Bericht der Nephiten
Das Buch Mormon

Das Buch Mormon (englisch: The Book of Mormon) ist eine religiöse Schrift der nach diesem Buch benannten religiösen Gemeinschaften der Mormonen. Die vom traditionellen Christentum nicht geteilte Anerkennung dieses Werkes als Heilige Schrift gilt als wesentliches gemeinsames Kennzeichen der ansonsten recht unterschiedlichen Kirchen. Der Name geht auf den Propheten Mormon zurück, der als Hauptredakteur des Berichtes aufscheint. Mit der Erstveröffentlichung des Buches begann das öffentliche Wirken des Kirchengründers Joseph Smith.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung

Der Ursprung des Buches Mormon ist umstritten. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird der Ursprung, wie er im Buch selbst geschildert ist, ergänzt um den Bericht von Joseph Smith über die Entstehung des Buches Mormon, als historische Tatsache betrachtet und als unverzichtbarer Teil des Glaubens angenommen und gelehrt. Dennoch existiert am Rande der Kirche eine kleine Minderheit, die die Annahme des Buches Mormon als historischen Bericht ablehnt.

Etwa seit dem Jahr 2000 ist die zweitgrößte mormonische Gemeinschaft (mit einer Mitgliedschaft von 250.000 im Vergleich zu den ca. 13,5 Millionen Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage), die Gemeinschaft Christi, offiziell von der Auffassung abgerückt, die das Buch Mormon als historisch authentischen Bericht betrachtet. Die Kirche bezeichnet das Buch als „inspirierte und glaubensstärkende“ Schrift und erkennt damit Joseph Smith als Urheber und Autor des Buches an.

Das Buch Mormon berichtet selbst über seine Entstehung: Der ca. 600 v. Chr. aus Jerusalem geflohene Prophet Nephi habe auf Goldplatten einen Bericht über den Umgang Gottes mit seiner Familie angefertigt. Dieser Bericht, „die kleinen Platten Nephis“, sei bis ca. 130 v. Chr. von Nephis direkten Nachkommen weitergeführt und dann, nach dem Erlöschen der Abstammungslinie, an die politischen Führer des Gemeinwesens übergeben worden. Auf einem zweiten Satz von Goldplatten, den „großen Platten Nephis“, habe Nephi die politische und gesellschaftliche Geschichte seines Volkes niedergeschrieben; dieser wesentlich ausführlichere Bericht sei dann nach Nephis Tod von den Anführern des Gemeinwesens fortgeschrieben worden. Als dritte Quelle gelten die „Platten Ethers“, ein Bericht über ein älteres Volk, das kurz nach dem Turmbau zu Babel nach Amerika gelangt sei.

Diese Vorlagen sollen um 400 n. Chr. vom außerhalb des Mormonismus historisch nicht nachgewiesenen Propheten Mormon und danach von dessen Sohn Moroni zusammengefasst, kommentiert und für ihre eigene Zeit ergänzt worden sein. Die kleinen Platten Nephis im Original, sowie die Zusammenfassung der großen Platten Nephis und der Platten Ethers, habe Moroni dann versteckt, um sie für zukünftige Generationen zu bewahren.

Joseph Smith ergänzt dazu als Geschichte der Entdeckung des Buches: Ihm sei Moroni 1823 als Engel erschienen, habe ihm von diesen Aufzeichnungen berichtet und ihm den Platz beschrieben, an dem die Platten versteckt seien. 1827 habe er, Smith, die Platten dann aus dem nahe gelegenen Hügel Cumorah geborgen und – mit einigen Unterbrechungen – mit Hilfe der Sehersteine Urim und Tummim, welche sich bei den Platten befanden, ins Englische übertragen. Nach Abschluss der Übersetzung habe Moroni die Platten wieder an sich genommen.

Laut Berichten seiner Mitarbeiter habe Joseph Smith, abgetrennt durch eine im Raum aufgehängte Decke, den Inhalt des Buches Mormon einem auf der anderen Seite der Decke sitzenden Schreiber diktiert. Heute gilt als sicher, dass der größte Teil von Oliver Cowdery aufgeschrieben wurde, während Emma Smith und möglicherweise noch andere kurzzeitig für Joseph als Schreiber des Buches Mormon tätig waren.

Zu Beginn der Übersetzung gab es einen bedeutsamen Zwischenfall: Martin Harris, ein wohlhabender Nachbar und Anhänger von Joseph Smith, der als Schreiber diente, bat Joseph Smith mehrmals, ihm das bisher übersetzte Manuskript zu überlassen, damit er es seiner Frau zeigen könne, die mit seinem, Harris', Engagement ganz und gar nicht einverstanden war. Nach anfänglichem Zögern überließ ihm Smith das Manuskript, das 116 Seiten umfasste. Bei Martin Harris ging der Text verloren. Joseph Smith behauptete dann, Gott habe ihm geboten, diese Seiten nicht noch einmal zu übersetzen, da böse Menschen das ursprüngliche Manuskript verändert hätten und dann auf die Diskrepanz hinweisen würden, um damit zu beweisen, dass er kein Prophet sei.[1] Diese Episode wird seither immer wieder dazu verwendet, Joseph Smith zu beschuldigen, er habe gar nicht wirklich übersetzt, da er nicht in der Lage gewesen sei, den alten Text zu reproduzieren.

Das Buch Mormon wurde Anfang 1830 bei Egbert Grandin and Company in Palmyra, New York gedruckt und im März veröffentlicht. Diese Erstauflage umfasste 5.000 Exemplare und wurde von Martin Harris finanziert. Die noch existierenden Exemplare der Erstauflage sind heute seltene und sehr teure Sammlerstücke.

Gliederung des Buches Mormon

Das Buch Mormon ist ähnlich der Bibel in einzelne Bücher eingeteilt; anders als in der Bibel ist jedoch der Zusammenhang der einzelnen Bücher etwas enger. Es besteht aus folgenden Büchern:

  • Das erste Buch Nephi
  • Das zweite Buch Nephi
  • Das Buch Jakob
  • Das Buch Enos
  • Das Buch Jarom
  • Das Buch Omni
  • Die Worte Mormons
  • Das Buch Mosia
  • Das Buch Alma
  • Das Buch Helaman
  • Dritter Nephi
  • Vierter Nephi
  • Das Buch Mormon
  • Das Buch Ether
  • Das Buch Moroni

Inhalt

Das Buch berichtet von einem Propheten namens Lehi, der ca. 600 vor Christus in Jerusalem den göttlichen Auftrag erhielt, mit seiner Familie, der Familie von Ischmael und Schriften auf Messingplatten die Stadt zu verlassen und in die Wildnis zu ziehen. Dadurch entgehen sie der Vernichtung der Stadt durch die Babylonier einige Jahre später. Lehis Sohn Nephi übernimmt auf Gottes Geheiß die Führung für den Bau eines Schiffes, mit dem die Gruppe in ein verheißenes Land segelt. Laman und Lemuel, die älteren Brüder von Nephi, lehnen sich auf. Nach dem Tod des Vaters Lehi kommt es zum völligen Bruch, der zur Ausbildung von zwei verfeindeten Völkern führt, den Nephiten und den Lamaniten, die sich immer wieder bekriegen. Nephi ist der erste Prophet der Nephiten. Er zitiert und erläutert Jesaja ausführlich.

Im weiteren Verlauf werden die wechselnden Beziehungen dieser Völker, ihre Wanderungen, Missionsbemühungen, Kriege, politischen Streitigkeiten usw. geschildert. Dabei werden ausführlich die Zeiten von ca. 600 bis ca. 550 v. Chr, von ca. 130 v. Chr. bis ca. 40 n. Chr. und von ca. 320 bis ca. 420 n. Chr. geschildert, während sich für die beiden Perioden 550 bis 130 v. Chr. und 40 bis 320 n. Chr. nur knappe Angaben finden.

Im weiteren Verlauf treffen die Nephiten auf ein weiteres Volk, das von Flüchtlingen um Mulek, einen Sohn von Zidkija, König in Jerusalem zur Zeit der Zerstörung der Stadt durch die Babylonier, abstammt. Die beiden Gruppen vereinigen sich.

Höhepunkt des Berichtes ist ein Besuch des auferstandenen Christus bei den Nephiten. Der Heiland habe dort mit minimalen Veränderungen die Bergpredigt wiederholt und ein zweites Mal das Abendmahl gestiftet.

Rund zwei Jahrhunderte leben die vereinten Nephiten und Lamaniten völlig nach den Grundsätzen der Bergpredigt in vollkommenem Frieden. Das Verlassen dieser Grundsätze führt schließlich zu einer erneuten Trennung in Nephiten und Lamaniten und einem hasserfüllten, blutigen Krieg, in dem die Nephiten schließlich völlig vernichtet werden. In den letzten Kriegsjahren treten Mormon und sein Sohn Moroni als militärische Befehlshaber und Chronisten auf.

Ein nach Darstellung des Buches von Moroni eingeschobener und kommentierter Teil befasst sich mit der Geschichte eines viel älteren Volkes, der Jarediten, das Gott vom Turm zu Babel in das verheißene Land geführt habe. Missachtung göttlicher Grundsätze hätten auch bei ihnen zu Spaltungen, blutigen Kriegen und, kurz vor der Ankunft der Gruppe um Lehi, zu ihrer vollständigen Vernichtung geführt. Die Aufzeichnungen ihres letzten Propheten, Ether, seien später von den Nephiten gefunden und mit Hilfe der Urim und Thummim übersetzt worden.

Redaktionsgeschichte

Es existieren zwei Hauptmanuskripte des Buches, beide befinden sich heute in Obhut der Gemeinschaft Christi:

  1. Das Originalmanuskript wurde Anfang der 1840er-Jahre in den Grundstein des Nauvoo-Tempels (siehe diesen Abschnitt des Artikels zur Kirchengeschichte der Mormonen) eingemauert. Mehrere Jahrzehnte später wurde es vom zweiten Ehemann von Joseph Smiths Witwe, einem Nichtmormonen, aus den Ruinen des abgebrannten und dem Wetter preisgegebenen Tempels geborgen. Durch Wasserschäden ist es zu ungefähr drei Vierteln zerstört.
  2. Das Druckermanuskript ist die Abschrift, die den Setzern der ersten Ausgabe zur Verfügung stand; Smith wollte das Originalmanuskript nicht mehr aus der Hand geben, nachdem dessen erste 116 Seiten bei einem seiner Mitarbeiter verloren gegangen waren. Das Druckermanuskript ist größtenteils erhalten, enthält jedoch im Vergleich mit den erhaltenen Teilen des Originalmanuskripts diverse Kopierfehler.

Daneben existieren als Textquellen die drei Druckauflagen (1830, 1837, 1842), die bereits zu Smiths Lebzeiten und mehr oder minder unter seiner Aufsicht entstanden, sowie Korrekturen, die Joseph Smith handschriftlich in seine eigenen Druckexemplare eingefügt hat. Eine textkritische Ausgabe, die die verschiedenen Versionen und ihre Unterschiede dokumentiert, ist zurzeit (2005) in Arbeit und teilweise veröffentlicht.

Da die ursprünglichen Manuskripte fast völlig ohne Satzzeichen waren, fügte sie der Setzer der ersten Auflage ein. Die erste Ausgabe außerhalb der Vereinigten Staaten erschien 1840 in Großbritannien. Spätere Ausgaben beruhten meist auf der 1837-er Edition, da es in Utah lange Zeit keine Buchdruckerei gab und somit die Kirche jahrzehntelang das Buch nur in Großbritannien druckte, wohin die 1842er Edition nie gelangt war. Erst ab 1981 flossen Änderungen der 1842er Edition wieder in die Ausgaben der Kirche ein.

Buch Mormon in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Die erste nicht englische Ausgabe war eine dänische Übersetzung 1851. 1852 folgte die erste deutsche Ausgabe.

1876 wurden die Kapitel der einzelnen Bücher neu eingeteilt und eine Versnummerierung hinzugefügt.

Zwischen heutigen Ausgaben des Buches und der Erstauflage gibt es 3913 Unterschiede. Die meisten dieser Veränderungen finden sich bereits ab der 1837-er Auflage. Es handelt sich zumeist um Korrekturen von Zeichensetzung, Rechtschreibung und Grammatik; allerdings gibt es auch einige tiefgreifendere Änderungen, die von Kritikern dahingehend interpretiert werden, dass sie dazu dienen sollten, revidierten Lehren oder gewandelten politischen Verhältnissen die passende Grundlage zu geben.

Seit 1989 ist an der Brigham Young University eine kritische Textausgabe in vier Bänden in Arbeit. Band 1 und 2, veröffentlicht 2001, enthalten Transkripte aller Textvarianten der englischen Ausgabe des Buches Mormon vom ursprünglichen Manuskript (so weit erhalten) bis zu den neuesten Ausgaben. Band 4, vier Teile (von denen bereits seit 2005 drei veröffentlicht sind) enthält kritische Analysen aller Textvarianten. Band 3, der noch nicht veröffentlicht ist, soll die Geschichte aller englischen Buch Mormon Texte von Joseph Smith bis heute beschreiben.

Mittlerweile ist der gesamte Text in 72 Sprachen übersetzt worden, Auszüge des Buches gibt es in 32 weiteren Sprachen.

Übersetzungen des Buches sind erhältlich in Afrikaans, Albanisch, Amharisch, Arabisch, Aymara, Bislama, Bulgarisch, Cebuano, Chinesisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Estnisch, Fante, Fidschi, Finnisch, Französisch, Griechisch, Haitianisch, Hawaiisch, Hindi, Hmong, Igbo, Ilokano, Indonesisch, Xhosa, Isländisch, Italienisch, Japanisch, Khmer (Kambodschanisch), Katalanisch, Kekchi, Kiribatisch, Koreanisch, Kroatisch, Lettisch, Lingala, Litauisch, Malagasy, Maori, Marshallisch, Mongolisch, Neomelanesisch, Niederländisch, Norwegisch, Ostarmenisch, Pangasinan (Philippinische Sprache), Polnisch, Portugiesisch, Rarotongaisch, Rumänisch, Russisch, Samoanisch, Schwedisch, Shona, Slowenisch, Spanisch, Swahili, Tagalog, Tahitianisch, Telugu, Thailändisch, Tongaisch, Tschechisch, Tswana, Türkisch, Ukrainisch, Ungarisch, Vietnamesisch, Walisisch, Yapesisch und Zulu.

Deutsche Übersetzungen

Im Jahre 1852 erstellte der spätere dritte Prophet, John Taylor, während einer Missionsreise in Deutschland zusammen mit deutschen Helfern eine erste deutsche Übersetzung, die in Hamburg erschien. Diese blieb, mit wiederholten Überarbeitungen, bei den deutschsprachigen Mormonen bis 1978 im Gebrauch. Die extrem häufige Formulierung des englischen Buches „And it came to pass“ wird hier im Deutschen nur durch ein leeres Paar eckige Klammern [ ] angedeutet. Biblische Texte und Zitate sowie viele einzelne Formulierungen biblischen Ursprungs entstammen der Lutherbibel. (Seit es die Einheitsübersetzung gibt, wechselten die deutschsprachigen Mormonen von der revidierten Lutherbibel auf diese als bevorzugte Bibelversion.)

Im Jahre 1978 verfasste der Österreicher Immo Luschin von Ebengreuth im Auftrag der sog. Ersten Präsidentschaft, das ist das Führungsgremium der Kirche, eine komplette Neuübersetzung, die anstrebte, wesentlich wörtlicher als die erste Übersetzung zu sein. „And it came to pass“ wird seither mit „Und es begab sich:“ wiedergegeben. Diese Ausgabe des Buch Mormon wurde bis 2003 verwendet. Seit Ende 2003 gibt es eine überarbeitete Version der deutschen Übersetzung des Buches Mormon. Sie enthält ergänzend den sogenannten Schriftenführer, was im Wesen etwa einer Bibelkonkordanz entspricht und Begriffserklärungen sowie Hinweise auf Schriftstellen in allen Standardwerken (Bibel, Buch Mormon, Lehre und Bündnisse, Köstliche Perle) enthält. Dort finden sich auch deutsche Übersetzungen der von Joseph Smith angefertigten Joseph-Smith-Übersetzung der Bibel.

Buch Mormon in der Gemeinschaft Christi

Seit der Gründung der Reorganisierten Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage im Jahr 1860 erstellt diese Kirche ihre eigenen Ausgaben des Buches Mormon mit im Wesentlichen gleichem Text, aber unterschiedlicher Redaktionsgeschichte. Diese verwendet bis heute die alte Kapiteleinteilung der Originalausgabe und hat eine eigene Verseinteilung. Aus dieser Tradition gibt es auch eine eigenständige deutsche Übersetzung.

Buch Mormon als Bericht der Nephiten in der Kirche Christi mit der Elias-Botschaft

Bericht der Nephiten, engl. The Record of the Nephites, ist die offizielle Bezeichnung der Kirche Christi mit der Elias-Botschaft für das Buch Mormon. Das Wort record lässt sich auch mit Urkunde übersetzen, so dass die Bezeichnung Urkunde der Nephiten im deutschen Sprachraum ebenfalls anzutreffen ist. Anerkannt wird lediglich der Text der ersten veröffentlichten Buch-Mormon-Version von 1830, der sogenannten Palmyra-Ausgabe. Die Kirche mit der Elias-Botschaft veröffentlichte seit 1957 unter dem Titel „The Record of the Nephites“ diesen Text von 1830. Die spätere Einteilung der HLT-Kirche in Kapitel und Verse wurde inzwischen jedoch übernommen. Dieses Werk ist nur in englischer Sprache erhältlich.

Zeugen des Buches Mormon

Um die Bedeutung des Buches Mormon zu unterstreichen, ließ Joseph Smith drei Personen aus seinem Umfeld, denen die goldenen Platten vom Engel Moroni gezeigt worden seien, ihr Zeugnis in schriftlicher Form mit Unterschrift geben. Seither ist es in jeder Ausgabe des Buches Mormon am Anfang abgedruckt. Joseph Smith zeigte die goldenen Platten acht weiteren Personen, die ebenfalls schriftlich bezeugen, sie in der Hand gehabt und umgeblättert zu haben, allerdings ohne Anwesenheit Moronis. Auch dieses Zeugnis findet sich in jeder Ausgabe des Buches Mormon.

Obwohl sich alle „drei Zeugen“ und einige der „acht Zeugen“ später, zumindest zeitweise, von Joseph Smith distanzierten oder exkommuniziert wurden, ist nicht bekannt, dass einer sein Zeugnis je widerrufen hätte. Hingegen existieren schriftliche Bestätigungen einiger Zeugen (von David Whitmer sogar mit notarieller Beglaubigung), dass ihr Zeugnis im Buch Mormon der Wahrheit entspreche.

Inoffizielle Zeugen sind Emma Smith, die Ehefrau des Propheten und seine Mutter Lucy, die angeben, die Platten, die in ein Tuch eingewickelt waren, befühlt zu haben.

Widersprüche zur Bibel

Als sogenannte Neuoffenbarung widerspricht das Buch Mormon nach Meinung bestimmter christlicher Gruppen, vor allem der Evangelikalen, in wesentlichen Punkten der Bibel. Alle christlichen Gruppierungen, die die Bibel als einziges schriftliches Wort Gottes betrachten, lehnen das Buch Mormon als eine frei erfundene Geschichte ab. Vom religionsvergleichenden Standpunkt hat im deutschen Sprachraum der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche in Nordrhein-Westfalen, Dr. Rüdiger Hauth, das Buch Mormon eigenständig in schriftlicher Form kritisiert. Teilweise wird von mormonischer Seite an seinen Werken kritisiert, Hauth setze sich nicht mit den Ergebnissen der Forschung mormonischer Wissenschaftler und anderer Bibelwissenschaftler auseinander. Seine Ausführungen und die von anderen, amerikanischen Kritikern werden häufig von Kritikern im deutschen Sprachraum zitiert. Jerald und Sandra Tanner, die selbst früher Mormonen waren, haben in ihrem Buch Mormonism: Shadow or Reality in einer Gegenüberstellung auf Stellen im Buch Mormon hingewiesen, die ihrer Meinung nach im Widerspruch zur Bibel oder zu anderen Stellen im Buch Mormon oder den heutigen Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage stehen. Demgegenüber sind die Mormonen der Auffassung, dass durch das Buch Mormon die Lehre der Bibel bestätigt werde und das Buch Mormon sogar zu einem besseren und tieferen Verständnis der biblischen Botschaft verhelfe.

Von Kritikern aufgeführte Beispiele für Widersprüche zwischen Buch Mormon und Bibel:

  • Das Buch Mormon lehrt, dass Errettung nicht allein aus Glauben möglich sei, sondern dass auch zusätzlich die Taufe heilsnotwendig ist (2. Nephi 9,23-24[2], 31,17[3]). Die Bibel lehrt dagegen nach Meinung der Evangelikalen, dass der Mensch allein aus Glauben errettet wird. (Römer 3,16+28; 10,9; Apostelgeschichte 16,31).
  • Die Bibel berichtet, Jesus sei in Betlehem geboren (Micha 5,2; Matthäus 2,1). Das Buch Mormon sagt als Jesu Geburtsort Jerusalem voraus (Alma 7,10[4]). Mormonen sehen das als irrelevant, da im Buch Mormon vom Land Jerusalem die Rede ist, und bei ca. 8 km Entfernung gehöre Betlehem durchaus zum Land Jerusalem. Christen entgegnen hierauf wiederum, dass der Name Jerusalem innerhalb der Bibel nirgendwo als Bezeichnung für ein Land, sondern immer nur als Name der Stadt verwendet wird, und dass auch außerhalb der Bibel die Verwendung von Jerusalem als Landesname nicht bekannt ist.
  • Matthäus 27,45 und Markus 15,33 zufolge dauerte die Finsternis zu Jesu Tod drei Stunden, nicht wie laut Buch Mormon drei Tage (Helaman 14,20[5]). Mormonen entgegnen dem, dass die Evangelisten von Ereignissen in Israel und das Buch Mormon von gleichzeitigen Ereignissen in Amerika spricht, die für den relevanten Zeitraum geologisch belegt seien.[6]

Zwar werden in der Bibel die Propheten Lehi und Nephi nicht erwähnt. In der neueren, mormonischen Literatur wird die These vertreten, dass der im Buch Mormon als ein Sohn von Zidkija bezeichnete Mulek sowohl in der Bibel (Jeremia 38,6) als auch archäologisch (Chadwick, JBMS Vol. 12, 2003, No. 2, S.72–83) belegt sei.

Wissenschaftlicher Standpunkt

Im 19. Jahrhundert wurde in Amerika unter Historikern und Archäologen noch die Annahme vertreten, die Indianer könnten Nachfahren der sog. Verlorenen Stämme Israels sein. Das Buch Mormon war deshalb zu dieser Zeit für die Wissenschaft von Interesse, da es ähnliche Annahmen vermittelt. Diese Ansicht wird jedoch von der heutigen Wissenschaft nicht mehr vertreten. Heutzutage befasst sich die nicht-mormonische wissenschaftliche Gemeinschaft daher seltener mit dem Buch Mormon. Allgemein wird die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Indianerstämme von Hebräern, die um 600 v Chr. nach Amerika gelangt sein sollen, abstammen, als unbedeutend gering eingeschätzt. Allgemein anerkannt ist, dass die Ureinwohner Amerikas im Wesentlichen von Ostasiaten abstammen. Unter Zugrundelegung einer genauen Exegese des Textes des Buches Mormon wird in der mormonischen wissenschaftlichen Literatur zur Geographie der im Buch Mormon für den amerikanischen Kontinent beschriebenen Ereignisse überwiegend ein sich auf Mittelamerika konzentrierendes regionales Modell (s.u.) vertreten. Anderweitige Besiedlung der Amerikas sei durch das Buch Mormon nicht ausgeschlossen und spiegele sich in dessen Text sogar wider (Sorenson, JBMS Vol. 1 No. 1, S. 1 ff.). Die Buch-Mormon-Forschung wird bis heute fast ausschließlich von solchen Wissenschaftlern betrieben, die an die Echtheit des Buches Mormon glauben.

Archäologische Widersprüche

Kritiker führen an, dass es im Buch Mormon viele Widersprüche mit aktuellen Forschungsergebnissen gibt. Es werden Pferde und Wagen genannt, die es jedoch nach bisherigen, allgemein anerkannten Erkenntnissen, vor der Zeit des Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent nicht gegeben hat. Das Buch Mormon berichtet außerdem von Erfindungen wie Stahl oder der Siebentage-Woche, lange bevor diese Dinge tatsächlich eingeführt worden sind. Zudem wird von stark bevölkerten Städten und großen Schlachten mit mehreren zehntausend Teilnehmern berichtet, von denen sich bisher nicht eine einzige Spur finden ließ. Moderne DNA-Vergleiche haben eindeutig ergeben, dass Indianer mit den Ostasiaten verwandt sind. Das schließt nach Meinung von Kritikern aus, dass Hebräer, wie es die „Lamaniten“ angeblich sein sollen, zu ihren Vorfahren zählen. [7]

Wissenschaftliche Erklärungsversuche von Apologeten

Die in F.A.R.M.S. zusammengeschlossenen mormonischen Wissenschaftler haben im Laufe der letzten Jahre mit unterschiedlichen Methoden, durch Vergleich mit Texten und archäologischen Befunden aus dem Nahen Osten und aus Mittelamerika, versucht, den Anspruch des Buches Mormon, ein antiker Bericht aus der Kultur des Nahen Ostens und aus einer Kultur des alten Amerika zu sein, zu erhärten, und gleichzeitig die These von Kritikern, es sei ein Phantasieprodukt des 19. Jahrhunderts zu entkräften. F.A.R.M.S. bringt seit 1992 zweimal jährlich eine wissenschaftliche Zeitschrift mit dem Titel Journal of Book of Mormon Studies heraus, die Forschungsergebnisse rund um das Buch Mormon publiziert. Die Ausführungen sind auch im Internet zu finden. Andere mormonische Wissenschaftler haben sich in der AAF (Ancient America Foundation) zusammengefunden, um anhand von vorhandenen archäologischen und historischen Befunden Bezüge zwischen dem Buch Mormon und den Völkern von Mittelamerika und Mexiko herzustellen.

Nach Einschätzung der Apologeten und mormonischen Wissenschaftler sind auf diese Weise während der vergangenen zwei oder drei Jahrzehnte sehr viele Hinweise gefunden worden, die mit dem Anspruch des Buches Mormon, ein authentischer, antiker Text zu sein, voll und ganz im Einklang stehen. Jedoch weisen sie immer wieder darauf hin, dass grundsätzlich ein Beweis für den göttlichen Ursprung des Buches Mormon mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu führen sei, denn es bleibe letztlich eine Glaubenssache.

Regionales und hemisphärisches Modell

Mittlerweile ist die früher weithin, auch zeitweilig von Joseph Smith und anderen Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, angenommene These, die Lamaniten seien die einzigen Vorfahren der Indianer und das Buch Mormon beziehe sich auf die ganze westliche Hemisphäre, von mormonischen Wissenschaftlern überwiegend aufgegeben worden. Heute wird unter kirchenangehörigen Wissenschaftlern und Glaubensverteidigern die These bevorzugt, das Buch Mormon handele im Wesentlichen von einer relativ kleinen Gruppe von Menschen hebräischer Abstammung, die im Kontakt mit anderen Völkern anderen Ursprungs stand und sich mit ihnen vermischte. Als wahrscheinlichste Gegend des Geschehens wird Mittelamerika angenommen, eine weniger verbreitete Theorie lokalisiert die Ereignisse im Gebiet der nordamerikanischen Großen Seen. Dieser Schluss resultiert aus detaillierten Untersuchungen und Interpretationen des Buches Mormon sowie aus Analysen in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Nach Ansicht der Befürworter des regionalen Modells vertrete die Kirche offiziell keines der beiden Modelle. Allerdings wird im kirchlichen Alltag, auch im Bereich der Mission, weiterhin häufig unkritisch die prophetische Aussage Joseph Smiths vertreten, wonach die Ureinwohner sowohl von Nord- als auch von Südamerika im Wesentlichen Nachkommen der im Buch Mormon beschriebenen Lamaniten seien. Die Einleitung des Buches Mormon berichtet ebenfalls davon, dass die Lamaniten im Wesentlichen die Vorfahren der heutigen Indianer seien. Daher ist grundsätzlich davon auszugehen, dass die Kirche eher zur traditionellen Ansicht Joseph Smiths tendiert. Außerdem deuten zahlreiche Schriftstellen in der kanonischen Schrift Lehre und Bündnisse, darauf hin, dass die Lehre Joseph Smiths vom hemisphärischen Modell auch die offiziell vertretene Lehre der Kirche sei (z.B. LuB 54:8; LuB 32:2; LuB 30:6; LuB 28:14; LuB 28:9).

Geographischer Bezug

Die im Buch Mormon geschilderten geographischen Gegebenheiten konnten bisher nicht eindeutig der heutigen Geographie zugeordnet werden, weshalb für Mormon weder ein Geburtsort noch ein Sterbeort, der auf heutigen Karten lokalisierbar ist, angegeben werden kann. Kritiker des Buches Mormon meinen deshalb, Joseph Smith habe Namen wie Moroni und Cumorah von alten Karten des 19. Jahrhunderts (Anm. Moroni ist die Hauptstadt der Inselgruppe der Komoren) ins Buch Mormon übernommen. Es gab bislang zahlreiche, nicht überzeugende Versuche, die im Buch Mormon geschilderten Orte und Geschehnisse geographisch und historisch zu lokalisieren.

Siehe auch

Portal
 Portal: Mormonen – Alles zum Thema Mormonentum

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Siehe Lehre und Bündnisse Abschnitt 10
  2. 2. Nephi 9,23-24
  3. 2. Nephi 31,17
  4. Alma 7,10
  5. Helaman 14,20
  6. Benjamin R. Jordan: Volcanic Destruction in the Book of Mormon. Possible Evidence from Ice Cores. in: Journal of Book of Mormon Studies. Utah 12.2003/1, 78–87. ISSN 1065-9366
  7. Krakauer: Mord im Auftrag Gottes. Piper, München 2003, S.105f. ISBN 3-492-04571-5

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