ABM-Vertrag

Der ABM-Vertrag, russisch Договор об ограничении систем противоракетной обороны (ПРО), vom 26. Mai 1972 war ein Vertrag zwischen den USA und der UdSSR zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen (Anti-Ballistic Missiles, ABM). Er war Ergebnis der SALT-Verhandlungen. Am 13. Juni 2002 traten die USA einseitig vom Vertrag zurück, nachdem sie, wie vertraglich festgelegt, 6 Monate zuvor eine Absichtserklärung abgegeben hatten, in der sie den Rücktritt dem Vertragspartner ankündigten.

Inhaltsverzeichnis

Vertragsinhalt

Übersicht

  • Verboten sind:
    • der Aufbau eines landesweiten ABM-Netzes (Art. 1)
    • die Entwicklung see-, luft- oder weltraumgestützter ABM-Systeme sowie mobiler Systeme (Art. 5,1)
    • die Aufstellung von Frühwarn-Radars (Art. 6,b)
    • die Weitergabe von ABM-Technik an andere Staaten (Art. 9)
  • Zugelassen sind:
    • anfangs zwei ABM-Stellungen - später reduziert auf eine - mit 100 Abfangraketen
    • die dazugehörigen Radaranlagen
    • die Stellung darf entweder zum Schutz einer ICBM-Anlage oder der Hauptstadt eingesetzt werden (in einem Radius von 150 Kilometern) (Art. 3)
    • die Modernisierung und der Ersatz der eingesetzten Anlagen (Art. 7)
  • Vertragsmodalitäten
    • Der Vertrag ist von unbegrenzter Dauer, kann aber mit sechsmonatiger Frist gekündigt werden, wenn ein Vertragspartner seine Interessenlage fundamental gewandelt sieht (Art. 15,1)
    • Die Vertragshandhabung obliegt der Standing Consultative Commission (SCC) (Art. 13,2)

Weitere Einzelheiten

Durch die Begrenzung auf zwei ABM-Stellungen, die zudem 1.300 Kilometer voneinander entfernt sein müssen, wird einer landesweiten Raketenabwehr eine Absage erteilt. So blieb die Doktrin der wechselseitig gesicherten Zerstörung unangetastet.

Geschichte

Raketenabwehrsysteme

Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre entwickelten die USA etliche Raketensysteme, die, so die Hoffnung, anfliegende Interkontinentalraketen abschießen könnten. Das US-Militär verband mit diesen technologischen Entwicklungen die Prognose, bald das ganze Land durch einen Raketenschutzschirm wirksam vor den gröbsten Folgen eines Nuklearkrieges schützen zu können. Als Teil dieser Verteidigungsstrategie wurde zusammen mit Kanada das North American Air Defense Command eingerichtet (heute unter dem Kürzel NORAD bekannt).

In den frühen 60er-Jahren gelang ein erster waffentechnischer Durchbruch mit der Etablierung des Nike-Zeus-Systems, das mithin die Basis für ein späteres ABM-System bilden sollte. Außerdem wurde mit der Entwicklung der Sprint-Kurzstreckenrakete, die zum Schutz der Raketenabwehrbasen selbst dienen sollte, ein zweites Standbein geschaffen. Beide Entwicklungen sollten die Grundlage für das erste landesweite ABM-Projekt Sentinel bilden.

Mit Sentinel wurde die Raketenabwehrtechnologie erstmals auch in der breiten Wissenschaft und der Bevölkerung diskutiert. Zum einen wurden die technologischen Hindernisse diskutiert, die trotz hoher Investitionen in Forschung und Entwicklung nach wie vor hoch waren, zum anderen die sicherheitspolitischen Auswirkungen eines solchen Systems. Angenommen wurde, dass die Sowjetunion einem funktionierenden ABM-System nur mit einem Angriff zuvorkommen konnte.

Mächtegleichgewicht und MAD

Während diese Debatten geführt wurden, hatte Moskau nicht nur seinerseits mit der Entwicklung einer Raketenabwehr begonnen (Galosh), sondern es wurde mit MIRV eine Technologie eingeführt, die es ermöglichte, auf einer Interkontinentalrakete mehrere Sprengköpfe zu transportieren. Da für jeden Sprengkopf theoretisch eine Abwehrrakete notwendig sein würde, war mit den Mehrfachsprengköpfen ein landesweites ABM-System technologisch und auch finanziell in Frage gestellt.

Etwa zur gleichen Zeit gelang es der Sowjetunion nach einer beispiellosen Nuklearrüstung, ein strategisches Gleichgewicht mit den USA zu erreichen. Damit wurde ein Nuklearkrieg zu einer Bedrohung für die gesamte Welt. Die Angst vor der eigenen Vernichtung schloss einen direkten Angriff mit Nuklearraketen aus. Dieses Faktum steht gleichsam hinter der Doktrin der Mutual assured destruction (MAD), dem „Gleichgewicht des Schreckens”.

Siehe auch

Weblinks


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