Beutetürke

Beutetürken waren osmanische Kriegsgefangene während der so genannten Türkenkriege, welche im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert nach Deutschland verschleppt und vollständig assimiliert wurden.

Inhaltsverzeichnis

Türkenkriege

Schon seit dem Untergang des Byzantinischen Reiches bzw. der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 durch Sultan Mehmet II., spätestens aber mit der ersten Belagerung von Wien im Jahre 1529 durch Sultan Süleyman I. galt das islamische Osmanische Reich als ernste Gefährdung des Abendlandes. Auf dem Höhepunkt seiner Expansionsphase Mitte des 17. Jahrhunderts versuchte das Osmanische Reich die Habsburger vernichtend zu schlagen und belagerte Wien erneut. Die Befreiung Wiens am 12. Dezember 1683 durch eine Koalitionsarmee von Venezianern, Sachsen, Bayern und Polen sowie Kaiserlich-Habsburgern bedeutete eine Wende in den militärisch-politischen Beziehungen zwischen Habsburgern und Osmanen. Auf der ideologischen Ebene wurde die Rettung Wiens als Triumph des Christentums über den Islam gedeutet. In den Folgejahren kam es zur weiteren Rückeroberungen seitens der Habsburger. 1685 fiel die Festung Neuhäusel, 1686 Budapest, 1687 Mohács und schließlich 1688 Belgrad.

Während der Türkenkriege standen sich beide Seiten an Brutalität und Gewalt in nichts nach. So berichtet der „Türkenlouis“, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden seinem Kaiser, die entscheidende Schlacht bei Novi Slankamen vom 19. August 1691 habe „ein groß blut gekostet …“ und „alß daß nicht glaube, daß in dießen seculo ein scherffers und blutigers gefecht vorbeygangen…“[1]Hatten die Osmanen schon die Kinder der eroberten Gebiete verschleppt und umerzogen zu den Janitscharen, so deportierten die höheren Ränge der Militärs der Siegermächte nun ihrerseits die kräftigsten „Beutetürken“ und schönsten „Beutetürkinnen“ als Kriegsgefangene in die einzelnen Residenzen vor allem in Süddeutschland. In Stuttgart, Heidelberg und München fanden sich Hunderte osmanische Kriegsgefangene als Hoflakaien. Aber auch weiter nördlich wie in Hannover und Berlin findet man ihre Spuren. Neben anderen Beutestücken war es bei den heimkehrenden „Türkenstreitern“ üblich, Menschen als lebendige Beute und Trophäe zu versklaven, vielfach zu dem Zweck, sie nach der Rückkehr einem Patron oder Herren zu schenken oder zu verkaufen, um sich einen sozialen Vorteil zu verschaffen. In den Kreisen der Fürsten und des höheren Adels war es zu jener Zeit ein wichtiges Prestigemerkmal, den eigenen Hofstaat mit exotisch gekleideten jungen Türken zu schmücken. Diese führten als Lakaien und Zofen ein relativ angenehmes Leben. Die Zeit des Barock bevorzugte das Exotische, zu den Chinoiserien und Hofmohren an den Höfen gesellten sich nun die Turquerien.

Assimilation

Der anfängliche Status als Sklaven wandelte sich jedoch sehr schnell in Patronage-Beziehungen von quasi-familiären Charakter. Der Entlassung in die Freiheit und Einbürgerung der verschleppten Türken war ein Integrationskonzept vorgeschaltet, welches nach Erlernen von „Teutsche Sprache und Haubtstücke der Christlichen Lehre“ in die Konversion vom Muslimen zum Christen mündete. Meist erfolgte die Katholisierung in den ersten vier Jahren, teilweise dauerte es Jahrzehnte. So konvertierte ein achtzigjähriger türkischer Offizier mit Namen Hussein in einen Friedrich Karl Wilhelm Benedict.

Der Landesvater dekretierte in alten Zeiten die Religionszugehörigkeit seiner leibeigenen Untertanen. Die Zwangstaufen der muslimischen Beutetürken erfolgte nach intensivem Sprachunterricht und religiöser Unterweisung. Die Taufe krönte die Assimilationsmaßnahmen und kam einer Einbürgerung gleich. Diese „Türkentaufen“ hatten ähnliche Beliebtheit unter der Bevölkerung wie die Vollstreckung von Todesurteilen oder Hexenverbrennungen (magno confluxu). Der Taufwillige hatte sich öffentlich zu bezichtigen „ein Türck und verdammter Mensch“ zu sein, bevor er Erlösung aus diesem jämmerlichen Zustand in Form der christlichen Taufe fand und einen christlichen Namen bekam. Teilweise bekamen die Täuflinge während der Einsegnung auch Namen, welche sich auf deren Ort der Herkunft oder Geburt oder den Paten bezogen. Es war beliebt in der lokalen Prominenz, Taufpatenschaften für den „gewesten Türk“ zu übernehmen, welche nach der Konvertierung ohne großen Aufsehens in die Gesellschaft entlassen wurden.

Nach der Taufe verdingten sich die meisten der ehemaligen Muslimen als Personal beim ehemaligen Besitzer. Schon in der ersten Generation fanden sich Beutetürken an vertraulichen Positionen wieder als Steuereintreiber, Stadthauptmann oder Landvogt.

Die meisten heirateten in den deutschen Mittelstand und hatten Kinder. So wird auch Johann Wolfgang von Goethe ein solcher türkischstämmiger Vorfahre nachgesagt. Nämlich der im 14. Jahrhundert lebende Sadok Selim Soltan aus Brackenheim. Manche schafften den Sprung in die höchsten Kreise. Die 1686 aus Budapest verschleppte Fatma Kariman gelangte als Mätresse an den Hof von August dem Starken, welcher die Beutetürkin später mit seinem Oberkommandierenden Hermann von Baden verheiratete und damit zur späteren Gräfin Castell erhob. Der Kurfürst von Hannover bewegte den Kaiser dazu, seinen Kammerdiener als Mehmet von Königstreu in den Adelsstand zu erheben, ließ ihn also mit einem vererbbaren Adelstitel ausstatten.

Kulturelle Einflüsse

Der kulturelle Austausch im Zusammenhang mit Beutetürken und Türkenbeute zeigte sich vor allem im Kunsthandwerk im Sinne des „alla turca“: So zeugen die reizvollen Geschmeide der „Turquerien“, die neue Figurenwelt in der Porzellankunst und der Goldschmiedekunst von einer Bereicherung. Ebenso die Anlage des „Türkischen Gartens“ in Schwetzingen und der darauf folgende kostspielige Bau der „Türkischen Moschee“. Ehemalige Militärmusikanten fanden Aufnahme in den fürstlichen Militärkapellen und bereicherten die abendländische Musik um das bislang unbekannte Instrumentarium der einschüchternd klingenden Pauken, Becken, Hautboien, Triangel, Schellenbaum und Trompeten. Wolfgang Amadeus Mozart brachte die neue Dimensionen der Klangwelt der zu seiner Zeit hochgeschätzten „Türkenoper“ 1781 mit der „Entführung aus dem Serail“ zu höchster künstlerischer Reife. Das auffallende Gefallen an dekorativen Flächenfüllungen im Sinne des horror vacui in der Malerei zeugt ebenfalls von den neuen Einflüssen. Ebenfalls prägend war die Ornamenttechnik der islamischen Kunst. Blumen wie Rose, Nelke, Hyazinthe und Tulpe sind türkische Importerzeugnisse und selbst heute die meistangewendeten floralen Motive. Als „Blumengefilde des Paradieses“ schmückten diese Blumen symbolisch das Kriegsgerät, um den Eingang des gefallenen Kriegers des Islam im heiligen Krieg (dschihad) als Märtyrer (Schahid) zu verdeutlichen. Ebenso finden das typisch osmanische Drachen- und Wolkenbandornament Eingang in die deutsche Kunst. Nikolaus Strauß führte 1697 in Würzburg das erste Kaffeehaus ein.

Bekannte Beutetürken

Die Forschung ist bislang unvollständig und umfasst inzwischen mehrere Hundert Namen, welche aus Grabsteinen und kirchlichen Chroniken überliefert sind. Bekannte Namen für ehemalige Beutetürken sind unter anderem

Literatur

  • Hartmut Heller: Um 1700: Seltsame Dorfgenossen aus der Türkei. Minderheitsbeobachtungen in Franken, Kurbayern und Schwaben. In: Hermann Heidrich u.a. (Hrsg.): Fremde auf dem Land. (= Schriften Süddeutscher Freilichtmuseen, 1) Bad Windsheim 2000, S. 13-44
  • Faruk Şen & Hayrettin Aydın: Islam in Deutschland. Beck, München 2003, ISBN 3-406-47606-6, S. 10-12. ISBN 3-406-47606-6
  • Joseph von Hammer-Purgstall: Geschichte des Osmanischen Reiches. Bd. 3. Pest 1835, S. 725ff.
  • Philipp Roeder von Diersburg: Des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden Feldzüge wider die Türken. Bd. 2. Karlsruhe 1842, S. 385
  • Zdisław Zygulski jr.: Turkish Trophies in Poland and the Imperial Ottoman Style. In: Armi antiche. Numero speciale per il 60 congresso dell associazione internazionale dei musei d’armi e di storia militare. Turin 1972, S. 26-66
  • Eva Verma: Beutetürken. In: „…wo du auch herkommst“. Binationale Paare durch die Jahrtausende. Dipa, Frankfurt 1993, S. 47-56. ISBN 3-7638-0196-0 (auch einiges in: Hofmohren ebd. S. 73 ff.)

Weblinks

Fußnoten

  1. Ernst Petrasch: Die Karlsruher Türkenbeute. Website des Virtuellen Museums Karlsruher Türkenbeute (PDF, S. 2)

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