Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung

Die Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung aus dem Jahr 1929/1930 ist ein herausragendes, aber heute weitgehend vergessene sozialwissenschaftliches Forschungsprojekt in der Phase vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus.

Erich Fromm, der zu jener Zeit Leiter der Abteilung Sozialpsychologie des Frankfurter Institut für Sozialforschung war, führte diese umfangreichen Untersuchungen zusammen mit Hilde Weiss durch, um die Häufigkeit verschiedener politisch-sozialer Einstellungen zu erfassen. Es ist die erste empirische Untersuchung zum Thema Autoritärer Charakter bzw. Autoritäre Persönlichkeit.

Inhaltsverzeichnis

Methodik

Fromm verwendete die damals in Deutschland noch ungewöhnliche Methodik eines Fragebogens. Außer nach soziodemographischen Daten wurde nach Gewohnheiten, sozialen und politischen Einstellungen gefragt. Die Antworten sollten auch psychologische Schlüsse auf unbewusste Tendenzen und Triebstrukturen ermöglichen (siehe Fromms Theorie des Sozialcharakters). Die wichtigsten Konzepte waren hier Autoritärer Charakter, Revolutionärer und Ambivalenter Charakter. Mit ca. 700 ausgefüllten Fragebogen erreichte dieses Projekt fast die Größenordnung der 15 Jahre später in den USA durchgeführten und sehr oft zitierten Studien über Autoritäre Persönlichkeit von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson R. und Nevitt Sanford und zeichnete sich gegenüber jener durch ein viel breiteres Spektrum der politischen Einstellungen von der KPD bis zur NSDAP aus.

Veröffentlichung

Ein erster Bericht über die Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung steht in den Studien über Autorität und Familie, die 1936 als kollektives Werk von Max Horkheimer, Erich Fromm, Herbert Marcuse u.a. publiziert wurden. Im amerikanischen Exil wurde weiter ausgewertet, doch unterblieb die Veröffentlichung aus ungeklärten Gründen. Wiggershaus vermutete eine Unlust Max Horkheimers, „jene Arbeit zu veröffentlichen, in der die methodische Leistung Fromms auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung am beeindruckendsten zur Geltung kam“.[1] Erst Jahrzehnte später wurde die Studie von Wolfgang Bonß rekonstruiert[2]. In seinem Vorwort schilderte Bonß auch die Hintergründe und Voraussetzungen dieser Studie, die in der theoretischen Differenzierung und in der originellen Kombination von interpretativen und statistischen Methoden damals noch sehr selten war. Als zeitgeschichtliches Dokument und als bedeutendste Arbeit der deutschen Sozialforschung jener Zeit ragte sie weit heraus – neben der besser bekannten Studie über Die Arbeitslosen von Marienthal von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld(u.a.).

Mit einer entsprechenden abgeschlossenen Publikation, hätte sie bereits damals zu den Grundlagen der psychoanalytisch inspirierten Sozialpsychologie des Autoritarismus gehört. Die posthume Veröffentlichung stellt die große Leistung von Erich Fromm dar, welcher ein programmatischer Vertreter der empirisch ausgeführten Sozialpsychologie war.

Einzelnachweise

  1. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997
  2. Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung (Bearbeitet und hrsg. von Wolfgang Bonß). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1980. ISBN 3-421-01913-4

Literatur

  • Erich Fromm: Über Methode und Aufgaben einer analytischen Sozialpsychologie. Zeitschrift für Sozialforschung, Bd. 1, 1932, S. 28-54.
  • Erich Fromm: Sozialpsychologischer Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Alcan, Paris 1936, S. 77-135.
  • Erich Fromm u.a.: Zweite Abteilung: Erhebungen. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Alcan, Paris 1936, S. 229-469.
  • Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung (Bearbeitet und hrsg. von Wolfgang Bonß). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1980. ISBN 3-421-01913-4
  • Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Paul Felix, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Hirzel, Wirth 1933 (Nachdruck, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007). ISBN 978-3-518-10769-0
  • Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997

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