Bernhard II. (Lippe)
Denkmal von Bernhard II. in Lippstadt

Bernhard II. zur Lippe (* um 1140 auf Burg Lipperode; † 1224 in Mesothen) war der Begründer der Landesherrschaft Lippe und der Planstädte Lippstadt und Lemgo. Nach 1194 trat er in das Zisterzienserkloster Marienfeld ein, wurde um 1210 Abt im Kloster Dünamünde und 1218 Bischof von Selonien.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bernhard II. war der Sohn Hermanns I. und der Neffe Bernhards I., die als erste den Titel „Edle zur Lippe“ trugen. Er entwickelte sich im Laufe seines Lebens zu einer der wichtigsten und einflussreichsten westfälischen Persönlichkeiten der Stauferzeit. Ihm sind wahrscheinlich sämtliche Hoheits- und Sonderrechte der „Herren zur Lippe“ zu verdanken.

Die Jahre vor dem Sächsischen Krieg (1140–1177)

Bernhard II. besuchte vor seinem Amtsantritt 1167 wahrscheinlich die Domschule in Hildesheim (es existieren hierzu keine genauen Quellen), wo er später als Domherr wirkte. Die Ausbildung, die ihm an dieser Schule zuteil wurde, überragte die anderer Edelherren und anderer Adeliger seiner Zeit. 1163 wurde er nach dem Tod seines älteren Bruders Heinrich zurück an die Lippe gerufen. Er erhielt eine standesgemäße ritterliche Ausbildung, wahrscheinlich zum Teil am Hofe Heinrichs des Löwen in Braunschweig, und wurde zum Ritter geschlagen.

Die Regentschaft in Lippe übernahm er nach dem Tod seines Vaters Hermann I. und dessen Bruders Bernhard I. im Heer des Kaisers Friedrich I. vor Rom. Die Besitzung bestand zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem ursprünglichen Besitz der Familie nahe der heutigen Stadt Lippstadt sowie großen Teilen des Landes Lippe. Er heiratete 1167 Heilwig, Gräfin von Ahre, die dem rheinischen Adel angehörte und in weiterer Verwandtschaft mit dem Haus der Staufer verbunden war. Der Onkel seiner Frau, Friedrich von Ahre, war zu dieser Zeit der Bischof von Münster (1152–1168) und wurde zu einem guten Freund des jungen Edelherren. Über Friedrich von Ahre sowie über dessen Vetter, Herrmann von Ahre, den Abt des Klosters Cappenberg, bestanden relativ enge Verbindungen mit dem Erzbischof von Köln, Philipp I. von Heinsberg, der sein Lehnsherr war.

Der Sächsische Krieg

Heinrich der Löwe und seine Gemahlin Mathilde, Deckplatte ihres Grabmales im Braunschweiger Dom

Die Zeit von 1177 bis 1181 war geprägt vom Sächsischen Krieg, in dem die Meinungsverschiedenheiten des Sachsenherzogs Heinrich der Löwe und des kölnischen Erzbischofs Philipp von Heinsberg gipfelten. Trotz seiner engen Bindungen und der räumlichen Nähe zu Köln kämpfte Bernhard II. gemeinsam mit seinem Vetter Widukind von Rheda als Gefolgsmann Heinrichs des Löwen in Westfalen und zog sich so auch die Feindschaft seines ehemaligen Lehnsherren und der meisten anderen Adeligen Westfalens zu. Im Laufe des Krieges wurde Bernhard II. zu einem der engsten Gefährten Heinrichs des Löwen. Zugleich pflegte er jedoch auch seine guten Beziehungen zum neuen Bischof von Münster Hermann II., der noch während seiner Amtszeit (1173 bis 1202) ab etwa 1180 zu einem engen Berater des Kaisers Barbarossa und so für Bernhard II. nach dem Kriegsende zu einem wichtigen Vermittler wurde.

Von 1179 an zerstörte Bernhard II. in seinem näheren Umland die Besitzungen des kölnischen Erzbischofs. Vor allem das gerade im Aufbau begriffene Medebach wurde zerstört, die Stadt Soest konnte aufgrund der gerade neu gebauten Stadtmauern den Angriff abwehren. Im Anschluss daran wendeten sich die Truppen zur Unterstützung des sächsischen Heeres unter der Führung des Grafen Gunzelin von Schwerin im nördlichen Westfalen gegen ein vereintes Heer der mit den Kölnern verbündeten Fürsten, des Bischofs von Osnabrück sowie der Grafen von Tecklenburg und Ravensburg, denen die Grafen von Arnsberg und die Edelherren von Schwalenberg zu Hilfe kamen. Sieger dieser Schlacht auf dem Halerfeld, zehn Kilometer vor Osnabrück, blieb das sächsische Heer.

Burgruine Bernhard II. nahe Lippstadt

Im Zuge eines Vorstoßes der Kölner gegen die Anhänger Heinrichs 1177 wurden jedoch nach dieser Schlacht das Zentrum der Besitzungen Bernhard II., das ehemalige Marktviertel nahe der Lippefurt (heute Nicolaiviertel in Lippstadt) und die ehemalige Nicolaikirche sowie seine Burg zerstört. Bernhard II. selbst wurde des Landes vertrieben und floh an den Hof Heinrichs des Löwen. Über ihn lernte Bernhard II. die Grundzüge der Stadtplanung, vor allem die Wasserbautechnik, kennen. Seine Eindrücke sammelte er in Braunschweig und Hildesheim, später auch bei der Verteidigung und dem Ausbau der Stadt Neuhaldensleben nahe Magdeburg. Er verteidigte bis 1181 die Festung des Herzogs in Haldensleben, die von den Truppen des Kaisers Barbarossa belagert wurde. Er musste diese Festung aufgeben, als die Gegner den Fluss Ohre stauten und damit die Festung unter Wasser setzten. Bernhard II. und sein Gefolge konnten frei abziehen.

Die Jahre zwischen 1181 und 1184

Heinrich der Löwe wurde 1180 auf dem Hoftag zu Gelnhausen geächtet und musste das Land verlassen. Von diesem Zeitpunkt an bricht die Überlieferung vom Leben Bernhard II. ab und setzt erst 1184 wieder ein. Der gängigen Version von der Rückkehr des Edelmannes an die Lippe steht eine Fassung des Historikers Paul Leidinger gegenüber, der annimmt, dass Bernhard II. den Sachsenherzog ins Exil an den englischen Königshof begleitete. Von dort kehrte er nach Ansicht Leidingers erst 1184 zurück und traf an dessen Hoftag in Köln auf den ehemaligen Kölner Erzbischof und neuen Herzog von Westfalen Philipp von Heinsberg.

Paul Leidinger begründet seine Version der Geschichte dadurch, dass für die fragliche Zeit Quellen über Widukind von Rheda existieren, der sich bis dahin nie von Bernhard II. getrennt hatte. Vor allem die Urkunde zur Gründung des Klosters Marienfeld deutet auf die Trennung der beiden Freunde hin. Außerdem zeigt ein Relief der Lippstädter Marienkirche offensichtlich den Edelherren Bernhard II. auf einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die dieser gemeinsam mit Heinrich dem Löwen unternommen haben soll.

Die Rückkehr Bernhards II. und die Stadtgründung Lippstadts

Zur Zeit der Rückkehr Bernhards II. war das ehemalige Marktviertel an der Lippe wahrscheinlich wieder aufgebaut worden. Obwohl der Edelmann in den zurückliegenden Schlachten immer an der Seite Heinrichs des Löwen gekämpft hatte, kam er doch zu dem damals sehr seltenen Privileg, mit Genehmigung des Kaisers Barbarossa eine Stadt im Zentrum seiner Besitzungen bauen zu dürfen. Diese wurden ihm im Zuge von Klärungen mit Philipp von Heinsberg zurückgegeben.

Vielleicht traf Bernhard II. zu Pfingsten 1184 auf dem Reichsfest in Mainz mit Kaiser Barbarossa zusammen. Zum Fest der Schwertleite der Söhne Barbarossas sammelte sich der gesamte Adel des Landes mit Gefolge, nach unterschiedlichen Quellen sollen zwischen 20.000 und 70.000 Menschen versammelt gewesen sein. Nach einem Sturm wurde das Fest jedoch bereits am Pfingstmontag abgebrochen, und der Kaiser zog sich mit seinem Gefolge nach Gelnhausen zurück. Nach einer Überlieferung Dichters Justinus, der das Leben Bernhards II. später in seinem als Lippiflorum (Lipperose, nach der Wappenrose der Herrn zur Lippe) benannten Werk reflektierte, befand sich Bernhard II. ebenfalls auf diesem Fest. Er soll dem Kaiser besonders durch sein edles Auftreten aufgefallen und von ihm gebeten worden sein, einen Wunsch zu äußern. Der Wunsch Bernhards II. bestand darin, eine Stadt an der Lippe bauen zu dürfen, und Barbarossa soll ihm diesen Wunsch gewährt haben. Diese Geschichte ist sicher etwas blumig dargestellt, an der kaiserlichen Erlaubnis zur Stadtgründung gibt es jedoch kaum Zweifel. Wahrscheinlich ist es dem Berater des Kaisers, Bischof Hermann II. von Münster, zu verdanken, dass dies geschah, und auch an der Vermittlung mit dem ehemaligen Kölner Erzbischof war er wahrscheinlich maßgeblich beteiligt.

Lippe (Braun/Hagenberg 1588)

Bernhard II. gründete nachfolgend 1185 (anderen Quellen zufolge schon 1184) die Stadt Lippe (heute Lippstadt im Kreis Soest) als erste Planstadt Westfalens. Nach ihrem Vorbild gründete er 1190 als zweite Stadt im Land Lippe Lemgo. In dieser Zeit war Bernhard II. auch an der Gründung des Klosters Marienfeld (gegr. 1185) beteiligt.

Sein Freund Widukind von Rheda nahm 1189 am dritten Kreuzzug teil und starb auf diesem. Als Widukinds Erbe erhielt Bernhard II. die Herrschaft über Rheda, und ihm wurde die Vogtei über die Klöster Liesborn und Freckenhorst übertragen.

Etwa 1192 erwirkte Bernhard II. die Erlaubnis, innerhalb des bischöflichen Forstbanngebietes die Falkenburg am Falkenberg zu bauen, wobei alle Rechte zwischen dem Bischofssitz Paderborn und ihm aufgeteilt wurden. Durch eine Krankheit regierungsunfähig übergab Bernhard II. 1194 die Herrschaft an seinen Sohn Hermann II. (* um 1170) und ging danach als Mönch in das von ihm 1185 gegründete Zisterzienserkloster Marienfeld. Etwa 1210 wurde er Abt in Dünamünde und schließlich von 1218 bis 1224 Bischof von Selonien im Baltikum. Ende April 1224 starb Bernhard II., wahrscheinlich in Selburg, der Hauptstadt seines Bistums, oder in Mesoythen. Beigesetzt wurde er im Kloster Dünamünde.

Die Sage von der Strafe Gottes

Der Überlieferung nach soll Bernhard in der Zeit seiner gräflichen Herrschaftsausübung durch Rauben und Brennen seinen Untertanen sehr viel Unrecht zugefügt haben. Hierfür habe ihn Gott mit Lahmheit an beiden Füßen gestraft. Der reuige Graf habe sich daraufhin demütig in die Obhut und Pflege von Zisterziensermönchen begeben und sei wegen seiner Heilung selber auch Zisterziensermönch geworden.[1]

Die Mantelanekdote

In den Kreisen von Mittelalterbegeisterten wird von Bänkelsängern die Mantelanekdote von Bernhard aus dem Lipperland erzählt. Dieser zufolge soll Bernhard II. zu spät zu einem Fest gekommen sein. Möglicherweise handelt es sich um das Reichsfest 1184 in Mainz, von dem weiter oben die Rede ist. Nach Johannes Laudage: Friedrich Barbarossa (1152-1190). Eine Biografie. Hg. von Lars Hageneier/Matthias Schrör. Regensburg 2009, S. 157 f., war es der Würzburger Hoftag von 1168. Da keine Sitzplätze mehr frei waren setzten sich Bernhard und sein Gefolge auf ihre Mäntel. Nach Beendigung der Versammlung ließen sie ihre Mäntel liegen. Auf die Frage, weshalb sie die Mäntel liegen ließen antwortete er, dass es im Lipperland nicht üblich sei, die Sitzmöbel mitzunehmen. Am anderen Tag soll er vom Kaiser (Barbarossa) selbst Sitzmöglichkeiten bekommen haben.

Nachkommen

Aus der Bernhards Ehe mit Heilwig von Are-Hochstaden (* 1150, † 1196), Tochter des Grafen Otto gingen folgende Kinder hervor:

  • Adelheid (1241–1244), verheiratet mit Heinrich von Cuyk, Edelherr zu Arnsberg, dann Äbtissin von Elten)
  • Heilwig, verheiratet mit Gottfried III. Graf von Ziegenhain).
  • Dietrich (am 1. August 1227 gefallen)
  • Otto II., Bischof von Utrecht ab 1215, am 1. August 1227 gefallen
  • Bernhard IV., seit 1228 Bischof von Paderborn († 14. April 1247)
  • Gertrud II., Äbtissin von Herford 1217–1239
  • Ethelind, Äbtissin von Bassum bis ca. 1243
  • Kunigunde, seit 1219 Äbtissin von Freckenhorst bis ca. 1225
  • Beatrix, verheiratet mit Heidenreich I. Graf von Lutterberg, † 1244
  • Gebhard II., 1219 Erzbischof von Bremen († 28. August 1258)
  • Hermann II. (* 1175, am 25. April 1229 gefallen)
  • Margarete, verheiratet mit Wilhelm von Brederode († 1221)

Quellen

Literatur

  • August FalkmannBernhard II. (Bischof von Semgallen). In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 2, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 422–424.
  • Bernhard II. (Lippe). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL).
  • Werner Goez: Herr Bernhard II. von Lippe; in: W.Goez: Gestalten des Hochmittelalters. Personengeschichtliche Essays im allgemeinhistorischen Kontext; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983; ISBN 3-534-09078-0; S. 272–289.
  • Paul Leidinger: Die Stadtgründung Lippstadts 1184 und die Anfänge der Städtepolitik in Westfalen. Ein staufisches Stadtgründungsprivileg für diplomatische Reichsdienste Bernhards II. zur Lippe und der Modellcharakter Lippstadts; in: Westfälische Zeitschrift 145 (1995); Paderborn: Bonifatius, 1995; ISSN 0083-9043; S. 221–256
  • Klaus Scholz: Bernhard II. zur Lippe. In: Westfälische Lebensbilder, Bd 14; Münster: Aschendorff, 1987; S. 1–37; ISBN 3-402-06065-5
  • Scheffer-Boichhorst, Paul: Herr Bernhard von der Lippe als Ritter, Mönch und Bischof, in: Zeitschrift für Vaterländische Geschichte und Alterthumskunde, Bd. 29 S. 107- S. 235.
  • Lippe und Livland. Mittelalterliche Herrschaftsbildung im Zeichen der Rose. Ergebnisse der Tagung "Lippe und Livland" Detmold und Lemgo 2006, hrsg. von Jutta Prieur, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2008. (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe Bd. 82)

Einzelnachweis

  1. Vgl. Karl Eduard Napiersky: Monumenta Livoniae Antiquae, Verlag von Eduard von Frantzen’s Buchhandlung, 1835, Band 1, S. 86

Weblinks

Vorgänger Amt Nachfolger
Hermann I. Herr zur Lippe
1168–1196
Hermann II.
Widukind von Rheda Herr von Rheda
1191–1196

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