Bibliothek der Hansestadt Lübeck
Bibliothek der Hansestadt Lübeck
Gründung: 1619
Gesamtbestand: 1.120.000
Bibliothekstyp: Stadtbibliothek
Ort: Lübeck
Bibliothekssigel: Bibliothek der Hansestadt Lübeck
  [1]
Website: http://stadtbibliothek.luebeck.de/
Vordergebäude von 1926
Superintendent Georg Stampelius, einer der Gründer der Biobliothek

Die Stadtbibliothek in Lübeck (offizieller Name: Bibliothek der Hansestadt Lübeck) ist öffentliche und wissenschaftliche Bibliothek, als letztere auch Schwerpunktbibliothek für Musik des Landes Schleswig-Holstein.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Gründung geht auf eine Anregung des Reformators Johannes Bugenhagen in seiner Kirchenordnung von 1531 zurück, die allerdings erst ab 1616 durch den Bürgermeister Alexander Lüneburg sowie den Ratsherrn Jürgen Pavels gemeinsam mit dem Superintendenten Georg Stampelius und dem Rektor des Katharineums Johann Kirchmann aufgegriffen wurde. Die in der Stadt verstreuten Bestände, etwa der Ratsbibliothek und der Bibliotheken der Kirchen und ehemaligen Klöster (mit Ausnahme des Doms), wurden in Räumen des ehemaligen Katharinenklosters zusammengefasst, die durch die Katharinenkirche zugänglich waren, und ab 1619 der allgemeinen Öffentlichkeit im dazu mit einer eichenen Regalanlage versehenen Dormitorium des ehemaligen Klosters zugänglich gemacht. Die 61 geschnitzten Wappen und Namensinschriften aus Rat, Geistlichkeit und Schule zeigen, dass die Bibliothek eine gemeinsame Sache der weltlichen und geistlichen Stadt-Obrigkeit war.

Vorgeschichte 1616 übernommener Bestände

Allein die Geschichte der von der Stadtbibliothek übernommenen Bestände der Ratsbibliothek reicht zurück in die Zeit des Spätmittelalters. Sie besteht zur Hälfte aus der umfangreichen Bibliothek des Lübecker Ratssyndikus Simon Batz (1420-1464), die der Lübecker Rat bei dessen Tod gegen Zahlung eines Betrages von 300 Rheinischen Gulden übernahm. [1]

Die Erweiterung der Bestände nach Gründung der Bibliothek

Hinrich Scharbau

1624 erhielt die Bibliothek zwei große Globen des niederländischen Kartographen Willem Blaeu und 1668 zwei darauf bezogene programmatische Gemälde Der alte Gelehrte und Der junge Gelehrte der Brüder Johann Zacharias und Gottfried Kniller (heute im St. Annen-Museum). Die Bibliothek erfreute sich von Anfang an einer Vielzahl von Zustiftungen von privater Hand und zählte 1754 bereits über 9.000 Bände. 1756 erhielt die Bibliothek das Pflichtexemplar-Recht für alle in Lübeck veröffentlichten Werke. Durch das Vermächtnis des Predigers an St. Aegidien Heinrich Scharbau erhielt die Stadtbibliothek 1759 neben einem Stiftungskapital von 16.000 Mark auch 6.000 weitere Bände seiner Privatbibliothek. Diese wurden in einem eigenen Raum (dem ehemaligen Sitzungssaal des Konsistoriums) neben dem Bibliotheksgründungssal, der Scharbau zu Ehren den Namen Scharbausaal erhielt, aufgestellt.

Die Stadtbibliothek im 19. Jahrhundert

Nach der Säkularisierung des Domkapitels wurde 1804 auch die Dom-Bibliothek (130 Handschriften und 500 Drucke) in die Stadtbibliothek eingegliedert. Zwei Jahre später wurde die an das Waisenhaus übergegangene Bibliothek des Michaeliskonvents der Schwestern vom Gemeinsamen Leben (Beginen) in die Stadtbibliothek eingegliedert, die damit einen einzigartigen Schatz an mittelniederdeutschen Handschriften aus dem 15. Jahrhundert erhielt. 1817 wurden die Bestände durch die Stiftung von weiteren 6.000 Bänden der Privatbibliothek des Dompropstes Johann Carl Heinrich Dreyer (1723-1802) ergänzt. Seither dürfte die Schwerpunktbildung für Deutsche und Lübecker Geschichte sowie die Deutsche Rechtsgeschichte anerkannt sein. 1821 umfasste der Bibliotheksbestand bereits etwa 35 - 36.000 Bände. Um 1830 erstellte Ernst Deecke den ersten Inkunabel-Katalog der Bibliothek und bereitete so den Weg für die Mittelalterforschung in den Beständen.

Bis 1903 oblag die Aufsicht über die Bibliothek nebenamtlich einem Lehrer des Katharineums. In diesem Jahr wurde Carl Curtius (1841-1922), der die Bibliothek seit 1879 in Personalunion mit der "dritten Professur" am Katharineum geleitet hatte, von seinen Lehrverpflichtungen an der Schule freigestellt. Curtius hob die im Scharbau-Testament von 1759 begründete Trennung der Bestände in Scharbauische Bibliothek (Bibliotheca Scharbovia) und Stadtbibliothek (Bibliotheca Publica) auf. Dies machte erstmals eine umfangreiche Neuaufstellung und Katalogisierung möglich, die am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte.

1879 entstand neben der sich zur Archivbibliothek entwickelnden Stadtbibliothek eine Volksbibliothek, zunächst als Verein innerhalb der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit, dann als eigenständige Öffentliche Bücherei mit mehreren Zweigstellen in den Stadtteilen.

Zeitgeschichte

Einen Rückschlag erlitt die Lübecker Bibliothek, die schon überregionale Bedeutung vergleichbar einer Staatsbibliothek besaß, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Der Direktor, Willy Pieth, wurde am 1. Juli 1933 entlassen. Berufsbibliothekar wurde ein NS-Parteimitglied, und das Interesse der Nazis bestand auf der Aussonderung „gefährdender“ Schriften und Autoren. Nach dem Luftangriff der Engländer 1942 auf die Lübecker Altstadt wurden die wichtigsten Bestände (28.000 Bände) in den Stollen Plömnitz (Gemeinde Preußlitz, Salzlandkreis) in Sachsen-Anhalt ausgelagert, von wo aus sie später als Beutekunst in die Sowjetunion gelangten und auf Teilrepubliken verteilt wurden. Bis heute sind davon, vor allem aus Armenien und Georgien ca. 7.717 Bände zurückgekehrt, während bei anderen (etwa den 170 in Sankt Petersburg lokalisierten Bänden) die Rückgabediskussion vom Ergebnis her offen ist.[2]

Nach dem Krieg hatte die Bibliothek einige Schwierigkeiten, ihre dezimierten Bestände wiederaufzubauen. Nach intensiver Diskussion wurde 1971 die Zusammenlegung von wissenschaftlicher Stadtbibliothek und Öffentlicher Bücherei zu einer Institution nach dem Vorbild der englischen Public Library beschlossen. 1979 wurde dafür ein weiterer Neubau fertiggestellt, und die Bibliothek stand allen offen. Teilkontingente der Auslagerungsbestände aus den GUS-Staaten kehrten zurück und die Musikabteilung (teilweise in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Lübeck) entwickelte ein umfangreiches Programm zur Veröffentlichung und Aufführung von Musik aus ihrem reichhaltigen Bestand.

2007 übernahm Bernd Hatscher die Leitung der Stadtbibliothek von Dr. Jörg Fligge.

Heutiger Schwerpunkt ist die Ausrichtung auf den Bildungsauftrag beispielsweise durch die Einführung eines Spiralcurriculums (stufenweise Lernangebote für Vorschule und Schule) oder Angebot von schulorientierten Unterrichtsmöglichkeiten. Dabei sind auch Medienpräsentation und Aufenthaltsqualität in den nächsten Jahren allmählich zu verbessern.

Gebäude

Mantelssaal

Die Stadtbibliothek ist in einem in Deutschland einzigartigen Ensemble untergebracht, das Gebäudeteile aus sieben Jahrhunderten vereinigt. Die mittelalterlichen Gebäudeteile des alten Katharinenklosters werden gemeinsam mit dem Katharineum genutzt. Ebenso gehört der südliche Oberchor der Katharinenkirche zur Bibliothek. 1994-2002 wurden diese Räume grundlegend restauriert. Dabei wurden im Konsistorialsaal, der ab 1760 zur Unterbringung der Scharbauschen Bibliothek diente, mehrere Ausmalungsschichten freigelegt.

Erst 1877 wurde auf Anregung des damaligen Bibiotheksleiters, des Historikers Friedrich Wilhelm Mantels, in die gotischen Klosterräume ein neugotischer erster Neubau eingefügt, der sowohl der Schule als auch der Bibliothek Erweiterungsfläche bot. Der Saal im Obergeschoss dieses Baus, heute Mantelssaal, wurde 1994 restauriert und als Galeriebibliothek eingerichtet.

Vom Eingang in der Hundestraße sind diese Raumteile nicht sichtbar, da hier 1926 nach einem Entwurf von Friedrich Wilhelm Virck ein Erweiterungsbau zur Straße hin im Stil des norddeutschen Klinkerexpressionismus mit dem Magazin, das eine damals hochmoderne, freitragende Magazinanlage (System Wolf Netter & Jacobi) erhielt, und einem Lesesaal angelegt wurde. Die dabei von Erwin Bossanyi geschaffenen Fresken des Lesesaals wurden 1937 als "Entartete Kunst" übermalt und erst 1960 wieder freigelegt. 1992 wurde der Lesesaal grundlegend restauriert.

Im Zuge der Zusammenlegung von Stadtbibliothek und Öffentlicher Bücherei und der dafür benötigten Flächenerweiterung wurde der Komplex 1979 durch einen weiteren Neubau im Stil der Zeit sowie durch den Ausbau zweier mittelalterlicher Bürgerhäuser ergänzt.

Bestände

Heute hat die Bibliothek ein reiches Medienangebot, eine umfassende Kinder- und Jugendbibliothek, ein steigendes Angebot von CDs, CD-ROMs, DVDs, Zeitschriften, Zeitungen (u.a. alle Ausgaben der Lübecker Nachrichten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts).

Der Gesamtmedienbestand betrug im Jahre 2008 1.120.000 mit 1.187.000 Ausleihen.[3]

Über den Altbestand liest man im Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland: "Bei einem Gesamtumfang von ca. 1,16 Millionen Bdn zählt der historische Bestand heute 81.536 Titel (1900 bereits 120.000 Titel). Davon sind 40 Inkunabeln (nicht eingerechnet die 45 Inkunabelfragmente), 5552 Titel entfallen auf das 16. Jh, 10.879 auf das 17. Jh, 15.223 auf das 18. Jh und 49.842 auf das 19. Jh. Die umfangreichste Gruppe ist die Theologie mit 15 Prozent des gesamten Altbestandes, gefolgt von der Geschichte mit 13 Prozent und Jura sowie der Altphilologie mit jeweils 12 Prozent. Diese Gruppen vereinigen 52 Prozent des alten Schrifttums auf sich gegenüber nur 7 Prozent, die auf die Naturwissenschaften (ohne Medizin) und Technik entfallen" [4].

Spezielle Sammelgebiete sind die Geschichte und Landeskunde Lübecks und der Hanse.

Schulprogammschriften

Durch die enge Verzahnung mit dem Katharineum, für das die Stadtbibliothek bis ins 20. Jahrhundert auch als Schulbibliothek diente, besitzt sie eine umfangreiche Sammlung an Schulprogrammschriften. Die fast 40.000 Exemplare sind seit 2000 mit Hilfe der DFG durch einen eigenen Katalog erschlossen und komplett in der Zeitschriftendatenbank verzeichnet.

Musikabteilung

Von überregionaler Bedeutung ist die Musikabteilung mit einem reichen Altbestand an Musikalien, der durch liturgische Handschriften bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Die Stadtbibliothek besitzt einen Kantatenband von Dietrich Buxtehude sowie mehrere Abendmusiken in autographen Partituren von Adolf Karl Kunzen. Sie verwahrt (Teil)nachlässe der Kirchenmusiker Hugo Distler, Walter Kraft, Erwin Zillinger und Jan Bender, aber auch von dem in Lübeck geborenen Opernkomponisten Karl Grammann.

Nachlässe und Sammlungen

Die Stadtbibliothek verwahrt auch die Nachlässe von Friedrich Overbeck[5] und Emanuel Geibel sowie Sammlungen, die von Karl von Schlözer und von Carl Julius Milde gestiftet wurden.

Literatur

  • H.C. Zietz: Ansichten der Freien Hansestadt Lübeck und ihrer Umgebungen, Frankfurt a.M, 1822, S. 350 ff.
  • Willy Pieth (Hg.): Bücherei und Gemeinsinn. Das öffentliche Bibliothekswesen der Freien und Hansestadt Lübeck. Lübeck: Otto Quitzow 1926
  • Bibliothek der Hansestadt Lübeck: Bibliotheksführer zum 375-jährigen Jubiläum. Lübeck 1997.
  • Jörg Fligge/Robert Schweitzer, Aus Georgien zurück. In: Bibliotheksdienst 31 (1997) (PDF-Datei; 440 KB))
  • Jörg Fligge: Die Lübecker Stadtbibliothek 1990 bis 2005. Ein Bericht. In: Der Wagen 2006, S. 73-109 ISBN 978-3-87302-110-5

Weblinks

Fußnoten

  1. Robert Schweitzer / Ulrich Simon: Boeke, gude unde böse - Die Bibliothek des Lübecker Syndikus Simon Batz von Homburg: Rekonstruktionsversuch anhand seines Testaments und der Nachweise aus dem ehemaligen Bestand der Ratsbibliothek in der Stadtbibliothek Lübeck. In: Das Gedächtnis der Hansestadt Lübeck: Festschrift für Antjekathrin Graßmann zum 65. Geburtstag. In Verbindung mit dem Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde und dem Hansischen Geschichtsverein hrsg. von Rolf Hammel-Kiesow und Michael Hundt. Lübeck: Schmidt-Römhild, 2005. ISBN 3-7950-5555-5 S. 127ff
  2. Anm.: Ein entsprechendes Schicksal erlitten ein Drittel der Bestände der Butendach-Bibliothek der Reformierten Gemeinde
  3. Ausleihzahlen: Leistungszahlen 2008
  4. Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland,S. 119
  5. Beispielsweise den Brief Karl Ludwig Roecks an Overbeck, als Volltext im Wikisource-Projekt, siehe s:de:Karl Ludwig Roeck an Friedrich Overbeck, 1810.


53.86849410.6894019444447Koordinaten: 53° 52′ 7″ N, 10° 41′ 22″ O


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