1. Sinfonie (Haydn)
Joseph Haydn
Joseph Haydn.jpg
Sinfonie Nr. 1 in D-Dur
Hob: I:1
Entstehungsjahr: 1757
Schaffensperiode: Morzin
AD: ca. 15 min
Besetzung
Streicher
2 Oboen
2 Hörner
Continuo: Fagott, Cembalo
Sätze
1. Presto
2. Andante
3. Presto
Sinfonien Joseph Haydns

Die Sinfonie Nr. 1 D-Dur komponierte Joseph Haydn um 1757.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Bei der Sinfonie Nr. 1 handelt es sich vermutlich um Haydns erste Sinfonie.[1] Nach dem Haydn-Biographen Griesinger soll der Komponist selbst das Werk als seine erste Sinfonie bezeichnet und mit dem Dienst beim Grafen Morzin in Verbindung gebracht haben.[2] Da von der Sinfonie Nr. 37 eine Kopie aus dem Jahr 1758 belegt ist, entstand Nr. 1 als älteres Werk vermutlich im Jahr 1757.[2] Die von Robbins Landon herausgegebene „Kritische Ausgabe sämtlicher Sinfonien“[3] führt für einige weitere Sinfonien (z. B. „A“, „B“, Nr. 4, Nr. 5, Nr. 10) das Jahr 1757 als frühestmögliches Kompositionsjahr an, während Walter (2007)[1] diese Werke (allerdings mit Fragezeichen) für 1760/61 einordnet.

Allgemein lassen sich bei Haydns „Morzin“-Sinfonien verschiedene Typen beobachten:

  • Die meisten Werke sind dreisätzig, nicht jedoch z. B. Nr. 11, 20, 27, 32 und 33.
  • Die typische Satzabfolge schnell – langsam – (Menuett) – schnell findet sich nicht bei z. B. Nr. 5, 11, 15, 18 und 25, die mit einem langsamen Satz beginnen; Nr. 32, 37 und „B“ bringen das Menuett an 2. Stelle.
  • Das Orchester ist meist „klein“ (Streicher, Oboen, Hörner). Authentische Trompeten- und Paukenstimmen liegen aus der Morzin-Ära nur von der Sinfonie Nr. 33 vor. Die Trompeten- und Paukenstimmen der Werke Nr. 20, 32 und 37 werden von der Forschung mittlerweile als nicht original bezeichnet und sind bei sämtlichen neueren Einspielungen weggelassen (so etwa bei den Aufnahmen von Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music).
  • Es treten „galante“ Werke mit Akkordmelodik, Läufen und Tremolo auf („Rokoko-Typ“, z. B. Sinfonien Nr. 1 und 10), teilweise aber auch sangliche Themen (z. B. 2. Satz von Nr. 20), polyphone Sätze (z. B. in der Sinfonie Nr. 3) sowie choralartig-feierlich anmutende Satztypen, die an den Spätbarock erinnern (etwa die Eingangssätze der Sinfonien Nr. 5, 11 und 25).
  • Als Soloinstrumente treten in größerem Umfang lediglich die Hörner und teilweise die Oboen auf, meist in ersten Sätzen der Sinfonien, die mit einem langsamen Satz beginnen sowie in den Trios der Menuette. Das Fagottsolo im Trio der Sinfonie Nr. 108 ist in Haydns frühem Schaffen einzigartig und stellt die Musikwissenschaft bis heute vor ein Rätsel.

Während Walter[1] zur 1. Sinfonie insgesamt meint, dass sie „kein Geniestreich (ist), sondern das Werk eines einigermaßen versierten, aber auch handwerklich noch nicht routinierten Sinfonie-Komponisten“, lobt Finscher (2000)[2] im 1. Satz den „meisterhafte(n), ganz detail-ökonomische(n) Aufbau des Satzes, der die Zielstrebigkeit des Mannheimer Crescendos auf die zielstrebige Steigerung der großformalen Teile überträgt“, spricht andererseits von einem „relativ konventionelle(n)“ Andante, während Webster[4] im langsamen Satz die „unnachahmlich lebhafte Tiefsinnigkeit“ hervorhebt.

Zur Musik

Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurden damals auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) eingesetzt, wobei seit einer Untersuchung des britischen Musikwissenschaftlers James Webster über die Beteiligung des Cembalos unterschiedliche Auffassungen bestehen. [5] Mehrere namhafte Vertreter der historischen Aufführungspraxis wie Trevor Pinnock, Ton Koopman und Roy Goodman verwenden in ihren Einspielungen das Cembalo als Continuoinstrument bezw. sprechen sich eindeutig dafür aus. [6]

Aufführungszeit: ca. 12 Minuten.

Das, was später als typische Sonatensatzform bekannt werden sollte, war zum Zeitpunkt der Komposition noch in Entwicklung begriffen. Dies ist bei den hier benutzten, entsprechenden Begriffen zu berücksichtigen. – Die hier vorgenommene Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

1. Satz: Presto

D-Dur, 4/4-Takt, 86 Takte
Der Satz eröffnet mit einem aufsteigenden, fanfarenartigen Crescendo über einem „Trommelbass“ auf D (Motiv 1, ähnlich einem Mannheimer Crescendo). Nach einer kurzen Hornfanfare in Takt 6 und einem „Klingelmotiv“ (Motiv 2) mit Quarten in Takt 7 / 8 bricht die Bewegung in Takt 9 mit Akkorden auf der Dominante A-Dur ab. Es schließen sich 2 Takte mit einer aus Motiv 1 abgeleiteten Figur (Motiv 3) an, die vom Aufbau „themenähnlicher“ sind als Motiv 1.

Es folgt eine lockere Aneinanderreihung von überwiegend auf Dreiklangs- bzw. Akkordmelodik basierenden Motiven, Läufen und Tremolo. Bemerkenswert ist der Abschnitt mit einem neuen Motiv (Motiv 4) von Takt 28 bis 33 in a-Moll. Die „Exposition“ endet nach einer Schlussgruppe (Motiv 5, Takt 37 ff.) in Takt 39.

Der Abschnitt von Takt 40 bis 58 (keine Durchführung im engeren Sinne, da kaum Material der Exposition verarbeitet wird) enthält weitere Läufe, Tremolo und Akkordmelodik, zudem ein weiteres, abwärts sequenziertes Laufmotiv (Motiv 6) (Takt 47–49), eine Unisono-Passage (Takt 50) sowie eine Hornfanfare mit Synkopen.

Die „Reprise“ ist ähnlich der Exposition strukturiert, jedoch ist Motiv 3 um 2 Takte erweitert. Die beiden Hauptabschnitte des Satzes („Exposition“ sowie „Durchführung“ und „Reprise“) werden jeweils einmal wiederholt.

Der Satz hat einen kurzweiligen, unbeschwerten Charakter vom Rokoko-Typ und lebt vom Wechsel seiner Motive und den Kontrasten in der Dynamik (Piano bis Fortissimo). Jacob (1952)[7] sieht vor dem Hintergrund von Haydns Kindheit als Sohn eines Wagenbauers einen Zusammenhang vom „Trommelbass“ am Satzanfang mit einem sich schneller drehenden, neuen Wagenrad.

2. Satz: Andante

G-Dur, 2/4-Takt, 78 Takte, nur Streicher
Kennzeichnend für das Andante ist ein triolischer Auftakt, dessen Bedeutung „im Verlauf des Satzes mehrfach zwischen bloßer rhythmischer Auftaktfunktion und motivisch-melodischer Aufgabe“[1] wechselt.

Zunächst wird das viertaktige Hauptthema mit schreitendem Charakter und charakteristischer Tonwiederholung vorgestellt, um dann in einer Variante mit vorhaltsartigen Dissonanzen fortgeführt zu werden. Nach einer Passage mit Synkopen und einem Septakkord auf A etabliert sich die Dominante D-Dur mit einem kurzen Triolen-Dialog der Violinen. Danach treten bis zum Ende des ersten Teils in Takt 28 noch zwei weitere kleine Motive auf, beide ebenfalls mit Triolen.

Der zweite Teil des Satzes beginnt mit einer Fortspinnung des Hauptthemas, die wiederum in einen Triolen-Dialog mit Abwärts-Sequenzierung übergeht. In Takt 50 ff. setzt die Variante vom Hauptthema analog Takt 6 in g-Moll ein, gefolgt von einer Synkopen-Passage. In Takt 61 setzt der Abschnitt analog Takt 11 des ersten Teils ein. Je nach Sichtweise kann man hier den Beginn der (verkürzten) „Reprise“ setzen. Beide Satzteile werden einmal wiederholt.

3. Satz: Presto

D-Dur, 3/8-Takt, 81 Takte
Wie für eine Sinfonie dieser Zeit typisch, ist der letzte Satz als ein „Rausschmeißer“ oder „Kehraus“ angelegt. Beginnend mit einem fanfarenartig-aufsteigenden D-Dur-Dreiklang und Akkordmelodik (Motiv 1) folgt ohne Überleitung ein weiteres Motiv (Motiv 2) mit punktiertem Rhythmus und vorschlagsartiger Figur auf der Basis eines E-Dur-Septakkordes. Nach sechs Takten mit Sechzehntel-Lauffiguren der 1. Violine (Motiv 3) beginnt in Takt 21 Motiv 4 mit einem auffälligen Sprung über eine Dezime abwärts und beendet den ersten Teil des Satzes in Takt 32 mit Akkordschlägen auf A.

In der Mini-„Durchführung“ (Takt 33–47) treten kurz Motiv 1 und Motiv 2 auf. Die Reprise (Takt 48 ff.) ist ähnlich der Exposition strukturiert. Beide Satzteile werden einmal wiederholt.

Weblinks, Noten

Einzelnachweise

  1. a b c d Michael Walter: Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-44813-3
  2. a b c Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6
  3. Howard Chandler, Robbins Landon (Hrsg.): Kritische Ausgabe sämtlicher Sinfonien von Joseph Haydn. Philharmonia Universal Edition, Wien ohne Jahresangabe (Taschenpartituren)
  4. James Webster: Hob.I:1 Symphonie in D-Dur. Besprechung von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 1 im Rahmen des Projektes „Haydn 100&7“ der Haydn-Festspiele Eisenstadt: haydn107.com Stand 29. März 2009
  5. Die Haydn-Festspiele Eisenstadt (http://www.haydn107.com/index.php?id=21&pages=besetzung, Stand September 2009), schreiben hierzu: „Haydn setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, wird heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt.“
  6. Roy Goodman, Eine Anmerkungen zu den Aufführungen, im Begleitheft zur CD der Hannover Band Joseph Haydn, Symphony No 1 - No 5, Hyperion Records 1991. (...daß ich der festen Überzeugung bin, daß Haydn ein Generalbaßinstrument mit Klaviatur entweder selbst spielte oder vorsah...).
  7. Heinrich Eduard Jacob: Joseph Haydn. Seine Kunst, seine Zeit, sein Ruhm. Christian Wegner Verlag, Hamburg 1952

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