Bibellesen
Evangelist Markus, Russische Bibel, 16.Jh.

Unter Bibelstudium versteht man eine tiefergehende Beschäftigung mit den Texten der Bibel als Heilige Schriften des Glaubenslebens im Christentum. Dabei ist hier vor allem die private oder akademisch-wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel gemeint, weniger die liturgische Nutzung im Gottesdienst. Im Judentum spricht man analog vom Tora-, im Islam vom Koranstudium. Zum wissenschaftlichen Bibelstudium siehe Biblische Hermeneutik und Biblische Exegese.

Inhaltsverzeichnis

Gründe für das Bibelstudium

Die Bibel kann aus unterschiedlichen Motiven studiert werden:

Bei der Auslegung kommt es auf das Vorverständnis der Bibel an, das sehr unterschiedlich sein kann: Die Bandbreite reicht von einem buchstäblichen-fundamentalistischen bis zu einem bibelfeindlichen Ansatz.

Äußerer Rahmen des Bibelstudiums

Bibelstudium in der Gruppe

Im christlichen Alltag findet privates Bibelstudium allein oder in Kleingruppen statt, etwa in einem Hauskreis. Viele Gemeinden bieten Kurse mit schwerpunktmäßigen biblischen Themen an. Vertiefende Studien sind als Ferienkurse, Abendkurse oder Fernunterricht auch für Laien möglich. Alle modernen Medien werden genutzt. Auftauchende Glaubensfragen werden auch spontan in privater Atmosphäre anhand der Bibel geklärt.

In vielen islamisch geprägten Ländern, wie z. B. den Malediven, aber auch in Nordkorea, das gemäß Open Doors die Liste der Staaten mit Christenverfolgung und -diskriminierung anführt, ist die Ausübung des christlichen Glaubens gesetzlich eingeschränkt, so dass Bibelstudien weitgehend nur im Geheimen stattfinden können.[10]

Hilfsmittel zum Bibelstudium

  • Nützlich auch beim privaten Studium der Bibel ist die Verfügbarkeit mehrerer Bibelübersetzungen, sodass ein Vergleich bei schwer verständlichen Passagen oder fraglichen Übersetzungen möglich ist.

    Dabei ist es hilfreich, wenn man ein Grundverständnis der verschiedenen dort verwendeten Übersetzungsmethoden (text-, struktur-, wirkungs- oder sinntreu) hat. Wenn nicht leicht zu entscheiden ist, welche Übersetzung einer Passage angemessen ist, kann eine Ausgabe des Urtextes (auch Interlinearausgabe genannt) helfen, in der die Originalsprache und die Zielsprache spaltengleich nebeneinander stehen. Für die vier Evangelien des neuen Testamentes wäre dies entsprechend auf der linken Seite die griechische Originalfassung (beispielsweise der Ausgabe des Nestle-Aland-Textes) und auf der rechten Seite die deutschsprachige Übertragung. Ebenso kann es aufschlussreich sein, verschiedene Übersetzungen mit unterschiedlichen Ansätzen einander gegenüberzustellen.
  • Studienbibeln bieten Erklärungen zum Text, Hinweise auf ähnliche oder aufeinander bezogene Textabschnitte (Parallelstellen), kartographische Materialien und Stichwortregister zum schnellen Auffinden gesuchter Aussagen. Die meisten Studienbibeln sind von einem bestimmten konfessionellen Standpunkt geprägt, daher kann es auch hier hilfreich sein, mehrere verschiedene Versionen zu vergleichen.
  • Konkordanzen ermöglichen einen schnellen Einblick über den Gebrauch von bestimmten Worten in verschiedenen Kontexten. Außerdem helfen sie, Textpassagen, an die man sich erinnert, bequem wiederzufinden.
  • Bibelprogramme für Computer oder PDAs ermöglichen einen schnellen Zugriff auf Textstellen. Oft lassen sich mehrere Bibelübersetzungen nebeneinander anzeigen. Komfortable Suchfunktionen, mit eingebundene Lexika und Wörterbücher sowie grammatische Analysefunktionen erlauben eine tiefgehende Beschäftigung.
  • Auch die Bibelstudienkurse der Institute und Fortbildungseinrichtungen verschiedener Glaubensgemeinschaften, Volkshochschulen und Bildungshäuser ermöglichen und bereichern private Bibelstudien.
  • Im Internet kann man nicht nur über Suchmaschinen recherchieren, sondern auch auf zahlreiche Internetseiten zugreifen, die auf biblische Themen spezialisiert sind. Für Menschen in Gegenden, in denen Bibeln und entsprechende Literatur legal nicht zu beschaffen sind, sind manchmal übers Internet zugängliche Texte eine besonders wertvolles Angebot. (Siehe auch unter Weblinks).
  • Bücher zu biblischen Themen beleuchten bestimmte Aspekte aus biblischer Sicht (Ethik, Erziehung, Gebet etc.). Auch kann man Gedankengänge über jahrhundertelang diskutierte Fragen nachzulesen. Darüber hinaus kann die Lektüre historischer und wissenschaftlicher Literatur das Bibelstudium bereichern.
  • Das Erlernen der Urtextsprachen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch) sowie der fachwissenschaftlicher Methoden der Bibelauslegung können helfen Einzelheiten tiefer zu verstehen.

Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen

Mit Sprachsoftware ausgestattete Personalcomputer können Texte vorlesen, so dass mit der passenden Bibel-Software auch Blinde und stark Sehbehinderte die Bibel studieren können. Darüber hinaus gibt es Lesungen der Bibel auf Tonträgern.

Für Gehörlose existieren zudem Hilfsmittel in Gebärdensprache, die auf Videomedien zur Verfügung stehen. Vor allem in den nordischen Ländern werden diese Medien eingesetzt, und auch in deutschsprachingen Ländern werden seit einigen Jahren ähnliche Medien entwickelt (Religiöse Gebärdenlexika, Bibel in Gebärdensprache auf DVD u. a. m.) Führend ist hier die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge (DAFEG). Außerdem unterstützen Selbsthilfegruppen etwa der Christlichen Gehörlosen-Gemeinschaft) Gehörlose, beim Studieren der Bibel.

Methodik des Bibelstudiums

Die Vorgehensweise bei einem Studium der Bibel hängt von dem Ziel, der persönlichen Vorbildung, der verfügbaren Zeit, dem religiösen Hintergrund, den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln und weiteren Umständen ab.

Im Alltag der Gläubigen geht es in der Regel darum, den Text (gegebenenfalls mit Hilfsmitteln, siehe oben) in Beziehung zum eigenen Leben zu setzen und daraus Entscheidungshilfen abzuleiten. Aus der Betrachtung der biblischen Schilderungen und deren Helden gewinnen sie Einsichten über Gott und das Leben. Das Bibelstudium verbinden viele Gläubige mit Gebet und betrachten es als Dialog mit ihrem Gott. Sie empfangen dabei Trost und Ermutigung für im Alltag anstehende Aufgaben.

Vier Methoden sind gebräuchlich:

  1. Bibellesepläne legen Textstellen fest, die nach der Reihe oder nach Datum durchgearbeitet werden. (z. B. Losungen, Jahresbibel)
  2. Die Bibel wird systematisch durchgelesen, wobei es darum geht, möglichst alle oder zumindest die wichtigsten Texte kennenzulernen.
  3. Biblische Aussagen über ein Thema oder eine Person – beispielsweise Barmherzigkeit oder Petrus – werden untersucht. Man fragt also gewissermaßen „Was sagt die Bibel zu...“ Besonders bei dieser Vorgehensweise werden gerne einzelne der oben genannten Hilfsmittel hinzugezogen.
  4. Die Bibel wird durch das Lesen biblischer Geschichten (meist in chronologischer Reihenfolge) erschlossen. Dies geschieht häufig mit Kindern und Jugendlichen durch das Lesen oder Vorlesen von Kinderbibeln.

Wenn keine Bibel verfügbar ist, kann das Nachsinnen über Passagen, an die man sich erinnert, einen Ersatz bieten. Dies geschieht oft in Not, beispielsweise in Zeiten und Gebieten, in denen Gläubige verfolgt werden und ein freies Glaubensleben nicht möglich ist.

Bibelstudium in der Geschichte

Altes Israel

Das Studium der Heiligen Schriften war für die Juden der Antike schon in der Zeit vor Christi Geburt eine heilige Pflicht. Sie besuchten, vor allem am Sabbat, die Synagogen, wo die Schriftrollen der Tora vorgelesen wurden. Im sogenannten Königsgesetz heißt es:

„Und es soll geschehen, wenn er auf dem Thron seines Königreiches sitzt, dann soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben, aus dem Buch, das den Priestern, den Leviten, vorliegt. Und sie soll bei ihm sein, und er soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, um alle Worte dieses Gesetzes und diese Ordnungen zu bewahren, sie zu tun, damit sein Herz sich nicht über seine Brüder erhebt und er von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken abweicht, damit er die Tage in seiner Königsherrschaft verlängert, er und seine Söhne, in der Mitte Israels.“

Dtn 17,18-20 ELB, zitiert nach der revidierten Elberfelder Bibel

Jüdische Eltern waren nach dem Mosaischen Gesetz verpflichtet, ihre Kinder aus der Tora zu belehren:

„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du auf dem Herzen tragen, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden [...]“

Dtn 6,6+7 SLT, zitiert nach der Schlachter-Bibel, Ausgabe 2000

Auf diese Weise ist wahrscheinlich auch Jesus von Nazareth von seinen Eltern gelehrt worden, so dass er bereits als Zwölfjähriger die Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem über sein Bibelwissen in Erstaunen versetzte. Das Lukasevangelium berichtet:

„[...] er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.“

Lk 2,46-47 EU

Ausgrabungsstätte Haus des Petrus, Kafarnaum

Letztlich war die Betonung des Schriftstudiums im Judentum auch ein Grund für den hohen Alphabetisierungsgrad des Volkes, der weit über dem Durchschnitt anderer Nationen der damaligen Zeit lag. So ist es auch zu erklären, dass die Apostel von Jesus, die praktische Berufe ausübten, etwa den des Fischers, des Lesens und Schreibens kundig waren.

Zeit Jesu und frühes Christentum

Nach den Berichten der Bibel appellierte Jesus in seinen Reden immer wieder an die Bibelkenntnisse seiner Zuhörer und setzte sie bei ihnen offenbar voraus, indem er betonte: „Denn es steht in der Heiligen Schrift ...“.

Mt 4,4ff; 21,13; Lk 10,26; Joh 10,34

Jesus erwartete geradezu von den Menschen ein Studium der Schriften des Altes Testaments, wobei er ihnen oft geradezu vorwurfsvoll vorhielt: „Habt ihr nie gelesen ...?“.

Mt 12,3 u.5; 19,4; 21,16 u.42; 22,31; Mk 2,25; 12,10 u. 26; Lk 6,3; 10,26

Darüber hinaus bezog sich Jesus gemäß den Evangeliumsberichten häufig auf alttestamentliche Ereignisse.

Mk 10,6; Mt 19,4; Mt 23,35; Mt 24,38; Lk 17,29; Mk 12,26; Joh 6,31; Mt 12,40

Dass Jesus diese Geschehnisse ohne weitere Erläuterungen erwähnte, beweist, dass er auf das Wissen seiner Zuhörer baute. Er verglich gar die Kenntnis der Schrift mit der Nahrungsaufnahme: "Es ist geschrieben: Der Mensch soll nicht allein vom Brote leben, sondern von jeglichem Wort jeglicher Rede, das durch den Mund Gottes ausgeht." (Mat 4,4) Auch nach seiner Auferstehung soll er seinen Jüngern seinen himmlischen Auftrag anhand der Auslegung der Schriften erklärt haben.

Lk 24,27

Die ersten Christen besuchten weiterhin die jüdischen Synagogen und hörten dort die Lesungen der Tora, die sie auch in ihren eigenen Gottesdiensten pflegten und bald durch Lesungen aus Briefen der Apostel und den Evangelien ergänzten. Diese Lesungen waren in der griechischen Umgangssprache gehalten. Im lateinischsprachigen Westen des Römischen Reiches gab es schon im 2. Jahrhundert Übersetzungen davon, die Vetus Latina. Während wegen der hohen Buchpreise die wenigsten Christen privat eine Heilige Schrift besaßen, kannten sie diese durch die häufigen Lesungen oft auswendig. Dazu kamen im Gottesdienst ausführliche Predigten über die gelesenen Texte. Im Katechumenat wurden Texte aus dem Alten und Neuen Testament ausgelegt, um den neuen Christen, von denen die meisten keinen jüdischen Hintergrund hatten, die Lehre beizubringen und das Taufbekenntnis zu erläutern.

Spätes Römisches Reich

Waren die Christen in den ersten drei Jahrhunderten eine kleine Minderheit im Römischen Reich und häufig Verfolgungen seitens der Behörden ausgesetzt, so war das Bekenntnis zum Christentum eine bewusste Entscheidung des Einzelnen, die meist nach reiflichen Studien erfolgte. Das änderte sich im 4. Jahrhundert, als das Christentum zunächst gleichberechtigt und dann schließlich Staatsreligion im Römischen Reich wurde. Damit war jeder römische Bürger automatisch Kirchenmitglied, ohne dass dazu bewusste Entscheidungen, Gottesdienstbesuche oder gar ein Studium der Bibel notwendig waren.

Durch diese Veränderung und auch aufgrund des geringen Alphabetisierungsgrades verlagerte sich das Studium der Bibel teilweise in die neu entstandenen Klöster. Dies geschah nicht zuletzt auch durch das Wirken Basilius des Großen, der das Bibelstudium zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Mönchsregel machte, die bis heute in der orthodoxen Kirche in Gebrauch ist. Dadurch bekamen auch einfache Leute Gelegenheit, Lesen und Schreiben zu lernen und sich in die Heilige Schrift zu vertiefen.

Aber auch die nichtmönchischen Prediger der Spätantike betonten immer wieder die Notwendigkeit des Bibelstudiums. Johannes Chrysostomos etwa forderte seine Hörer auf, sich zumindest Kopien der vier Evangelien anzuschaffen und darin häufig zu lesen. Das genaue Bibelstudium durchzog seine gesamte Predigttätigkeit.

Mittelalter (Westeuropa)

Während im ostkirchlichen Bereich der Alphabetisierungs- und Volksbildungsgrad recht hoch blieb, beschränkte sich im Westen im frühen Mittelalter das Bibelstudium auf die Klöster und Klosterschulen. Verwendet wurde die Vulgata (Hl. Hieronymus 347-420), die in der damaligen Kirchen- und Gelehrtensprache Latein geschrieben war. In den romanischen Gebieten (Italien, Spanien und Südfrankreich) war Latein damals auch für ungebildete Menschen noch teilweise verständlich, in den germanischen und keltischen Ländern dagegen nicht. Abgesehen von Geistlichen konnte im Frühmittelalter sogar im höheren Adel kaum jemand lesen und schreiben.

Auch im Hochmittelalter wurden Bibeln von Hand abgeschrieben und waren teurer als ein gutes Fachwerkhaus, also nur für Kirchen, Klöster, Universitäten, reiche Bürger, wohlhabende Adlige, Herzöge, Fürsten und Könige erschwinglich.

Andererseits bekam das Vorlesen der Bibel, insbesondere der Evangelien, in der Liturgie eine immer wichtigere Stellung. Ebenso wurden die Kirchen mehr und mehr mit biblischen Darstellungen geschmückt, die dem einfachen Volk die biblischen Inhalte näherbrachten.

Die Reformbewegungen des 9. bis 11. Jahrhunderts betonten die Wichtigkeit des Bibelstudiums sowohl für Mönche wie auch für Weltpriester.

Bibelübersetzungen in die Volkssprache gab es im späteren Mittelalter bei den Waldensern, bei den Katharern, bei den Lollarden (Wyclif) und den Hussiten, während in der Römisch-Katholischen Kirche Bibelübersetzungen über Jahrhunderte teils erbittert bekämpft wurden.

In den Klöstern gab es jedoch seit dem 12. Jahrhundert die Lectio divina, eine Methode der betenden Meditation über Bibeltexten.

Reformationszeit

Titelseite der Luther-Bibel von 1545, der Übersetzung, die ein Bibelstudium breiter Bevölkerungskreise auslöste

Durch die Erfindung des Buchdrucks konnte die Bibel erstmals wesentlich preiswerter in großen Stückzahlen hergestellt werden und sich dadurch viel weiter verbreiten. 1452 druckte Johannes Gutenberg das erste Mal eine lateinische Bibel. Ein neues Interesse an der Bibel erwachte im Humanismus und im Zuge der Reformation, insbesondere in der Schweiz durch Ulrich Zwingli, in Holland durch Erasmus von Rotterdam, in Frankreich (siehe Hugenotten) und in Deutschland durch Martin Luther.

Getreu dem Motto der Reformation sola scriptura -- allein die Schrift war ein neues Interesse an den Heiligen Schriften erwacht. Die Bibel wurde im Urtext wiederentdeckt. Die griechische Ausgabe von Erasmus erschien 1516 im Druck und verbreitete sich wie ein Lauffeuer an den Universitäten. Das Studium der hebräischen Sprache, welches bis dahin fast ausschließlich von jüdischen Gelehrten betrieben wurde, setzte nun auch unter den Christen ein.

Es erschienen zahlreiche Bibelübersetzungen: Lutherbibel, Zürcher Bibel und Piscator-Bibel in Deutsch, Tyndale und King James Bibel in Englisch, Diodati-Bibel in Italienisch, Olivetan-Bibel in Französisch. Durch den Buchdruck fanden diese Bibeln weite Verbreitung, hauptsächlich in protestantischen Gegenden. Das ausgiebige Studium der Bibel brachte neue christliche Bewegungen wie die Täuferbewegung hervor.

In den Volksschulen wurde daraufhin mit der verbreiteten Bibel lesen gelernt.

Neuzeit

Ein weit verbreitetes Bibelstudium, dies auch im einfachen Volk, entstand unter den Christen in der Neuzeit. Als Gegenbewegung zur Aufklärung und der Biblischen Exegese der Theologie geschah dies erst im 18. Jahrhundert. Insbesondere seien der Pietismus (Deutschland), der Methodismus (England) und die First Great Awakening (USA) genannt. Im Pietismus wie im Methodismus gehörte ein intensives, nichtwissenschaftliches Studium der Bibel in kleinen Gruppen zur Glaubenspraxis. In den Vereinigten Staaten entwickelte sich die Sonntagsschule, wo – zumeist evangelikale – Erwachsene und Kinder vor und nach dem Gottesdienst die Bibel studierten.

Auch in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und den sich daraus entwickelnden Freikirchen spielte das Bibelstudium eine wichtige Rolle.

Während die Bibel in vielen Teilen Europas im Laufe des 20. Jahrhunderts weniger beachtet wurde als in früheren Zeiten, ist in Osteuropa seit dem Fall des Eisernen Vorhangs (1989) eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten.

Die Großkirchen haben zusätzlich zum schulischen Religionsunterricht unter anderem den Konfirmandenunterricht oder eine religiöse Unterweisung vor der Firmung eingeführt, um dabei auch Bibelkenntnisse zu vermitteln. Theologen beklagen allerdings zunehmend, dass Konfirmanden und Firmlinge häufig nicht einmal in der Lage sein sollen, einzelne Bibelbücher aufzuzählen, das Vaterunser sowie das Glaubensbekenntnis aufzusagen.

Um auf die Bibel neugierig zu machen und der Bibelunkenntnis entgegenzuwirken, wurde 2003 von mehreren kirchlichen wie im weiteren Sinn christlichen Trägern zum „Jahr der Bibel“ erklärt und damit zahlreiche Angebote verbunden, die dazu anregen sollten, sich mit der Bibel zu befassen. Hierzu gibt es diverse Internetangebote (siehe unter Weblinks).

Ferner wollen vor allem Freikirchen durch Evangelisationen zum Studium besonders des Neuen Testaments anregen; dazu gehören auch im zwei- bis dreijährigen Turnus europaweit durchgeführte Großveranstaltungen wie ProChrist.

Verschiedene christliche Gemeinschaften, vorwiegend Evangelikale und andere christliche Gruppen sowie die Zeugen Jehovas, führen auch missionarische Haus- und Straßeneinsätze durch. Dies bedeutet, dass sie von Tür zu Tür gehen, Büchertische organisieren oder Leute auf der Straße ansprechen, um sie für das Buch der Bücher zu interessieren. Sie begründen diese Tätigkeit meist mit dem Missionsbefehl Jesu, der die Taufe ihrer Ansicht nach untrennbar mit einer Kenntnis der Heiligen Schrift verbindet. Zusätzlich trafen sich Zeugen Jehovas nach eigenen Angaben 2007 weltweit mit über 6,5 Millionen privaten Gruppen oder Einzelpersonen, um mit ihnen die Bibel anhand eigener Bibelstudienmaterialien der Gemeinschaft zu studieren[11].

Nicht ungefährlich ist ein Bibelstudium auch heute noch in bestimmten islamischen Ländern, weil Bibeln und religiöse Literatur dort nicht eingeführt werden dürfen – nach Saudi-Arabien und Brunei nicht einmal zum persönlichen Gebrauch. Bei illegalem Einschmuggeln von Schrifttum und verbotenem Zusammenfinden zum Bibelstudium drohen Ausländern teilweise hohe Haftstrafen, einheimischen Moslems in Einzelfällen gar die Todesstrafe.

Bibel- und Koranstudium im Vergleich

Während die Bibel im Rahmen von christlichen Bibelstudien meist in modernen, immer wieder überarbeiteten und dem veränderlichen Sprachgebrauch angepassten Übersetzungen gelesen wird, betont man im Islam die einzigartige Bedeutung des arabischen Original-Korans für das Studium der heiligen Schrift der Muslime. Der Hauptgrund dafür ist, dass der Koran im islamischen Verständnis das "unerschaffene Wort Gottes" ist und wortwörtlich direkt von Allah kommt, während die Bibel im christlichen Verständnis zwar von Gott inspiriert ist, aber von menschlichen Autoren geschrieben wurde. Bei der Bibel steht daher die Bedeutung im Vordergrund, beim Koran hingegen der Wortlaut selbst. Allerdings studieren auch Juden ihre heiligen Schriften bevorzugt in deren ursprünglichen Sprachen, in Hebräisch und Aramäisch - allerdings ist im Judentum das Hebräische zwar nicht als gesprochene, aber als Liturgiesprache über die Jahrhunderte hinweg lebendig geblieben, was ein Studium der Schriften in dieser Sprache ermöglichte.

In islamischen Ländern ist es üblich, dass Kinder und Jugendliche Koranschulen besuchen, wo jedoch – sofern es sich nicht um ein arabischsprachiges Land handelt – zuerst das Erlernen des Arabischen – zumindest seiner Aussprache – höchste Priorität hat. Im Anschluss wird im Gegensatz zur Bibel, bei deren Studium meist die Auslegung (Exegese) im Mittelpunkt steht, sehr viel Wert auf richtiges Rezitieren der Reimprosa des Koran gelegt. Dabei rezitieren zahlreiche nichtarabische Leser die Texte, verstehen aber oft gar nicht die Inhalte. Entweder reichen ihre Sprachkenntnisse nicht aus, oder es befremdet sie die arabische Sprache des 7. Jahrhunderts, in der der Koran abgefasst ist. Dennoch ist das Rezitieren für Moslems ein wichtiges Ritual. Zum Thema Exegese des Koran siehe unter Ilm at-tafsir.

Es ist für gläubige Moslems nicht ungewöhnlich, vor allem in der Zeit des Ramadan, einzelne Suren oder auch den ganzen Koran im arabischen Original auswendig zu lernen (siehe Hafiz), was als sehr verdienstvoll und als notwendig für die Bewahrung der mündlichen Form des Korans gilt. Durch die poetische Form des Korans ist der Text verhältnismäßig leicht erlernbar. Bei Bibellesern dürfte das eine seltene Ausnahme sein, dort beschränkt man sich meist auf die Kenntnis wichtiger Verse oder die Wiedergabe bestimmter Passagen in eigenen Worten; im Judentum ist das auswendige Vortragen heiliger Schriften sogar ausdrücklich verboten. Koranübersetzungen gelten aus der Sicht islamischer Theologen als unmöglich (Koranübersetzung), da jede Übersetzung auch eine Auslegung ist. Sie sind daher auch nicht in so großer Vielfalt erhältlich, wie Bibelübersetzungen. Islamische Ausgaben des Koran in andere Sprachen sind daher mit dem Vermerk "die ungefähre Bedeutung des heiligen Koran" versehen.

Literatur

Einführung in die Bibel

  • Bernhard Lang: Die Bibel. 2., erweiterte Aufl. Auflage. F. Schöningh, Paderborn, München u. a. 1990, ISBN 3-506-99409-3 (UTB 1594). 
  • Gerhard Lohfink: Jetzt verstehe ich die Bibel. 13. Auflage. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1986, ISBN 3-460-30632-7. 
  • Annemarie Ohler: dtv-Atlas Bibel. 1. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2004, ISBN 3-423-03326-6 (dtv ; 3326). 
  • Martin Rösel: Bibelkunde des Alten Testament: Die kanonischen und apokryphen Schriften. 6., erweiterte Auflage. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2008, ISBN 3-788-72346-7. 
  • Erich Zenger: Der Gott der Bibel. Sachbuch zu den Anfängen alttestamentlichen Gottesglaubens. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1979, ISBN 3-460-31811-2. 
  • Winfried Vogel: Bestseller Bibel. Warum eigentlich? Advent-Verlag, Lüneburg 2003, ISBN 3-8150-7701-X


Bibelstudium

  • Gordon D. Fee, Douglas Stuart: Effektives Bibelstudium. 3., überarb. Aufl. Auflage. ICI, 1996 (übersetzt von Detlev Stieghorst), ISBN 3-923924-27-5. 
  • Georg Fischer: Wege in die Bibel. Leitfaden zur Auslegung. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2000, ISBN 3-460-32434-1. 
  • Howard G. Hendricks, William D. Hendricks: Bibellesen mit Gewinn. Handbuch für das persönliche Bibelstudium. Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg 2002, ISBN 3-894-36088-7. 
  • Alfred Kuen: Bibel lesen praktisch. Wie lese und studiere ich meine Bibel. 1. Auflage. Brockhaus, Mannheim 1979, ISBN 3-417-21060-7. 
  • William MacDonald: Fragen, Forschen, Finden. Effektives Bibelstudium.. 1. Auflage. Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld 2002, ISBN 3-893-97482-2 (PDF). 
  • Peter Müller: „Verstehst du auch, was du liest?“ Lesen und Verstehen im Neuen Testament.. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, ISBN 3-534-12384-0. 
  • Siegfried Wittwer: Konkret gefragt, konkret geantwortet. Über Gott und Glauben.. Advent Verlag, Lüneburg 2002, ISBN 3-8150-1863-3. 


Studienbibeln und Bibelkonkordanzen

  • Herbert Hartmann: Kleine Konkordanz zur Lutherbibel.. Neukirchen-Vluyn, Aussaat 2002, ISBN 3-761-55284-X. 
  • John MacArthur: Studienbibel. 3. Auflage. Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld 2004, ISBN 3-893-97017-7 (Schlachter - Version 2000). 
  • Stuttgarter Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar, Lexikon und Sacherklärungen.. 1. Auflage. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-460-01016-1 (DVD/Software). 
  • Themenindex (ähnlich Konkordanz) (Einzeln zum Download hier)
  • Thompson Studienbibel. Bibeltext nach der Übersetzung Martin Luthers. Altes und Neues Testament. 6. Auflage. Hänssler, Holzgerlingen 2006, ISBN 3-775-11586-2 (Revidierte Fassung von 1984. Mit Konkordanz). 


Bibelkommentare und -lexika

  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-15138-0. 
  • Fritz Rienecker (Hrsg.): Lexikon zur Bibel. 3. Auflage. Brockhaus, Mannheim 1998, ISBN 3-417-24678-4 (Von Gerhard Maier neu bearbeitete Ausgabe). 
  • Reclams Bibellexikon. 7. Auflage. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-010555-2. 
  • Merrill F. Unger: Ungers Großes Bibelhandbuch. Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld, ISBN 978-3-89397-317-0. 
  • weitere Werke siehe im Artikel Bibellexikon


Bibelatlanten

  • Marcus Braybrooke, James Harpur: Der große Bibelatlas. Pattloch, 1998, ISBN 3-629-00838-0. 
  • Tim Dowley: Bibelatlas kompakt. Brockhaus, Mannheim 2004, ISBN 3-417-24780-2. 
  • Der neue PC-Bibelatlas. 1. Auflage. R. Brockhaus, Witten 2008, ISBN 978-3-417-36136-0 (CD-ROM. Mit Komplettversion der Elberfelder Bibel 2006). 
  • Siegfried Mittmann (Hrsg.): Tübinger Bibelatlas. Auf der Grundlage des Tübinger Atlas des Vorderen Orients.. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2001, ISBN 3-438-06022-1 (29 großformatige Karten, mit ausführlichem Register). 

Referenzen

  1. http://www.leben-sinn.de/beziehung.html
  2. http://www.glauben-und-bekennen.de/besinnung/begriffe-b/bibelles.htm#sinn
  3. http://www.fiit.uni-heidelberg.de/fiit/index.php?option=com_content&task=view&id=66&Itemid=118
  4. http://www.agduesseldorf.de/unterricht/faecher/rel/rel.htm#sem5
  5. http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/bibel/bibel_und_archaeologie.html
  6. http://www.kath.de/nd/kmf/akng/tagung99/bibel99.htm
  7. http://www.hfjs.uni-heidelberg.de/studium/fachgebiete/sprachwissenschaft/
  8. http://www.artikelweb.de/db/artikel_wissenswertes_zur_bibel.html
  9. http://www.kreudenstein-online.de/Religionskritik/Religionskritik.htm
  10. http://opendoors-de.org/index.php?supp_page=weltverfolgungsindex_2007_kurz&supp_lang=de
  11. http://www.jw-media.org/people/statistics.htm

Siehe auch

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Jahreslosung — Die Jahreslosung ist ein Vers aus der Bibel, der von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bestimmt wird. Die Jahreslosung gilt für Christen als Leitvers für das Jahr und wird in Kirchen, in denen nicht liturgische Regelungen… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelarbeit — Evangelist Markus, Russische Bibel, 16.Jh. Unter Bibelstudium versteht man eine tiefergehende Beschäftigung mit den Texten der Bibel als Heilige Schriften des Glaubenslebens im Christentum. Dabei ist hier vor allem die private oder akademisch… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelauslegung — Die biblische Exegese, die Auslegung der Bibel als Heilige Schrift in der christlichen Theologie, klärt die Bedeutung eines biblischen Texts. Die biblische Exegese hat in ihrer reflektierten, wissenschaftlichen Form wechselseitig die Bemühungen… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelexegese — Die biblische Exegese, die Auslegung der Bibel als Heilige Schrift in der christlichen Theologie, klärt die Bedeutung eines biblischen Texts. Die biblische Exegese hat in ihrer reflektierten, wissenschaftlichen Form wechselseitig die Bemühungen… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibellektüre — Evangelist Markus, Russische Bibel, 16.Jh. Unter Bibelstudium versteht man eine tiefergehende Beschäftigung mit den Texten der Bibel als Heilige Schriften des Glaubenslebens im Christentum. Dabei ist hier vor allem die private oder akademisch… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibellese — Evangelist Markus, Russische Bibel, 16.Jh. Unter Bibelstudium versteht man eine tiefergehende Beschäftigung mit den Texten der Bibel als Heilige Schriften des Glaubenslebens im Christentum. Dabei ist hier vor allem die private oder akademisch… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelstudium — Evangelist Markus, Russische Bibel, 16.Jh. Unter Bibelstudium versteht man eine tiefergehende Beschäftigung mit den Texten der Bibel als Heilige Schriften des Glaubenslebens im Christentum. Dabei ist hier vor allem die private oder akademisch… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelwissenschaft — Die biblische Exegese, die Auslegung der Bibel als Heilige Schrift in der christlichen Theologie, klärt die Bedeutung eines biblischen Texts. Die biblische Exegese hat in ihrer reflektierten, wissenschaftlichen Form wechselseitig die Bemühungen… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelwissenschaftler — Die biblische Exegese, die Auslegung der Bibel als Heilige Schrift in der christlichen Theologie, klärt die Bedeutung eines biblischen Texts. Die biblische Exegese hat in ihrer reflektierten, wissenschaftlichen Form wechselseitig die Bemühungen… …   Deutsch Wikipedia

  • Biblische Exegese — Die biblische Exegese ist die Auslegung von Texten des Alten und Neuen Testaments in der christlichen Theologie und für die Glaubenspraxis. Sie bemüht sich, für die fachlich gebildeten, aber auch die laienhaften Leser die Aussagen und Inhalte,… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”