Beth Tefila

Eine Synagoge (von griechisch συνάγω synago; [sich] versammeln) ist ein jüdisches Versammlungs- und Gotteshaus für Gebet, Schriftstudium und Unterweisung. Mit zehn männlichen Betern, dem Minjan, kann sich eine Gemeinde konstituieren.

Die hebräische Bezeichnung für die Synagoge ist „eda“ oder „Beth knesset“ (בית כנסת Haus der Versammlung) oder Beth Tefila (Haus des Gebets), jiddisch auch „Schul“. Sie ist unterteilt in den Gebetsraum und kleinere Räume zum Studium. Diese Lehrräume werden als Beth Midrash (hebr.: Haus der Lehre) bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Raumaufteilung, Ausstattungen

Toraschrein der Münchner Synagoge

Der Bereich der Synagoge, in dem die Gebete durch die Gemeinde gestaltet werden, ist in symbolischer Entsprechung des Mishkan (hebräisch משכן „Gottes Heimstätte auf Erden“), der einstigen Jerusalemer Tempel, das Hauptheiligtum des Gebetshauses[1], eine symbolische Entsprechung für das eigentliche Heiligtum „im Himmel“, Gott.

Aron ha-Qodesch

In diesem Bereich, an der Ostwand (in Westeuropa) in Richtung Jerusalem (Misrach), in einem speziellen Schrein, dem Aron ha-Qodesch (hebr. für Toraschrein, Heilige Lade), werden die Tora-Rollen (Sifrei-Torah-Pergamentrollen) für die Verlesung der Wochenabschnitte aufbewahrt. Über dem Aron ha-Qodesch ist eine symbolische Gebotstafel (ähnlich den Zehn Geboten) angebracht; im Judentum gibt es aber weit mehr als diese Mitzwot, nämlich 248 Ge- und 365 Verbote. Über der Lade hängt ein Licht, Ner Tamid oder Ewiges Licht genannt. Es erinnert an die Feuersäule, die die Israeliten auf ihrem Weg durch die Wildnis der Wüste Sinai begleitet hat. Zudem befand sich vor dem Tempel in Jerusalem das ewige Licht als Symbol der ewigen Verbundenheit der Juden mit Gott. Während der Gebetszeremonie wird die heilige Tora aus dem Schrein ausgehoben und auf die Bimah oder Almemor, das Lesepult, gelegt.

In traditionellen aschkenasischen Synagogen (wie heute etwa in den neueren Synagogen Mannheim oder Recklinghausen) befindet sich die Bima in der Mitte des Innenraums. In sephardischen Bauten stehen sich der Aron ha-Qodesch an der nach Jerusalem weisenden Ostwand und die Bima im Westen gegenüber, wobei sie in italienischen Synagogen auch mit einer nach außen vortretenden Nische verbunden sein kann. Im frühen 19. Jahrhundert übernehmen die aschkenasischen Reformer diese Raumvorstellung. Eine Menora (siebenarmiger Leuchter) schmückt den Raum.

Funktionen für die Gemeinde

Aschkenasische Synagoge, Istanbul

Historisch gibt es diesen Versammlungsraum der Tradition nach seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und der dann folgenden Babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes 586 - 539 v. Chr. Archäologisch belegt sind sie erst aus der Zeit des zweiten Tempels.

Synagogen dienen nicht nur zum jüdischen Gottesdienst, sondern auch für Gemeindeveranstaltungen, Erwachsenenbildung und als Hebräischschulen für schulpflichtige Kinder. Die orthodoxen und die meisten konservativen Juden nennen ihre Gotteshäuser Synagogen; einige benutzen die hebräische Bezeichnung Beth Knesset oder den jiddischen Begriff Schul. Im Gegensatz zu einer katholischen oder orthodoxen Kirche ist eine Synagoge kein geweihter Raum. Fast jeder Raum kann als Synagoge dienen, wenn er gewissen Anforderungen gerecht wird.

Die meisten amerikanischen Reformjuden und einige Konservative in den USA verwenden die Bezeichnung „Tempel“ für ihr Gotteshaus, aber die meisten traditionellen Juden empfinden diese Bezeichnung als ungenau, da das Judentum historisch nur einen Tempel hat – in Jerusalem. Es werden drei tägliche Gebete angeboten: normalerweise einen Morgengottesdienst Shacharit und zwei abendliche Gottesdienste Mincha und Maariv.

Es gibt spezielle Gottesdienste am Schabbat (den Sabbat) und an den jüdischen Feiertagen. Viele kleinere Gemeinden haben nur ein- oder zweimal die Woche Gebetsgottesdienste.

Viele ultraorthodoxe Juden ziehen sich in Schtiebel (wörtlich „Stübchen“), das sind abgesonderte Räume von Privathäusern, in Geschäftsräumen und Nebenräumen großer Synagogen oder Gemeindezentren zurück. Schtiebels bieten keine großen Gemeindegottesdienste, sie sind speziell für Gebetsandachten bestimmt.

Viele Juden haben Chavurot gebildet (Gebetsgruppen), die sich regelmäßig an einem bestimmten Ort, normalerweise in jemandes Haus oder Wohnung, versammeln.

Pogrome

Synagogen fielen immer wieder Judenpogromen zum Opfer. An ihrer Stelle wurden teilweise Frauenkirchen errichtet, so in Rothenburg ob der Tauber, Bamberg, Würzburg, Nürnberg, Weißenburg in Bayern, Regensburg und Ingolstadt (Schutterkirche).

In Deutschland und Österreich zerstörten Nationalsozialisten (zumeist Angehörige der SA) bei den Novemberpogromen 1938 (auch Reichskristallnacht genannt) am 9. und 10. November 1938 2676 Synagogen und jüdische Gemeindehäuser, wobei mindestens 91 Menschen getötet wurden. Allein in Wien wurden 42 Synagogen und Gebetshäuser in Brand gesteckt.

Dort, wo die Synagogen aus den Stadtbildern verschwanden, sind oft, aber nicht überall, Gedenktafeln angebracht.

Geschichte

Szenen aus dem Buch Esther in der Dura-Europos Synagoge, Syrien(244 CE).

Die Entstehungszeit der Synagogen ist unklar. Oftmals wird sie mit dem babylonischen Exil (586-538 v. Chr.) in Verbindung gebracht. Der Begriff selbst taucht ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. als Bezeichnung für die „Versammlungshäuser“ der jüdischen Diasporagemeinden auf (in Schedia und Arsinoe/Fayyum, Ägypten zur Zeit Ptolemäus III. Euergetes). Nach H. P. Stähli ist der Ursprung in der hellenistischen Diaspora zu suchen. Er begründet dies mit archäologisch analysierten Inschriften und baulichen Zeugnissen.

In Palästina selbst weist ein nachträglich eingefügter Hinweis im Erlass Artaxerxes II. an den Propheten Esra auf die Legitimation von Synagogen hin, die mindestens seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) auch Teile der Funktion eines Gotteshauses übernehmen. Vor der Zerstörung des Tempels wurden in Palästina die archäologisch belegten Synagogen in Gamala, Masada und Herodium errichtet. Ein Schriftzeugnis von 1914 deutet auf die Existenz einer Synagoge im Süden von Jerusalem. Unter den Pharisäern hatten Synagogen die Funktion einer religiösen Schule, die Luther „scola Judacorum“ nennt. Im Neuen Testament finden sich Hinweise darauf dass Jesus als Laie in Synagogen sprach. Markus 1,21: „Sie kamen nach Kapernaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.“

Auf der griechischen Insel Delos in der Ägäis ist als ältester Diasporabau eine nicht völlig gesicherte Synagoge bekannt. Die Ruinen datieren ins 1. Jahrhundert v. Chr. In den baulichen Überresten fand sich als einziger Schmuck einen kunstvoll gestalteten Marmorsessel (Sitz Moses). Ein solcher wurde auch bei der Synagoge von Chorazin (nördlich von Kapernaum) aus dem 4. Jahrhundert gefunden. Weihinschriften mit der Bezeichnung „proseuche“ und die Dedikationen an den „höchsten Gott“ (theos hypistos) weisen das Gebäude nach Ansicht einiger Fachleute als Synagoge aus.

Die Diasporasynagogen von Delos, Dura-Europos, Priene, Sardes und Stobi entstanden (zumeist erst ab dem 2. Jahrhundert n. Chr.) durch Umwandlung ursprünglich anderweitig genutzter Räumlichkeiten. Lediglich die Synagoge von Ostia bildet in dieser Hinsicht eine Ausnahme.

Alte Synagogen

Innenaufnahme der Synagoge Quai Kleber in Straßburg vor 1906

Die Synagoge von Aleppo verwahrte bis 1947 den Codex von Aleppo und war bis zu diesem Zeitpunkt neben Shefaram eine der ältesten genutzten Synagogen in der Levante.

Die Synagoge AL Ghriba auf der tunesischen Insel Djerba erhebt den Anspruch die älteste Synagoge Afrikas zu sein. Hier fand 2002 das Attentat statt bei dem 21 Touristen getötet wurden. Sie konkurriert in dieser Frage mit Ifrane de L'Anti Atlas, die angeblich aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammt und die älteste Synagoge Marokkos ist.

Synagogen-Galerie

Deutsche Synagogen

Andere Synagogen

Literatur

  • Kurt Hruby: Die Synagoge - Geschichtliche Entwicklung einer Institution, Theologischer Verlag Zürich 1971, ISBN 3-290-14903-X.
  • Rachel Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue, 1964
  • Harold Hammer-Schenk, Die Synagogen in Deutschland, 1981
  • Carsten Claußen: Versammlung, Gemeinde, Synagoge. Göttingen 2002, ISBN 3-525-53381-0
  • Institut für Auslandsbeziehungen der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Synagogen in Deutschland. Eine virtuelle Rekonstruktion der Technischen Universität Darmstadt, Birkhäuser 2004, ISBN 3-7643-7034-3
  • Thea Altaras: Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen - Was geschah nach 1945?. Eine Dokumentation und Analyse aus allen 264 hessischen Orten, deren Synagogenbauten die Pogromnacht 1938 und den Zweiten Weltkrieg überstanden: 276 architektonische Beschreibungen und Bauhistorien. Aus d. Nachlass hrsg. v. Gabriele Klempert u. Hans-Curt Köster. Die Blauen Bücher. Königstein i. Ts. 2007, ISBN 978-3-7845-7794-4
  • Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben; Band II: Mittelfranken; Band III: Unterfranken, Lindenberg/Allgäu: Kunstverlag Josef Fink 2007ff. (mit ausführlichen Bibliographien)
  • Enzyklopädie 2000 Ausgabe 7. Sep. 1972; Hrsg. G. Seibert & E. Wendelberger Verlag Wissen AG
  • Harmen Thies, Aliza Cohen-Mushlin (Hrsg): Synagogenarchitektur in Deutschland. Petersberg 2008

Einzelnachweise

  1. Heiligtum - Sanctuary "(...) The portion of the synagogue where prayer services are performed is commonly called the sanctuary. Synagogues in the United States are generally designed so that the front of the sanctuary is on the side towards Jerusalem, which is the direction that we are supposed to face when reciting certain prayers. (...) Probably the most important feature of the sanctuary is the Ark, a cabinet or recession in the wall that holds the Torah scrolls. (...) The Ark has doors as well as an inner curtain called a parokhet. This curtain is in imitation of the curtain in the Sanctuary in The Temple, and is named for it.(...)"

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