AGM-88

Die AGM-88 HARM (High-Speed-Anti-Radiation-Missile) ist eine Luft-Boden-Rakete, die speziell zur Bekämpfung von bodengestützten Radaranlagen entwickelt wurde. Produziert wird sie heute von dem US-Konzern Raytheon, ursprünglich wurde sie aber von Texas Instruments entwickelt und eine Zeit lang produziert. Die Vorgänger der HARM waren die AGM-78 Standard ARM und die AGM-45 Shrike.

Eine HARM Anti-Radar-Rakete

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Den Kern des Lenksystems bildet ein Breitband-Radio-Empfänger, welcher einen Frequenzbereich von 2 - 20 GHz überwachen kann. Sobald dieser Empfänger, oder die Avionik des Trägerflugzeuges, die Radaremissionen eines SAM-Radars wahrnimmt, wird der Suchkopf der HARM auf dieses ausgerichtet und abgeschossen. Die Rakete orientiert sich nun bis zum Einschlag an den von dem Radar abgestrahlten elektromagnetischen Wellen. Die frühen Versionen dieser Waffe konnten noch durch das Abschalten des Radars neutralisiert werden, spätere Versionen verfügen jedoch über eine INS- und/oder GPS-Navigationseinheit die es der Rakete ermöglichen, die letzte bekannte Position der Radaranlage anzufliegen. Die in der Entwicklung befindliche AGM-88E ARRGM (siehe unten) kann darüber hinaus auch mobile Radare nach deren Abschaltung mittels eines bordgestützten, aktiven Radars orten und bekämpfen. Die HARM ist des Weiteren der wichtigste Bestandteil der sogenannten „Wild Weasel“-Taktik. Diese ist speziell zur Bekämpfung und Niederhaltung von radargelenkten Luftabwehrsystemen entwickelt worden.

Betriebsmodi

Die HARM verfügt über vier grundlegende Betriebsmodi, welche im Folgenden kurz erläutert werden.

  • Pre-Brief (PB): In diesem Modus wird der Rakete die ungefähre Position der feindlichen Radaranlage vor dem Abschuss durch die Bordavionik des Trägerflugzeuges mitgeteilt. Hierzu wird das sogenannte HTS (HARM Targeting System) benötigt, welches als Schnittstelle zwischen Bordavionik und Rakete dient. Dieses Verfahren ermöglicht es, die HARM mit ihrer maximalen Reichweite einzusetzen, weshalb es auch von allen SEAD-Flugzeugen eingesetzt wird.
  • Equations-Of-Motion (EOM): EOM ist im Grunde ein erweiterter PB-Modus. Der Unterschied besteht darin, dass bei diesem Verfahren die Position und Charakteristik der feindlichen Radaranlage genau bekannt ist. Dies steigert zwar die Effizienz, es wird jedoch eine leistungsfähige Bordavionik benötigt.
  • Target Of Opportunity (TOO): In diesem Modus schaltet der Suchkopf der HARM bereits vor dem Abschuss auf ein Ziel auf. Dadurch wird keine komplexe Bordavionik benötig, was die Rakete kompatibel zu nicht spezialisierten Plattformen macht. Allerdings ist der Empfänger der Rakete nicht empfindlich genug, um Radarsignale schon bei maximaler Reichweite aufzufassen, so dass diese meist nicht ausgenutzt werden kann.
  • Self Protect (SP): Dieser Modus ist zum Selbstschutz des Trägerflugzeuges ausgelegt. Die Rakete ist an die Radarwarnanlage des Flugzeuges angebunden, so dass eine 360° Überwachung möglich ist. Sollten die Sensoren eine Radaranlage erfassen, wird die HARM nahezu verzögerungsfrei, nach Bestätigung des Abschussbefehls des Piloten, auf diese abgeschossen.

Varianten

AGM-88A

Sie ist mit einem raucharmen Feststoffraketenantrieb, einem 66 kg schweren Gefechtskopf ausgestattet, der bei Zündung in ca. 25000 Stahl-Fragmente zerfällt. Die AGM-88A wird oft auch als AGM-88 Block I bezeichnet, denn ab 1986 wurde die AGM-88 Block II produziert, die seit 1987 AGM-88B heißt. Später ging man dazu über nur noch Software Updates Block zu nennen. Die Rakete wurde 1983 bei der US-Luftwaffe und -Marine eingeführt.

AGM-88B

Es wurde ein verbesserter Suchkopf und neue Software (Block II) verwendet. Ebenfalls wurde die Computerhardware der Rakete verbessert, damit sie mit der neuen Software (Block III) die ab 1990 verfügbar war umgehen konnte. Darüber hinaus konnte die Software nun auch kurz vor einem Einsatz neu programmiert werden, was eine genauere Abstimmung auf die zu erwartende Gefahrenlage zuließ. Früher war dieses Verfahren nur in den Fabriken des Herstellers möglich.

AGM-88C

Ab 1993 wurde die C-Version der HARM eingesetzt. Es wurde der Gefechtskopf verbessert, der jetzt bei der Zündung in 12800 Wolframsplitter zerfällt. Der Suchkopf erfuhr eine umfassende Leistungssteigerung, wozu unter anderem ein breiterer Frequenzbereich (0,5 - 20 GHz), ein stärkerer Signalprozessor und eine erhöhte Empfangsempfindlichkeit zählt. Der Suchkopf aller AGM-88C wurde bei Texas Instruments (C-1) und Loral (C-2) gebaut. Anfänglich wurde die Rakete mit der Block IV-Software ausgeliefert, später kamen noch zwei Updates heraus, Block V für die 88C und Block IIIB für die älteren 88B Raketen. Mit diesen Updates wurde auch der HOJ-Modus eingeführt, welcher es der Rakete ermöglicht, Störsender (z. B. GPS-Jammer) zu erfassen und zu bekämpfen.

AGM-88D

Das aktuelle Update Block VI wurde in Zusammenarbeit, zwischen den USA (Raytheon), Deutschland (BGT) und Italien (Alenia) entwickelt. Es wurde ein GPS-Empfänger eingebaut, so dass die Rakete ein abgeschaltetes Radar nun präziser treffen kann. Bei den US-Streitkräften ist die Block VI Variante als AGM-88D bekannt. Da Deutschland und Italien nur die alten B-Versionen haben, läuft die Rakete dort unter dem Namen AGM-88B Block IIIB.

AGM-88E AARGM

AGM-88E

Bei der AARGM (Advanced Anti-Radiation Guided Missile) handelt es sich um eine verbesserte Block VI Rakete, bei der neben dem GPS jetzt ein MMV (Millimeter Wave) Radarsuchkopf verwendet wird, welcher von Alliant Techsystems entwickelt wird. Dadurch wird auch die Bekämpfung von mobilen radarbasierten Flugabwehrsystemen (z. B. Tor M1 oder Gepard) möglich, auch wenn diese ihr Radar abschalten und sich fortbewegen. Die Computerhardware ist im Gegensatz zu D-Version eine völlige Neuentwicklung. Weitere Ziele des Programms sind Tarnkappeneigenschaften für den Flugkörper und die Integration in die F-22 Raptor. Die ersten Abschusstest fanden im Mai 2007 statt, ab 2009 soll die Waffe in Dienst gestellt werden.

Einsatz

Das erste Mal wurde die HARM während der Luftangriffe auf Tripolis (Libyen) durch die United States Navy und USAF 1986 eingesetzt. Die verwendete A-Version stellte sich als effektives Bekämpfungsmittel gegen die libyschen Flugabwehrsysteme vom Typ SA-2, SA-3 und SA-5 heraus.

Der nächste Einsatz fand während des Zweiten Golfkrieges statt. Es wurden mehr als 2000 Raketen vom Typ AGM-88B Block III abgeschossen. Obwohl sich das Militär zufrieden mit deren Einsatzeffizienz zeigte, verwendete die US Navy, im Gegensatz zur Air Force, später nur noch Block II Raketen. Diese Entscheidung lag im Update-Prozess der Block III-Rakete begründet: Wollte man die Software aktualisieren, so musste die gesamte Rakete eingeschaltet werden, was das, wenn auch geringe, Risiko eines ungeplanten Raketenstarts mit sich brachte. Da dies in den Munitionsdepots eines Flugzeugträgers höchst verheerende Folgen haben konnte, entschied sich die Navy auf diese Funktion zu verzichten.

1999 wurde im Rahmen des Kosovo-Krieges die ersten C-Varianten durch die US Air Force eingesetzt. Deutschland setzte die älteren B-Varianten ein. Während der Kampfhandlungen kam es zu einigen Problemen bezüglich der HARM. Einige serbische Flugabwehrbatterien erkannten schon früh den Abschuss von HARM-Raketen, was sie veranlasste, ihr Radar sofort abzustellen. Zwar konnte die Rakete ihren Zielanflug fortsetzen, jedoch wurde die Ungenauigkeit (CEP) des INS so groß, dass meist keine nennenswerten Schäden verursacht wurden. Diese Problematik wurde meist durch die Nähe der feindlichen Luftabwehr zu zivilen Einrichtungen verschärft. Dieser Konflikt gab auch den Anlass zur Entwicklung der D-Variante, welche präzise mittels GPS gelenkt wird.

Es ist wahrscheinlich, dass die HARM auch während des Irakkrieges zum Einsatz kam, wobei hierzu keine offiziellen Daten vorliegen.

Plattformen

Technische Daten

AGM-88A HARM
Kenngröße Daten
Hauptfunktion    Taktische Anti-Radar-Rakete
Hersteller    Raytheon (Texas Instruments)
Länge    4,1 m
Durchmesser    25,4 cm
Spannweite    1,1 m
Startgewicht    360 kg
Antrieb    einstufige Feststoffrakete
Geschwindigkeit    > 2.280 km/h
Reichweite     150 km
Lenkung    Inertial, passive Radaransteuerung, "home-on-jam" (ab C-Version),
    GPS (ab D-Version), aktives Radar (nur E-Version)
Frequenzbereich    0,5 - 20 GHz
Gefechtskopf    66 kg Splittersprengkopf
Zündung    Annäherungs- und Aufschlagzünder
Stückkosten    284.000 US$
Indienststellung    1983

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