Betriebstypologie

Eine Betriebsform (seltener Geschäftsform) als eine Erscheinungsform von Betrieben, namentlich von Handelsbetrieben, entsteht durch Klassifizierung oder Typologisierung.

Inhaltsverzeichnis

Klassifikation

Die Klassifikation unterscheidet Handelsbetriebe überschneidungsfrei anhand eines ausschließlichen oder überwiegend kennzeichnenden Merkmals. So können Großbetriebe, Mittelbetriebe und Kleinbetriebe nach einem Quantitätsmerkmal (z. B. Umsatz, Kapital, Geschäftsfläche, Beschäftigte usw.) abgegrenzt und statistisch erfasst werden.

Typologie

Für eine differenzierte, prägnante Abgrenzung der unterschiedlichen Erscheinungsformen des Groß-, mehr noch des Einzelhandels bietet sich die Typologie, typologisches Formenbilden an.

Als Betriebstypologie wird in der Betriebswirtschaftslehre die Systematisierung von Unternehmen anhand verschiedener Ausprägungen grundlegender struktureller Merkmale bezeichnet. Dadurch wird die Identifikation ähnlicher Unternehmen ermöglicht und die Vergleichbarkeit zwischen ihnen transparent gemacht.

Zwei, drei oder mehrere typenbildende (quantitative und/oder qualitative) Merkmale werden kombiniert und kennzeichnen dann gemeinsam die Betriebsform (Betriebstyp). Verschiedene Betriebstypen können sich in einem oder wenigen Merkmalen überschneiden, unterscheiden sich jedoch in einem oder wenigen anderen.

Die verschiedenen, in immer neuen Variationen aufkommenden Betriebstypen sind Ausdruck des intensiven Wettbewerbs im stationären Handel. Jedes Handelsunternehmen steht in einer doppelten Wettbewerbssituation: im Wettbewerb mit Betrieben derselben Betriebsform (intraformaler Wettbewerb) und im Wettbewerb mit Betrieben anderer Betriebsformen (interformaler Wettbewerb).[1]

Morphologischer Kasten

Die schematische Einordnung unterschiedlicher Betriebstypen kann dabei anhand eines morphologischen Kastens erfolgen. In diesem zweidimensionalen Konstrukt werden die relevanten Merkmale und deren Ausprägungen gegliedert.[2]

Merkmal Merkmalsausprägung
Auftragsauslösungsart Produktion auf Bestellung mit Einzelaufträgen Produktion auf Bestellung mit Rahmenverträgen kundenanonyme Vorproduktion/ kundenauftragsbezogene Endproduktion Produktion auf Lager
Erzeugnisspektrum Erzeugnisse nach Kundenspezifikation typisierte Erzeugnisse mit kundenspezifischen Varianten Standarderzeugnisse mit Varianten Standarderzeugnisse ohne Varianten
Erzeugnisstruktur mehrteilige Erzeugnisse mit komplexer Struktur mehrteilige Erzeugnisse mit einfacher Struktur geringteilige Erzeugnisse
Ermittlung des Erzeugnis-/Komponentenbedarfs bedarfsorientiert auf Erzeugnisebene teilweise erwartungs-/teilweise bedarfsorientiert auf Komponentenebene erwartungsorientiert auf Komponentenebene erwartungsorientiert auf Erzeugnisebene verbrauchsorientiert auf Erzeugnisebene
Auslösung des Sekundärbedarfs auftragsorientiert teilweise auftragsorientiert/ teilweise periodenorientiert periodenorientiert
Beschaffungsart weitgehender Fremdbezug Fremdbezug in größerem Umfang Fremdbezug unbedeutend
Bevorratung keine Bevorratung von Bedarfspositionen Bevorratung von Bedarfspositionen auf unteren Strukturebenen Bevorratung von Bedarfspositionen auf oberen Strukturebenen Bevorratung von Erzeugnissen
Fertigungsart Einmalfertigung Einzel- und Kleinserienfertigung Serienfertigung Massenfertigung
Ablaufart in der Teilefertigung Werkstattfertigung Inselfertigung Reihenfertigung Fließfertigung
Ablaufart in der Montage Baustellenmontage Gruppenmontage Reihenmontage Fließmontage
Fertigungsstruktur Fertigung mit geringem Strukturierungsgrad Fertigung mit mittlerem Strukturierungsgrad Fertigung mit hohem Strukturierungsgrad
Kundenänderungseinflüsse während der Fertigung Änderungseinflüsse in größerem Umfang Änderungseinflüsse gelegentlich Änderungseinflüsse unbedeutsam

Beispielhafte Abbildung eines Betriebes

Ein konkretes Unternehmen wird in der Systematik durch eine bestimmte Merkmalsausprägung in jeder Zeile des morphologischen Kastens dargestellt. Dabei ist es möglich, dass auf ein bestimmtes Unternehmen mehrere der zur Auswahl stehenden Merkmalsausprägungen bzgl. eines Kriteriums zutreffen. Entsprechend werden dann mehrere Einträge einer Zeile markiert.[2]

Merkmal Merkmalsausprägung
Auftragsauslösungsart Produktion auf Bestellung mit Einzelaufträgen Produktion auf Bestellung mit Rahmenverträgen kundenanonyme Vorproduktion/ kundenauftragsbezogene Endproduktion Produktion auf Lager
Erzeugnisspektrum Erzeugnisse nach Kundenspezifikation typisierte Erzeugnisse mit kundenspezifischen Varianten Standarderzeugnisse mit Varianten Standarderzeugnisse ohne Varianten
Erzeugnisstruktur mehrteilige Erzeugnisse mit komplexer Struktur mehrteilige Erzeugnisse mit einfacher Struktur geringteilige Erzeugnisse
Ermittlung des Erzeugnis-/Komponentenbedarfs bedarfsorientiert auf Erzeugnisebene teilweise erwartungs-/teilweise bedarfsorientiert auf Komponentenebene erwartungsorientiert auf Komponentenebene erwartungsorientiert auf Erzeugnisebene verbrauchsorientiert auf Erzeugnisebene
Auslösung des Sekundärbedarfs auftragsorientiert teilweise auftragsorientiert/ teilweise periodenorientiert periodenorientiert
Beschaffungsart weitgehender Fremdbezug Fremdbezug in größerem Umfang Fremdbezug unbedeutend
Bevorratung keine Bevorratung von Bedarfspositionen Bevorratung von Bedarfspositionen auf unteren Strukturebenen Bevorratung von Bedarfspositionen auf oberen Strukturebenen Bevorratung von Erzeugnissen
Fertigungsart Einmalfertigung Einzel- und Kleinserienfertigung Serienfertigung Massenfertigung
Ablaufart in der Teilefertigung Werkstattfertigung Inselfertigung Reihenfertigung Fließfertigung
Ablaufart in der Montage Baustellenmontage Gruppenmontage Reihenmontage Fließmontage
Fertigungsstruktur Fertigung mit geringem Strukturierungsgrad Fertigung mit mittlerem Strukturierungsgrad Fertigung mit hohem Strukturierungsgrad
Kundenänderungseinflüsse während der Fertigung Änderungseinflüsse in größerem Umfang Änderungseinflüsse gelegentlich Änderungseinflüsse unbedeutsam

Bedeutung für das Handelsmanagement

Für das Handelsmanagement bedeuten die Wahl der Betriebsform (oder verschiedener Betriebstypen innerhalb eines Unternehmens oder Konzerns), seine Variation oder seine Ergänzung um andere Betriebstypen eine wichtige strategische Entscheidung. Handelskonzerne, größere Filialunternehmen und Verbundgruppen des Handels betreiben mitunter mehrere Betriebstypen gleichzeitig, z. B. SB-Warenhäuser, Fachmärkte, Discountmärkte und Online-Handel. Auch lassen sich im Handel durch eine Neukombination typenbildender Merkmale, traditioneller wie neuartiger Merkmale, immer neue Betriebstypen entwickeln – eine strategische Herausforderung für modernes Handelsmarketing (Betriebstypeninnovation). Beispielsweise könnte aus den traditionellen Betriebsformen Automat, Spezialbuchhandlung und fahrendem Laden durch ihre bloße Verknüpfung eine innovative Betriebsbform realisiert werden: ein fahrender Taschenbücher-Automat.

Bei den Betriebsformen des Groß- oder des Einzelhandelhandels handelt es sich in der Regel um Betriebstypen. In der Literatur und in der Praxis werden Betriebsform und Betriebstyp meist synonym verwendet. Bisher konnte sich jedoch noch keine einheitliche Definition durchsetzen. In der Betriebswirtschaftslehre des Handels wurde gelegentlich vorgeschlagen, den Begriff Betriebsform auf die Stellung eines Handelsbetriebes in der Distributionskette zwischen Urerzeuger und Konsument anzuwenden, d. h. auf welcher Wirtschaftsstufe sich der Handelsbetrieb befindet; und der Begriff Betriebstyp wäre zu verwenden, um die Stellung innerhalb einer Wirtschaftsstufe zu kennzeichnen. Diese Unterscheidung ist jedoch unzweckmäßig, da einige Betriebstypen nicht nur einer Wirtschaftsstufe angehören, sich nicht eindeutig einer Wirtschaftsstufe zuordnen lassen (e-commerce) oder eine sonstige Mischform darstellen (z. B. Handwerkshandel oder Kommissionshandel).

Mögliche typenbildende Merkmale sind: Wirtschaftszweig, Art der Leistung, Betriebsgröße, Rechtsform und vorherrschender Produktionsfaktor.

Beispiele

Betriebstypen des Einzelhandels

(Auswahl aus ACNielsen[3] und Schenk[4])

Betriebstypen des Großhandels

Effekte der Betriebsformen

  • Agglomerationseffekt
  • Kopplungseffekt
  • Destinationseffekt
  • Wettbewerbseffekt: Jeder Betriebstyp des Handels gerät (nach Schenk) in eine doppelte Wettbewerbsbeziehung, a) mit Wettbewerbern derselben Betriebsform (intraformaler Wettbewerb), b) mit Wettbewerbern anderer Betriebsformen (interformaler Wettbewerb). Je nach Markttransparenz und Käuferverhalten können damit spezifische Wettbewerbseffekte, Wettbewerbsvorteile oder -nachteile, verbunden sein. Beispielsweise steht ein Fachgeschäft nicht nur mit anderen Fachgeschäften am Ort (mit ähnlichem Leistungs- und Kostenniveau) im Wettbewerb, sondern etwa auch mit Warenhäusern und Discountern - mit dem überregional anbietenden Versandhandel und dem Online-Handel ohnehin. Bei sortengleichen Artikeln ist das Fachgeschäft somit einem verschärften Preiswettbewerb mit Discountern ausgesetzt, sofern die Konsumenten die Preise vergleichen. Deren Rückschlussen auf vermeintlich "überhöhte" Fachhandelspreise muss durch Preisangleichung oder -unterbietung (z.B. durch Sonderangebote) entgegengewirkt werden.

Literatur

  • Karl Kurbel: Produktionsplanung und -steuerung. Methodische Grundlagen von PPS-Systemen und Erweiterungen. 5. Aufl., München 2003, S. 32ff.
  • Hans Jung: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 10. Aufl., Oldenbourg 2006, S. 13ff., ISBN 3486580493.
  • Hans-Otto Schenk: Marktwirtschaftslehre des Handels, Wiesbaden 1991, ISBN 3-409-13379-8.
  • Hans-Otto Schenk: Psychologie im Handel, 2. Aufl., München/Wien 2007, ISBN 978-3-486-58379-3.
  • Wolfgang Korndörfer: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Aufbau, Ablauf, Führung, Leitung. 13. Aufl., Gabler 2003, S. 5ff., ISBN 3409120483.

Einzelnachweise

  1. Hans-Otto Schenk: Die Bedeutung der Betriebsformen für den spezifischen Wettbewerb im Handel. In: Jahrbuch der Absatz- und Verbrauchsforschung, IV. Quartalsheft 1966.
  2. a b Gerrit Sames, Winfried Büdenbender: Aachener PPS-Modell. Das morphologische Merkmalsschema. (Sonderdruck 4/90), 7. Aufl., Forschungsinstitut für Rationalisierung an der RWTH Aachen 1998.
  3. Definitionen nach ACNielsen (Seite 13)
  4. Hans-Otto Schenk: Marktwirtschaftslehre des Handels, Wiesbaden 1991, S. 158-163

Weblinks


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