Bibliolog

Bibliolog ist eine Methode der interaktiven Auslegung biblischer Texte in Gruppen, in deren Verlauf die ganze Gruppe der Teilnehmenden gemeinsam einen Text auslegt. Ein biblischer Text wird dabei vorgelesen und von der moderierenden Leitung an bestimmten Stellen bewusst unterbrochen ("Shift"). Alle Teilnehmer/innen eines Bibliologes werden dann eingeladen, sich mit einer biblischen Gestalt zu identifizieren und aus dem Schutz der „Rolle“ heraus in "Ich-Form" deren Gedanken und Gefühle zu verbalisieren. Dadurch wird der biblische Text aus unterschiedlichen Perspektiven heraus ausgelegt, die immer auch etwas mit den Lebensfragen und Lebenssituationen der Mitwirkenden zu tun haben. Sowohl durch die eigenen Beiträge der Teilnehmenden als auch durch das passive Zuhören derer, die sich nicht aktiv beteiligen möchten, wird so ein intensives und ganzheitliches Erleben der Geschichte möglich.

Die Grundidee beim Bibliolog besteht darin, dass die Teilnehmenden aus der Perspektive verschiedener Charaktere der Geschichte heraus sprechen. Die Leitung verstärkt und vertieft diese Äußerungen ("Echoing"), führt die Geschichte weiter und beendet schließlich den Prozess. Ein Bibliolog dauert idealerweise ca. 15 bis 20 Minuten und ist daher unkompliziert einsetzbar im Gottesdienst, Schulunterricht und in der Gemeindearbeit, in Gruppen unterschiedlicher Größe, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeiten.

Bibliolog ist verwandt mit dem Bibliodrama. Beiden Ansätzen ist das Charakteristikum gemeinsam, dass sie den biblischen Text verlangsamen und dadurch unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung und Aneignung ermöglichen. Beim Bibliolog gibt jedoch grundsätzlich immer der Leiter den Text vor und weist auch die Rollen zu. Dies kann beim Bibliodrama, muss jedoch nicht der Fall sein. Beim Bibliodrama übernimmt der einzelne Teilnehmer während einer Arbeitseinheit eine Rolle, beim Bibliolog weist während des Verlaufs die Leitung den Teilnehmenden bestimmte Rollen zu und der einzelne Teilnehmende kann dann selbst darüber entschieden, ob und wie viele Rollen er übernimmt.

Entwickelt wurde die Methode in Nordamerika von dem jüdischen Psychodramatiker und Literaturwissenschaftler Peter Pitzele und seiner Frau Susan. Sie stellen den Bibliolog in die Tradition der jüdischen Bibelauslegung: Während einerseits der biblische Text ("schwarzes Feuer") unangetastet bleibt, bieten die biblischen Erzählungen andererseits viel Raum zwischen dem Erzählten ("weißes Feuer"), der mit eigenen Gedanken gefüllt werden kann. Diese Vorstellung findet sich in der jüdischen Bibelauslegung, im Midrasch.

Pitzele spricht selbst von "Psychodrama of the Bible" oder "Bibliodrama". Der Begriff "Bibliolog" wird in Deutschland zur Abgrenzung von den vielfältigen anderen Formen von Bibliodrama gebraucht. Der Bibliolog wird aufgrund seiner im Vergleich zum anderen Formen des Bibliodrama einfacheren Durchführbarkeit häufig auch als "kleine Schwester des Bibliodrama" bezeichnet. Die Verbreitung des Bibliologs in Deutschland wurde vor allem von Uta Pohl-Patalong befördert.

Um selbst als Leiter/in Bibliologe durchführen und anleiten zu können, wird eine zertifizierte Grundausbildung empfohlen, welche in der Regel im Lauf einer Woche erworben werden kann.

Literatur

  • Peter A. Pitzele: Scripture Windows. Toward a Practice of Bibliodrama; Los Angeles: Alef Design Group, 1998; ISBN 1-88-128327-5
  • Peter Pitzele: Our Fathers' Wells. A Personal Encounter with the Myths of Genesis, 1995, ISBN 0-06-250617-X
  • Uta Pohl-Patalong: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 1: Grundformen; 2. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 3-17-021872-7
  • Uta Pohl-Patalong: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 2: Aufbauformen; Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 3-17-020921-3

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