Betragensstörung

Störungen des Sozialverhaltens sind eine Gruppe von Psychischen Störungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Begriff umfasst eine große Vielfalt unkontrollierter Verhaltensweisen. Das ICD-10 versteht darunter ein sich wiederholendes und andauerndes Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens.

Klassifikation nach ICD-10
F91.0 Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens
F91.1 Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen
F91.2 Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen
F91.3 Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten
F91.8 Sonstige Störungen des Sozialverhaltens
F91.9 Störung des Sozialverhaltens, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Inhaltsverzeichnis

Klassifizierung im ICD-10

Im ICD-10, der WHO, in dem alle anerkannten Krankheiten aufgelistet und verschlüsselt sind, werden die Störungen des Sozialverhaltens in folgende Untergruppen aufgeteilt:

  • F91 Störung des Sozialverhaltens
    • F91.0 Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens
    • F91.1 Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen
    • F91.2 Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen
    • F91.3 Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten
    • F91.8 Sonstige Störungen des Sozialverhaltens
    • F91.9 Störung des Sozialverhaltens, nicht näher bezeichnet

(Von diesem Störungsbild ausgenommen ist: F90.1 Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens. Diese Störung wird unter dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperakitvitätssyndrom ADHS verortet.)

Ebenfalls als eigene Gruppe von Störungen gelten:

  • F92 Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen
    • F92.0 Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung
    • F92.8 Sonstige kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen
    • F92.9 Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen, nicht näher bezeichnet

Diagnose

Um eine Diagnose nach dem ICD-10 stellen zu können, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Das heißt das Kind oder der Jugendliche muss über einen Zeitraum von sechs Monaten aufsässiges oder aggressives Verhalten zeigen.

Leitsymptome der Störung sind:

  • Deutliches Maß an Ungehorsam, Streiten oder Tyrannisieren
  • Ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche
  • Grausamkeit gegenüber anderen Menschen oder Tieren
  • Erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum
  • Zündeln
  • Stehlen
  • Häufiges Lügen
  • Schuleschwänzen
  • Weglaufen von zu Hause

Bei entsprechender Schwere der Symptome, wie beispielsweise das wiederholte mutwillig Zerstören von Eigentum anderer, kann auch ein Einziges der genannten Leitsymptome für die Diagnose ausreichen. Einzelne dissoziale oder kriminelle Handlungen dagegen, wie das einmalige Stehlen von Kaugummi, oder eine kleinere Prügelei auf dem Schulhof rechtfertigen noch keine Diagnose. Wichtig ist, dass die Häufigkeit und Ernsthaftigkeit über normale Dummheiten oder Streiche von Kindern und Jugendlichen hinausgehen.

In vielen Fällen ist das Verhalten von Gefühllosigkeit und Boshaftigkeit sowie von einem Mangel an Reue gekennzeichnet.

Ist das Kind oder der Jugendliche Mitglied einer Bande, und zeigt er keine psychiatrischen Auffälligkeiten, kann die Diagnose ebenfalls nicht gestellt werden [1][2][3]

Komorbidität

Eine sehr häufige Komorbidität findet sich mit der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Eine weitere häufige komorbide Störung ist der Substanzmittelmissbrauch (Alkohol, Drogen und Medikamente). Weitere Störungen sind: Depressive Störungen, Phobische oder Angststörungen, Suizidalität sowie paranoide Zuschreibungen [1].

Häufigkeit

Die Störungen des Sozialverhaltens sind die häufigsten Diagnosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Untersuchungen haben gezeigt, dass 8 Prozent der Jungen und 3 Prozent der Mädchen im Alter zwischen 4 und 16 Jahren an einer Störung des Sozialverhaltens leiden. In der Adoleszenz steigt dieser Anteil bei Jungen sogar auf bis zu 16 Prozent. Der Höhepunkt des Auftretens liegt bei etwa 17 Jahren, geht später aber stark zurück. Gewalt- und Eigentumsdelikte gehen meistens auf männliche Jugendliche zurück [1].

Ursachen

Eine genetische Prädisposition kann nicht belegt werden. Ein genetischer Einfluss erscheint aber als wahrscheinlich.

Ein großer Einfluss scheint aber vom familiären Umfeld auszugehen. Es ist belegt, dass Familien, welche „ihren Kindern Zuneigung entgegenbringen, die moralische Grundsätze klar zum Ausdruck bringen und von ihren Kindern verlangen, sich daran zu halten, die Bestrafung gerecht und konsistent einsetzten und ihr Verhalten erklären und begründen“, in der Regel keine verhaltensgestörten Kinder aufziehen [1].

Ein weiteres Modell zur Entwicklung der Störung des Sozialverhaltens besagt, dass hier die Kombination von verschiedenen Faktoren ein Auftreten der Störung begünstigen, und das vermehrte Auftreten ungünstiger Entwicklungsbedingungen auch eine Aussage über den Verlauf der Störung zulassen. Hier spielen sowohl ungünstige Temperamentsfaktoren beim Kind (motorische Unruhe, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen) sowie die Neigung des Kindes zu sozialen Regelübertretungen zum Erreichen eigener Ziele oder um den Selbstwert zu steigern eine Rolle. Auf der Seite der Familie sind besonders emotionale Vernachlässigung, das Miterleben elterlicher Streitigkeiten, ein Gewalt androhender und Gewalt anwendender Erziehungsstil ungünstig. Ebenso wirken sich Verhaltensstörungen der Eltern erschwerend aus. Hier können sowohl Regelübertretungen und dissoziale Verhaltensweise ungünstig wirken. Auch konnte bei den Störungen des Sozialverhaltens nachgewiesen werden, dass insbesondere Jugendliche, die ein gewalttätiges Verhalten zeigen, häufig als Kinder von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen körperlich und/oder sexuell misshandelt wurden [4].

Durch diese ungünstigen Einflüsse kommt es beim Kind zu Störungen in der Entwicklung von Selbst und Selbstwert. Mögliche Einflussfaktoren sind auch Leistungsmisserfolge in der Schule (hier kann auch eine Teilleistungsschwäche, Sprachentwicklungsstörung verantwortlich sein). Das negative Selbstbild des Kindes sowie negative Zukunftserwartungen und multiple Abwehrmechanismen verzerren die soziale Wahrnehmung. Adoleszentes Risikoverhalten kann auftreten und sich stabilisieren. Die Entwicklungsaufgaben können nicht mehr bewältigt werden. Schließlich kann sich der Jugendliche nur noch devianten Gruppen anschließen, die sich bewusst nicht normkonform benehmen (ebd.).

Behandlung

Verlaufsformen

Die Prognose bei den Störungen des Sozialverhaltens sind unterschiedlich. Häufig beginnen antisoziales und aggressives Verhalten bereits in der Kindheit. Dennoch weisen rund die Hälfte der Jungen, nach ein bis vier Jahren nicht mehr alle nötigen Symptome auf, um die Diagnose zu rechtfertigen. Trotzdem hatten die meisten weiterhin Verhaltensauffälligkeiten.

Möglicherweise gibt es bei der Störung des Sozialverhaltens zwei verschiedene Verlaufsformen. Eine, bei der die Verhaltensauffälligkeiten bereits im Alter von drei Jahren beginnen, und mit schweren Gesetzesüberschreitungen im Erwachsenenalter weiterbestehen. Bei der anderen Verlaufsform beschränken sich die Auffälligkeiten auf die Adoleszenz.

So muss man bei einem Beginn vor dem 10. Lebensjahr von einem eher ungünstigen chronischem Verlauf zur dissozialen Persönlichkeitsstörung ausgehen. Bei einem Beginn nach dem 10. Lebensjahr, ist die Prognose günstiger.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig. Die Interventionen richten sich nach der Schwere der Störung, und den Möglichkeiten, sie zu behandeln. Ebenso spielt eine eventuell diagnostizierte komorbide Störung eine Rolle. So sollten in bestimmten Fällen verschiedene Störungsbilder gleichzeitig behandelt werden .

Ambulante Behandlung

Eine ambulante Behandlung setzt vor allem bei den Eltern an. So müssen die positiven elterlichen Qualitäten verstärkt werden. Training bezüglich der Entwicklung konsequenter positiver und negativer Konsequenzen, Überdenken zu harter, zu gewährender elterlicher Erziehungspraktiken. Auch negative und belastende Faktoren bei den Eltern müssen reduziert bzw. behandelt werden.

Das Kind oder der Jugendliche sollte von problematischen Peergruppen getrennt werden. Es sollte ihm geholfen werden, sich adäquate Peergruppen zu suchen. Auch Problemlösungstraining, die Einbeziehung der Familienhilfe oder die Suche nach außerfamiliären Unterbringungsmöglichkeiten und die Suche nach einer geeigneten Schulform kann helfen.

Bei Jugendlichen kann eine multisystemische Behandlung mit Ansätzen der Betroffenen, den Familienbeziehungen, dem Schul- bzw. Arbeitsmilieu, der Peer-Group und dem Freizeitverhalten hilfreich sein. Auch berufsvorbereitende Maßnahmen, die Kooperation mit den Jugendgerichten, Jugendgerichtshilfe sowie der Bewährungshilfe ist nützlich.

Teilstationäre Unterbringung

Es muss ein hilfreiches therapeutisches Milieu bestehen, falls die Gruppe nicht überwiegend aus dissozialen Kindern/Jugendlichen zusammengesetzt ist. Auch muss Verhaltensmodifikation in der Gruppe möglich sein. Notwendige Elterntrainings lassen sich bei einer teilstationären Unterbringung leichter durchsetzen. Das angebotene Schulprogramm kann helfen, schulische Schwierigkeiten aufzuholen, und eine Förderung bei Teilleistungsschwächen bieten, wenn es ausreichend verhaltenstherapeutisch strukturiert ist. Ein Problemlösetraining ist in diesen Kontext leichter einzubauen und die Steigerung sozialer Kompetenz leichter durchführbar. Psychiatrische Begleitstörungen können systematischer behandelt werden, sofern die Eltern zustimmen. Im Übrigen gleicht das Vorgehen dem bei ambulanter Behandlung.

Stationäre Behandlung

Ist ähnlich dem der teilstationären Behandlung. Hier sollte eine schrittweise Rückführung in die Familie begonnen werden.

Pharmakologische Behandlung

Eine ursächliche Behandlung des Störungsbildes ist nicht möglich. Vielmehr ist es üblich, einzelne Symptome wie Unruhe und Aggressivität symptomatisch zu behandeln. In der Regel finden niederpotente Neuroleptika wie z.B. Pipamperon oder Melperon Anwendung.

Grundsätzlich soll eine Psychopharmakotherapie in einen Gesamtbehandlungsplan einbelassen sein, der auch psycho- und soziotherapeutische Maßnahmen beinhaltet.

Jugendhilfemaßnahmen

Die Möglichkeiten der Jugendhilfe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sind vor allem die Familienhilfe und die Erziehungsbeistandschaft. Auch die Unterbringung kann durch die Jugendhilfe erfolgen. Hier ist vor allem an ein Kinderheim, eine Intensivwohngruppe oder eine Pflegefamilie bzw. eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft (SPLG) zu denken. [3] .

Häufig wird auch bei einer Störung des Sozialverhaltens Hilfen zur Erziehung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eingesetzt. Vor allem eine Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung, welche Elemente der Einzelfallhilfe und der Erlebnispädagogik verbindet wird hier für als Hilfe für Jugendliche eingesetzt.

Literatur

  • Beelmann, A. & Raabe, T. (2007). Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe. ISBN 9783801720414
  • Hautzinger (Hrsg.): Davison und Neale (2002): Klinische Psychologie. Weinheim: BelzPVU, ISBN 3621274588
  • Horst Dilling, Werner Mombour, Martin H. Schmidt (2002): "Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien (Auflage: 5)", Huber, Bern. ISBN 3456841248
  • Resch et al. (1999) Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters - Ein Lehrbuch, PVU, Weinheim
  • Döpfner, M., Schürmann, S., Lehmkuhl, G. (1999): Wackelpeter und Trotzkopf - Hilfen bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. BelzPVU, Weinheim.

Quellen

  1. a b c d Hautzinger (Hrsg.): Davison und Neale (2002): Klinische Psychologie. Weinheim: BelzPVU.
  2. Horst Dilling, Werner Mombour, Martin H. Schmidt (2002): "Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien (Auflage: 5)", Huber, Bern.
  3. a b Dt.Ges.f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. (Hrsg.): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 2. überarbeitete Auflage 2003, Deutscher Ärzte Verlag
  4. Resch et al. (1999) Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters – Ein Lehrbuch, PVU, Weinheim

Weblinks

Siehe auch

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