Besessenheit

Besessenheit bezeichnet einen ausgeprägten Erregungszustand, der als „Inbesitznahme” der betroffenen Person durch eine übernatürliche Kraft gedeutet wird. Die Verhaltensänderung der Person wird auf das Eindringen eines Dämons, eines Geistes oder einer Gottheit zurückgeführt.

Inhaltsverzeichnis

Religion

Angenommene Besessenheit wird häufig als negativ oder krankhaft bewertet. Deshalb wird sie in vielen Religionen auch als Krankheitsursache gesehen, andere bewerten sie nur als Symptom. Die Folge ist typischerweise die Durchführung von Ritualen, die eine befallene Person von dem fremden Bewusstsein befreien soll, so z. B. der amtskirchliche Exorzismus in der Katholischen Kirche.

Bourguinon stellte fest, dass in 90 Prozent der von ihr untersuchten 488 über die ganze Welt verteilten Kulturen Trancerituale institutionalisiert sind bzw. waren. Besessenheitstrancen, bei denen der Betroffene sich als von einem Dämon beherrscht und seiner Identität während der Dauer der Trance beraubt erlebt (Oft besteht nach der Trance eine retrograde Amnesie für die Zeit der Trance), herrschen dabei in Kulturen vor, die der Kulturstufe des Ackerbaus und der Viehzucht angehören. In diesen typischerweise männerdominierten Kulturen werden vornehmlich Frauen von Besessenheit „befallen”, was ihnen möglicherweise ein „Ventil” für die aufgestauten Aggressionen und anderen negativen Gefühle verschafft, die sich als Folge ihrer unterdrückten Lage, z. B. aus Konflikten mit Nebenbuhlerinnen und Schwiegermüttern ergeben. Das Verbot, die negativen Gefühle auszudrücken bzw. auszuleben, kann durch die Institution der Besessenheitstrancen unterlaufen werden, da die Verantwortung nicht der Betroffenen, sondern dem Dämon zugewiesen wird.

Christentum

Im christlichen Kontext wird die Besessenheit im Neuen Testament beschrieben. Die Evangelien berichten von zahlreichen Heilungen Besessener durch Jesus im Sinne einer „Austreibung” (Exorzismus) in der geistigen Tradition des Judentums. Ursachen der Besessenheit sollen Verfluchungen sein, okkulte Praktiken und Teufelspakte. Von Seiten der modernen Bibelkritik wird die Existenz von Dämonen und damit die diesbezüglichen neutestamentlichen Zeugnisse abgelehnt mit der Erklärung, dass der damaligen Zeit heutige Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten und solche somit irrigerweise als dämonische Besessenheiten bezeichnet worden seien (so z. B. Rudolf Bultmann: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“[1]).

Angenommene Besessenheitsphänomene polarisieren stark. Sie werden zum einen von der römisch-katholischen Kirche als Beleg der Existenz dämonischer Wesen verstanden und dienen, wie schon im Neuen Testament, aufgrund der Wirkung des Exorzismus als Beleg für die Wahrheit des Glaubens. Andererseits werden sie von Skeptikern für Symptome von psychischen Erkrankungen oder organischen Störungen (z. B. Epilepsie) gehalten.

Afrikanische Religionen

In afrikanischen Kulturen gibt es Besessenheitskulte sowohl innerhalb von traditionellen Religionen und im christlichen Umfeld (Mashawe und Vimbuza in Sambia, Pepo in Tansania), als auch innerhalb des Volksislam (Bori in Nigeria, Zar im Sudan, Aisha Qandisha und Derdeba in Marokko, Stambali in Tunesien). In den sich aus der afrikanischen Tradition ableitenden synkretistischen Religionen (Voodoo, Santería, Candomblé) gibt es einen Zustand der Trance oder künstlich herbeigeführten temporären Besessenheit, der sogar erwünscht ist, in dem Götter oder Geister Verstorbener, meist sogenannte „Ahnen”, von den Menschen Besitz ergreifen sollen, wie es z. B. der Regisseur Jean Rouch im Film Les Maitres Fous darstellte.

Medizin bzw. Psychologie

Als Trance- und Besessenheitszustände (ICD-10-Codierung F44.3) werden psychische Störungen bezeichnet, bei denen ein „zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung auftritt“. Diese Unterformen einer dissoziativen Störung dürfen nur diagnostiziert werden, sofern sie nicht in kulturell oder religiös akzeptierten Situationen auftreten oder nicht freiwillig bzw. gewollt gesucht werden. Ebenso auszuschließen sind eine Schizophrenie, anhaltend paranoide Störung und Wahnvorstellungen im Rahmen einer schweren Depression. Ausgeschlossen sind auch Zustandsbilder auf einer organischen Grundlage (so Intoxikationen durch psychotrope Substanzen, vorangegangenes Schädel-Hirn-Trauma, organische Persönlichkeitsstörung).

In einigen Fällen verhält sich ein Mensch so, als ob er von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer Kraft beherrscht wird. Auszuschließen ist allerdings auch eine induzierte wahnhafte Störung, zu der die Folie à deux gezählt wird.

Infolge von Besessenheitszuständen kann es zu unwillkürlichen Reaktionen wie etwa Erstarrung, „Weglaufen“, Gedächtnisstörungen etc. kommen.

Besessenheit als Thema in Kunst und Literatur

Literatur

  • Augustin Calmet: Gelehrte Verhandlung der Materie von den Erscheinungen der Geister, und der Vampire in Ungarn und Mähren. (Erstmals erschienen Augsburg 1751: Digitalisat), Edition Roter Drache, Remda-Teichel 2007, ISBN 978-3-939459-03-3.
  • Gerhard Dammann: Besessenheits- und Trancezustände. In: A. Eckhardt-Henn, S. O. Hoffmann (Hrsg.): Dissoziative Störungen des Bewusstseins. Schattauer, Stuttgart/New York 2004, ISBN 3-7945-2203-6, S. 161–174.
  • Richard Kriese: Okkultismus im Angriff. Hänssler Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-7751-0222-1
  • Ernst Modersohn: Im Banne des Teufels. Wuppertal 1955
  • Holger Karsten Schmid: Vom Zauberlehrling zum Magier. Diemar Klotz Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 3880745404

Weblinks

  • Pharmakeia.com – Synkretistische Neureligionen in Brasilien: Ursprünge, Typen und eine Skizze der Forschungsgeschichte zum Phänomen der Geistbesessenheit

Einzelnachweise

  1. Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf Werner RauppBULTMANN, Rudolf (Karl). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 21, Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-110-3, Sp. 174–233.

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