Bethlehemitischer Kindermord

Als Kindermord in Betlehem wird der im Matthäusevangelium überlieferte Mord an allen Knaben Betlehems bezeichnet, der auf Befehl König Herodes des Großen erfolgt sein soll:

„Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“

Matthäus 2,16–18EU

Der christlichen Tradition nach werden die Opfer mit dem Begriff Unschuldige Kinder bezeichnet. Wissenschaftlich wird die Geschichte allgemein angezweifelt, da diese Tat durch keine weitere Quelle historisch belegt ist.

Inhaltsverzeichnis

Biblischer Hintergrund

Darstellung des betlehemitischen Kindermords in der barocken Krippe von Gutenzell

Als König Herodes von Judäa durch die Sterndeuter aus dem Morgenland (die sogenannten Heiligen Drei Könige) von der Geburt eines neuen Königs der Juden erfuhr, ließ er die Weisen Israels befragen, wo diese Geburt stattgefunden habe. Diese identifizierten aufgrund prophetischer Weissagungen des alten Bundes Betlehem als Geburtsort (Mt 2,1–6 EU). Beim Propheten Micha steht dazu:

„Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen.“

Mi 5,1 EU

Betlehem aber war die Stadt Davids, dem Gott verheißen hatte, sein Nachkomme werde auf Ewig den Thron erben (2 Sam 7,16 EU). Nachdem die Sterndeuter ihm nicht wie gewünscht auf ihrem Rückweg über das Gefundene berichtet hatten (Mt 2,12 EU), wurde Herodes zornig und beschloss, den Konkurrenten für sich und seine Söhne auszuschalten, indem er in Bethlehem alle Knaben unter zwei Jahren töten ließ (Mt 2,16–18 EU). Josef wurde jedoch in einem Traum angewiesen, nach Ägypten zu fliehen, so dass Jesus dem Kindermord entgehen konnte (Mt 2,13–15 EU).

Frühe Schätzungen des Ausmaßes

Während die griechische Liturgie 14.000 ermordete Knaben nennt und mittelalterliche Autoren bis zu 144.000 Opfer annahmen, sprachen spätere Theologen (Joseph Knabenbauer, August Bisping) auf Grund der anzunehmenden Größe des Ortes Betlehem zu biblischen Zeiten nur noch von etwa sechs bis zwanzig erschlagenen Kindern.[1]

Wissenschaft

Kerald malt den Betlehemitischen Kindermord im Codex Egberti

Früheste Rezeptionen

Ältestes Zeugnis für die Rezeption des biblischen Berichts vom Betlehemitischen Kindermord ist eine Predigt des Bischofs Optatus von Mileve aus der Zeit um 360. Auch Augustinus († 430) und Caesarius von Arles († 542) rühmen die kindlichen Märtyrer, denen es vergönnt war, nicht nur als Zeugen für Jesus, sondern stellvertretend für ihn zu sterben.

Ende des vierten Jahrhunderts berichtet der römische Philosoph Ambrosius Theodosius Macrobius in seiner Schrift Saturnalia davon, dass Augustus, als er davon gehört hatte, dass Herodes, König der Juden, alle Jungen in Syrien unter dem Alter von zwei Jahren töten ließ und dabei auch sein eigener Sohn umgebracht worden sei, kundtat: „Bei Herodes ist es besser, sein Schwein zu sein als sein Sohn.“ (Macrobius, Saturnalia, 2, 4, 11)

Der Codex Egberti (10. Jahrhundert) enthält eine der ältesten bildlichen Darstellungen des Kindermordes.

Fehlende Belege für den Kindermord

Es ist zwar belegt, dass Herodes der Große ein striktes und grausames Regiment führte und dass er neben Dutzender politischer Gegner sogar einige seiner Verwandten ermorden ließ. Der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus, der alle bekannt gewordenen Verbrechen des Herodes besonderes ausführlich darstellte, berichtet allerdings nichts von einem Kindermord in Betlehem.

Außerdem berichtet das Lukas-Evangelium (2,2 EU), dass Jesus während der ersten römischen Volkszählung in Judäa auf die Welt kam. Die erste nachweisbare Provinzzählung unter Publius Sulpicius Quirinius in der Provinz Judäa fand jedoch 7 n. Chr., also etwa zehn Jahre nach dem Tod Herodes’ statt, eine frühere kann aber nicht ausgeschlossen werden.

Mythologische Ähnlichkeiten

Die Mehrheit der Exegeten (Auslegungen) geht von einem mythologischen Motiv des Kindermords anlässlich der Ankunft eines heiligen Königs aus. So soll ein König von Bhojas namens Kamsa versucht haben, den Aufwuchs Krishnas zu verhindern, indem er etliche Kinder hinschlachten ließ. Auch dem mythischen König Arthur (Artus) war von Merlin geweissagt, einst würde ihn ein an einem 1. Mai geborenes Kind ablösen. Darum ließ er alle im fraglichen Zeitpunkt geborenen Kindern edler Herkunft, die als Prinzen in Frage kamen, einsammeln und auf ein Schiff verfrachten, das auf hoher See versenkt wurde. Ein weiteres Beispiel bietet die griechische Mythologie, Laios der König von Theben will seinen Sohn Ödipus umbringen lassen um einem Orakelspruch zu entgehen. Wie in solchen Geschichten üblich, nützte weder Arthur noch Laios ein solches Aufbegehren gegen das Schicksal, denn sowohl Mordred im Falle Athurs als auch Ödipus, entkamen glücklich und wurden aufgezogen.

Sind die vorgenannten Motive rein phänomenologisch vergleichbar, so wird ein Kindermord im Alten Testament möglicherweise als Vorlage im eigentlichen Sinn gedient haben. Der Pharao ließ alle neugeborenen Knaben der Israeliten töten. Allerdings war hier das Motiv nicht die Ausschaltung eines persönlichen Konkurrenten, sondern die demographische Schwächung eines versklavten Volkes. Damals entging Mose dem Kindermord.

Fund von Babyknochen in Ashkelon

Mit dem Kindermord von Bethlehem wird fälschlicherweise auch der 1988 gemachte Fund von über Hundert Skeletten von Neugeborenen in einem Wohnviertel hinter den ehemaligen Hafenanlagen der Hafenstadt Ashkelon, einer der zur Zeit Jesu wichtigsten Häfen Palästinas, in Verbindung gebracht. Laut dem Papyrologen Carsten Peter Thiede seien diese auf die Zeit des Herodes zu datieren und stammten zu einem großen Teil von Jungen unter zwei Jahren.

Archäologen der Harvard-Universität konnten unter Nutzung zahlreicher wissenschaftlicher Techniken, so auch der DNA-Analyse, feststellen, dass die Skelette aus dem dritten Jahrhundert nach Christus stammen und die Säuglinge bei bester Gesundheit waren. Es handelte sich zumeist um männliche, aber auch um weibliche Säuglinge.

Patricia Smith und Gila Kahila von der Hebrew University stellten bei einer ersten Untersuchung fest, dass die meisten Skelette unversehrt und vollständig sind. Fehlende Neonatallinien (Linien im Zahnschmelz der Milchzähne und der ersten bleibenden Backenzähne gelten als sicherer Hinweis auf ein Lebensalter von mindestens drei Tagen) lassen darauf schließen, dass die Kinder bereits kurz nach ihrer Geburt in die Kanalisation geworfen wurden und starben. Die Ermordung der Säuglinge wird von den meisten beteiligten Wissenschaftlern als Tötung von unerwünschten Kindern im Rotlichtmilieu gedeutet.

Tag der Unschuldigen Kinder

Altar der Unschuldigen Kinder in der Basilika Altötting

Die römisch-katholische, anglikanische und orthodoxe Kirche feiern den Tag der unschuldigen Kinder als liturgischen Gedenktag. Im Evangelischen Gottesdienstbuch ist er als besonderer Gedenktag der Kirche verzeichnet, wird aber nur in einzelnen Regionen, etwa in Lateinamerika, begangen. Das Fest erscheint im Sacramentarium Leonianum und 505 in einem liturgischen Kalender aus Nordafrika. Der Festtag differiert heute in den verschiedenen Konfessionen:

Brauchtum

689/90 wurde das „festum puerorum“ auf dem 6. Konzil von Konstantinopel verboten, weil sich dieses „Fest der Kinder“ mit einem „Narrenfest“ verbunden hatte, das möglicherweise in der Tradition orientalischer Narrenkönige, römischer Saturnalien und eventuell auch keltischer Tiervermummung stand.

Dieser Gedenktag war nie von der Kirche verordnet worden, erfreute sich aber unter Laien großer Beliebtheit. Er wurde trotz kirchlicher Verbote weiterhin mit Narrenspielen begangen.

Die Reformation schaffte diesen Brauch ab, in den meisten katholischen Gegenden Deutschlands starb er im 18. Jahrhundert aus. Allerdings hält sich bis heute in Teilen Österreichs der Brauch, Kinder an diesem Tag die Erlaubnis zu erteilen, den Erwachsenen durch Rutenschläge Glück und Gesundheit fürs kommende Jahr zu bringen; dazu sagen die Kinder beim Schlagen, genannt „Schappen“, Verse auf, und erhalten als Dank von den somit „gesegneten“ Erwachsenen kleine Geschenke oder Geld. In der Steiermark und in Kärnten sind folgende Verse in Verwendung:

„Frisch und g’sund, frisch und g’sund,
Lang leben und g’sund bleibe
und a glücklichs Neujahr!

Frisch und g’sund, frisch und g’sund
long lebm und g’sund bleibm
nix klunzn und nix klogn
bis i wieda kum schlogn!“

In der Oststeiermark ist folgender Spruch üblich:

„Frisch und g´sund, Frisch und g´sund
ganzes Jahr pumperlg´sund,
gern geb´n, lang leb´n, glückselig sterb´n,
Christkindl am Hochaltar,
des wünsch i dir zum neuen Jahr.“


In einigen Regionen Bayerns hielt sich dieser als „Fetzeln“ benannte Brauch bis ins 20. Jahrhundert; der 28.12. erhielt mitunter die volkstümliche Bezeichnung „Fetzeltag“.

In Spanien und Teilen Lateinamerikas hat er sich dagegen bis heute gehalten. Dort ist der Día de los Santos Inocentes der Anlass, seine Mitmenschen zu veräppeln, wie man es in Deutschland, Frankreich, Italien und in den angelsächsischen Ländern am 1. April zu tun pflegt. Dies steht in Zusammenhang mit der Mehrdeutigkeit des Adjektivs inocente, was nicht nur „unschuldig“, sondern auch „naiv“ oder „dumm“ heißen kann. Aus diesem Grunde trat angeblich auch die spanische Verfassung erst am 29. Dezember 1978 in Kraft, einen Tag später als ursprünglich vorgesehen.

Am Fest der Unschuldigen Kinder wurde bis ins Mittelalter hinein in Klosterschulen der Jüngste für einen Tag auf den Stuhl des Abtes gesetzt, ein Brauch, der sich im Mittelalter (etwa seit dem 13. Jahrhundert) dann allerdings auf den Nikolaustag verschob.

Der Betlehemetische Kindermord in der Kunst

Fra Angelico, um 1450

Dieses Bildmotiv wurde immer wieder von zahlreichen Malern aufgegriffen.

In der frühchristlichen Kunst tritt es selten auf, so zum Beispiel in den Mosaiken von S. Maria Maggiore. Die mittelalterliche Kunst stellt es häufiger dar, etwa im Egbert-Codex; in den Kanzelreliefs der Pisani; auf Fresken in Padua.

Einzelbildlich erscheint das Motiv auch in der Renaissance- und Barockmalerei, unter anderem bei Pieter Lastman, Cranach und Rubens. Das Thema wurde im übertragenen Sinn auch von Pieter Brueghel dem Älteren gestaltet, mit Bezug auf die Greueltaten der spanischen Besatzer gegen die Niederländer im 16. Jahrhundert.

Der bethlehemische Kindermord (Um 1636/38)

Der betlehemitische Kindermord (Rubens)

Der Maler Rubens malte das Thema gleich mehrfach:

  • Das Massaker der Unschuldigen, auch Kindermord von Betlehem genannt, wurde 1609/11 gemalt. Bei einer Versteigerung im Londoner Auktionshaus Sotheby’s wurde es am 10. Juli 2002 für die damalige Rekordsumme von 76,7 Mio $ versteigert.
  • Der bethlehemische Kindermord ist seit 1902 im Besitz der Königlichen Museen in Brüssel. Es wird dort allerdings unter dem Namen von Anton Sallaert geführt; es ist also unklar, ob es von Rubens ist oder nicht.
  • Der bethlehemische Kindermord entstand um 1636/38 auf Eichenholz mit einem Format von 198,5 * 302,2 cm.

Quellen

  1. Catholic Encyclopedia, http://www.newadvent.org/cathen/07419a.htm

Weblinks


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