Berliner Märzkämpfe

Die Berliner Märzkämpfe von 1919 forderten mehr als 1.200 Tote und gehören damit zu den blutigsten Konflikten im Rahmen der revolutionären Auseinandersetzungen in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Sie können auf den Zeitraum vom 3. März bis zum 16. März 1919 datiert werden. Parallel zu den Berliner Märzkämpfen fanden auch im Ruhrgebiet und im damaligen mitteldeutschen Industrierevier um Halle/Merseburg Generalstreiks statt.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen und Konflikt

Ursache der Märzkämpfe war die Forderung weiter Teile der radikalisierten Arbeiterschaft nach einer Sozialisierung der Schlüsselindustrien sowie der Einführung des Rätesystems. Beide Forderungen waren zentrale Anliegen der Novemberrevolution, insbesondere die Sozialisierung war im Dezember 1918 bereits vom ersten „Reichsrätekongress“ aller deutschen Arbeiter- und Soldatenräte beschlossen worden. Beide Forderungen fanden sich auch im Programm der USPD.

Den Beginn der Märzkämpfe bildete ein Beschluss zum Generalstreik, das Ende die Aufhebung des Standrechts durch den damaligen SPD-Reichswehrminister Gustav Noske.

Die damalige Reichsregierung wurde nach dem Auszug der USPD im Dezember 1918 allein von der Mehrheits-SPD gestellt. Sie stand Sozialisierung und Räten feindlich gegenüber und orientierte ihre Politik auf die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie ohne wirtschafts- oder rätedemokratische Elemente.

Verlauf in Berlin und landesweite Bedeutung

Die Berliner Kämpfe fanden schwerpunktmäßig im Verwaltungsbezirk Lichtenberg statt. Auf Seiten des Militärs war vor allem die Garde-Kavallerie-Schützen-Division beteiligt. Zuständige Befehlshaber waren General Walther von Lüttwitz und Oberst Walther Reinhardt.

Unter Noskes Oberbefehl schossen Reichswehreinheiten auf bewaffnete Revolutionäre, aber auch auf Streikende und Zivilisten. Die hohe Zahl von Opfern unter der Arbeiterschaft erklärt sich durch den Einsatz von schwerer Artillerie in Wohngebieten und durch standrechtliche Erschießungen vermeintlicher Aufständischer. Das Deutsche Historische Museum schreibt dazu: "Wenige Tage später gab Noske den durch kein Gesetz gedeckten Befehl aus, jeder Bewaffnete sei von den Regierungstruppen und den Freikorps sofort zu erschießen. Die bis zum 16. März geltende Anweisung beruhte auf der Falschmeldung, im heftig umkämpften Lichtenberg hätten Aufständische 60 Polizisten ermordet. Insgesamt verloren während des Aufstands 1.200 Menschen ihr Leben. Unter ihnen befand sich auch der kommunistische Parteiführer und Redakteur des KPD-Organs "Rote Fahne" Leo Jogiches, der kurz nach seiner Verhaftung erschossen wurde. Die Märzkämpfe endeten mit der kampflosen Einnahme Lichtenbergs durch Regierungstruppen am 13. März 1919."[1]

Der Historiker Ralf Hoffrogge sieht die Märzkämpfe als einen Wendepunkt in der Geschichte der Novemberrevolution und betont ihre auch überregionale Bedeutung:

„Anders als der Januaraufstand waren die Märzstreiks eine überregionale Bewegung und daher weitaus gefährlicher für die Regierung. Im Ruhrgebiet, Mitteldeutschland und Berlin forderten Massenstreiks die Anerkennung der Arbeiterräte und die unmittelbare Sozialisierung der Schlüsselindustrien. Die Nationalversammlung in Weimar war vom Generalstreik geradezu umzingelt und handlungsunfähig. […] Doch die Streiks waren zeitlich und räumlich nicht koordiniert. Während sie in einer Region gerade an Schwung gewannen, begannen sie andernorts bereits zu bröckeln. Sie zwangen die Regierung zwar zu verbalen Konzessionen, konnten jedoch später einzeln niedergeschlagen werden.“[2]

Forschungsstand und Quellen

Bisher gibt es keine gründliche wissenschaftliche Darstellung der Ereignisse. Jedoch wurden zahlreiche Details zu den Exzessen der Soldaten ab Dezember 1919 in mehreren Prozessen aktenkundig und später von Emil Julius Gumbel in den Schriften Zwei Jahre Mord (1921) und Vier Jahre politischer Mord (1922) zusammengetragen.[3]

Augenzeugenberichte aus Berlin

Alfred Döblin hatte eine Kassenarztpraxis in der Frankfurter Allee. 1928 schrieb er rückblickend:

„Ich war damals in Lichtenberg und habe diesen Putsch und die grausigen, unerhörten, erschütternden Dinge der Eroberung Lichtenbergs durch die weißen Truppen miterlebt. Um dieselbe Zeit, wo in unserer Gegend die Granaten und Minenwerfer der Befreier ganze Häuser demolierten, wo viele in den Kellern saßen und dann, schrecklich, wo viele füsiliert wurden auf dem kleinen Lichtenberger Friedhof in der Möllendorfstraße - man muss die Leichen da vor der Schule liegen gesehen haben, die Männer mit den Mützen vor dem Gesicht, um zu wissen, was Klassenhass und Rachegeist ist -, um dieselbe Zeit wurde im übrigen Berlin lustig getanzt, es gab Bälle und Zeitungen.“

Döblin: S. 289f.

Karl Retzlaw schreibt in seinen Erinnerungen:

„Der Stadtteil Lichtenberg wurde umzingelt, die einzelnen Häuserblocks abgeriegelt und ein Massenmorden begann, wie es in Deutschland seit den Bauernkriegen nicht vorgkommen war. Auf den Straßen, in den Höfen und in den Wohnungen wurden Menschen erschlagen oder erschossen. … Die Regierung gab später an, daß ‚ungefähr 1.200 Spartakisten‘ umgekommen seien. … Spätere Untersuchungen ergaben über 2.000 Tote.“

Retzlaw: Spartacus, S. 126

Einzelnachweise

  1. DHM zu den Märzkämpfen
  2. Vgl. Artikel „Das Ende einer Revolution“
  3. Gumbels Schrift "Vier Jahre politischer Mord" ist online

Literatur

  • Alfred Döblin: Der deutsche Maskenball von Linke Poot. Wissen und Verändern! Olten und Freiburg i.B. (Walter) 1972
  • Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord. Berlin 1922 Online
  • Karl Retzlaw: Spartacus. Erinnerungen eines Parteiarbeiters, (5. Auflage) Frankfurt a.M. (Neue Kritik) 1985
  • Wolfram Wette: Gustav Noske. Eine politische Biographie, Düsseldorf (Droste) 1987. Zu den Märzkämpfen: Kap. VII.1, S. 410ff.
  • Regina Knoll: Der Generalstreik und die Märzkämpfe in Berlin im Jahre 1919, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1957/58, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, H. 4, S. 477-489.

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