Bibeltreu

Unter dem Begriff Bibeltreue wird eine christlich-religiöse Haltung verstanden, die die Bibel als höchste und anderen Leitbildern übergeordnete Autorität bei der Auslegung des christlichen Glaubens versteht. Begründet wird diese Haltung damit, dass die Bibel als Heilige Schrift Gottes Wort sei und deshalb uneingeschränkt und unhinterfragt im Leben der Gläubigen zu gelten habe.

Der Begriff wird meistens als Schlagwort in der theologischen Auseinandersetzung von evangelikalen Christen verwendet, um die eigene Haltung oder Bibelauslegung zu bezeichnen und um sich von anderen Zugängen zur Bibel abzugrenzen. Ihre Gegner verwenden dagegen oft den abwertenden Ausdruck Biblizismus.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbildung je nach Verwendung

Aufgrund der Tendenz von Denominationen bzw. Konfessionen, sich voneinander abzugrenzen, wurde und wird der Begriff Bibeltreue vielfach instrumentalisiert oder zur Abgrenzung eigener Standpunkte bewusst die Entstehung stereotyper Feindbilder in Kauf genommen. Somit ist der Inhalt des Begriffs Bibeltreue weder in seiner Bedeutung homogen noch wissenschaftlich eindeutig definierbar.

  • Christen, die sich als bibeltreu bezeichnen, stellen beim persönlichen Bibelstudium oft die Frage, was ein bestimmter Bibeltext für sie persönlich bedeute. Sie vertrauen bei der Auslegung auf geistliche Impulse im Gebet und bei der Textbetrachtung. Dabei spielt die Ansicht eine wesentliche Rolle, dieselbe Bibelstelle könne für verschiedene Christen eine jeweils individuelle Bedeutung haben.
  • Eher selten werden Bibelübersetzungen als bibeltreu bezeichnet, hier wird eher nach Sinn- oder Worttreue unterschieden. Für beide Übersetzungsgrundsätze gibt es anerkannte typische Verwendungszwecke. Umstritten ist die Bezeichnung bestimmter Übersetzungen für bestimmte Zielgruppen als „nicht-bibeltreu“. Dies betrifft z.B. die von Hans Bruns gelegentlich wegen ihrer willkürlich auslegenden Kommentare kritisierte Schrift, kirchlich initiierte Bibeln wegen kirchentheologisch geprägten Einleitungs- und Begriffserklärungstexten oder Bibelübersetzungen, denen ihre Kritiker bewusste Sinnentstellungen nachsagen, wie der Neuen-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas oder Übertragungen in moderner (Jugend-)Sprache wie z.B. der Volxbibel.

Der Begriff Bibeltreue wird von nicht-evangelikalen Theologen in der Regel kritisch angesehen.

Varia

  • Der US-Schauspieler und -Regisseur Mel Gibson hat sich in Zusammenhang mit seinem Film "The Passion" selbst als Katholik und seinen Film als bibeltreu bezeichnet.
  • Auch der ehemalige amerikanische Präsident George W. Bush wird mitunter als "bibeltreuer Katholik" bezeichnet, obwohl er weder Katholik (er ist Methodist) noch im obigen Sinne bibeltreu ist. Dies geschieht wohl in Zusammenhang mit seinen konservativen Wertepositionen, mit denen er die Wahl gegen den liberalen Katholiken John Kerry gewonnen hat.
  • An Scott Hahns Buch "Mein Weg nach Rom" kann die Auseinandersetzung zwischen evangelikalem Verständnis von Bibeltreue und römisch-katholischem Verständnis von Bibeltreue gut illustriert werden.
  • 1998 wurde von Journalisten und Verlegern, die sich selbst als christliche Fundamentalisten verstehen, der "Arbeitskreis bibeltreuer Publizisten" gegründet, der vor allem im Jahr der Bibel 2003 in Erscheinung trat. Am Treffen unter dem Motto "Bibeltreue Publizistik - die Herausforderung in einer veränderten Welt" nahmen im Februar 2003 über 500 Personen teil.

Literatur

  • Stadelmann, Helge: Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses, Wuppertal 1985; (2)1990
  • Lerle, Ernst: Kontaktstark verkündigen: Grundzüge bibeltreuer Predigt, Neuhausen-Stuttgart 1989
  • Evangelisches Missionswerk in Deutschland: Geistbewegt und bibeltreu: Pfingstkirchen und fundamentalistische Bewegungen. Herausforderung für die traditionellen Kirchen, Hamburg 1995
  • Möckel, Rudolf/Nestvogel, Wolfgang (Hrsg.): Volkskirche am Abgrund? Eine Dokumentation über evangelikale Pfarrer und die bibeltreuen Christen in der Volkskirche, Neuhausen-Stuttgart 1996.
  • Schirrmacher, Thomas: Irrtumslosigkeit der Schrift oder Hermeneutik der Demut? Ein Gespräch unter solchen, die mit Ernst Bibeltreue sein wollen, Nürnberg 2001
  • Stadelmann, Helge (Hrsg.): Liebe zum Wort: das Bekenntnis zur Biblischen Irrtumslosigkeit als Ausdruck eines bibeltreuen Schriftverständnisses; zum Gespräch mit Heinzpeter Hempelmann, Nürnberg 2002
  • Schirrmacher, Thomas (Hrsg./Übers.): Bibeltreue in der Offensive: Die drei Chicagoerklärungen zur biblischen Irrtumslosigkeit, Hermeneutik und Anwendung, Bonn 1993; (2., überarb.) 2005
  • James G. McCarthy: Das Evangelium nach Rom, CLV: Bielefeld, 1996 - Gegenüberstellung der katholischen Lehre und der Lehre der Heiligen Schrift, ISBN 978-3-89397-366-8 (PDF)

Siehe auch

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