handwerkers und Bergbewohners fügt sich das Bild von Bergleuten und Bewachern von Schätzen.

Zwerge werden oft mit Gnomen verwechselt, wobei der Begriff Gnom im 16. Jahrhundert von dem berühmten Arzt und Naturforscher Paracelsus geschaffen wurde. Welche Vorstellung dem zugrunde liegt, ist nicht bekannt.

Liste von Zwergen in der nordischen Völuspá

Die Strophen 10 bis 16 der Völuspá enthalten eine Liste mit Zwergennamen (siehe ausführlich: Dvergatal).

Aus Brimirs Blut und den Beinen Blainns entstanden:

  • Modsognir, der mächtigste aller Zwerge und
  • Durin, der zweitmächtigste.
    • Durins Horde:
    Nyi und Niði, Norðri und Suðri, Austri und Vestri, Althjof, Dvalin, Nar und Nain, Niping, Dain, Bifur, Bofur, Bombur, Nori, An und Onar, Ai, Mjoðvitnir, Vigg und Gandalf, Vindalf, þrain, Þekk und Þorin, Þror, Vit und Lit, Nyr und Nyrað Regin und Raðvið, Fili, Kili, Fundin, Nali, Heptifili, Hannar, Sviur, Frar, Hornbori, Fræg und Loni, Billing, Bild, Bruni,Buri, Aurvang, Jari, Eikinskjaldi.
    • Dvalins Horde:
    Draupnir und Dolgþrasir, Hor, Haugspori, Hlevang, Gloin, Dori, Ori, Duf, Andvari, Skirfir, Virfir, Skafið, Ai, Alf und Yngvi, Eikinskjaldi; Fjalar und Frosti, Fið und Ginnar.
  • Andere Zwerge:
    Brokkr, Eitri, Fafnir, Galar, Hreidmar, Ótr, Sindri, Hadhod, Pandar.

Siehe auch

Literatur

  • Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Vollständige Ausgabe. Marix Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-143-8.
  • Paul Hermann: Nordische Mythologie. Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin, 2002.
  • Friedrich Kluge / Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 2002. 24. Auflage.
  • Felix Genzmer: Die Edda: Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen. Sonderausgabe der einbändigen Gesamtausgabe, 3. Auflage.
  • Eugen Diederichs, München 1995, ISBN 3-424-01115-0.
  • Reinhard Medicus "Der Zwergelgarten und seine Geschichte" in Bastei, Zeitschrift des Salzburger Stadtvereines, Folge 2 Jahrgang 2010. Salzburg, 2010.
  • Werner Schäfke: "Was ist eigentlich ein Zwerg? Eine prototypensemantische Figurenanalyse der dvergar in der Sagaliteratur" in Mediaevistik 23, 2010, S. 197-299.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner Verlag, Stuttgart, 1984
  • Evgen Tarantul: Elfen, Zwerge und Riesen. Untersuchung zur Vorstellungswelt germanischer Völker im Mittelalter; Peter Lang, Frankfurt a. M., 2001.
  • J. R. R. Tolkien: Der kleine Hobbit; Herr der Ringe
  • Markus Heitz: Die Zwerge - Reihe.

Einzelnachweise

  1. Altnordischer Grundtext nach G. Jonsson, deutsche Übertragung nach F. Genzmer.
  2. http://www.zeit.de/1982/47/bei-den-zwergen-gibt-es-immer-was-zu-lachen/komplettansicht

Weblinks

 Commons: Dwarves (legendary creatures) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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