Berlin-Victoriastadt
Renoviertes typisches Gründerzeithaus in der Victoriastadt (Pfarrstraße)

Die Berliner Ortslage Victoriastadt, auch bekannt als Kaskelkiez nach der quer durch das Gebiet führenden Kaskelstraße, ist ein Wohngebiet im Ortsteil Rummelsburg im Südwesten des Bezirks Lichtenberg. Der Name „Victoriastadt“ ist ein Ausdruck der engen Verbindung, die Ende des 19. Jahrhundert zum Vereinigten Königreich unter seiner Regentin Königin Victoria bestand.

Als historische Arbeitersiedlung hat die Victoriastadt das überlieferte Bild des alten Berlins der Gründerzeit stark geprägt. Der Dichter und Zeichner Heinrich Zille verbrachte hier fünf Jahre seines Lebens und nahm viele Eindrücke aus seiner Umgebung in seine Studien auf.

Ein Gutteil der Wohnbebauung, teilweise mit Remisen und kleinen Werkstätten in den Hinterhöfen, ist erhalten geblieben und bildet ein geschlossenes Ensemble. Nach 1990 wurde das gesamte Gebiet fast vollständig und denkmalgerecht saniert.[1][2]

Inhaltsverzeichnis

Lage

Lageplan der Victoriastadt mit gelb markierten Baudenkmälern

Das Quartier hat etwa rund 3500 Einwohner (Stand Ende 2007) und eine Fläche von 22,3 Hektar.

Die Victoriastadt ist vollständig von Bahnlinien umgeben, in deren Trassierung die Bebauung eingepasst wurde. Abgesehen von der Kynaststraße im Südwesten ist es nur durch Unterführungen erreichbar. Die Trasse der Ostbahn teilt zudem die Nöldnerstraße im Süden vom Rest des Gebietes.

Zu den bekanntesten Straßen dieses Wohnquartiers zählen die Pfarrstraße, die Marktstraße und die Nöldnerstraße. Im Osten schließt sich der Weitlingkiez an die Victoriastadt an, im Westen der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Im Norden liegt das Wohngebiet Frankfurter Allee Süd, im Süden befinden sich weitere Teile von Rummelsburg.

Geschichte

1871 kauften die Brüder Anton und Albert Lehmann, Rummelsburger Woll- und Plüschwarenfabrikanten, das gesamte Gelände. Nachdem sie zusammen mit Albert Protzen, ebenfalls ein Fabrikbesitzer, 1871 die Cement Bau AG gegründet hatten, ließen sie das Gebiet parzellieren. Vom Kietzer Landweg (der heutigen Nöldnerstraße) her begann eine rege Bautätigkeit, es mussten schnell und preisgünstig Wohnungen für die Arbeiter der in Rummelsburg und Friedrichsfelde entstehenden Fabriken geschaffen werden. Allerdings hatte man keine Investitionen in eine stadttechnische Erschließung getätigt, es gab also die ersten Jahre keine Wasser-, Elektrizitäts- oder Gasanschlüsse. Als Wasserspender diente lediglich eine Gemeinschaftszisterne.[3]

Nach der Erstanlage der Straßen erhielten diese Namen nach deutschen Dichtern, Philosophen oder Komponisten: Die heutige Kaskelstraße hieß Kantstraße, das Stück der Pfarrstraße bis zur Marktstraße trug den Namen Schillerstraße, die Kernhofer Straße hieß Goethestraße, die Spittastraße (benannt nach dem deutschen Architekten Max Spitta) war auf den Karten mit Lessingstraße eingetragen und die heutige Geusenstraße nannte man Mozartstraße.[4]

Das Gebiet der ursprünglichen Colonie Victoriastadt kam 1889 zur Gemeinde Boxhagen-Rummelsburg. Die Grenze zur benachbarten Gemeinde Lichtenberg verlief am Kuhgraben nördlich der heutigen Kaskelstraße. Der Kuhgraben, ein kleines Fließ, nahm die Abwässer der ersten Siedler auf und führte sie zum Rummelsburger See ab. 1897 erfolgte die Verlegung von Abwasserrohren und dieser Graben wurde zugeschüttet. Ende des 19. Jahrhunderts war das Gebiet auf Lichtenberger Flur nördlich des Kuhgrabens noch unbebaut,[5], danach setzte auch dort die Bebauung ein.

1902 wurden die umliegenden Bahnstrecken auf Dämme verlegt und entsprechende Brücken und Viadukte gebaut. 1912 wurde Boxhagen-Rummelsburg und damit auch die Victoriastadt nach Lichtenberg eingemeindet. Der westliche Teil des Gebietes wurde in den 1920er Jahren mit dem Erweiterungsgelände der Firma Knorr-Bremse bebaut.

Im Zweiten Weltkrieg wurden nur wenige Häuser des Gebietes zerstört. Dadurch ist ein weitgehend geschlossenes gründerzeitliches Ensemble erhalten geblieben.

Um den historischen Charakter dieses Gebietes zu erhalten, erließ die Bezirksverwaltung Lichtenberg im Jahre 2004 eine „Erhaltungsverordnung Kaskelstraße/Victoriastadt“, die detaillierte Vorgaben bei Umbaumaßnahmen enthält.[6]

Bemerkenswerte Straßen und Plätze

Marktstraße

Ehemaliges Jahn-Realprogymnasium in der Marktstraße

Der Name dieser Straße soll auf die frühere Tradition des Weihnachtsmarktes in Rummelsburg zurückgehen, auf dem alljährlich bis zu drei Millionen polnische Weihnachtsgänse und circa 300.000 Ferkel von den nahegelegenen Viehbahnhöfen direkt an die Bevölkerung verkauft wurden. 1903 ließ die Gemeinde diesen Handelsplatz offiziell schließen.

Gleich unter den ersten Hausnummern (2–3) an der Ecke Pfarrstraße befindet sich ein auffälliger frisch renovierter Gebäudekomplex. Dieser wurde infolge eines Wettbewerbs durch die Architekten Arthur Müller und Conrad Stumm projektiert und 1906/1907 als Jahn-Realprogymnasium mit Aula und Turnhalle eröffnet, ein Schulgebäude für die höhere Bildung. Der Komplex ist wie eine dreiflügelige renaissance-ähnliche Schlossanlage ausgeführt. Das direkt an der Marktstraße errichtete Gebäude mit einem Rustica-verzierten Sockel und historisierenden Giebeln, Portalen und Fensterrahmungen diente als Wohnhaus für Direktor, Schuldiener und Heizer. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg hieß die Bildungseinrichtung Jahn-Gymnasium, zwischen 1950 und 1990 befand sich die kommunale Berufsschule „Ilse Stöbe“ hier. Nach 1990 konnte schrittweise eine denkmalgerechte Totalsanierung durchgeführt werden.

Heutiger Nutzer ist das „Oberstufenzentrum Bürowirtschaft II“, in dem Büro- und Bürokommunikationskaufleute ausgebildet werden. Vier Landschaftsarchitekturbüros haben im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Jahr 2004 ein Konzept für die Freiflächengestaltung dieses Schulensembles entwickelt, das im Wesentlichen öffentliche Sportplätze vorschlägt.[7]

Westlich davon auf der nördlichen Straßenseite entstand um 1995 in Stahlskelett-Bauweise ein großes Einkaufszentrum (Victoria-Center).

Ehemalige Feuerwache, heute Polizeirevier

Gegenüber, dicht am Bahndamm (Marktstraße 9−13) stehen weitere historische Gebäude, die einen aus einem großzügigen Schulgebäude (mit 70 Klassenzimmern), Turnhalle, katholischer Volksschule und nebenliegender Feuerwache mit Turm bestehenden einheitlichen Baukomplex mit gemeinsamer Umfassungsmauer bilden. Dieser wurde im Stil märkischer Backsteingotik vom Gemeindebaumeister Ringel 1906–1908 verwirklicht. In der DDR-Zeit beherbergten die Bauten die Ingenieurschule für Maschinenbau und Elektrotechnik sowie ein Polizeirevier in den Räumen der ehemaligen Feuerwache; heute sind sie saniert und werden von der FHTW und der Polizei genutzt.

Am westlichen Ende der Marktstraße Ecke Hirschberger Straße steht der in den Jahren 1922–1927 von Alfred Grenander erbaute Erweiterungsbau der Knorr-Bremse AG mit einem achtgeschossigen Turm.

Pfarrstraße

Gasthof mit Hinweis auf den historischen Standort

Die Pfarrstraße gehörte ursprünglich zur Gemeinde Lichtenberg und verlief in Nord-Süd-Richtung von der Frankfurter Allee bis zur Verwaltungsgrenze zu Boxhagen-Rummelsburg am sogenannten „Kuhgraben“. Heute erinnern noch die Baulücken in der Straße und der Name eines in einer Remise eingerichteten Gasthofes an dieses Gewässer.[8] Der südliche Teil der heutigen Pfarrstraße, ehemals zu Boxhagen-Rummelsburg gehörend, (bis 1938 Schillerstraße) wurde in die neue Pfarrstraße integriert. Nun reichte diese bis 1972 von der Frankfurter Allee bis zur Marktstraße.

Mit der Bebauung des Gebietes Frankfurter Allee Süd im Bereich des früheren Friedrichsberg wurde dann der nördliche (hinter den Bahnlinien verlaufende) Teil aufgehoben und als Schulze-Boysen-Straße weiter geführt. Es fehlen deshalb in der heutigen Pfarrstraße die Hausnummern 1 bis 86.

In dieser dicht bebauten Straße stehen die meisten denkmalgeschützten Mietshäuser des Kiezes, mit abwechslungsreichen Stuckfassaden, unterschiedlichen Bauhöhen und häufig noch erhaltenen Bauten auf dem Hof.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg trieb eine Räuberbande ihr Unwesen in dieser Gegend, speziell in der Pfarrstraße, die sogenannte „Gladow-Bande“, die jedoch bald von der Polizei gefasst werden konnte.

In der Pfarrstraße drehte die DEFA im Jahre 1982 aus Anlass des 125. Geburtstages von Heinrich Zille den Musical-Film Zille und ick.[9]

Im Jahr 1982 begann die Bezirksverwaltung Lichtenberg mit der Sanierung der Häuser, die dann nach der Wende zunächst abgebrochen wurde. Hausbesetzer „eroberten“ nun diese Straße; im Februar 1998 wurde durch die Polizei in der Pfarrstraße 104 das letzte besetzte Haus Berlins geräumt. Danach wurde die Sanierung fortgesetzt, die modernisierten Wohnungen werden wieder gern genutzt.

Kaskelstraße

Einige Wohnhäuser in dieser die Victoriastadt von West nach Ost querenden Straße gehören zum Denkmalschutzbereich. Am Ostende der Straße gibt es eine schmale Durchfahrt, die einen fußläufigen Zugang zum S-Bahnhof Nöldnerplatz ermöglicht.

Auf einem Stadtplan von 1946 ist die Kaskelstraße als Kowalkestraße ausgewiesen, diese Umbenennung kam jedoch nicht zum Tragen.[10]

Am Haus Kaskelstraße 41 wurde in den 1950er-Jahren eine Gedenktafel für das Ehepaar Käthe und Felix Tucholla angebracht, die hier gewohnt hatten und 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet worden waren. Initiator dieser Tafel war das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR. Vermutlich wegen falscher Schreibweise des Vornamens der Käthe wurde 1976 die Tafel gegen eine neue ausgetauscht.[11]

Nöldnerstraße

Der Schrotkugelturm im Jahr 2005
Das ehemalige Zentralschulhaus in der Nöldnerstraße

Der frühere Kietzer Landweg wurde um 1900 in Prinz-Albert-Straße umbenannt, ab 1947 erhielt die Straße ihren heutigen Namen nach dem antifaschistischen Widerstandskämpfer Erwin Nöldner.

Das markanteste Bauwerk dieser Straße ist die Erlöserkirche.

Nach 1990 wurde direkt an der S-Bahnlinie (Nöldner- Ecke Karlshorster Straße) ein Neubaublock errichtet, bei dem als gestalterisches Stilmittel schiefe Betonplatten vorgehängt wurden. Dieses im Zuge seiner Vermarktung auch „Victoriahaus“ genannte Gebäude gilt als ein neues Wahrzeichen dieses Stadtquartiers.

Als ein weiteres Wahrzeichen des Gebietes wird der 1908 errichtete Schrotkugelturm betrachtet. Bis in die 1940er-Jahre produzierte hier die Bleischmelze Juhl & Söhne nahtlose Gewehrkugeln: Arbeiter erhitzten auf einer Plattform in einer Höhe von ungefähr 40 Metern im obersten Geschoss des Turms Blei bis es flüssig wurde, und gossen es dann über Siebe in eine Fallröhre. Im freien Fall formten sich die Bleitropfen zu Kugeln, die am Ende der Röhre in ein Wasserbecken fielen. In der DDR-Zeit wurden die Gebäude der Gießerei mit den zugehörigen Wohnhäusern an der Nöldnerstraße 15 und 16 durch den „VEB Berliner Metallguss und Modellbau“ weiter genutzt, alles steht heute unter Denkmalschutz.

Hinter der Einmündung der Stadthausstraße in die Nöldnerstraße befand sich lange Jahre ein Postamt, das noch über einen Anschluss an das Berliner Rohrpostnetz verfügt haben soll.

Eine Schule in der Nöldnerstraße, das frühere Zentralschulhaus für Boxhagen-Rummelsburg, 1890/1891 nach Plänen des Zimmerermeisters und Architekten Rudolf Goltsch gebaut, steht direkt neben der Erlöserkirche, der Schrotkugelfabrik gegenüber. Es handelt sich hier um einen viergeschossigen Klinkerverblendbau mit einem umlaufenden Segmentbogenfries mit zwei Seitenflügeln. Einige Zeit war hierin ein „Evangelisches Oberlyzeum“ untergebracht, nach 1950 wurde das Bildungsgebäude als Hilfsschule genutzt, die 1977 den Ehrennamen „Käthe und Felix Tucholla“ erhalten hatte.

Seit 1990 ist eine Grundschule, die als „Schule an der Victoriastadt“ bezeichnet wird, hier untergebracht. Im Zeitraum 2006 bis 2009 wird sie in zwei Bauabschnitten denkmalgerecht unter der Leitung der Architekten Wilfried Kraft und Karl-Heinz Föhse saniert, modernisiert und mit einem Erweiterungsbau versehen. Dafür stehen rund 3,9 Mio. Euro zur Verfügung.

Gleich neben der Kirche, also ganz am südöstlichen Ende des Kaskelkiezes, stehen einige zwei- bis dreigeschossige Bauten (Nöldnerstraße 40–42), die zu dem früheren Auguste-Viktoria-Krankenhaus gehören und (auch) denkmalgeschützt sind. Dieses Krankenhaus wurde wegen der schnell wachsenden Bevölkerung in der Victoriastadt und in ganz Rummelsburg notwendig. Unter seinem Chefarzt Wilhelm Baader nahm es 1911 die ersten Patienten auf. Medizinische Aspekte spielten bald in den Fabriken eine wichtige Rolle zur Erhaltung der Arbeitskraft, deshalb wurde 1924 in diesem Krankenhaus eine spezielle Abteilung für Arbeitsmedizin eingerichtet, die in den 1930er-Jahren allerdings nach Neukölln verlegt wurde.

Zwischen 1934 und 1945 war die Knorr-Bremse AG Eigentümer des Krankenhauses, in dem vorzugsweise Personen mit berufsbedingten Krankheiten behandelt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel das Klinikum an die Stadt Berlin zurück, die dort auf sowjetischen Befehl ab 1948 ein „Zentralinstitut für Aus- und Fortbildung von Ärzten“ einrichtete und bis 1990 unter dem Namen Akademie für ärztliche Fortbildung betrieb. Nach dem politischen Umbruch zog die Berliner Filiale der in Dortmund beheimateten Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) hier ein.[12]

Tuchollaplatz mit angrenzenden Straßen

Tuchollaplatz
Gedenktafel am Wohnhaus der Tuchollas in der Victoriastadt

Dieser dreieckige Platz mit einer Fläche von 1150 Quadratmetern, begrenzt von der Türrschmidt-, der Geusenstraße und dem „Tuchollaplatz“ (Straße) wurde bei seiner Anlage Victoriaplatz genannt. Er diente den Bewohnern des Kiezes schon zeitig zur Abhaltung von Wochenmärkten, er war deshalb kein begrünter Platz. Seinen heutigen Namen erhielt er offiziell erst 1951. Er wurde nach den Widerstandskämpfern Felix und Käthe Tucholla benannt.

Er wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach umgestaltet, zuletzt 2001 nach Konzepten der Landschaftsarchitektin Regina Poly für 1,8 Mio. DM. An einer Ecke des Platzes ist ein „Linienverzweiger“ erhalten, der einen kleinen Einblick in die Anfänge der Telefonanlagen in den Wohngebieten gestattet. Gusseiserne Kandelaber betonen das historische Ambiente des Platzes.

Direkt an der Südseite des Tuchollaplatzes befindet sich ein Flügel des ersten Rathauses von Rummelsburg, das sogenannte „Stadthaus“. Dieses war schon vor der Verlegung der Eisenbahngleise auf Dämme fertiggestellt, sodass durch das Rathaus eine Passage angelegt werden musste, um die Verbindung zur heutigen Nöldnerstraße aufrechtzuerhalten. Diese Passage wurde danach Rathausstraße genannt. Nach der 1912 erfolgten Eingemeindung von Boxhagen-Rummelsburg nach Lichtenberg verlor das Rathaus seine Funktion, die Straße heißt seitdem Stadthausstraße. Im Februar 1945 zerstörte eine Bombe den größeren Teil dieses Gebäudes, der verbliebene Flügel wurde vereinfacht wiederhergerichtet. Im Jahre 1960 erhielt das Haus einen Anbau auf Resten der alten Grundmauern, aber vervollständigt wurde es nicht wieder. Diese Baukörper wurden 2003 bis 2006 umfangreich restauriert und dienen seitdem als Quartier einiger Sozialprojekte und des Heimatmuseums Lichtenberg, das zuvor in der Parkaue nahe dem Stadtpark und dem Rathaus Lichtenberg sein Domizil hatte.[13][14]

Erst in der Türrschmidt-, dann in der heutigen Geusenstraße wohnte fünf Jahre lang Heinrich Zille mit seiner jungen Familie.

Die neue Verwaltung von Lichtenberg hatte die Türrschmidtstraße nach 1945 in Felix-Tucholla-Straße umbenannt. Das wurde jedoch durch den Berliner Magistrat nicht offiziell genehmigt.[15]

Wiederaufgestellte Hartungsche Säulen der alten Eisenbahnbrücke über die Stadthausstraße

Zur Erinnerung an die alte denkmalgeschützte Eisenbahnbrücke über die Stadthausstraße wurde im Jahr 2006 aus zwölf gusseisernen Brückenstützen der Bauart Hartungsche Säule auf der Grünfläche an der Stadthaus- Ecke Türrschmidtstraße ein Denkmal errichtet.

Die Berliner Cement Bau AG erprobte wegen knapper Ziegelsteine neue Baugemische aus Zement, Sand und Schlacken zur Herstellung kompletter Hausteile, das Gussbeton-Verfahren. Der deutsche Bauingenieur Alexis Riese hatte diese monolithische Bauweise während eines Englandaufenthaltes kennengelernt. Die Cement-Bau AG nahm zunächst eine Probebebauung vor; aus diesem Testbau entwickelte der Ingenieur Türrschmidt unterschiedliche Haustypen mit neoklassizistischen Stilelementen, die dann hier zwischen 1871 und 1875 nach und nach umgesetzt wurden. Es waren zwei- oder dreigeschossige Bauten mit standardisierten Abmessungen bezüglich der Gebäudelängen und -tiefen, der Raumgrößen, Wandstärken, Raumhöhen, Fenster- und Türöffnungen, sogar der Schornsteine. Insgesamt sollen zwischen 48 und 70 solcher Häuser errichtet worden sein. Bei den Mietern waren diese Bauten nicht sehr beliebt, wahrscheinlich wegen der nicht ausreichenden sanitären Einrichtungen, die Gebäude mussten deshalb später modernisiert werden. Die meisten Häuser haben die Zeitläufte nicht überstanden, einige wurden farblich, gestalterisch oder im Inneren stark verändert. Im Jahre 1981 zählten die Architekten Armin Niemeyer und Ernst Kanow noch einen Bestand von 15 derartiger Häuser.[16] 1982 begann auf Beschluss der damaligen Lichtenberger Verwaltung eine erste „komplexe Instandsetzung und Modernisierung“ der Wohnhäuser dieses Gebietes.[3] Ab 2004 konnte mit Unterstützung durch das Bund-Länder-Sanierungsprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz die Wiederherstellung der noch erhaltenen fünf „Schlackebeton-Häuser“ vorgenommen werden. In der Nöldnerstraße, der Türrschmidtstraße und in der Spittastraße stehen diese Gebäude.

Ab 1876 entstanden neben diesen damals noch einzeln stehenden Häusern weitere Wohnbauten, jedoch mittels Ziegelsteinen, und bildeten schließlich geschlossene Straßenzüge.

Verwaltungs-, Industrie- und Geschäftsbauten in der Victoriastadt

Bürogebäude der „Deutschen Rentenversicherung“ in der Schreiberhauer Straße
Denkmalgeschützte ehemalige Tischlerei in der Kernhofer Straße 16

Zusammen mit den Wohnhäusern entstand im nördlichen Bogen der Bahnlinien zunächst ein Straßenreinigungsdepot,[7] später noch die Städtische Gasanstalt (hinter dem Häuserkarree der früheren Knorr-Bremse, zu DDR-Zeiten „VEB Berliner Bremsenwerk“), alle Gebäude der Gasanstalt wurden nach 1990 abgetragen. Ein größerer Trakt mit mehreren Flügeln und einem turmartigen Bau wurden dafür bis 1996 errichtet und mit zwei überdachten Passagen mit den ehemaligen Bauten des Berliner Bremsenwerkes verbunden. Alle diese Bauten werden von der Deutschen Rentenversicherung genutzt, im Parterre gibt es kleine Geschäfte oder Dienstleister.

In der Schreiberhauer Straße errichtete man 1913 eine Filiale des „Städtischen Arbeitsamtes“. 1920 folgte die Anlage eines Schulsportplatzes und 1952 schließlich der Bau eines einstöckigen Gebäudes, das als Casino/Kultureinrichtung für die Mitarbeiter des Berliner Bremsenwerkes und anderer Betriebe diente, beim Bau des „Victoria-Center“ wurde es abgetragen.[7]

Am östlichen Ende der Hauffstraße befanden sich die „Eiswerke Lichtenberg“, die bis 1979 Langeisblöcke für die damaligen Eisschränke produzierten und auslieferten. Die Gebäude wurden danach zu Wohnhäusern umgebaut.

Unter der Kernhofer Straße 16 findet man auf dem Hof eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Mietshauses eine denkmalgeschützte ehemalige Tischlerei, die um 1895 errichtet wurde.

In den Höfen der Mietshäuser gab und gibt es zahlreiche kleine Handwerksbetriebe, die für die Wohnumgebung arbeiten.

Verkehrssituation

Mit dem Bau der Straßenbahnen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch durch die Victoriastadt Gleise verlegt. Die Linie 14 verkehrte in der einen Richtung über die Marktstraße, Türrschmidtstraße, Stadthausstraße weiter in der Nöldnerstraße Richtung Osten. Der Abschnitt war eingleisig, weil die Spannweite der Brücke Stadthausstraße nicht ausreichend war. In der anderen Richtung verkehrte die Linie direkt über die Nöldnerstraße bis zur Karlshorster Straße. Dort traf sie auf die Linie 13, die weiter über die Hauptstraße in Richtung Karlshorst fuhr. Die Straßenbahn durch die Türrschmidt- und Nöldnerstraße wurde im März 1953 eingestellt.[17]

Die Kaskelstraße wurde nach 1990 bei dem Neubau der Gebäude für die Deutsche Rentenversicherung bis zum Bahndamm gezogen, die Schreiberhauer Straße wurde verlängert und auf die Hauffstraße geführt.

Folgende öffentlichen Verkehrsmittel erschließen die Victoriastadt: die S-Bahnlinien S5, S7, S75 am Bahnhof Nöldnerplatz und die Linie S3 am Bahnhof Rummelsburg. Am Rande der Victoriastadt liegt der Bahnhof Ostkreuz, der außer von den oben genannten Linien auch von den Linien S41, S42, S8, S85 und S9 bedient wird. Außerdem verkehren durch die Markt- und Nöldnerstraße die Buslinie 240, durch die Haupt- und Nöldnerstraße die Buslinie 194 sowie durch die Markt- und Hauptstraße die Straßenbahnlinie 21 (Stand März 2008). Eine Verkehrszählung ergab im Jahr 2004 eine durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke von 25.100 Kraftfahrzeugen, überwiegend im Durchgangsverkehr.[7]

Literatur

  • Spaziergänge in Lichtenberg (Jan Feustel), Verlag Haude und Spener 1996, Seiten 70−85 (Ein jeder baut nach seiner Nase), ISBN 3-7759-0409-3

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Alle denkmalgeschützten Gebäude in der Pfarr-, Kaskel-, Hauff- und Kernhofer Straße in der Berliner Denkmaldatenbank
  2. Karte mit Darstellung der Denkmalsbereiche und Baudenkmale im Geltungsbereich der „Erhaltungsverordnung“ der BVV Lichtenberg, als PDF
  3. a b Victoriastadt auf der grünen Wiese – Artikel im „Neuen Deutschland“ vom 7. Januar 1982
  4. Die Victoriastadt auf einem Berliner Stadtplan von 1907
  5. Karte von Berlin und Umgebung, Verlag F.A. Brockhaus, Leipzig, 1899
  6. Die Erhaltungsverordnung der BVV Lichtenberg
  7. a b c d Konzept für die Freiflächen …
  8. BVV Lichtenberg mit Infos zur historischen Entwicklung der Victoriastadt
  9. Wo einst Zille zeichnete − Artikel in der „BZ am Abend“ vom 21. Oktober 1982
  10. Stadtplan des Richard-Schwarz-Verlages, 1946
  11. Info des Luisenstädtischen Bildungsvereins zu Berliner Gedenktafeln
  12. Infotafel im Heimatmuseum Lichtenberg zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus
  13. Info des Senats über die Geschichte des Tuchollaplatzes mit Fotos
  14. Info des Senats über die Umgestaltung des Tuchollaplatzes
  15. Straßennamenserläuterung bei Luise-Berlin
  16. Hans Erdmann: 100 Jahre alte Betonhäuser in Lichtenberg − Artikel in der „Berliner Zeitung“ vom 28./29. März 1981
  17. Linienchronik der Berliner Straßenbahn

52.50513.4757Koordinaten: 52° 30′ N, 13° 29′ O


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