Betragen

Umgangsformen sind Formen und Muster zwischenmenschlicher Interaktion. Von der Gesellschaft werden solche Verhaltensformen entweder negativ als derb, roh, ungehobelt oder unhöflich oder positiv als gut erzogen, höflich, kultiviert oder edel bewertet. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den so genannten „guten Umgangsformen“.

Inhaltsverzeichnis

Grundprinzipien

Als „gute Umgangsformen“ (ähnliche oder gleichbedeutende Begriffe sind bspw. gutes Benehmen, gutes Betragen, gute Manieren, guter Ton, Anstand, Benimm, Schliff oder Etikette) bezeichnet man diejenigen Verhaltensweisen und -regeln, die dazu dienen sollen, das menschliche Zusammenleben möglichst reibungslos und angenehm zu machen. Je nach Herkunft, Kulturkreis, sozialem Milieu oder gesellschaftlichem Umfeld können die jeweils als üblich und/oder geboten geltenden Umgangsformen stark voneinander abweichen. Die richtigen Umgangsformen fungieren dabei oft als identitätsstiftendes Zeichen der Zugehörigkeit zur jeweiligen sozialen Gruppe. Nicht immer sind allerdings die in einem konkreten Umfeld als „gut“ angesehenen Umgangsformen auch die in diesem Umfeld tatsächlich geübten Umgangsformen

Geschichte

Einer der ersten „Vermittler“ von Bildung und Umgangsformen war Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der mit seinen „Erziehungsbüchern“ für Fürsten (Fürstenspiegel) und seinem Benimmbuch (de civilitate) einen Leitfaden vorgegeben hat. Soziologisch ausgerichtet war auch Über den Umgang mit Menschen des Freiherrn von Knigge (1752 - 1796).

Erfolgreichste Benimm-Autorin der Nachkriegszeit war Erica Pappritz (1893-1972). Die Diplomatin hatte unter Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bonner Auswärtigen Amt das offizielle Protokoll aufgebaut. Adenauer hatte den im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amtes in Berlin erfahrenen Hans Herwarth von Bittenfeld zum Protokollchef gemacht sowie seine Kollegin Erica Pappritz zur Vizeprotokollchefin und seiner persönliche Beraterin. Die von ihr festgelegten Grundsätze blieben Elemente der Diplomaten-Ausbildung. Noch während ihrer Amtszeit als offizielle Protokoll-Dame der Bundesrepublik schrieb sie das „Buch der Etikette“, das bereits in der Erstauflage ein Bestseller wurde.

1959 gründete sie das Pappritz-Archiv und beauftragte später den Diplomatischen Korrespondenten Joe F. Bodenstein mit dessen Leitung. Er führte auch ihr Autoren-Büro in Bonn und war Co-Autor einer verbesserten Buchauflage mit dem Arbeitstitel „Der neue Pappritz“. Das Projekt wurde durch den Tod der Diplomatin bisher nicht realisiert. Im diplomatischen Ruhestand schrieb Frau Pappritz Kolumnen für Printmedien. Sie war auch eine gefragte Ratgeberin bei Konzernen, Banken und Unternehmen für Veranstaltungen und Festlichkeiten.

Umgangsformen im Einzelnen

Anstand

Anstand umfasst sowohl äußerliche Regeln der Höflichkeit - in Anpassung etwa an die jeweils geltende Etikette -, wie solche der Fairness und verankert diese in der grundlegenden Anerkennung und Achtung des Anderen.

Hauptartikel: Anstand

Begrüßung und Abschied

Zu den global gültigen Umgangsformen zählt das Grüßen beim Kommen und Gehen. Während in Mitteleuropa meist kurze Grüße bevorzugt werden, sind ihre Formen im Süden, Osten und im Orient körperbetonter.

  • Wenn wir jemandem die Hand reichen, und er/sie lässt sie zu lange nicht los, empfinden wir das als aufdringlich. Aber bereits in Italien, noch mehr aber in Nahost könnte ein zu kurzer Händedruck als gezwungene, nur kühle Begrüßung gedeutet werden. Es wird jeweils die rechte Hand geschüttelt. In Mitteleuropa steht ein Mann stets auf, wenn er einer Person die Hände schüttelt.
  • Was die Körpersprache beim Grüßen betrifft, ist derzeit ein gewisser Wandel im Gange. Vor relativ kurzer Zeit betrachtete man in Mitteleuropa eine Umarmung oder einen Begrüßungs-Kuss als Privileg unter Russen oder Franzosen. In Jugendkreisen ist es inzwischen teilweise üblich - täuscht jedoch oft eine (noch) nicht vorhandene Vertrautheit vor.
  • Schon zwischen Süden und Norden im deutschen Sprachraum können Abschiedsworte wie „Tschüss“, „Moin“, „Ciao“, „Baba“ oder „Grüezi“ Erstaunen hervorrufen. Wer ein bayerisches „Grüß Gott“ mit einem lakonischen „Tach“ beantwortet, begeht fast einen Fauxpas und lässt es am gebotenen Taktgefühl fehlen. Aber auch, wer darauf leutselig mit „Servus!“ erwidert, wird oft eher auf Zurückhaltung stoßen. Verballhornende Antworten wie „Gern, wenn ich ihn seh“ werden als beleidigend empfunden.

Bekleidung und äußere Erscheinung

Unsere die Kleidung betreffenden Gebräuche haben sich in den letzten zweihundert Jahren stark gelockert. Verordnete Kleiderordnungen existieren in den meisten Lebensbereichen nicht mehr (Ausnahmen: Zwang zu Badebekleidung in Schwimmbädern oder Zwang zu Nacktheit an FKK-Stränden, Dresscodes in Nachtclubs und deren Kontrolle durch Türsteher). Dennoch gibt es gesellschaftliche Erwartungshaltungen bezüglich angemessener äußerer Erscheinung, ohne dass dies explizit vorgeschrieben ist. Die Erfüllung dieser Rollenerwartungen wird als Bestandteil guter Umgangsformen und als Sache des Anstands angesehen. Das betrifft Rollenerwartungen im Berufsleben, bei gesellschaftlichen Anlässen und im Alltag, in denen eine gewisse äußere Erscheinungsform erwartet wird. Dazu gehört Geschäftskleidung bei Bankangestellten, oder hygienisch einwandfreie Kleidung bei Ärzten und Pflegepersonal, aber auch beispielsweise die Erwartungshaltung, auf der Straße nicht mit Badebekleidung zu flanieren.

Geschäftliche Gespräche

Gespräche im Rahmen einer Geschäftsbeziehung oder zum Aufbauen derselben unterliegen bestimmten Regeln, so etwa im Bewerbungsgespräch. Wer internationale Geschäftsgespräche führen will, muss sich rechtzeitig über die Gepflogenheiten im Gastland zu informieren. Beispiele: In Südosteuropa, im Orient oder gar in der Volksrepublik China und Japan gilt es als unfein, ein Gespräch zu rasch zum Kern der Sache zu bringen. In großen Teilen Afrikas muss sogar ein richtiggehendes Palaver vorangehen - desto länger, je wichtiger die Angelegenheit und je höhergestellt die Beteiligten sind. Ein Ladenbesitzer in einem Basar ist enttäuscht, wenn ein potenzieller Kunde, der nicht fündig wird, sich zu rasch zum Gehen wendet.

Literatur

  • Asfa-Wossen Asserate: „Manieren“. Frankfurt am Main, Eichborn-Verl., 2003, 388 S., ISBN 3-8218-4739-5 (unter Mitwirkung von Martin Mosebach)
  • Thomas Baumer: Handbuch Interkulturelle Kompetenz (2 Bände); Zürich, Verlag Orell Füssli. ISBN 3-280-02691-1 und ISBN 3-280-05081-2
  • Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1982 ISBN 3-51828-258-1 (franz. La distinction. Critique sociale du jugement. Paris 1979). Beruht auf empirischen Untersuchungen in Frankreich in den 1960er Jahren.
  • Karlheinz Graudenz und Erica Pappritz: Etikette neu, 12., völlig neu bearb. Aufl., München: Südwest-Verlag, 1971, ISBN 3-517-00026-4.
  • Thomas Schäfer-Elmayer: Der Elmayer - gutes Benehmen gefragt (1991, 2000)

Siehe auch

Weblinks


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